Nach 8 Monaten auf Reisen

15.März 2019: Acht ist unsere Lieblingszahl. Ich wurde am 8.8 geboren, unser Haus wurde 1808 gebaut, Timm und ich haben im August geheiratet, uns 1988 kennengelernt. Und jetzt nach 8 Monaten auf Reisen, schlagen wir ein neues Kapitel auf: Wir lassen das organisierte Nordamerika hinter uns, vor uns liegen Mexiko und Mittelamerika. Wir sind aufgeregt, kribbelig, freuen uns auf die Herausforderung. Auch wenn uns nahezu jeder Amerikaner vor dem bösen gefährlichen Nachbarn Mexiko warnt.

Vier Monate haben wir in den Staaten verbracht, haben eine unserer Traumstädte, San Francisco, erleben dürfen, einen Einblick bekommen, wie sich ein Leben hier anfühlen würde. Wir sind durch grandiose Landschaften gereist, haben amerikanische Gastfreundschaft erlebt, inspirierende Menschen getroffen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dieses Bild tragen die USA stolz hinaus in die Welt. Und unbegrenzt sind die Möglichkeiten tatsächlich. Die Staaten sind extrem vielseitig, sowohl was die Landschaften, als auch seine Bewohner angeht. Menschen kommen in den verschiedensten Formen und Farben, und jeder hat seine Berechtigung und seinen Platz. Nach vier Jahren Kleinstadtleben war es für die Kinder die reinste Befreiung zu sehen, dass die Begrenzungen, die ein solches Leben mit sich bringt, nicht überall gelten. Die Jungen freuen sich vor allem darüber, dass in Amerika jeder genau das Auto fährt, was er möchte. Dass kein Motor zu laut, kein Reifen zu dick, keine Karre zu prollig ist. Dass jeder fahren kann, was er will und sich niemand daran stört. Paula war vor allem fasziniert von der Kreativität, der Verrücktheit, dem Ideenreichtum der US-Amerikaner. Geht nicht gibt‘s nicht! Städte wie Las Vegas, Gebäude wie die Walt Disney Concert Hall, Eissorten wie Cockiedoughmacadamiacaramelandseasaltcrunch, Disneyland, die kunstvollen Murals in jeder größeren Stadt, all das hat sie tief beindruckt und inspiriert. Lotta war extrem geflasht von der Tatsache, dass es in Amerika, anders als in Deutschland, keinen Mainstram gibt. Auch nicht unter Teenagern. Während zu Hause das, was als akzeptabel und cool gilt, sehr eng umrissen ist, darf hier jeder sein, wie er will, was er will. Dieser Eindruck wird sich sicher nicht im gesamten Land bewahrheiten. Unser Weg hat uns durch die liberalsten Staaten der USA geführt, im mittleren Westen wird das Bild ein ganz anderes sein.

Vor ein paar Tagen habe ich beim Aufräumen einem Gespräch zwischen Timm und den Kindern zugehört. Paula wollte wissen, warum Ameisen nicht weite Strecken zurücklegen können, warum sie nicht reisen. „Weil jeder nur so weit blicken kann, wie es der Horizont erlaubt“, war Timms Antwort. „Und alles, was jenseits von diesem Horizont liegt, hat man nicht das Bedürfnis zu sehen“.

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Anders als Kanada haben die USA nicht unser Herz gerockt. Leben könnten wir uns hier nicht vorstellen. Unseren Horizont allerdings haben die vier letzten Monate extrem erweitert. In alle Richtungen.

Unsere persönlichen Begegnungen waren alle extrem positiv: Dan und Rachel, die uns zu Thanksgiving eingeladen haben, andere Camper, die wir auf den verschiedensten Campingplätzen der Staaten getroffen haben, Dans Polizistenkollegen im ganzen Land, die extrem freundlich und hilfsbereit waren, völlig Fremde, die an unsere Tür geklopft haben und uns Essen, Unterkunft oder ihre Hilfe angeboten haben, unsere Air BnB oder Turo Hosts, die Himmel und Erde in Bewegung gesetzt haben, damit wir uns wohl fühlen, die Lehrer im Innerstellar Yogastudio, deren positive Präsenz mich von jeglichen Problemen abgelenkt hat, Kelly, Ernesto und ihre Kollegen, die Roger neues Leben eingehaucht haben, the „Angelman“ Robert, die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Interesse und Offenheit sind uns hier überall begegnet. Und doch ist es uns nicht möglich, die USA bedingungslos zu lieben.

Mit vielem können wir uns nur schwer abfinden. Wir haben den Eindruck, dass die Staaten ein zutiefst gespaltenes Land mit einer extrem geteilten Gesellschaft sind. Unzählige Male und in unzähligen Gesprächen haben wir die Bezeichnung „they“ gehört. Die „Anderen“, mal sind es die Reichen, mal die Schwarzen, mal die Homeless, mal die Heteros, mal „Trumpsupporter“ immer „DIE, und nicht wir“. Menschen in den USA, so empfinden wir, teilen extrem in Gruppen ein. Wir haben den Eindruck, dass viele nicht nach links und rechts schauen, sich in ihrer eigenen Subkultur eingerichtet haben, außerhalb derer man wenig wahrnimmt. Die Zugehörigkeit zu diesen Subkulturen wird plakativ zur Schau getragen, für jede Lebenseinstellung gibt es vorgedruckte T-Shirts, jede Kleinigkeit bekommt einen „Lifestylestempel“. Selbst die toleranten Hippies in den Pools der warmen Quellen klopfen Sprüche wie „Ich hoffe, DIE kommen, dieses Wochenende nicht wieder in Scharen“.

Freiheit wird in diesem Land großgeschrieben, vor allem die eigene. Besonders in Californien ist uns aufgefallen, dass die Menschen gegenüber ihren Mitmenschen blind sind. Es ist sicherlich ein Großstadtphänomen, dass man sich nicht um jeden Bettler am Straßenrand kümmert, aber das Ausmaß der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der anderen hat uns tief erschüttert. Dass in einem Land, das weltweit die größte Billionärsdichte aufweist, so viele am Rande der Gesellschaft landen, ist für uns unbegreiflich. Es braucht nicht viel, um dort zu landen. Das amerikanische Sozialsystem ist so gut wie nicht existent. Ein Government Shutdown von ein paar Wochen, ein ausbleibendes Gehalt ist für viele eine Bedrohung. Krank werden können sich viele nicht leisten, weil es keine Krankenversicherung gibt, teure Schul- oder Unigebühren verschulden Familien. Schnell steht man am Rand. Und die anderen schauen zu. Uns ist klar, dass das in den meisten Ländern der Welt nicht anders ist, aber einer Nation, die von sich behauptet, die Großartigste der Welt zu sein, nehmen wir das übel.

Uns kommt es vor, als würde vieles als Freiheit deklariert, was eigentlich nur der Unfähigkeit geschuldet ist, etwas dagegen zu tun. Wie kann es sein, dass noch immer in fast jedem Staat der USA Waffen frei verkäuflich sind? Wie kann auch nur irgendjemand sein persönliches Recht, jederzeit eine Waffe bei sich zu tragen als wertvoller ansehen, als die Leben unzähliger Schüler? Wir haben so viele zugedröhnte Freaks nahezu in jeder amerikanischen Großstadt gesehen, wurden von ihnen bespuckt oder beschimpft. Der Gedanke, dass jeder Junkie theoretisch eine Waffe haben könnte und statt zu spucken, auch schießen könnte, macht mir eine Heidenangst. Jeder Staat hat seine eigenen Gesetze und so ist es unmöglich, ein so großes Land mit einer so kulturellen Vielfalt einheitlich zu regieren. Wir denken, dass man die USA nicht als ein „Land“ beurteilen kann, sondern eher als einen Staatenbund wie Europa, in dem jeder Staat seine eigene Identität besitzt. Unter diesem Gesichtspunkt macht der übertriebene amerikanische Patriotismus Sinn: Irgendwie muss man ja ein Einheitsgefühl schaffen.

   Auch macht der Regierungsstil des amtierenden Präsidenten Sinn: Es ist viel einfacher, den Nachbarn oder eine Bevölkerungsgruppe zu dämonisieren, statt eine starke Gesellschaft zu schaffen, die Verantwortung übernimmt. Ich frage mich seit 2 Jahren, wie Trump passieren konnte. Das habe ich nun verstanden. Ich empfinde vieles in den USA als heuchlerisch und widersprüchlich. Während Waffen frei verkäuflich sind, wird Radiowerbung geschaltet, in der man erklärt, wie der Zigarettenrauch des Nachbarn durch die Risse im Wandputz oder durch Rohre in die eigene Wohnung gelangen kann und dort zur tödlichen Gefahr für die Familie wird. Rauchen wird verboten, Cannabis erlaubt, man kann es sich sogar wie Pizza nach Hause bestellen. „Genmutiert“ heißt hier „genetically enginered“. Jugendliche sind erst ab 21 volljährig, dürfen aber gern vorher als „little darlings“ nackt vor alten Säcken tanzen. Ohne Bikinioberteil am Strand ist verboten, aber im Radio läuft am Nachmittag Werbung für die Praxis eines Schönheitschirurgen, die besagt, dass sich niemand mit einem hässlichen Hinterteil abfinden müsse, und man doch noch heute sein Angebot für Arschimplantate einholen solle. Die Zusatzliste der normalen Walmart Nahrungsmittel jagen mir Schauer über den Rücken, selbst Milch ist mit Vitamin D angereichert. Unsere Zähne tun inzwischen weh und bekommen einen bläulichen Schimmer, von all dem Peroxyd und Schleifpartikeln in der Zahncreme. Seit geraumer Zeit benutzen wir jetzt Einhornglitterzahncreme mit Kaugummigeschmack für 3-6 jährige.

Ich habe Deutschland nach meiner Rückkehr aus Südafrika oft als eng, spießig, freudlos und intolerant empfunden, bin aber im Angesicht der Alternativen, die das Gegenmodell USA liefert, gar nicht mehr so sicher, ob es falsch ist, eine breite Mainstreamgesellschaft zu haben. Dass wir keine Fahnen schwenken müssen, um uns als Deutsche zu fühlen, finde ich auch gar nicht mehr schade. Unsere Gesellschaft ist stark genug das nicht zu benötigen. Selbst die Kinder sind ernüchtert und dankbar dafür, mit einem deutschen Pass geboren worden zu sein.

Mexiko Nach 1,2,3..Monaten USA

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Liebe Michaela, du schreibst so toll! Vielen Dank für jeden einzelnen Beitrag in diesem Blog – ich liebe ihn! Denke oft an euch und schicke liebe Grüsse, Alex

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