Calí

Timm und ich ergänzen einander in vielerlei Hinsicht. Er ist ein Mann der Zahlen, ich eine Frau der Worte. Er ist unerschrocken, ich besonnen, er ist Visionär, ich Perfektionist. Im Ganzen, in der Kombi sind wir so ziemlich unschlagbar. Eine Situation allerdings bringt uns in regelmäßigen Abständen an einen Punkt, an dem wir das vergessen:  Wenn Timm fährt und ich navigiere.

„An der nächsten Ampel rechts“

„Hä?“

„ Rechts, nächste Ampel!“

„Sag das doch!“

„Hab ich, hör‘ richtig zu!“ – Er biegt ab.

„Doch nicht DAS Rechts, man, das andere Rechts!

„Hä?“

„Du solltest links fahren!“

„Hä?“

„LINKS, Du solltest links fahren.“

„Du hast doch RECHTS gesagt.“

„Man, Du weißt doch, dass ich Links meine, wenn ich Rechts sage!“

Noch schlimmer wird es meistens, wenn wir uns auf verschiedene Navigationssysteme verlassen, er nach TOMTOM fährt, ich zwischen GoogleMaps und IOverland hin- und her springe. Am allerschlimmsten ist es in wuseligen Städten und so schlimm wie heute war es noch nie. Schuld ist nicht meine Links-Rechts-Schwäche, an die sich Timm in den fast 25 Jahren zusammen echt mal hätte gewöhnen können, sondern sein schwaches rechtes Ohr. Ausgerechnet dem mir zugewandten Ohr hat die jahrelange Bassbeschallung der schrankgroßen Box seines ersten Autos das Gehör verkrüppelt. Schon seit einigen Tagen quälen Timm Ohrenschmerzen und seit gestern kann er gar nicht mehr hören. Wir sind auf dem Weg nach Calí, der drittgrößten Stadt Kolumbiens und nach Escobars Tod 1993 Drogenhauptstadt des Landes. Auch wenn das Calí Kartell 1995 als solches zerstört wurde, ist die Stadt noch immer ein berüchtigtes Drogenhandelszentrum. Nach Medellin habe ich wenig Lust, mich erneut einer kolumbianischen Metropole zu stellen, aber Timm braucht einen Arzt. Es ist nicht Calís Reputation als zweitgefährlichste Stadt Kolumbiens, die mich abschreckt, sondern die Aussicht auf dichten Verkehr, auf viele Menschen, auf überpflastertes Grün und schlechte Luft. Sehnsüchtig denke ich im dichter werdenden Verkehr an die letzten Tage.

Den ganzen Tag sind wir vor einigen Tagen mit dem Ziel der ehemaligen Zuckerrohrplantage Hacienda „El Paraiso“, am Fuße der Zentralkordilliere entlang unendlicher Zuckerohrfelder, durch malerische Dörfchen gefahren. Die Hacienda „El Paraiso“, deren 1828 erbautes Herrenhaus eines der Schmuckstücke feudaler Lebenskunst des 19 Jahrhunderts ist und zu den schönsten restaurierten Haciendas Kolumbiens gehört, liegt knapp 40 km nordöstlich von Calí. Klingt nach einem Nachmittagsausflug, mit Roger allerdings wurden fast zwei Fahrtage daraus. Von Salento aus fuhren wir nach Palmira, Kolumbiens gefährlichste Stadt. Statistisch gesehen musste hier noch 2018 jeder 1000. damit rechnen, von einem Mitglied der zahlreichen Banden ermordet zu werden. Für uns war nichts davon sichtbar. Stattdessen erzählten die prachtvolle, von knorrigen Bäumen beschattete Kathedrale und das hübsche koloniale Bahnhofsgebäude vom einstigen Reichtum der Zuckerrohrplantagen. Wir hatten nicht viel Zeit, wollten es bis zur Hacienda schaffen, um dort auf dem Parkplatz die Nacht zu verbringen. Wir fuhren auf kleinen Landstraßen, vorbei an Fincas offensichtlich wohlhabender Zuckerrohrbarone. Sie sind umgeben von hohen Zäunen und Hecken, beschützt von Kameras und privaten Wachmännern. Tennis- und Reitplätze, sowie türkisblaue Pools gehören hier zur Grundausstattung. Immer enger wurden die Straßen, die Sonne sank tiefer und mit ihr meine Hoffnung, den Parkplatz der Hacienda El Paraiso vor Sonnenuntergang zu erreichen. Äste ratschten knirschend und quietschend an Rogers Seitenwänden entlang, wir konnten kaum noch die Überlandleitungen im Dämmerlicht erkennen. Das Navi versprach unser Ziel in 12km, der Weg allerdings wurde immer schmaler, die Asphaltdecke verabschiedete sich. Es gab keine Möglichkeit umzudrehen oder an den Wegrand zu fahren, zu beiden Seiten begrenzten uns Zäune und Gebüsch. Kurz bevor die Sonne sich endgültig verabschiedete, führte eine schmale Brücke über ein ausgetrocknetes Flussbett. Auch wenn es mir wenig behagte, hatten wir keine andere Chance, als hier an diesem Flussbett die Nacht zu verbringen. Den Versuch, ein wenig abseits der Straße zu stehen gaben wir auf, als unter Rogers Gewicht die Böschung zu bröckeln begann, fuhren wieder rückwärts, hofften, dass die Banden der Gegend heute Abend nicht unseren Weg kreuzen würden. Wider Erwarten hatten wir eine friedliche Nacht. Es fiepten Baumfrösche und Zikaden, die wenigen Mopeds, die vorbei knatterten, grüßten  hupend. Wieder einmal, wie schon so oft auf dieser Reise war ich unendlich dankbar, dass Roger durch die braungraue Farbe im Dunkeln nicht auffällt.

Bis Mittag des nächsten Tages, nachdem wir uns die letzten 12 km durch den Busch gekämpft hatten, verbrachten wir auf der Hazienda, ließen uns verzaubern von den Ausblicken, dem Blumengarten, den dicken kühlen Mauern des 200 Jahre alten Hauses. Wie immer in alten Gemäuern erfüllte uns eine tiefe Ruhe. Ich hätte ewig bleiben können, wären da nicht die stechenden Schmerzen in Timms Ohr gewesen.

Wir schafften es nicht mehr bis zum Krankenhaus Valle de Lili, das die deutsche Botschaft empfiehlt, sondern blieben die Nacht auf einem Campingplatz im Norden der Stadt. Und weil der Campingplatz einen Pool für die Kinder und eine Sauna für Timm lieferte, waren die Ohrenschmerzen kurzfristig vergessen und es wurden 3 Nächte.

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Dann, letzte Nacht schwoll Timms Gesichtshälfte an, und er wurde von dem Gefühl wachgehalten, dass sich etwas in seinen Gehörgängen bewegt. Dr. Google versorgt uns mit fürchterlichen Bildern von in Südamerika vorkommenden Fliegen, welche ihre Eier in die Gehörgänge ihrer Opfer legen. Die Larven schlüpfen nach kurzer Zeit und fressen sich dann fröhlich Richtung Hirn. Timm popelt sich am Ohr, ich versuche vorbei an allen Absperrungen den kürzesten Weg ins Krankenhaus zu finden. Es ist Sonntag und wie in vielen anderen kolumbianischen Städten sind auch hier in Calí die Hauptverkehrsstraßen für Autos gesperrt. Stattdessen ein fast undurchdringliches Gewusel von Spaziergängern, Rollschuhfahren, Kindern und Hunden, Popcorn- und Eisverkäufern, Getränkeständen und Polizisten. Mitten im größten Gewusel ein Schrei aus Timms Richtung. Auf seiner Fingerspitze streckt er mir ein weißes Krümelchen entgegen. „Was ist das, guck mal, ist das ein Wurm?“ Bevor ich vermeidlichen Wurm genauer inspizieren kann, landet er im Fußraum. Timm wird hektisch, ich krabbele mit Taschenlampe und Lupenapp zwischen Gas-und Kupplungsfuß herum, niemand achtet mehr darauf, wo wir hinfahren. Wir verfahren uns und der Wurm bleibt im Mikrokosmos der Fußmatte verschollen.

Als wir endlich an der Klinik ankommen, befindet sich auf deren Parkplatz eine Großbaustelle. Wir parken im Halteverbot in der Nähe des Haupteingangs in einer scheinbar ruhigen und wohl situierten Wohngegend, schließen die Kinder ein und betreten mit gemischten Gefühlen die Klinik. Ich wäre lieber bei den Kids geblieben, da Timm aber wenig hören kann, muss ich vermitteln. Nach nicht einmal 5 Minuten sitzen wir in der Notaufnahme, warten auf einen Arzt. Um uns herum wird der ohnehin blitzeblanke Boden gefeudelt, die Klimaanlage surrt und aus den Lautsprechern tönt klassische Musik. Neben mir sitzt eine Frau mit blutverschmierter Kleidung, zu ihren Füßen ein durchsichtiger Sack mit ebenfalls blutigen Kleidungsstücken. Sie lächelt mich an, wirkt weder traurig, noch traumatisiert und ich hoffe, dass das ein gutes Zeichen ist. Während in Deutschland Corona das medienbestimmende Thema ist, trägt hier im Krankenhaus niemand einen Mundschutz, der Arzt streckt mir zum Gruß die Hand entgegen. Nachdem er uns ein paar Fragen gestellt hat, unsere Daten in einen Computer eingegeben hat, kommt eine junge Ärztin, um Timm zu untersuchen. Sichtlich überfordert mit der Funktion des Otoskops, bohrt und prokelt sie, muss schließlich eine weitere Kollegin holen, welche nach einem Mikroblick Antibiotika und einen Entzündungshemmer verschreibt. Eine Mittelohrentzündung, so ihr Urteil. Wir sollen in drei Tagen wiederkommen. Ob dort auch wirklich kein Wurm zu sehen sei, möchte Timm wissen. Nein kein Wurm zu sehen, aber mit Sicherheit könne sie das erst sagen, wenn das Innenohr abgeschwollen ist.

Als wir endlich wieder bei den Kindern sind, haben wir keine Kraft mehr zum weiterfahren, beschließen einfach über Nacht hierzubleiben. Sollte die Polizei uns verscheuchen wollen, werden wir ihnen einfach unsere Behandlungsbelege zeigen und behaupten, dass wir am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus müssen und dass Timm so starke Schmerzmittel genommen hat, dass Auto fahren unverantwortlich ist. Als wir am Abendbrottisch sitzen, klopft es an der Tür. Davor steht ein privater Sicherheitsmann. Er patrouilliert hier nachts die Straßen um das Krankenhaus, gibt uns seine Telefonnummer und ringt uns das Versprechen ab, ihn sofort anzurufen, sollten wir etwas brauchen. Die Gegend sei sehr sicher, wir bräuchten uns keine Sorgen machen, er wollte sich nur vorstellen und seine Hilfe anbieten.

Den nächsten Tag verbringen wir im Zoo. Wir schaffen es gerade eben aus der Stadt heraus, parken an einer Tankstelle südlich von Cali. Die ganze Nacht hämmert der Regen gegen die Scheiben, ich kann nicht schlafen, weil Timms Ohrenschmerzen wieder schlimmer werden. Sein Ohr ist knallrot und heiß, seine Gesichtshälfte angeschwollen, selbst Schlucken und Kauen verursacht Qualen. Wir fahren also um 5.30. mit den schlafenden Kindern zurück in die Stadt. Das Wasser auf der Fahrbahn ist knöchelhoch, von allen Seiten flitzen Mopeds, wir stehen im Stau, es geht nur schleppend voran. Mir schwinden die Kräfte. Alles scheint kompliziert: unsere Wäsche stapelt sich stinkend, unsere Gasflaschen sind nach der Verschiffung von Panama noch immer leer, wir finden seit Wochen niemanden, der sie uns auffüllen kann. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir nicht mehr kochen können. Der Ausblick auf einen Morgen  Schule treibt mir die Schweißperlen über den Rücken. Wieder wird es ein Schulmorgen am Straßenrand sein, wir werden uns wieder zu fünft quetschen müssen, niemand wird wirklich Ruhe haben. Es wird heiß und stickig werden, ich habe wenig geschlafen und werde all meine Kraft zusammennehmen müssen, geduldig zu bleiben. Lotta und ich fühlen uns beide überfordert mit der Nähe zum Rest unserer Familienmitglieder. So viel und eng zusammenzusein ist zugleich das Schönste und auch das Schwierigste an der Reise. Permanent habe ich alle Antennen ausgefahren, um sicherzugehen, dass es allen gut geht, hätte sie aber so gerne mal nicht auf Empfang gestellt. Ich sehne mich danach, allein in meinem Kopf sein. Auch Timm ist noch immer überzeugt, dass er in seinem Kopf nicht allein ist, redet die ganze Zeit von seinem neuen Mitbewohner, macht mich wahnsinnig mit seinen Würmgeschichten.

Dieses Mal haben wir mehr Glück und können für den Nachmittag einen Termin bei einem HNO Arzt bekommen. Dieser diagnostiziert eine Außenohrentzündung, verschreibt Ruhe, ein anderes Antibiotikum und abschwellende Tropfen, gibt Timm zwei Spritzen in den Hintern und bittet uns, in drei Tagen zur Nachsorge zu kommen. Einen Wurm schließt auch er aus, möchte trotzdem noch einmal kontrollieren, bevor wir weiterreisen.

Wir haben keine Energie für die Stadt, so hübsch sie auch auf den ersten Blick erscheint, so freundlich auch die Menschen sind, fahren nach einem Einkauf in den südwestlich von Cali gelegenen Farallones de Cali Nationalpark. Zunächst werden die Straßen breiter, die Häuser luxuriöser, Architektenwohnparks klettern die Hänge hinauf. Dann wird es zunehmend dörflich, die Leitungen hängen tiefer und als die Teerstraße zur Schotterpiste wird, verschluckt und das ganze Grün mit Haut und Haar. Augenblicklich befällt mich das Gefühl zu vermoosen.

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Wir verkriechen uns im Dschungel und es tut so gut, unsichtbar zu sein, frische feuchte Luft zu atmen. Die Vögel zwitschern im Dolbysurround, der Rio Pance rauscht beruhigend und ab und zu auch der Regen vom Himmel. Links und rechts türmen sich dschungelbewachsene Berge, in den höchsten hat sich der Nebel verheddert. Es riecht süßlich nach Blüten, nach Moder und Moos, nach überreifem Obst, nach Fäulnis. Es ist der Geruch der Tropen, der Geruch von Leben und Tod, so dicht beieinander. Alles wächst und gedeiht und stirbt und beginnt von neuem. Schaue ich zu lange auf einen Punkt, beginnt er, sich zu bewegen. Hier ist so viel Leben auf einem Quadratzentimeter Boden, Grüngeraschel, Blättergezwitscher, Moosstille, Waldfrieden. Ich weiß nicht, wie ich in Zukunft ohne Dschungel auskommen soll.

Ich habe schon immer Wälder geliebt, hier aber zwischen all dem Gekrabbel, kommt mir die Natur Zuhause so schrecklich gezähmt vor. Jedes Stückchen Grün ist unserem Willen unterworfen, von uns Menschen verändert, gestaltet, unseren Wünschen angepasst. Natur darf nicht wild sein, lässt sie sich nicht unterwerfen, bekommen viele Angst. Wir brauchen Kontrolle. Hier auf unserer Reise bringt uns die Natur immer wieder in Gefahr: Giftige Spinnen und Schlangen, Bären und Vulkanausbrüche, Erdbeben- wir lieben das! Mir wird immer klarer, wie wenig ich in Zukunft in gezähmter Natur, in aufgeräumten Naturräumen leben möchte. Der Jagdtpächter auf unseren Flächen in Deutschland hat im Jahr unserer Abreise Fasane in diesem Revier ausgesetzt. Nicht etwa, um sie zu jagen, sondern um etwas zu haben, das er betüddeln kann. Die 3 Rehe die auf dem Gelände leben, haben einen Namen und wenn sie im Frühjahr und Herbst meine Rosenknospen abfressen, dann freue ich mich, weil endlich etwas in meinem Garten lebt, das ich nicht dorthinbestellt habe. Moderne Menschen haben völlig den Bezug zur Natur verloren, viele Kinder auf dem Land können keine Buche von einer Esche unterscheiden. Alles wir eingedämmt und weggespritzt, wir bestimmen wie viele Rehe und Wildschweine wo leben dürfen. Unsere Ökosysteme sind schon so gestört und von uns abhängig gemacht, dass sie sich gar nicht mehr selber reparieren können. Während ich mir Gedanken um die Natur und unseren Bezug zu ihr mache, erreichen uns immer mehr Coronaupdates von Zuhause, dort herrscht Ausnahmezustand. Zunächst denke ich noch, dass das übertriebene Ängste zivilisationsverweichlichter Mitmenschen sind, schüttele ungläubig den Kopf über Hamsterkäufe und Klopapiermangel. Dann, ohne dass ich etwas dagegen tun kann, liege auch ich nachts wach, bekomme Angst. Timm und ich beschließen, offline zu gehen, uns ein paar Tage nicht mit der wilden Welt jenseits unseres Dschungelrefugiums zu beschäftigen. Wir wandern entlang des Rio Pance, die Kinder spielen am und im Fluss. Am Wochenende kommen Scharen aus Cali, um hier ihre freien Tage zu verbringen, jetzt unter der Woche aber sind wir hier fast allein, allein mit Millionen Mücken.

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Nach 3 Tage offline, fahren wir wieder zurück in die Stadt, um Timms Ohren erneut untersuchen zu lassen. Wieder online, treffen uns die Nachrichten volle Breitseite. Menschen kloppen sich um Klopapier, der Goldpreis ist gestiegen, nicht wenige unserer Freunde sind in Panik. Bisher ist der lateinamerikanische Kontinent noch coronafrei, sehr wahrscheinlich aber wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis das auch hier zum Thema wird. Wir diskutieren, wie es weitergehen soll, was wir machen würden, wenn auch hier Corona ausbricht. Die Kinder sehen erstaunlich klar, viel klarer als ich. Wir sollten weiterfahren, aus dem Fenster schauen, beobachten was um uns passiert. Nur weil Europa kopfsteht, heißt das ja noch lange nicht, dass auch hier das Chaos ausbricht. Wir sollten vorsichtig sein, aber erst einmal weitermachen wie bisher. Timm sagt, dass wir unser Haus dabei haben und uns jederzeit irgendwo in den Bergen oder im Dschungel verkriechen können, sollte es zum Ausnahmezustand kommen. Ich habe Angst vor sozialem Unfrieden, bemerke das in der Diskussion. Lotta lacht und sagt, dass wir uns seit Mexiko in politisch unstabilen Ländern bewegen und mich das bisher auch nicht gestört hat. Vielleicht hat sie recht, vielleicht sehe ich Gespenster. Wenn aber halb Europa im Ausnahmezustand ist, kann das schonmal ein bisschen am Urvertrauen rütteln.

Valle de Cocora

(ANFANG MÄRZ 2020) In Kolumbien scheinen viele Herzen zu schlagen. Der UNESCO zufolge schlägt das des „Eje Cafetero“ im „Valle de Cocora“, dem „Cocora Tal“, welches Teil des „Los Nevados Nationalparks“ ist. Im Flusstal des Rio Quindio liegt der Weiler Cocora: einige Restaurants, eine Pferdevermietung, zerstreut liegende Fincas, eine Forellenzucht, ansonsten vor allem Wiesen und jede Menge buntgefleckte Rinder und Pferde. Die Hauptattraktion aber sind steile von Wolken umwobene Gipfel, gegen die sich die zarten Köpfe der Wachspalmen abzeichnen. Nirgendwo ist die Quindio-Wachspalme in größerer Konzentration zu finden als hier. 1801 von Alexander von Humboldt entdeckt, gilt sie mit einer Wuchshöhe von bis zu 60 Metern als die höchste Palmenart der Welt. Ihren Namen erhielt sie aufgrund einer dicken Wachsschicht, welche die Rinde des  erwachsenen Baumes schützt. Bevor er allerdings dieses Stadium erreicht, fällt der langsam wachsende Baum häufig der intensiven Landwirtschaft der zentralen Andenregion zum Opfer. Besonders Rinder fressen die jungen Sprosse, sodass nur noch wenige Palmen das hohe Alter von mehreren hundert Jahren erreichen. Ihr Bestand ist heute stark gefährdet. Seit 1984 ist die Wachspalme der Nationalbaum Kolumbiens und steht unter strengem Schutz.

Es ist schon später Nachmittag, als wir von Salento aus die engen, überwucherten Kurven hinunter ins Cocora Tal fahren. Vor jeder Biegung müssen wir auf Schrittgeschwindigkeit drosseln, hupen, weil uns tief hängende Zweige in die Fahrbahnmitte zwingen, die entgegenkommenden WillyTaxis ihre leuchtenden Farben als Vorfahrtsberechtigung betrachten, Bremsen eher ungern einsetzten. Diese, ursprünglich zu militärischen Zwecken aus den USA importierten RetroJeeps sind besonders hier im Eje Cafetero das beliebteste Transportmittel. Auf ihren Ladeflächen stapelt sich alles von Kaffeesäcken, Maschinenteilen und, als Taxi, auch Menschen von denen die letzten stehend auf den Trittbrettern mitfahren. Ab und zu begegnet uns ein Moped oder ein Fussgänger, ein Mann bringt seine Pferde nach Hause: Jedes der Pferde ist mit dem Halfter an den Schweif des Vorderpferdes gebunden, angeführt wird diese Polonaise vom Moped, an welches das Leitpferd gebunden ist. Die Pferde zicken nicht, scheuen nicht, keines läuft aus der Reihe. Ich denke an die nervösen, sich sträubenden Biester, auf denen ich Reiten gelernt habe und bin sicher, dass die Ruhe des Ortes sich auch auf die Gemüter der hier lebenden Tiere auswirkt.

Wir campen auf dem Parkplatz des einzigen größeren Restaurants am Ende der Straße, dort wo die Teerstraße zur Schotterpiste wird. Im Licht der untergehenden Sonne glühen die Wolken rot, rosa und orange, die Konturen der Wachspalmen werfen schwarze Schatten, über uns türmen sich düstere Gipfel, bewachsen von Nebelwald.

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Wie fast alle, die hierherkommen, wollen auch wir diese faszinierende Landschaft wandernd erkunden. Früh am nächsten Morgen brechen wir auf, 18 km wollen wir schaffen. Wir beginnen den Aufstieg in den Nebelwald an der Graszone wo die Wachspalmen wachsen. Es ist zwar warm, aber der Himmel ist bedeckt, dunkle Wolken hüllen den Wald in Nebel, die zarten Köpfe der Wachspalmen zeichnen sich scharf vor der Wolkenkulisse ab, als wolle uns der Himmel zunächst die eigentlichen Stars der Gegend vorführen. Die Wolken ziehen schnell, verändern die Ausblicke in Minutenabständen.

Als die Sonne sich durch die Wolkendecke schmilzt, wird es schnell warm, wir schwitzen und schnauben den steilen Anstieg herauf. Immer wieder rasten wir an den Aussichtspunkten, picknicken, genießen das Frühlingswetter und Panoramablicke.

Die Wanderung führt auch entlang der Memory Lane: Immer wieder bleiben die Kinder stehen, schnüffeln und erinnern sich: Die Pinien in einem Teil des Waldes riechen nach dem Reiterhof in Südafrika, erinnern an Mc Guyver das einäugige Pony und liebste Pferd auf der Welt. Pinien riechen auch nach dem Teil des Tafelbergwaldes, in dem wir Paulas „Ronja Räubertochter Geburtstag“ gefeiert haben und nach der Bergspitze des „La Maroma“ die wir von Oma Karins Dachterrasse in Spanien sehen können. Pinien riechen auch nach Schweden und erinnern an Blaubeerpfannkuchen und mittsommerliche Mückenschwärme. Klee und Löwenzahn erinnern an Zuhause, der Geruch des rauschenden Eukalyptus an den Weg zur U-Bahn in San Francisco, das Rauschen eines Bächleins klingt genau wie „Hugos Bach“ in Spanien, an dem wir jedes Mal ein Picknick machen, wenn wir Oma besuchen. Dann plötzlich riechen die Pilze und die feuchte Erde nach Kanada, die Farne erinnern an Costa Rica. Die Walderdbeeren schmecken wässrig, lange nicht so gut wie die, welche Zuhause die Gartenwege überwuchern.

Vor wenigen Wochen, das haben wir auf IOverland gelesen, wurden auf diesem Wanderweg zwei Touristinnen gefesselt und sechs Stunden festgehalten, um die PIN Nummern ihrer Kreditkarten zu erpressen. Heute allerdings sitzen Schmetterlinge auf unseren Händen, lecken uns das Salz von der Haut. Kolibris blitzen zwischen den Blüten auf, sind schon weg, bevor die Augen es schaffen scharf zu stellen. Die Vögel singen ein ähnliches Lied wie ihre Artgenossen im heimischen Wald, es ist Sommersprossenwetter. Wir überqueren den Rio Quindio sechs Mal über wackelige Hängebrücken, halten uns an Lianen fest, um nicht abzurutschen. Palmenhohe Farne beschatten unsere Gesichter, von Felsklippen wuchern Lianen und Baumwurzeln, ein Wasserfall rauscht aus dem dichten Geäst. Wir wandern vorbei an Gehöften, wo mollige Kühe wiederkäuend im Gras versinken, wirken, als hätten sie sich in frisch aufgeschüttelte Kissen gekuschelt. Als wir nach 6 Stunden den Ausgangspunkt erreichen, wäre ich am liebsten sofort wieder losgelaufen. Erst als wir bei heißer Schokolade mit Schlagsahne in Roger sitzen, merke ich, wie anstrengend die Wanderung doch war, freue mich über einen entspannten Nachmittag. Der so entspannt nicht wird.

Immer wieder stehen Neugierige vor Roger, befragen uns zu Herkunft und Ziel. Jedes Mal wenn uns Kolumbianer fragen, wie uns ihr Land gefällt, wirken sie nervös und immer fühle ich zentnerweise Steine zu Boden rumsen, wenn ich berichte, wie spannend, abwechslungsreich und landschaftlich schön wir Kolumbien finden. Eine weitere Fuhre lässt die Erde erzittern, wenn wir erzählen, dass die Polizei uns bisher ausnahmslos respektvoll und freundlich behandelt hat. Zwar reisen wir hier nicht so unbefangen wie an anderen Orten, sind uns der schwierigen Sicherheitslage bewusst, fühlen aber lässt uns diese niemand. Für uns Touristen, das sagt man uns häufig, gelten andere Regeln als für Kolumbianer und man freut sich aufrichtig, dass wir bisher nur Positives zu berichten haben. Aber, das wird uns eingebläut, wir sollen nicht unvorsichtig sein. Kolumbien sei wunderschön, aber gefährlich. An diese Tatsache erinnern uns täglich die jungen Soldaten, deren Quartier keine 50 Meter von Roger entfernt liegt. Jede Nacht ziehen sie los in die unwegsamen Berge, patrouillieren. Ihre Gesichter haben weniger Haarwuchs als meine Unterschenkel, sie sind so jung, dass sie Muttergefühle in mir auslösen. Wenn sie abends losfahren, möchte ich am liebsten kontrollieren, ob sie sich warm angezogen haben. Die Berg Schnellfeuerwaffen den sie vor Rogers Eingangstür stapeln, als sie uns besuchen, bringt mich fast zum Heulen und jedes Mal, wenn an Militärkontrollen junge Männer salutieren, die beinahe meine Söhne sein könnten, zieht sich mein Herz zusammen.

Es ist schwer, sich nach 3 Tagen vom Valley zu trennen. Ich werde überrannt von einer Sehnsucht nach Landleben, nach Hühnerstall streichen, nach erdeschwarzen Fingernagelrändern und Kirschkuchen backen. Über den Abschied tröstet uns der Nachmittag in Salento hinweg. Der Ort liegt 11 Km vom Cocora Tal entfernt, gilt als eines der hübschesten Dörfer des Eje Cafetero, wenn nicht gar Kolumbiens und ist ein viel besuchtes Touristenziel. Der Ortskern von Salento ist ein Schmuckästchen der farbenfrohen paísa Architektur. Wir stromern durch die Gassen, lassen uns von Postkartenausblicken verwöhnen, essen zu Mittag Forelle aus dem Cocora-Tal, serviert auf dünnen Patacones (Kochbananenchips). Dann heißt es Abschied nehmen vom Eje Cafetreo. Uns zieht es weiter in den Süden, Richtung Calí und in das Departamiento Valle de Cauca, unserem nächsten Ziel.

Zona Cafetera

( Anfang März 2020) Seit Medellin haben wir das Gefühl, in einem völlig anderen Land zu reisen. Kulturell wird die Gegend südlich von Medellin und das angrenzende „Eje Cafetero“, das „Kaffeedreieck“ der Provinzen Caldas, Risaralda und Quinido, von der Kultur der „paísas“ geprägt. Die Nachfahren zumeist baskischer Einwanderer pflegen ihre kulturellen Wurzeln, leben in weiß getünchten, mit dicken Tonziegeln gedeckten Landhäusern. Die mit kunstvollen Schnitzereien versehenen Fenster und Türen sind gummibärchenbunt  bemalt, die Veranden üppig mit Blumen dekoriert, wenn sie nicht bei Ihren Pferden und Kühen sind, sitzen hier die Männer im Schaukelstuhl. Schnurrbart ist hier keine modische Erscheinung, sondern Tradition, ebenso wie der Poncho und die Gummistiefel zum weißen Cowboyhut.

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In engen Kurven schlängelt sich die Straße den Rücken der Zentralkordilliere hinauf. Wir kommen nur langsam voran, Roger schnauft und raucht, immer wieder halten wir an, lassen die Bremsen abkühlen. So wie uns geht es jedem der Lastwagen auf dieser Strecke und oft herrscht Gedränge auf den schmalen Seitenstreifen. Wiederholt stehen wir im Stau, weil die Straße aufgrund von Bauarbeiten einseitig gesperrt ist. Außer uns scheint das niemanden zu stören. Die Fahrer der anderen LKW steigen aus, lassen sich von den fliegenden Händlern mit Süßigkeiten und „Tinto“, einem schwarzen Kaffee mit viel Zucker, den man in Kolumbien überall an den Straßenrändern kaufen kann, versorgen. Man mag Kolumbianern – vor allem dem weiblichen Teil der Bevölkerung- Heißblütigkeit nachsagen, in Sachen Geduld aber, können sie es mit einem norddeutschen Krabbenfischer aufnehmen. Niemals habe ich in all den Schlangen und Staus jemanden ungeduldig fluchen hören. Zwar wird im fließenden Verkehr gedrängelt und gehupt, steht man aber erstmal, dann entschleunigt in Sekunden der Puls, dann stehen die Fahrer in Gruppen zusammen, scherzen mit den Verkäufern, spannen die Hängematte auf und halten ein Nickerchen. Ein Junge läuft im Zickzack durch die geparkten Fahrzeuge, schlägt mit einem Stock auf die Reifen und teilt den Fahrern gegen ein kleines Trinkgeld mit, ob der Reifendruck zufriedenstellend ist. Es ist Aschermittwoch, viele tragen das Aschekreuz aus dem morgendlichen Gottesdienst auf der Stirn. Selbst evangelisch aufgewachsen, kennen die Kinder diesen Brauch nicht und Max ist entsetzt über das „Stirntattoo“ eines alten Mannes am Wegesrand, bis es nach dem vierten oder fünften „Stirntattoo“ endlich bei mir klickt und ich den Kindern (mit Googles Hilfe) den Sinn dieses Brauches erkläre. Als kurz vor Dämmerung leichter Nieselregen einsetzt, bleiben wir auf dem Parkplatz eines Restaurants auf 2500m stehen. Wir sind nicht lang allein. Nach kurzer Zeit parken die LKW so eng, dass ein breitschultriger Mann nur seitwärts laufend zwischen ihnen hindurch passt. Die Nacht wird frisch. Zum ersten Mal seit vielen Monaten tragen wir wieder Socken und lange Pullis zum Schulunterricht am Morgen. Wir sind keine kühlen Temperaturen mehr gewöhnt. Bei 17 Grad frieren mir die Fingerspitzen ab und ich bibbere wie meine spanische Freundin bei einem Ostseebad.

Am späten Nachmittag erreichen wir Manizales, die oft in Nebelschwaden gehüllte Hauptstadt der Provinz Caldas. Immer wieder von schweren Erdbeben zerstört, bietet der Ort wenig Sehenswertes, liegt aber idyllisch inmitten weitläufiger Kaffeeplantagen. Auf einer Höhe von bis zu 2000m, genau zwischen Medellin und Cali, befindet sich hier das Hauptanbaugebiet des kolumbianischen Kaffees. Seit 2011 ist das „Eje Cafetreo“ UNESCO-Weltkulturerbe, gilt als eines der kulturell reizvollsten Gebiete Kolumbiens, ist touristisch gut erschlossen. Obwohl wir schon viele Kaffeeplantagen gesehen haben, übernachten wir hier auf der angeblich schönsten Plantage der Gegend, quälen uns auf dem Weg dahin durch enge Dörfchen und unter tief hängenden Leitungen hindurch, den Berg hinauf und sind, wie soll es anders sein, enttäuscht. Zu touristisch, zu teuer, unpersönlich. Nach unserer Erfahrung auf der „AgroBerlin“ Kaffeefarm in der Sierra Nevada sind wir zu verwöhnt, um diesen Touristenzirkus länger als eine Nacht auszuhalten und fahren am nächsten Morgen nach der Schule weiter Richtung Santa Rosa de Cabal.

 

Diese kleine Gemeinde, ca 15 km entfernt von Pereira, einer ebenfalls eher schmucklose Kaffeemetropole, liegt an der Westgrenze des „Los Nevados“ Nationalparks. Benannt ist der Nationalpark nach seinen schneebedeckten Gipfeln- „los Nevados“- dem „Ruiz“, dem „Tolima“ und „Santa Isabel“. Man geht davon aus, dass Letztere, wie schon drei weitere Gipfel des Nationalparks, aufgrund des Klimawandels bis 2030 abgeschmolzen sein werden. Der Gipfel des Ruiz ist seit Jahren wegen vulkanischer Aktivität gesperrt. Der Park ist nur wandernd erlebbar, mit dem Auto kommen wir hier nicht weiter. Der Grund für unseren Besuch sind nicht die abenteuerlichen Wanderwege über Lavafelder, durch Nebelwälder und vorbei an versteckten Lagunen, sondern die Thermalquellen von San Vincente und Santa Rosa.

Nahe Santa Rosa finden wir einen perfekten Übernachtungsplatz auf der „Finca Marcelandia“. Zunächst bin ich ein wenig abgeschreckt von Minigolfplatzambiente inklusive lustigen Figürchen in den Beeten und Geranienampeln. Dann aber siegt die Liebenswürdigkeit der Betreiber und wir bleiben ganze 5 Nächte. Die kantigen Berge sind am Morgen nebelumwolkt. Die Sonne lässt sich Zeit aus dieser gemütlichen Bettdecke schlüpfen, auf den saftigen Bergwiesen leuchtet Löwenzahn. Die Sonne kitzelt, statt zu brennen, an weißen Zäune lehnen die Pferdepfleger, winken zum Gruß. „Adrett“ ist das Wort, das diese aufgeräumte, Geranien bepflanzte Gemütlichkeit am besten beschreibt. Mit den hauseigenen Pferden reiten wir aus. Bevor es losgeht, geben wir unsere Versicherungsnummer und Blutgruppe an, werden mit Warnwesten und Helmen ausgestattet, die Jungs bindet man am Cowboysattel fest. Sicherheit wird hier großgeschrieben, mächtig groß, wenn man bedenkt, dass der Ausritt die eingezäunte Hauskoppel hoch und wieder herunter führt.

Unter der Woche ist der Parkplatz des weitläufigen Geländes verwaist, wir sind die einzigen Gäste. Am Wochenende dann kommen die Ausflügler in Schwärmen. Einweiser und Parkwächter sorgen für Ordnung. Kolumbianische Frauen kochen nicht gern am Sonntag und wer es sich leisten kann, macht einen Familienausflug, kehrt zum Mittagessen ein. Auf der Finca Marcelandia kombiniert man diese Form der Mutterfürsorge mit einer der Lieblingsbeschäftigungen kolumbianischer Männer: Angeln. In diversen Zuchtbecken, getrennt nach Arten besteht die Möglichkeit, sein Mittagessen selbst zu fangen und es sich frisch in der Fincaküche zubereiten zu lassen. Ein weiterer Touristenmagnet auf der Finca ist ein amerikanischer Wohnwagen, für Übernachtungen buchbar. Für uns Deutsche völlig normal, für Kolumbianer exotisch. Nicht wenige der Besucher halten Roger für eine weitere Übernachtungsmöglichkeit, liebäugeln mit einer Buchung.

Von Marcelandia wandern wir zu den Santa Rosa Quellen. Bei unserem Aufbruch werden wir gewarnt, unser Hab und Gut zu verschließen und auf jeden Fall die Turnschuhe der Jungen nicht auf der Leiter stehen zu lassen. Das gehe in Kolumbien an den wenigsten Orten, werden wir freundlich gewarnt und denken „das ging bisher immer“. Dass jemand stinkende Turnschuhe klauen könnte, will mir nicht in den Kopf, nicht hier, zwischen friedlich schnaubenden Pferden, dezent plätschernden Forellenbecken, dem Singen der Köchin und den bunt bemalten Blumenampeln.

Unser Weg zu den Thermalquellen von Santa Rosa führt uns durch Regenwald, entlang saftig grüner Wiesen, durch Bambuswälder, vorbei an schmucken Landhäuschen, Wurstbrätereien, kleinen Gasthöfen mit phantastischen Ausblicken über das Bergpanorama, in die uns Männer mit weißen Cowboyhüten zu locken versuchen. Am Straßenrand sitzt unter einem bunt geblümten Sonnenschirm ein gebrechlicher Mann, verkauft mit zahnlosem Lächeln selbstgemachten Käse. Manchmal hält jemand, kurbelt das Fenster herunter, hinter ihm bildet sich eine Schlange. Niemand hupt, keiner überholt. Wenn es um Käse oder Bratwurst kaufen geht, wartet man gern.

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Der Ausblick darauf mit fremden Menschen im warmen Wasser zusammenzusitzen, erfreut mich nur mäßig. Seit einmal ein Mann in einem Spaßbad- Whirlpool neben mir seine Popel ins Wasser geschneutzt hat, kann ich mich in solchen Situationen nur schwer entspannen. Meine Vorfreude hält sich in Grenzen. Die Kinder laufen vorweg, Timm und ich lassen uns Zeit, die Landschaft auf uns wirken zu lassen. Das Gelände der Quellen befindet sich mitten im Wald, umgeben von mit Regenwald bewachsenen Bergen. Von mannshohen Farnen tropft es unablässig, in dichten Moosteppichen sammeln sich glitzernde Perlen, es raschelt, flüstert im Grün- und dann ein Schrei! Paula kommt um die Kurve gerast, zerrt an uns, wir sollen kommen, schneller. Kurz setzt mein Herz ein paar Schläge aus, dann noch ein paar, als wir um die Wegbiegung erreicht haben. Aus knapp 100m stürzt ein Wasserfall den dicht bewachsenen Felsen herab, teilt sich in fünf einzelne Fälle.

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„Wie in einem Disney Film, total unwirklich, oder?“ Paula kann sich gar nicht einkriegen und auch bei Timm und mir dauert es einen Moment, bis wir die Sprache wiedergefunden haben. In den Becken am Fuße des Wasserfalls vergesse ich, dass mir einmal vor vielen Jahren der Rotz eines fremden Mannes in den Bikini getrieben ist, hier kann ich tagelang im Wasser liegen, den Regenwald auf mich rieseln lassen. Besser, da sind wir sicher, kann es nicht werden, und so verzichten wir auf den Besuch der Quellen von San Vincente, kommen lieber am nächsten Tag wieder hierher.

(Leider ist die Speicherkarte meiner Kamera plötzlich nicht mehr lesbar und alle Fotos verloren. Zum Glück haben wir ein paar mit dem Handy gemacht)

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