Nach 17 Monaten auf Reisen

Dezember 2019: Der Dezember ist das Grande Finale des Jahres, das Feuerwerk, in dem das Jahr noch einmal alles auffährt, ein letztes rauschendes Fest, ein Glitzern, Glimmern, Schwelgen. Man trifft Familie und Freunde, man schlemmt, man prasst, kauft Geschenke für die, die man Ewigkeiten nicht gesehen hat, versucht, alle Konflikte auszublenden für ein paar friedliche Festtage . Man macht es sich schön. Dann ein riesen bunter Knall und es ist Stille. Leere, eine frische Jahreszahl, ein Neuanfang ohne Altlast. Alles scheint möglich im ersten Monat eines neuen Jahres. Es fühlt sich an, wie in ein blütenweißes, frisch bezogenes Bett zu krabbeln- ein Bett in dem noch nicht der Schweiß der letzten Träume müffelt.

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Aber zunächst das Grande Finale, das letzte Aufbäumen eines endenden Jahres. Auf Reisen ist es für uns um vieles anspruchsvoller den Dezember zu bewältigen. Die Kunst bestehet darin, lokale Begebenheiten und Möglichkeiten einzubauen, ohne die Stimmung zu verfälschen. Nikolaus, Adventskalender, die Geburtstage von Carl und Max, Adventszeit, Weihnachten und Sylvester. All diese Ereignisse sind emotional ziemlich aufgeladen und so flexibel die Kinder im Alltag sind, so wenig sind sie bereit, bei diesen Jahresmeilensteinen Kompromisse einzugehen. Alles soll an diesen Tagen genauso sein wie immer, wie Zuhause. Das ganze Jahr freuen sie sich auf diese Highlights, entsprechend groß ist der Druck, sie nicht zu enttäuschen.

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Welch ein Geschenk, dass wir bereits einige Monate in Costa Rica verbracht haben, dass wir uns inzwischen auskennen, die Kinder Freunde haben und wir genug Zeit haben, die Wunschlisten abzuarbeiten. Wobei Wünsche in unserem Fall, besonders bei den Kindern, viel weniger materieller Art sind als noch vor 2 Jahren. Die letzten fast 1,5 Jahre haben uns gelehrt, dass vieles, was uns scheinbar materiell definiert, eine Last ist. Dass es uns manchmal wie ein Bleigewicht unter die Oberfläche zieht, in eine Umgebung in der es dumpf und schummrig wird, in der man weder richtig sehen noch hören kann, in der man unermüdlich mit den Armen rudert, um nicht unterzugehen. Hier hat man keinen Blick für das, was sein könnte, weil man zu sehr beschäftigt ist, mit dem was ist.

Die Weihnachts- und Geburtstagswunschliste der Kinder werden immer kürzer. Nicht nur unser Platzmangel ist der Grund dafür. Wir sind zufrieden und erfüllt, fühlen keinen Mangel, den wir durch Materielles befriedigen müssten. Carl und Max wünschen sich neue Stifte, einen neuen Mp3Player und Lego, Lotta wünscht sich Künstlerbedarf, Paula eine Muschelkette und eine weiße Bluse. Und eine Überraschung steht bei jedem Kind ganz oben auf der Liste. Geben, das ist für alle Kinder fast wichtiger, als selbst zu bekommen. In Atenas gibt es eine Organisation, die Sponsoren für Weihnachtsgeschenke für sozial benachteiligte Kinder sucht und dann die gespendeten Geschenke vermittelt. Jedes unsere Kinder zieht vom AngelTree die Karte eines costaricanischen Kindes, auf der deren Alter, Kleider-und Schuhgrößen sowie größte Wünsche verzeichnet sind. Zu sehen, mit welchem Perfektionismus und Herzblut sie die Geschenke für die unbekannten Kinder aussuchen, wie liebevoll sie diese verzieren und welche Freude es ihnen bereitet, ist rührend.

Viel wichtiger als Geschenke, sind die kleinen Dinge, die den Geburtstag zum Ehrentag und die Weihnachtszeit feierlich machen. Es sind die Traditionen, das Brauchtum, es geht um Zeremonien, um Dinge, die wir jedes Jahr zu Weihnachten tun und die wichtig sind für die Kinder. Sie möchten zu jedem Geburtstag die bunte Geburtstags-Wimpelkette die wir seit ihrer Geburt aufhängen, wenn ein Familienmitglied Geburtstag hat. Sie möchten morgens aufgeregt im Bett liegen, warten, bis der Rest der Familie singend an ihrem Bett steht und sie zum Geburtstagstisch führt. Den müssen außer Geschenken auf jeden Fall ein Geburtstagskuchen mit brennenden Kerzen und bunte Luftballons schmücken. Bevor ausgepackt wird, werden die Kerzen ausgeblasen, am besten in einem Zug und ohne den Kuchen zu bespucken. Am liebsten hätten sie auch hier die Adventskalender, die ich ihnen genäht habe, als sie noch ein Baby waren. Sie möchten am Abend vor Nikolaus Schuhe putzen, sie wünschen sich einen echten duftenden Weihnachtsbaum, das selbe Weihnachtsessen wie Zuhause und rotweißen Baumschmuck und um Gottes Willen keine bunten Blinkelichter am Baum, wie sie hier in Costa Rica üblich sind.

Eine Geburtstagsfeier mit Freunden, einen Tag Hauptperson sein, Kuchen mit in die Schule zu bringen und etwas Besonderes zu unternehmen sind für beide Jungs viel wichtiger als außergewöhnliche Geschenke. Und glücklicherweise können wir Ihnen diese Wünsche erfüllen. Ein halbes Jahr in der lokalen Schule bescheren ihnen Freunde, mit denen sie feiern können. Carl fährt an seinem Geburtstag mit einigen Freunden in den Trampolinpark, Max feiert zu Hause eine Fußballparty. Während Carl sich wünscht, zweimal zu feiern, einmal mit Familie und einmal mit Freunden, möchte Max mit allen am selben Tag feiern, mit richtig Bass und Ramba Zamba.

An Carls Familiengeburtstag überraschen wir ihn mit einem Ausritt, Max bekommt eine Piñata und Lotta und Paula bereiten eine Schnitzeljagd für seine Gäste vor. Beide Jungen sind glücklich, strahlen mit der Sonne um die Wette.

Einkaufsmöglichkeiten und Heimatbesuch ermöglichen sinnvolle (und platzsparende) Weihnachtsgeschenke. Wie auch letztes Jahr in San Francisco, kommt uns Oma Karin zu Weihnachten mit Paulas Patenonkel Hendrik besuchen. Es ist das allerwichtigste Weihnachtsereignis von allen. Schon Wochen vorher fiebern wir alle diesem Besuch entgegen, freuen uns, mit ihnen „unser Atenas“ zu teilen, ihnen Einblicke in das Leben hier zu geben. Viele Reisende bekommen zu Weihnachten Heimweh, fliegen vielleicht nach Hause oder brechen ihre Reise ab. Und auch mich überkommt zu Weihnachten ein  wenig Heimweh, nur ein wenig allerdings. Besonders an solchen Daten merkt man, dass man doch Fremder ist, dass man dort, wo man gerade ist, keine Tradition hat. Ein Geburtstag ohne Freunde ist nur ein halber Geburtstag, Weihnachten ohne Familie ist nur ein halbes Weihnachten. Umso glücklicher sind wir, auf beides nicht verzichten zu müssen. Und trotzdem werden wir zu Weihnachten ein kleines Bisschen wehmütig. Weihnachten in der Sonne ist anders. Ich mag Weihnachten bei Kerzenschein und Gemütlichkeit, ich mag die Düfte und Weihnachtsmärkte. All das gibt es hier nicht. Besinnlichkeit, für mich die Hauptzutat von Weihnachten existiert hier nicht. Hier ist Weihnachten eine bunt blinkende Sause und darum bleibt das Weihnachtsgefühl ein wenig aus- zumindest bis wir am 24.12 als Familie unter unserer inzwischen etwas trockenen Pinie sitzen, die den Wünschen der Kinder folgend rot-weiß geschmückt ist, deren Lichterkette weder bunt noch blinkend ist. Wie jedes Jahr essen wir Hochzeitssuppe, dann Braten mit Soße. Rotkohl habe ich auf dem Wochenmarkt gefunden, mit Zimt und Nelken weihnachtlich gewürzt, statt Kartoffelklößen gibt es Gnocchi, statt roter Grütze Apple Crumble. Wir zünden Teelichter an, ignorieren, dass die Wärme nicht dem Kaminfeuer, sondern der Tropennacht entspringt. Ein bisschen albern komme ich mir vor, denn auf der einen Seite wollen wir allen Traditionen entfliehen, an Weihnachten  aber soll doch wieder alles so sein wie jedes Jahr. Das einzig Andere in diesem Jahr ist, dass wir am Nachmittag des 24. nicht feierlich um den gedeckten Kaffeetisch sitzen, sondern wie Hooligans auf die von Carl gebastelte Weihnachtspiñata eindreschen. Wir brauchen mehr als 96 Schläge, weil Carl das Pappgerüst mit Panzertape stabilisiert hat. Zum Glück, denn manchmal ist sehr heilsam, sich in lokalen Gepflogenheiten zu verlieren, je länger, desto besser, denn dann kann der Staub der eigenen Tradition sich ein wenig lüften.

Nach 16 Monaten auf Reisen

15. November 2019: Zeit ist relativ- tausendmal gehört, ein paarmal selbst gesagt, aber nie wirklich verstanden. Erst jetzt, in unserem fünften Monat in Costa Rica wird mir klar, welche Erkenntnis Einstein in der Relativitätstheorie ausdrückt: Zeit, so die stark vereinfachte Aussage, vergeht langsamer, je schneller man sich bewegt, ist also abhängig vom Bewegungszustand relativ zu einem ruhenden Beobachter. Für uns, die sich beim Aufbruch in Deutschland vor allem gewünscht haben, der Zeit ihr Tempo zu nehmen, ist das Verstehen dieser Theorie ein Meilenstein!

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Warum, haben wir uns so oft gefragt, vergeht Zeit im Alltag so viel schneller, obwohl man so viel weniger erlebt, und sich doch dehnen müsste wie ein Kaugummi? Für uns als Erlebnisjunkies ist das Verständnis von Einsteins Erkenntnis der Schlüssel für unsere Zukunft. Besagt sie doch auf unsere Situation übertragen, dass je mehr wir reisen, je mehr wir erleben, die Zeit immer langsamer vergeht.

So muss es sich für einen ewig mit dem Gewicht hadernden Menschen anfühlen, wenn er erfährt, dass der Schlüssel zum Idealgewicht ist, beim Essen nur ordentlich zuzugreifen, vor allem beim Nachtisch! Wir haben ihn also tatsächlich gefunden, den Knopf, der die Zeit anhält: Immer in Bewegung bleiben, so viel Erleben wie möglich in die zur Verfügung stehende Zeit bringen, und schwupps, hat man das Gefühl von Ewigkeit.

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Obwohl Costa Rica für uns neu und aufregend ist, zieht mit dem Stillstand, dem Aussetzen unserer Reise auch der Zeitfresser wieder bei uns ein. Dadurch, dass wir jeden Tag am selben Ort aufwachen, der grobe Verlauf der Woche schon am Montagfrüh klar ist, uns die Schule den Rahmen vorgibt, zieht auch der Alltag bei uns ein. Tage verschwimmen zu Wochen, Wochen zu Monaten und wir fragen uns, wo bloß die Zeit geblieben ist. Gefressen von Bewegungslosigkeit, das wissen wir nun. In Vancouver, San Francisco und Berkeley haben wir je nur einen Monat verbracht, und doch hat diese Zeit tiefe Spuren in uns hinterlassen. Dass unsere Reise von Deutschland bis San Francisco oder von San Francisco bis Costa Rica dieselbe Zeitspanne ist, wie unsere Zeit hier, ist nahezu unbegreiflich. Der Alltag, Schule, Sprachschule, Physiotherapie, Arbeit haben sich unsere Zeit zurückerobert und sie schwammig werden lassen. Sie ist nicht mehr so verdichtet wie die Reisezeit.

Und doch können wir die Bewegungslosigkeit genießen. Denn, und das ist eine weitere Erkenntnis, wir brauchten genau diese Pause, brauchten Zeit, uns zu besinnen, zu erholen von all den Eindrücken, Muße, die Erkenntnisse sacken zu lassen. So, wie auch Muskeln an Ruhetagen wachsen, ist diese Pause in Costa Rica für uns die Möglichkeit, alles Gelernte, alles Erlebte in uns arbeiten zu lassen und es zu verinnerlichen. Bewegung findet hier in Costa Rica auf einer anderen Ebene statt, von außen unsichtbar, bedeutet, dass auch Alltag ein Luxus sein kann. Viele Fragen, die wir uns in den letzten Monaten gestellt haben, scheinen sich gerade wie von selbst zu beantworten: Wie wollen wir leben? Wie nicht? Was wird in der Zukunft wichtig für uns sein? Wovon wollen wir uns trennen? Wir empfinden eine Freiheit wie schon lange nicht mehr. Alle Blockaden und alles was uns bisher beschwert, beginnt sich aufzulösen. Neue Ideen, Pläne tun sich auf und wir sind voller Vorfreude auf das, was die Zukunft bringt. Deutschland, das zeichnet sich schon jetzt ab, wird noch eine Weile warten müssen.

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Als wir aus Afrika zurückkamen, habe ich gedacht, dass man das Gefühl von Abenteuer auch an einem Ort kultivieren kann, an dem man alles kennt. Ich habe versucht, Dinge anders zu machen, als ich sie normalerweise tun würde, bin vorsätzlich neue Strecken gefahren, habe mir Listen geschrieben, auf denen stand, dass ich jede Woche ein Buch lesen, jeden Monat etwas Neues lernen, täglich etwas anders machen will, als ich es gewöhnt bin. Das Lernen und Neues erleben wollte ich in meinem Leben erhalten und unser Landlebenprojekt hat mir eine Million Möglichkeiten geliefert, dies zu tun. Ein beklopptes Pony erziehen (ist gescheitert), einen Garten anlegen, seine Erzeugnisse verwerten und konservieren, Küken ausbrüten, Lämmchen aufpäppeln, Schweine großziehen, Vorhänge nähen und alten Möbeln wieder neues Leben einhauchen, die Möglichkeiten waren endlos. Und doch bin ich irgendwann unruhig geworden. Weil, wie ich jetzt verstanden habe, die Bewegung im Außen fehlte. Dauerbewegung aber funktioniert auch nicht. Wir brauchen beides, „sowohl/als auch“ und nicht, wie ich so lange dachte, „entweder/oder“. Unser Leben, das haben wir festgestellt, soll auch in Zukunft in Phasen verlaufen, in der sich sesshaft sein und Reisen abwechseln.

Reisen allerdings, das ist ein Gedanke, der uns erst in den letzten Monaten im Zuge der Klimadebatte kam, wird vielleicht in 20 Jahren gar nicht mehr in der Form möglich sein, wie wir es jetzt tun. Die Kinder sagen häufig, dass sie, wenn sie selbst irgendwann  Kinder haben, ihnen auch die Welt zeigen wollen. Wird das möglich sein? Oder werden Klimaveränderung und daraus entstehende wirtschaftliche Not es nicht mehr erlauben? Werden es Unruhen, Wasserknappheiten, Naturkatastrophen unsere Art die Welt zu erleben zu gefährlich machen? Wird die Welt der Zukunft eine sein, die nicht mehr sehenswert ist? Hier in Costa Rica treffen wir Ellen und Harald, der sich beruflich mit dem Klimawandel und Umweltthemen befasst und deren Motivation zu Reisen u.a. die ist, einen Ort zum Leben für Ihre Kinder zu finden, wenn die Klimakatastrophe uns volle Breitseite trifft. Wir wissen, dass sie kommen wird, wir sehen ihre Auswirkungen auf dieser Reise bereits in fast allen bereisten Ländern. Der Luxus, sie in Norddeutschland noch ausblenden zu können, wird nicht mehr lange anhalten und manchmal überfällt mich die schiere Panik bei dem Gedanken daran. Ich ärgere mich über AntiGreta Facebook Posts, Posts die es ihren Sendern ermöglichen, weiterhin ignorant in ihrer Blase zu verweilen und gehe immer öfter offline. Ich ertrage sie nicht mehr die Nachrichten über die Armut unserer Rentner, über die ungerechte Behandlung unserer Bauern, über ungerechte Besteuerungen, darüber, wie unfähig unsere Politiker sind. Sicher, es gibt viel zu verbessern, besser geht immer. Ich würde mir aber wünschen, dass die ewig unzufriedenen Deutschen einmal kurz durchatmen, einmal kurz den Fokus auf das lenken könnten, was alles gut ist. Unser Sozialsystem ist eines der besten der Welt. Wenn wir auf Reisen von unserem Gesundheits- und Schulsystem, von unserem Rentensystem, von Kindergeld, Harz 4 und Wohngeld berichten, davon, dass in Deutschland jedem theoretisch eine Wohnung, eine Ausbildung und ein Job zusteht, dass niemand auf der Straße leben muss, wenn er es nicht wählt, dann bekomme ich zu hören: Ihr müsst die glücklichsten Menschen der Welt sein. Und doch ist Deutschland auf der Liste der glücklichsten Nationen im World Happiness Report 2019 auf Platz 17 von 156 Nationen, Costa Rica ist auf Platz 12, Canada auf Platz 9. Selbst Mexiko mit seinen grausamen Narcokriegen belegt den 23. Platz, El Salvador den 35. Deutschland aber, fällt von Jahr zu Jahr weiter zurück. Die „Kriterien“ für die Messung von Glück in dieser Studie sind unter anderem das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Lebenserwartung und Korruption (Regierung und Wirtschaft), Dinge bei denen in Deutschland alles im grünen Bereich ist. Warum also fühlen sich die Deutschen immer unglücklicher? Hier in Costa Rica leben die Menschen einfach, sehr einfach. Sie können von dem, was wir Deutschen materiell anhäufen nur träumen. Und trotzdem sind sie froh. Ein Glück, das wir spüren, das uns direkt ins Herz springt. Familie, Glauben, Gemeinschaft und Dankbarkeit sind in Costa Rica feste Bestandteile der nationalen Seele. Wenn man hier jemanden fragt, wie es ihm geht, dann sagt er „Gut, Gott sei Dank!“ Auf keinen Fall möchte ich sagen, dass Religion der Schlüssel zum Glück ist. Was aber zu hundert Prozent das eigene Glücksempfinden in die Höhe kataputiert, ist die Fähigkeit dankbar zu sein. Vertrauen zu können, eine Gemeinschaft zu haben, von der man sich getragen fühlt, in die man sich einbringen kann. Vielleicht haben wir in Deutschland verlernt, Glück zu fühlen, weil wir nie zufrieden sind. Weil es immer mehr sein muss, immer besser sein könnte. Weil jeder seinen eigenen Film fährt, weil anscheinend viele von der Panik ergriffen sind, dass zu teilen uns ärmer macht. Wo doch das Gegenteil der Fall ist.

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Unsere Zeit in Costa Rica geht in die Endrunde, das Jahr neigt sich ebenfalls dem Ende zu. Wir sind erfüllt von Dankbarkeit für die Chance, hier so viel Zeit verbringen zu dürfen, die Batterien wieder aufladen zu können, neue Ideen für unsere Zukunft bekommen zu haben. Das Schönste ist, das auch die Kinder die Dankbarkeitsmentalität angenommen haben. Dass Lotta, trotz der manchmal nicht einfachen Zeit in der Schule sagt, dass sie dankbar für die Challenge ist, für die Möglichkeit zu wachsen und etwas über sich zu lernen.

Nach 15 Monaten auf Reisen

15.Oktober 2019: „Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.“ Was der sehr schlaue Herr Darwin schon vor langem wusste, erleben wir hier am eigenen Leib. Es ist unser dritter reisefreier Monat, der dritte Monat Leben in Costa Rica, der dritte Monat Alltag. Jetzt sind die Kinder nicht mehr die Neuen in der Schule. Sie kennen sich inzwischen aus, haben Freundschaften geschlossen, die eine oder andere Enttäuschung eingesteckt.

Sich in eine völlig andere Gesellschaft einzufügen, die nach komplett unbekannten Regeln funktioniert, hier seinen Platz zu finden, ist besonders für Teenager enorm beängstigend und gleichzeitig stärkend. Immer wieder gibt es Gruselmomente, aber alles in allem hat das Selbstbewusstsein der Kinder Auftrieb bekommen: Lotta hält einen Vortrag über unsere Reise, ist hier die Mutige, die Kreative. Paula hat mit einer Zeichnung den Talentwettbewerb der Schule gewonnen, kann den Preis entgegennehmen, ohne das Bedürfnis zu haben, im Erdboden zu versinken. Carl fährt mit der Fußballmannschaft auf Auswärtsspiele, mit einem Trainer, der nur Spanisch spricht, Max begleitet einen neuen Freund zur Familienfeier, zuckt nicht einmal mit der Wimper, als er erfährt, dass sein Steak mal ein Pferd war(was sich im Nachhinein als Scherz herausstellt).  Alle Kinder meistern die Sprachbarriere erstaunlich. Statt Angst zu haben, sehen sie all die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man an einem neuen Ort mit einer unbekannten Sprache lebt, als Herausforderung. Sie können erkennen, dass jedes neue Umfeld ihnen die Chance gibt, eine andere Seite von sich kennenzulernen. Um ein umfassendes Bild von sich selbst zu bekommen, ist das wichtig. In einem neuen Umfeld hat man die Chance, das Bild das andere sich von einem machen, mitzubestimmen. Das ist Freiheit.

Zuhause steckt man oft in Bildern fest, die sich andere gemacht haben, wird immer wieder auf diese zurückgeworfen, manchmal klebt ein solcher Stempel ewig. Aber es sind nicht nur negative Stempel, auch die Guten können eine erdrückende Last sein, wenn zum Beispiel ein bis dahin immer zuverlässiger Einserschüler plötzlich nachlässt und dem Druck unterliegt, zu alten Höchstleitungen auflaufen zu müssen. Die Kinder entwickeln sich, sind in einem permanenten Umbruch und da ist ein Umfeld, gegen dessen Stempel man ankämpfen muss, anstrengend. Viele Menschen brauchen viel Lebenserfahrung, um herauszufinden, wer sie sind, die Kinder haben schon jetzt die Chance dazu, nutzen sie mit ganzem Herzen.

Aber ein Leben mit Alltag bringt auch die alltäglichen Streitereien und Diskussionen zurück an den Frühstückstisch. Häufig drehen diese sich um Handy und Medienkonsum, selten, weil es an der Schule eine Schuluniform gibt, um Kleidung. Wir haben festgestellt, dass jegliche Medien Kreativität absaugen wie ein Staubsauger, sind nach wie vor streng mit Handy und Computerzeiten. Wir haben festgestellt, dass die Kids bei beschränktem Zugang zu Computer und Handy nur so vor Schaffensdrang explodieren. Timm und ich versuchen, gutes Beispiel zu sein und sind doch deutlich mehr online, als wir wollen. Wir nutzen die Zeit all das aufzuarbeiten, was während der letzten Monate liegengeblieben ist.

Mit dem vermehrten Kontakt nach Deutschland rutscht die Heimat wieder sehr in unseren Fokus und der gleichzeitige Abstand zu ihr wirft Fragen auf. Wir sind gewohnt, schnell Lösungen und Antworten zu finden, nicht gut darin, geduldig zu warten. Manchmal aber, und das haben die letzten Monate gezeigt, reicht es, die richtigen Fragen zu stellen, darauf zu vertrauen, dass es im Hinterstübchen kontinuierlich arbeitet und die Lösung dann plötzlich und unerwartet in ihrer vollen Pracht vor einem steht.

Was bedeutet uns unsere Heimat, wo ist eigentlich unser Zuhause? Werden wir nach dieser Reise erneut das Gefühl haben, uns in eine zu kleine Lücke zwängen zu müssen? Wollen wir das überhaupt? Wie wollen wir leben? All diese Fragen arbeiten seit geraumer Zeit in uns, während wir hier unseren Alltag meistern, wieder zu Kräften kommen. Ist „Heimat“ der Ort, an dem man aufgewachsen ist, ist es der, an dem man zuletzt gelebt hat, oder der, an dem man sich am liebsten aufhält? Kann man mehrere haben? Heimat hat keinen Plural. Das Konzept, dass wir im Deutschen von „Heimat“ haben, gibt es im Englischen nicht. Hier wird dieser Begriff, in dem im Deutschen so viel zwischen den Zeilen steht in mehrere Begriffe aufgeteilt: Homeland (Heimatland), Home (Zuhause) und native Country (Herkunftsland). Bei uns heißt „Heimat“ das alles- und noch viel mehr.

Timm musste diesen Monat für zwei Wochen nach Deutschland fliegen, wir haben Familienbesuch bekommen, sind durch verlässliches WLAN wieder mehr im Kontakt mit Zuhause. So kommt das, was wir für eine Zeit hinter uns gelassen haben, wieder sehr nah.

Im Synonymwörterbuch gibt es für „Heimat“ keines, stattdessen lese ich zu „heimatverbunden“ folgendes: Sesshaft, bodenständig, verwurzelt, verankert, verwachsen, ortsfest, ortsgebunden, immobil, stationär, traditionell, eingeboren, indigen, endemisch. Das alles sind wir nicht, wir sind das Gegenteil! Aber auch das Gegenmodell klingt frustrierend: Als Synonym zu „Auswanderer“ steht dort „Heimatloser“ und „Vertriebener“.

Toll! Eine Heimat werde ich, laut Synonymwörterbuch also nie haben. Solange ich denken kann, wünsche ich mir Wurzeln und dann, jedes Mal wenn sie sich sachte im Erdreich verankern, reiße ich sie wieder aus. Woran liegt das? Ist Heimat vielleicht für mich gar kein Ort, sondern ein Gefühl? Kann man heimatlos leben, oder ist man dann für immer getrieben? Schwebt wie ein Löwenzahnsamen, vom Wind getragen, bleibt zufällig liegen, bis die nächste Böe einen weiter pustet? Kommt das Gefühl von Heimat vielleicht erst mit dem Alter? Dann wär‘s doch mal Zeit!

Wir hatten, als wir in Afrika losgefahren sind, den festen Plan, Wurzeln zu schlagen. Unser Hof, das war das Ziel, sollte für Generationen eine Heimat werden. Und nun, mit etwas Abstand stellen wir fest, dass er kaum mehr Heimat ist, als jeder andere Ort, an dem wir bisher gelebt haben. Ich habe es verpasst zu verwachsen, Wurzeln zu schlagen und diese Tatsache macht mir eine Heidenangst. War nicht so gewollt.

Ein Zuhause also, das haben wir. Es ist der Ort, an dem wir zuletzt gelebt haben, der wo unser Haus steht, an den wir eines Tages zurückkehren werden. Ein Heimatland haben wir mit unserem Geburtsort auch. Eine Heimat aber, als den Platz, an dem wir uns verankert fühlen, den trage ich wohl mit mir: Meine Heimat ist dort, wo Timm und die Kinder sind.