Von San Salvador nach Nicaragua

Drei Tage nach der OP und einem tränenreichen Abschied von Dorys, Gilberto und den Mädchen bereiten wir am Abend Roger so vor, dass wir am Morgen um acht Uhr fahrbereit sind.

Da wir kein Navigationssystem mehr haben und unsere Guatemalakarten leer telefoniert sind, brauchen wir zunächst neue SIM Karten. Während wir diese in einem kleinen Kiosk kaufen und einrichten lassen, wird ein Fernsehteam auf Roger aufmerksam. Ob wir bereit wären, uns kurz interviewen und filmen zu lassen, werde ich gefragt. Ein kurzer Blick auf die Uhr und in die spiegelnde Ladenscheibe und die Antwort lautet „Nein“. Wir haben heute einen langen Weg vor uns, wollen es bis Nicaragua schaffen. Das bedeutet, zwei Grenzübergänge, von denen der nach Nicaragua der schwierigste auf der ganzen Reise sein soll. Warteschlangen, Durchsuchungen, schwierige Beamten- jeder Traveller auf der Panamericana hat Horrorgeschichten zu erzählen. Außerdem bin ich nun bereits in Woche 6 meines „NoShampoo“ Experiments. Strähnig und stumpf hängen mir die Haare auf die Schultern, jeden Morgen muss ich mir bei meinem Anblick Mut zusprechen. Die Reporterin ist enttäuscht, guckt mich aus tiefbraunen Puppenaugen an, bittet, es mir doch noch einmal zu überlegen, verspricht, dass wir nur 30 Minuten brauchen werden. Nach kurzer Rücksprache mit Timm und den Kindern willigen wir ein, denken dass es vielleicht unsere Chance ist, den El Salvadorianern für ihre Gastfreundschaft zu danken.

Wir fahren zurück zum Campingplatz. 3 Stunden später müssen wir zum 27. Mal den Auszug reinschieben, weil immer wieder die Kameraeinstellung nicht passt. Timm schmerzt der Rücken, mir das Hirn, weil ich die Interviewfragen nicht verstehe, die Reporterin kein Englisch spricht und wir keinen Empfang für Google Übersetzter haben. Wir haben wirklich keine Lust mehr, wissen aber nicht, wie wir wieder elegant aus der Nummer rauskommen. Als sie vorschlagen, ein paar Einstellungen beim Fahren auf dem Highway zu machen, fahren wir schließlich nicht, wie verabredet, wieder die Ausfahrt herunter hinter ihnen her, sondern fröhlich winkend geradeaus Richtung Grenze. Karma rächt dies: Aus dem Busfenster vor uns fliegt eine volle Babywindel, verpasst die Windschutzscheibe haarscharf, klatscht gegen den Rahmen, verfehlt Lotta um Haaresbreite.

 

An den Straßenrändern stapelt sich der Müll, immer wieder fehlen mitten in der Fahrbahn Gullydeckel und wir müssen tiefen Löchern ausweichen. Der Verkehr ist dicht, die Luft kaum atembar und wir kommen kaum voran. Die Nacht verbringen wir völlig erschöpft im Innenhof eines Hotels an der Grenze zu Honduras. Der Junge des Hauses möchte Lotta beeindrucken und als seine Avancen nicht beachtet werden, beginnt er Hühner kopfüber an den Füssen vor ihren Augen herumzuschleudern. Lotta ist wütend und genervt, Paula nicht minder. Das kleine Mädchen der Besitzerin hat sich in Paula verguckt, steht noch vor unserem Fenster und ruft ihren Namen als wir schon längst das Licht ausgemacht haben.

Sorgenvoll hatten wir in den letzten Wochen die politisch angespannte Lage in Honduras beobachtet. Seit Mai kommt es immer wieder zu landesweiten Demonstrationen und Straßenblockaden, seit es beim neuerlichen Amtsantritt des Präsidenten im Januar 2019 zu Unregelmäßigkeiten kam und man Wahlbetrug vermutet. Immer wieder kam es in den letzten Monaten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Plünderungen, nach Gegenmaßnahmen der Polizei wurden Menschen verletzt und getötet. Obwohl das Land eines der Juwele Zentralamerikas sein soll, beschließen wir, so schnell wie möglich nach Costa Rica zu fahren. Zwei Stunden würden wir brauchen, um Honduras zu durchfahren, wenn alles gut geht. Geht es natürlich nicht!

Schon 15 Kilometer bevor wir die Grenze zu Honduras erreichen, stehen am Straßenrand Schlangen von LKWs. Sollen wir uns hinten anstellen oder auf der Gegenfahrbahn überholen? Stellen wir uns an, werden wir in Tagen noch hier stehen, fahren wir auf der Gegenfahrbahn an den LKWs vorbei, können wir dem Gegenverkehr nicht ausweichen, weil es keinen Standstreifen gibt. Wir entscheiden uns, das Risiko auf uns zu nehmen, zumal zwischen all den LKW nicht ein einziger PKW steht, zu denen wir und heute ausnahmsweise zählen.

Überall, wirklich überall wird man davor gewarnt, sich nicht an den Grenzen von sogenannten Fixern helfen zu lassen. Sobald wir parken, sind wir umringt von Männern mit offiziell aussehenden Ausweisen, in Tshirts die den Anschein einer Uniform erwecken sollen. Wir steigen aus, ignorieren alle Hilfsangebote, suchen das Zollgebäude. Mit Kopien unserer Importgenehmigung sollen wir uns hier einfinden, unsere Pässe sowie die Genehmigung abstempeln lassen, eine kurze Inspektion des Trucks und weiter solls gehen.

So einfach sei das nicht, flüstert ein vertrauensvoll aussehender Herr, der sich als Renee vorstellt. Über dem Kragen seines blauen Hemdes baumelt ein Kreuz. Wenn wir Pech haben, so sagt er werden wir als LKW eingestuft, müssten uns ganz hinten anstellen und Tage an der Grenze verbringen. Ein Blick auf Timms gequältes Gesicht und ich schieße alle Warnungen in den Wind. Eine Stunde fahren wir zwischen einzelnen Gebäuden hin und her, machen unzählige Kopien, bekommen Stempel, machen neue Kopien. Zwischendurch bin ich froh, das Renee mir den Weg und alle Abkürzungen zeigt- jedenfalls bis zu dem Moment an dem er mich mit drei Freunden umstellt und 40$US für seine Dienste fordert. Erst Timm kann ihn auf 30$US herunterhandeln.

In Honduras renne ich dann eine weitere Stunde von Zollgebäude, zu Copyshops, zur Bank, wieder zurück zum Zoll und endlich nach 3 Stunden nervenaufreibenden Grenzprozederes können wir weiter fahren. Zumindest für 30 Minuten, dann müssen wir erneut anhalten.

Vor uns reihen sich die LKWs bis zum Horizont, es wimmelt von Polizei. Ich steige aus, frage einen Polizisten, was los ist, ob wir mit längeren Wartezeiten rechnen müssten. Ein Problem mit einem LKW, ein paar Stunden müssen wir einplanen, ist seine Antwort. Ein paar Stunden, die wir nicht haben. Timm hat schon wieder Rückenschmerzen, nutzt die Zeit, die wir stehen, um sich hinzulegen. Ich frage die Trucker, was das Problem ist. Straßenblockaden. Ob wir mit einer baldigen Weiterfahrt rechnen können, möchte ich wissen und werde herzlich ausgelacht.

Wir ergeben uns dem Schicksal, ich wärme den Kindern ein paar Spaghetti auf. Gerade als alle essen wollen, fährt an uns ein Pick-up mit der Ladefläche voller Männer vorbei, die mit Megaphonen Parolen brüllen, einige sind vermummt. Als sie mit der Polizei sprechen fühle ich mich sicher genug, steige aus, und frage sie, ob sie näheres wissen. Sie erklären mir, dass es sich um einen Streik und eine Straßenblockade handelt, dass die nächsten Tage hier niemand mehr weiterkommt. Ich fange fast an zu Heulen, erkläre ihnen dass wir hier mit vier Kindern, einem kranken Mann feststecken, dass wir nicht genügend Essen und Wasser an Bord haben, um einen tagelangen Streik aushalten zu können. Einer von ihnen hat Mitleid, sagt, er werde mit den Initiatoren sprechen, vielleicht würden sie eine Ausnahme machen. Kurz nachdem sie mit dem Pick-up verschwunden sind, überholt uns links ein Überlandreisebus. Timm denkt nicht lange nach, heftet sich an dessen Stoßstange. Rechts und links stehen in beide Richtungen die LKW im Stau. Unter machen haben die Fahrer Hängematten ausgespannt. Verkäufer haben zwischen den parkenden Trucks Essens und Getränkeverkaufsstände aufgebaut. Wir fahren und fahren, endlos lange, bis irgendwann, nach 30 Kilometern die Straße vor uns plötzlich frei ist.

Überall am Straßenrand sehen wir die die Spuren vergangener Sperren: Stapel pelte, halb verbrannter Autoreifen, Steinwälle, ausgebrannten Autos, Barrikaden aus Holz und Brandspuren auf den Straßen. Ansonsten aber wirkt Honduras auf uns aufgeräumt und weit. Grüne Wiesen, kaum Müll an den Straßenrändern, freundlich grüßende Menschen. Seit Mexiko überqueren wir das erste Flüsschen, das man nicht schon von 200m Entfernung riechen kann. Es ist 38 Grad, die später Nachmittag und wir sind alles andere als taufrisch. Trotzdem brechen wir unsere Regel, Grenzen immer frisch und ausgeruht entgegenzutreten. Wir wollen noch heute nach Nicaragua. Die Gefahr, dass auch an dieser Grenze Straßensperren errichtet werden, ist uns zu groß. Sollten sich die Sperren wider Erwarten auflösen, wird hier bald die Hölle los sein.

Nicaragua soll die schlimmste Grenze in ganz Mittelamerika sein. Drohnen sind hier verboten, viele Reisende haben von ewig dauernden Autoinspektionen erzählt. Lottas Drohne haben wir an einem sicheren Ort versteckt, vorsichtshalber habe ich alle Socialmedia Accounts auf privat gestellt, damit nicht ein Beamter auf die Idee kommen könnte, hier nach Drohnenaufnahmen zu suchen. Timm kommt nur noch mit Mühe aus dem Truck, der Tag war zu lang und anstrengend. Langes Stehen schmerzt, sitzen inzwischen auch. Glücklicherweise hatte ich vor zwei Tagen online Visaformulare ausgefüllt. Das spart uns mindestens eine Stunde, da unser Anträge überraschenderweise  bereits bearbeitet sind. Aufgrund der Straßensperren im Norden Honduras‘ sind die Grenzen deutlich leerer als sonst. Die Beamten scheinen alle entspannt und feundlich, auch wenn es ein ziemliches Gerenne ist, alle erforderlichen Kopien und Papiere zusammenzusuchen, haben wir nach dreieinhalb Stunden auch diese Hürde genommen. Der unverhofft ruhige Tag und die Hitze lähmen auch den Inspektor. Nach einem kurzen Blick in den Truck winkt er uns durch und wir sind in Nicaragua!

Erschöpft aber zufrieden mit unserem Tagwerk scherzt Timm, dass alles was er sich nun wünschen würde, eine kalte Cola und ein Pool wären. Keine 5 Minuten später erscheint zu unserer rechten Seite, mitten im Nirgendwo ein kleiner Balneario, eine Badeanstalt mit Restaurant, die uns erlaubt auf dem Parkplatz zu campen. Die Kinder springen sofort in den Pool, den sie mit einer Ziegenherde und kleinen stechenden Wasserinsekten teilen, Timm und ich planen im Schatten mit eiskalter Cola die nächste Etappe.

San Salvador

Die Liste der positiven Auswirkungen, die das Thermalwasser auf jegliche körperliche Beschwerden haben soll, lässt mich hoffen. Sofort nach unsere Ankunft hat sich Timm zu den schwefelhaltigen Becken geschleppt, treibt zufrieden im 40 Grad heißen Wasser. Das Camp baue ich alleine auf. Der einzige waagerechte Platz auf dem Parkplatz liegt im Schatten, wir werden Strom sparen müssen, da die Solarzellen kaum laden. Der Auszug hakt, lässt sich keinen Zentimeter bewegen, ich muss die Kinder zur Hilfe rufen. Die Leiter wiegt schwer, die Gasflasche klemmt. Als wir Roger bauten, wollten wir uns auf keinen Fall auf Technik verlassen müssen, so viel wie möglich ist manuell bedienbar. Nun fällt uns das auf die Füße. Fast jeder Handgriff erfordert körperliche Stärke und eine gewisse Größe. Beides nicht unbedingt Dinge, die auf mich zutreffen. Nicht einmal mit mentaler Stärke kann ich diese Defizite wettmachen. Meine Sorgen wachsen, Zuversicht beginnt zu bröckeln. Wir haben in den letzten Wochen alles versucht, von Pause über Schmerztabletten, Massage, Voltaren, Wärmflasche und Wärmepflaster. Nichts hilft, Timms Schmerzen werden täglich schlimmer. Der Mut kommt mir abhanden, ich bin mir nicht sicher, wie wir so weitermachen sollen. Wir befinden uns mitten in einem der gefährlichsten Länder der Welt, Honduras und Nicaragua liegen beide noch vor uns.

Das warme Wasser tut gut, im Becken ist der Schmerz fast weg. Als Timm nach 3 Stunden aus dem Wasser steigt, sacken ihm die Beine zusammen und sein Kreislauf versagt. Gerade noch rechtzeitig kann ich ihn halten und auf eine Liege verfrachten. Da liegt er nun mein Fels, von der Brandung verschluckt. Ich gehe ins Auto, hole Wasser und Elektrolyte, nutze die Zeit ein bisschen ungestört zu heulen. Die Nacht schlafe ich im Gästebett, um Timm ein wenig mehr Platz zu lassen. Es ist unerträglich heiß, wir müssen die Fenster schließen, weil kleine schwarze Fliegen durch das Mückennetz schlüpfen, uns beißen. Für die Ventilatoren haben wir nicht genügend Strom. Jedes Mal wenn ich wieder eingeschlafen bin, wecken mich Stimmen oder das Knattern der Mopeds, auf denen schwer bewaffnete Wachmänner das Gelände patrouillieren. Erst als schon die Hähne krähen, schließe ich für zwei Stunden die Augen.

Als Timm am Morgen wach wird, sind die Schmerzen schlimmer als am Tag zuvor. Er kann kaum das Bett verlassen. An der Rezeption frage ich nach einem Physiotherapeuten, mache einen Massagetermin. Während er sich massieren lässt, versuchen die Kinder und ich uns auf die Schule zu konzentrieren. Anders als sonst gibt es keinen Streit, sie alle arbeiten vorbildlich, fühlen dass mein Nervenkostüm aus seidenen Fäden ist. Wir bleiben eine weitere Nacht, geben all unser Bargeld für Massagen und Übernachtungsgebühren aus, am nächsten Tag bittet Timm um eine baldige Abfahrt. Er hat Angst, die 70 km nach San Salvador nicht mehr zu schaffen.

Obwohl ich gestern dachte, diese Anspannung keinen Tag mehr auszuhalten, wird mein Kopf plötzlich klar. Ein Grund für meine Zuversicht, ist die Bekanntschaft mit Dorys und Gilberto. Die beiden hatten wir gestern im Pool kennengelernt, als sie hier mit ihren Töchtern einen Ferientag verbrachten. Sie leben in San Salvador, haben ihre Telefonnummern dagelassen und Gilberto hat angeboten, den Truck zu fahren, sollte es nicht mehr gehen. Allein das Wissen, ein Backup zu haben, jemanden zu kennen, bei dem ich im Notfall die Kinder lassen könnte, sollte es schlimm werden, wirkt wie eine Valium auf mein Nervenkostüm.

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Am späten Nachmittag rollen wir mit letzter Kraft vor die Notaufnahme des „Hospital Diagnostico“, dem angeblich besten Krankenhaus der Stadt. Ein Wachmann verspricht auf Roger und die Kinder aufzupassen, die Sicherheitsbeamte des Krankenhauses haben ihn ebenfalls im Blick, die Kameras sind auf ihn gerichtet. Timm wird mit einem Rollstuhl abgeholt, innerhalb weniger Minuten hängt er am Morphintropf. Dann folgen Arztgespräche, Röntgen, MRT. Das erste Mal seit unserer Hochzeit vor 15 Jahren nimmt Timm den Ehering ab. Mit dem Ehering an meiner Halskette muss ich an weinenden Verwandten in der Notaufnahme vorbei. Mir wird schlecht.

Nach einigen Stunden dann steht die Diagnose fest: Bandscheibenvorfall im unteren Lendenwirbelbereich. Ein Stück der zerstörten Bandscheibe drückt gegen den Nerv, verursacht die starken Schmerzen im Bein. Wir sollen so schnell wie möglich operieren, da das Risiko bleibender Schäden erheblich ist. Während Timm am Morphintropf das erste Mal seit Wochen wieder selig lächelnd mit ausgestreckten Beinen im Bett liegen kann, telefoniere ich mit Krankenkasse und befreundeten Ärzten, füttere die Kinder, recherchiere im Internet, welche Behandlungsmethode die beste ist, damit ich Fragen stellen kann. Immer wieder muss ich in der Notaufnahme an weinenden Menschen vorbei, weiß nicht, wo ich hingucken soll. Der Arzt plädiert, dafür, die Bandscheibe zu entfernen, durch ein Plastikimplantat zu ersetzten, die beiden betroffenen Wirbel zu versteifen. In Deutschland ist das die Methode, die es auf jeden Fall zu vermeiden gilt, sie gilt als überholt, wir nur angewandt, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Max Patenonkel, unser Vertrauensarzt in allen Lebenslagen klärt den Befund mit befreundeten Orthopäden ab, rät uns zu einer spinalen Infiltration. Stundenlang versuche ich abzuklären, ob die Versicherung die Kosten übernimmt, lasse mich von einer Callcenterangestellten beschimpfen, weil ich mit vier Kindern in El Salvador bin. Die Versicherung kann die MRT Aufnahmen nicht öffnen, ich muss ein spezielles Programm herunterladen, um sie in PDF verwandeln zu können, das Internet ist lahm. Mit dem Hotspot meiner Simkarte sende ich die MRT Bilder nach Deutschland zur Versicherung und zu den Ärzten, alles dauert ewig. Würden wir operieren, bräuchte Timm, so der behandelnde Arzt, idealerweise 3 Monate Zeit, um zu heilen. 3 Monate, die wir in San Salvador, verbringen müssten. Ich suche nach Unterkünften, surfe auf der Seite der deutschen Schule, versuche mir eine Pause hier vorzustellen. Ein Blick aus dem Fenster, auf mit Natodraht gesicherte Häuser, auf Seitenstraßen, die mit hohen Zäunen und Wachmännern abgesperrt, vor dem Terror, der die Straßen regiert, schützen sollen, macht mir diese Vorstellung schwer.

Ich möchte nicht in einem Land bleiben, in dem sich halbstarke Jugendbanden nehmen, was sie wollen. Was, wenn ihnen meine hübsche blonde Tochter gefällt, was wenn sie gerne Roger als Kommandozentrale hätten? Müdigkeit und Anspannung setzen ein Kopfkino in Gang, das alles andere als förderlich für eine Entscheidungsfindung ist. Wie um meinen überhitzten Kopf abzukühlen, schneit es plötzlich Hilfsbereitschaft: Passanten bringen Kuchen, klopfen an die Tür, fragen, ob sie helfen können, ob wir etwas brauchen. Ich bekomme Nachrichten und Einladungen über Instagram. Irgendwann höre ich auf zu zählen. Die Krankenschwestern bringen Gebäck, Krankenhausbesucher Geschenke, es hagelt Einladungen und Hilfsangebote.

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Ein Krankenrücktransport kommt für Timm nicht in Frage, er möchte weder uns noch Roger hier zurücklassen. Am nächsten Morgen haben wir nach einer schlaflosen Nacht eine Entscheidung getroffen: Wir werden nicht operieren, stattdessen den Nerv, der durch die Bandscheibe gereizt wird, mit einer Spritze betäuben. In Deutschland wäre dieser minimalinvasive Eingriff der erste Schritt. Die Ärzte machen wenig Hoffnung, verstehen aber unsere Bedenken in El Salvador zu bleiben. Sie glauben nicht, dass Timm schmerzfrei sein wird, geben zu Bedenken dass die Gefahr, dem Nerv bleibende Schäden zuzuführen nach wie vor existiert. Sie vergleichen die Behandlung mit der Betäubung des Fußes, wenn man einen Stein im Schuh hat. Ich bekomme die Anweisung für den Notfall eine Morphinspritze bei mir zu führen, der Arzt zeigt mir wie ich sie setzten muss

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Am nächsten Morgen ist Timm nach all den Infusionen so fit, dass wir in die Stadt fahren können, um einzukaufen und Wasser aufzufüllen. Vom Sicherheitspersonal wird uns eingebläut, nur auf Hauptstraßen und in Gegenden zu bleiben, die auch von Touristen frequentiert werden. Wir kämpfen uns zu einem Walmart durch, bleiben unterwegs im Gewirr der Leitungen hängen und reißen genau zur Abholzeit vor einer Schule die erste Leitung auf dieser Reise ab. Sofort sind unzählige Väter zur Stelle, die den Verkehr regeln, die uns einweisen, Besen besorgen, mit denen wir die Leitungen hochhalten können. Niemand schreit, niemand ist hektisch, niemand drängelt. Als ich wissen möchte, wo ich den Schaden bezahlen kann, sagt der Wachmann der Schule, er kümmere sich um alles, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Wir finden keine Abfüllstation für Aqua Purificado, halten mitten auf dem Highway einen Laster, der Wasserflaschen transportiert, an, bitten ihn, aus Plastikflaschen unseren Tank zu füllen. Was er lachend tut. Stündlich ruft uns der Parkwächter Marvin an, fragt, wie es uns geht, ob wir etwas brauchen.

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Als Timm am Morgen des zweiten Tages operiert wird, schaffe ich es endlich, alle Nachrichten zu beantworten, mich für die Geschenke, Einladungen und Hilfsangebote zu bedanken. Bei 80 Nachrichten höre ich auf, zu zählen, sitze schluchzend am Küchentisch, die Kinder tätscheln mir den Rücken. Noch nie habe ich eine solche Hilfsbereitschaft erlebt. Es ist, als wären diejenigen, die unter dem Terror leiden, extra gut, um das Karma der anderen aufzupolieren. Tatsächlich treffen wir in El Salvador keinen einzigen unfreundlichen Menschen, stattdessen nur solche, deren Hilfsbereitschaft mich sprachlos zurücklässt, mir ein schlechtes Gewissen bereitet, weil ich ihr Land nicht so mag, wie ich sollte. Der Schatz eines Reiselandes, das wird in El Salvador deutlich, liegt nicht immer im äußerlich sichtbaren, oft sind es die Menschen.

Die OP verläuft gut. Zwar hat Timm noch wie erwartet Schmerzen, aber sie sind erträglich, sollten, wenn wir genug Pausen einlegen, besser werden, da der gereizte Nerv sich beruhigen muss. Wir fahren in ein Naturschutzgebiet, etwas außerhalb der Stadt, campen zwischen dichtem Grün, erholen uns von den letzten Tagen. Lotta hat Geburtstag, wird 16 Jahre alt. Wir verbringen den Tag mit Gilberto und Dorys, und ihren Töchtern Emely und Mariet. Wir gehen in einem der imposanten Shoppingcenter bummeln, chinesisch essen, sie zeigen uns die Stadt und wir essen später Geburtstagskuchen in unserem Camp. Während Timm sich ausruht, gehen wir im Nationalpark spazieren. Wieder wurden uns in der schlimmsten Verzweiflung Engel geschickt, die uns das Leben erleichtern, uns mit Zuversicht erfüllen, mit dem Vertrauen, dass es immer einen Weg gibt, auch wenn man ihn auf den ersten Blick nicht erkennen kann.

 

Nach 11 Monaten auf Reisen

15 Juni 2019: Reisemonat 11 war der bisher abenteuerlichste, der aufregendste, der erschöpfendste und der forderndste Monat auf dieser Reise. Belize war abenteuerlich, abwechslungsreich und völlig anders, als wir erwartet haben. Guatemala, hat uns tief berührt, den Kindern eine neue Sprache beschert, uns die Navigationsinstrumente gekostet und vor Herausforderungen gestellt, die jeder Langzeitreisende irgendwann einmal zu bewältigen hat: fürchterliche Straßen, medizinische Probleme, ein Einbruch. Der Einbruch in Antigua war nervig, hat uns kurzzeitig die Laune verdorben. Am selben Abend allerdings hatten wir uns wieder gefasst. Die Scheibe war mit normalem Fensterglas geflickt, Roger auf einem bewachten Parkplatz geparkt und in Zukunft würden wir halt mit Google Maps und MapsMe navigieren. Alles machbar, nicht unbequemer, als ein Stein im Schuh. Jetzt allerdings, ist ein ganzes Bein nicht mehr funktionsfähig.

Hier in El Salvador habe ich zum ersten Mal das Gefühl, an meine Grenzen zu stoßen. Alles davor war Pille Palle, Befindlichkeiten. Bewegungsunfähig in einem der gefährlichsten Länder der Welt zu stranden ist ein Albtraum. Aus dem wir hoffentlich aufwachen werden, irgendwann, uns schütteln und froh sind, dass alles vorbei ist.

Wir campen, von Sicherheitsleuten und Kameras bewacht, vor der Notaufnahme des Krankenhauses in San Salvador. Timm hängt drinnen am Tropf und ich weiß nicht, wie wir weitermachen sollen, wie es weitergehen wird, ob wir weiterfahren können. Ich fühle mich verletzlich, ausgeliefert, habe zum ersten mal wirklich Angst. Angst die mich nicht schlafen lässt, die mich aber nicht lähmen darf, weil einer die Stellung halten muss. Zu sehen, wie der Mensch, den man am Meisten liebt, leidet und nur unter Morphium bestehen kann, tut weh. Aber auch hier, und das gibt mir die Kraft, um die Angst durchzustehen, haben die Reiseengel mit allem aufgefahren, was das Universum an Gutem zu bieten hat. Erschöpfung und Angst sind nur Begleiterscheinungen. Was mich besonders bewegt, ist dieser Tsunami an Hilfsbereitschaft, der uns überrollt. Der nur eine Frage zulässt: Wie soll ich jemals zurückgeben können, was uns hier zuteilwird? In Minutenabständen bekommen wir über Instagram Nachrichten, ich kann sie längst nicht mehr beantworten. Wir werden eingeladen, beschenkt, mit Essen und Adressen hilfsbereiter Menschen versorgt. Mitten im vermeidlich bösesten Land Lateinamerikas bauen uns Fremde eine Rettungsinsel, die zu beschreiben mir die Worte fehlen.

Die letzten Monate haben die Welt der Kinder extrem bereichert. Lotta sagte vor ein paar Tagen, dass sie das Gefühl habe, als sei Antigua auch ein bisschen ihre Stadt, ein Stückchen Zuhause. Alle Kinder stimmen darin überein. Es ist eine Entwicklung, die ich in den letzten Wochen an ihnen feststellen konnte: Ihre Welt ist größer geworden. Zuhause ist nicht mehr das Maß aller Dinge, wird immer weniger wichtig. Als wir in einem Spiegelartikel lesen, dass ungewöhnlich viele tote Grauwale an die Pazifikküste Kanadas und den USA angespült werden, sind es „unsere“ Wale, die Wale die wir in Baja California gestreichelt haben. Das Korallensterben in der Karibik betrifft „unsere“ Korallen, die, welche wir in Belize bewundert haben. Es sind „unsere“ Wälder, die in Kalifornien oder Kanada brennen oder sterben, „unsere“ Mexikaner, El Salvadorianer und Guatemalteken, die unter Gang- und Narcokriegen leiden. Es sind „unsere“ abgemagerten Strassenhunde, die auf der Suche nach Essbarem auch vor überfahrenen Artgenossen keinen Halt machen. Es ist “unser“ Atlantik, der von Braunalgen verseucht, langsam erstickt, “unsere“ Fische, die darunter leiden.  Es sind “unsere“ Strände, die im Plastikmüll versinken, “unsere“ Nachbarn die als Homeless durch die Straßen Berkleys, San Franciscos, Portlands geistern.

Unsere Nachbarschaft, unser Vorgarten ist groß geworden, umfasst nicht mehr nur die heimatliche Umgebung. Das hat nichts mit Besitzdenken zu tun, sondern mit Verantwortlichkeit. Uns berührt das, was wir sehen, was sich vor unseren Augen abspielt. Es ist leicht, Nachrichten abzuschalten, zu denken, das betrifft mich nicht. Beim Reisen allerdings wird man unfreiwillig Zeuge all dieser Nachrichten, die man Zuhause so bequem wegzappen kann. Für die Kinder ist das oft hart. Sich verantwortlich zu fühlen für etwas, an dem man scheinbar nichts ändern kann, entzieht besonders Lotta manchmal den Boden unter den Füssen. Sie macht sich große Sorgen um unsere Welt, darum wie es mit unserem Planeten weitergehen soll, wie wir all die Probleme lösen können. Es gibt Momente, da fühlt sie sich nicht mehr sicher, nicht mehr beschützt, da werfen sich Schatten über ihren jugendlichen Optimismus. Dann fließen Tränen. Und dann möchten Timm und ich die Kinder in den Armen wiegen und sagen “bis Du heiratest, ist alles wieder gut“. Die Befürchtung, dass bis dahin mit Nichten alles gut sein wird, dass es sogar schlimmer sein wird, zertrümmert wiederum uns den Boden unter den Füssen.

In jedem Land, das wir in den vergangenen 11 Monaten bereist haben, wurde uns gesagt, das Wetter sei ungewöhnlich für die jeweilige Jahreszeit. Viel zu warm, zu kalt, zu viel oder zu wenig Regen, zu früher oder zu später Jahreszeitenwechsel, zu warmes Meer, zu kalte Luft, mehr Moskitos, weniger Schmetterlinge… die Liste ist unendlich fortzusetzen.

Wir wissen das alles. Es allerdings mit eigenen Augen zu sehen, die Berge von Müll, welche in Zentralamerika in der Natur brennen, schwimmen und stinken, mit der eigenen Nase zu riechen, verdeutlichen, dass wir in Deutschland noch so sehr recyceln oder plastikfrei leben können, es ändert nichts an der Weltlage.

Und doch verschafft die Reise den Kindern eine wichtige Erkenntnis: Veränderung beginnt bei Ihnen selbst. Das eigene Verhalten hat unmittelbare Auswirkungen auf das Umfeld. Ein einziges Lächeln macht aus Fremden Freunde.  Ein bisschen Futter macht einen Straßenhund satt, zumindest für ein paar Stunden.  Eine Stunde Müll sammeln, und der Strand ist wieder golden- nur ein kleines Stück, und sicher nicht für lange, aber für diesen Moment. Und viele kleine Momente, machen einen großen Moment.

Wir können deutliche Veränderungen an den Kindern feststellen. Als wir z.B. in Guatemala zum Mittag Hähnchen essen, sagte Max: „Mama guck mal der Mann. Ich glaube, der hat auch Hunger“, zeigte auf einen alten Mann, der am Eingang des Restaurants saß und freundlich lächelte. Die Kinder bestanden darauf, ihr Essen zu teilen, bereiteten dem Mann einen Teller, den dieser freudig entgegennahm. Solche Situation gab es in den letzten Monaten viele. Der Blick der Kinder auf ihre Umwelt ist ein anderer geworden. Sie sind empathischer, respektvoller, hilfsbereiter und offener geworden. Immer, wenn mich die Angst einholt, dass die Kinder schulisch etwas verpassen könnten, dann sind dies genau die Situationen, die ich mir vor Augen führe.

Wir wissen nicht, welche Anforderungen die Jobs der Zukunft an unsere Kinder stellen werden. Sicher wird es aber nicht die Fähigkeit sein, den klassischen deutschen Literaturkanon herunterbeten zu können oder sämtliche Daten der Weimarer Republik aus dem FF zu wissen. Worauf es in Zukunft ankommen wird, ist Grenzen abbauen zu können, den Bedürfnissen seiner Umwelt gegenüber weniger blind zu sein. Sich nicht als das Zentrum des Universums zu sehen, kommunizieren zu können, kreativ Konflikte zu lösen, in bisher unbekannte Richtungen zu denken. Um seine Umwelt zu verstehen, muss man sich erst einmal selber verstehen und wissen, wer man ist. Lernen, sich selbst und seinem Urteil zu vertrauen, mit offenen Augen durch die Welt gehen, sich von eigenen Erfahrungen leiten lassen, statt von den Informationen, mit denen man von allen Seiten gefüttert wird, wird enorm wichtig sein. Wer Freunde in der ganzen Welt hat, kann nicht AfD wählen. Wer mit eigenen Augen sieht, wie wir unsere Umwelt und Mitmenschen ausbeuten, kann nicht gedankenlos im eigenen Komfort verweilen. Wer sehen darf, wie grandios und vielfältig unser Planet ist, kann nicht anders, als ihn schützen zu wollen. Wer sich immer wieder in neuen Kulturen und Gesellschaftsformen, mit neuen Sprachen und Regeln zurechtfinden muss, der wird keine Probleme haben, in neuen Situationen frisch zu denken- auch ohne lateinische Deklinationen geübt zu haben, ohne das Periodensystem aufzeichnen zu können.