Tulum & Laguna Bacalar

Außer einer Liebe zu Elefanten teilt Timm mit dem berühmten Feldherren Hannibal vor allem eines: Zielstrebigkeit. „Entweder man findet einen Weg, oder man schafft einen Weg“ soll Hannibal vor 2400 Jahren gesagt haben und fast der gleiche Wortlaut inklusive „Yiiihaa!“ Schlachtruf schallt heute durch unsere Fahrerkabine.

Wir kämpfen uns durch viel zu eng stehende Palmen, Äste schrabben knarzend über die Solarzellen und an den Fenstern entlang. Ich stehe schwitzend im Wohnkoffer, halte die Moskitonetze fest, die ich vorsorglich vor der sehr wahrscheinlichen Zerstörung gerettet habe. Ich hätte längst aufgegeben, nicht so Timm, schließlich erwarten die Piraten uns auf dem „Chamico‘s“ Campground, einem Stück karibischen Traum vor den Toren Tulums.

Palmblätter rauschen im Wind über unseren Köpfen, die Füße stecken im schneeweißen Sand, das Meer glitzert eisvogelblau. Chamico’s ist ein kleines Stück ursprünglicher Strand, umgeben von Villen, die für zu $US1000/Nacht vermietet werden, bzw, wurden. Seit der Atlantik letztes Jahr tonnenweise Sargassum Seegras ausgespuckt hat und dieses sonst jahreszeitliche Phänomen zum Dauerzustand wurde, stehen die Villen leer. An den Stränden türmen sich die rottenden Algen, verströmen einen bestialischen Gestank nach faulen Eiern, der Kopfschmerzen und Übelkeit verursacht. So sehr man hier und überall in der Karibik versucht, der Plage Herr zu werden, es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Jeden Morgen werden die Strände mit Baggern, Schubkarren und Mistforken geräumt, nur um in der Mittagszeit erneut im Sargassum zu versinken. 

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Niemand weiß genau woher diese enormen Mengen Seegrass kommen, fest aber steht, dass sie eine ernste Bedrohung für das Ökosystem darstellen. An vielen Stränden, so erzählen mir die Arbeiter, die das Seegras zusammen schaufeln, sterben die Fische, weil ihnen der bei der Zersetzung des Sargassums entstehende Schwefelwasserstoff den Sauerstoff zum Atmen nimmt. Korallen sterben ab, weil durch die dicken Teppiche kaum noch Licht in tiefere Wasserschichten gelangt. Ein Ende der Plage ist nicht in Sicht. Nachdem Barbados letztes Jahr den Notstand ausgerufen hat, breiten sich die Algen immer weiter explosionsartig aus, auch an Orten an denen sie zuvor nicht vorkamen. Im letzten Jahr haben US Forscher den weltweit größten Sargassumteppich vermessen: Er reicht über eine Länge von etwa 8850 Kilometern von Westafrika bis in den Golf von Mexiko. Die Forscher vermuten dass der Algenteppich in einer Nährstoffschwemme an der Amazonasmündung seinen Ursprung hat. Die Abholzung des Regenwaldes, der vermehrte landwirtschaftliche Nutzung dieses Gebietes haben auch Auswirkungen auf unsere Meere, jedes kleine Zahnrad im Uhrwerk unserer geschädigten Ökosysteme hat Auswirkungen auf das nächste, setzt eine neue Maschinerie der Zerstörung in Gang. Das Ausmaß dieser Plage, die Machtlosigkeit der Menschen vor Ort, die Auswirkungen die es für sie und ihr Leben, für unser aller Leben am Ende hat, machen mir eine riesen Angst. Wegschauen geht nicht, beim Reisen werden die Probleme der anderen plötzlich zu den eigenen. Wir versuchen den durchdringenden Schwefelgeruch, die Hitze und das Gefühl untergehender Welt auszublenden. So ganz mag mir das nicht gelingen, meine Stimmung ist nicht immer so, wie es die karibische Kulisse einfordert.

Als die Welt über Wasser zu anstrengend wird, beschließen Timm, die Mädchen und Iris ihr zu entfliehen und machen einen PADI Open Water Diver Kurs. Anders als in vielen anderen Tauchrevieren der Welt üben sie nicht im Schwimmbecken, sondern in einer Cenote, umgeben von einer bunten Fisch- und Mangrovenwelt, ein Krokodil soll dort ebenfalls leben, wurde aber nicht gesehen. Schon nach dem ersten Tauchgang haben sie Blut geleckt, reden von nichts anderem mehr als von Druckausgleich, Schwerelosigkeit, dem Gefühl fliegen zu können. Ab sofort darf ich nur noch rifffreundliche Sonnencreme kaufen, jedes Stück Plastik wird vom Strand aufgesammelt, Fisch verschwindet von unserem Speiseplan. Eine völlig neue, bisher ungesehene Welt erschließt sich den Kindern, eine Welt, die es mit allen Mitteln zu schützen gilt. In diesem Fall wirkt die Horizonterweiterung vertikal.

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Zehn Tage verbringen wir Robinson-Crusoe-like mit den Piraten und mit Ryan und Camille, gehen schnorcheln, fischen, grillen am Lagerfeuer, helfen uns gegenseitig bei verschiedenen Reparaturen. Irgendwann haben wir uns an Hitze und Schwefelgeruch gewöhnt, einzig unsere bereits gebuchte Überfahrt nach Kolumbien zwingt uns zum Aufbruch. Die Schneise, die wir uns bei unserer Ankunft in die Zufahrt geschlagen haben, ist längst wieder zugewuchert und so steigen Ryan und Sven aufs Dach, um uns mit Machete und Säge erneut den Weg frei zu machen. Seitenweise warnt das Internet vor allen möglichen Gefahren Mexikos. Vor dem Chechen Baum allerdings hat uns niemand gewarnt. Das Baumharz dieses auch als „schwarzes Giftholz“ bekannten Hartholzbaumes hat es in sich: Kommt man mit ihm, bei besonders empfindlichen Menschen reicht schon eine Berührung der Blätter, in Berührung, entstehen an dieser Stelle verbrennungsartige Ausschläge, die Blasen werfen, jucken und brennen, ewig brauchen, um wieder abzuheilen. Sven, der sich für uns „oben ohne“ durchs Blätterdach kämpft, bekommt das leider am eigenen Leib zu spüren, ist nach unserer Abreise eine Woche lahmgelegt. Leider einen Tag zu spät erklärt ihm ein Einheimischer, dass der Heilung bringende Baum meistens gleich daneben wächst: der Chaca Baum. Feuchte Umschläge aus einem Blättertee oder dem Saft des Baumes helfen, den Ausschlag zu vermeiden.

Wir brauchen lange, bis wir uns durch die Baumreihen des „Chamicos’s“ gekämpft haben (nach uns nun auch „Big Rig freundlich“!), und noch viel länger, bis wir uns endlich verabschiedet haben. Einkauf und Wassertanken kosten weitere Stunden und so kommen wir nicht weit an diesem Tag, campen nur ein paar Kilometer außerhalb Tulums auf dem Parkplatz der Cenoten „Cristal & Escondido“, in denen wir uns am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen waschen.

Bei der Weiterfahrt Richtung Grenze zu Belize geraten wir in einen Schwarm migrierender Schmetterlinge, die uns von allen Seiten an die Scheiben klatschen, im Kühler und in jeder Ritze hängen.

In der Fahrerkabine ist ein riesiges Geschrei, Paula brüllt, tobt, weint und pult in der Mittagspause die armen Insekten aus den verhängnisvollen Ritzen, verweigert sogar das Essen. Erst als wir die Laguna Bacalar, unseren nächsten Übernachtungsstopp erreichen, ist sie wieder einigermaßen versöhnlich gestimmt.

Die Lagune, die eigentlich ein von Cenotensystemen gespeister See ist, strahlt im unwirklichen Türkis gegen den grauen Gewitterhimmel an. Das Wasser hat Badewannentemperatur, nichts zwingt einen zurück an Land. Weil das vielen so geht, wurden netterweise Schaukeln und Hängematten im Wasser installiert, einige halten darin sogar Mittagsschlaf.

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Seit tausenden von Jahren und zum Glück ebenfalls  ungestört wachsen in der Laguna Bacalar Stromatolithen. Die Lagune ist weltweit eine der wenigen ökologischen Nischen in denen diese fossilen Lebewesen bis heute überlebt haben, sogar noch weiter wachsen. Die Bakterienkolonien der Stromatolithen gelten als die ersten Lebewesen auf der Erde, sind in der Lagune Bacalar deshalb so außergewöhnlich, weil sie mit einer Gesamtfläche von 10 km und einer Höhe von bis zu 3m die größten der Erde sind. Die meisten bis heute wachsenden Stromatolithen haben aufgrund besonders hoher Salzkonzentrationen in den sie beherbergenden Gewässern überlebt, in denen das Überleben für Fressfeinde wie Schnecken zu harsch war. Das Wasser der Laguna Bacalar allerdings, ist Süßwasser. Die Bakterienkulturen können deshalb seit 3500 Jahren überleben, weil die Lagune vom Wasser der unterirdischen Flussläufe, welche die Cenoten miteinander verbinden gespeist wird. Dises Wasser, so nehmen die Forscher an, weist seit Jahrmillionen eine ähnliche Wasserqualität auf. Über die Wachstumsgeschwindigkeit der Stromatolithen ist recht wenig bekannt, man schätzt aber, dass sie 0,3-1mm pro Jahr wachsen.

Und wieder mal bin ich erstaunt über den Umgang der Mexikaner mit histrorischem Erbe: Ich kann nicht fassen, dass man in der direkten Umgebung Jahrmillionen alter Lebewesen, die nur durch fadenscheiniges Flatterband abgeschirmt werden, Jungesellinenabschied feiern, ins Wasser pinkeln und Sonnencreme benutzen darf.

Chichén Itzá

Der Weltuntergang am 21.12.2012 blieb aus. Ein bewusstseinserweiternder Sprung der Menschheit, wie die andere Deutung des Mayakalenders für dieses Datum vorschlägt, scheinbar auch. Jedenfalls hoffe ich aus tiefstem Herzen, dass das, was sich in Chichén Itzá als Beispiel für unsere Kultur versammelt hat, nicht richtungsweisend ist. Unweit der Touristenhochburgen Playa del Carmen und Cancún spucken hier Reisebussflotten Massen solcher Leute aus, denen die Ruinen hauptsächlich ein guter Hintergrund für Selfies im „guck-mal-wie-heiß-es-hier-ist-ich-brauche-nichtmal-Klamotten-Look“ sind. Seit vor ein paar Jahren eine Touristin von der als „Castillo“ bezeichneten zentralen Pyramide, dem höchsten Gebäude des Komplexes gestürzt ist, darf man diese nicht mehr betreten. Da muss man nun für Selfieknaller etwas weiter in die Trickkiste greifen: Handstand mit String unter dem Minirock wäre eine Variante unter vielen. Die Kinder lachen sich kringelig über die Bemühungen besonders der weiblichen Touristen, Fotos mit Wiedererkennungswert zu produzieren.

Ansonsten aber ist Chichén Itzá durchaus bemerkenswert. Über Jahrhunderte war diese Stadt heiliger Ort, bis sie um 1200 von ihren Bewohnern verlassen wurde und im Dschungel versank. Erst 1841 begannen Archäologen damit, die Ruinen wieder auszugraben und fanden die größte Pyramidenanlage Yucatáns.

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Zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert muss Chichén Itzá eine überregional bedeutende Rolle gespielt haben. Wie diese genau aussah, konnte bisher jedoch nicht geklärt werden. Einzigartig ist, dass hier, anders als an anderen Mayastätten, verschiedenste Architekturstile nebeneinander auftreten. Lange war die 1988 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärte Stätte im Privatbesitz. Erst im März 2010 verkaufte der Besitzer den Teil des Geländes, der die wichtigsten Gebäude der früheren Stadt umfasst, für rund 13 Millionen Euro an die Regierung Yucatáns.

Der Name Chichén Itzá bedeutet „Am Rande des Brunnens der Itzá“. Der Brunnen, die Cenote, die heute den Namen „Cenote Sagrada“ trägt, ist eine der Hauptattraktionen von Chichén Itzá. Der Bergriff Cenote (zu deutsch Dioline) stammt von den Maya Yucatáns,  bedeutet so viel wie „Heilige Quelle“. Sie sind, neben den Mayaruinen und den Traumstränden, einer der Gründe, warum Yucatán bei Touristen so beliebt ist.

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Der Boden dieser Provinz ist aus weichem Kalkstein, bei dessen Auflösung sich Höhlen und unterirdische Wasserläufe bilden. Brechen die Decken dieser Höhlen ein, entstehen Öffnungen zu den unterirdischen Wasserspeichern und Wasserläufen- die Diolinen. Forscher glauben, dass sie ein Hauptgrund für die Entwicklung der Mayazivilisationen im Yucatán waren, da sie die Wasserversorgung sicherten. Sie bezeichnen sie als den „großen Strom der Maya“. Insgesamt, so schätzt man, befinden sich im Yucatán, der benachbarten Provinz Quintana Roo und in Belize etwa 10.000  dieser Cenoten.  Diese in ihrem Ausmaß riesigen Höhlensysteme sind oft über mehrere Hundert Kilometer Unterwasserstrom miteinander verbunden sind und stoßen bei Forschern auf beachtliches Interesse. Auch die Kieler Christian Albrechts Universität führte 2010 ein Forschungsprojekt durch, an dem Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen beteiligt waren. Für die Mayas stellten die Cenoten, die oft eine kreisrunde Öffnung haben, manchmal aber auch aussehen wie ein kleiner Teich, den Zugang zur Unterwelt da, wo ihrem Glauben nach die Götter lebten. Auf dem Grund der 35m tiefen Cenote Sagrada fanden Forscher Schmuckstücke aus Jade und Gold, Gefäße aus Keramik und etwa 50 Skelette. Funde in vielen weiteren Cenoten legen nahe, dass diese Höhlen als Opferstätten, für sakrale Zeremonien und als Friedhöfe genutzt wurden, Menschenopfer waren dabei nicht selten.

Das berühmteste Gebäude Chichén Itzás ist die vierseitige Stufenyramide, das Castillo. Man spekuliert, dass die Anzahl der Stufen der vier Seiten die Anzahl der Tage des Mayajahres widerspiegelt. Gesichert ist diese Annahme aber nicht, da die Anzahl der Stufen rekonstruiert wurde und man nicht mit Sicherheit sagen kann, dass alle Seiten gleich viele Stufen hatten, oder ihre heutige Anzahl den damaligen Tatsachen entspricht. Dass die Erbauer Chichén Itzás über komplexes astronomisches und mathematisches Wissen verfügten und beim Bau ihrer Heiligtümer wenig dem Zufall überließen, beweist folgendes Beispiel: Zwei Mal im Jahr, zur Winter – sowie Sommersonnenwende übersteigen die ohnehin rekordverdächtigen Besucherzahlen jedes Mass. Durch den Stand der Sonne und das Spiel mit Licht und Schatten werden für eine kurze Zeit nur die Treppen der Pyramide angestrahlt. Ein Lichtband läuft dann von der Spitze der Pyramide auf einen, am Fuße der Pyramide befindlichen Schlangenkopf aus Stein zu. Er stellt die „gefiederte Schlange“ (Itzá Kukulcán, „Quetzalcoatl“ bei den Azteken), den Gott der Auferstehung und Reinkarnation dar.

Ein weiteres Highlight von Chichén Itzá ist der „große Ballspielplatz“. Das „Juego de Pelote“ war ein fester Bestandteil der Mayakultur und in vielen Mayasiedlungen befinden sich Reste einstiger Spielarenen. Viele Mythen ranken sich um dieses Ballspiel, das von vielen zentralamerikanischen Völkern gespielt wurde und zum Teil auch heute noch, in abgewandelter Form, in Teilen Mexikos gespielt wird. Auch die Funktion des Spieles ist nicht eindeutig geklärt. Aus Aufzeichnungen und Reliefs geht hervor, dass mit dem Spiel der Ausgang von Kriegen entschieden wurde, Kriegsgefangene sich ihre Freiheit (oder den Tod) erspielen konnten, dass Ihr Ausgang als göttliches Orakel gewertet wurde oder es, wahrscheinlich erst in späteren Zeiten, der bloßen Volksbelustigung diente. Man glaubt, dass das Pelotespiel, das, wenn man den Reliefs in Chichén Itzá glauben darf, mit der Enthauptung der Verlierer enden konnte, der Ursprung heutiger europäischer Ballspiele sein könnte. Über die Einzelheiten die Regeln betreffend, wird ebenfalls diskutiert. Einig ist man sich jedoch, dass ein volleyballgroßer, harter Gummiball in seitlich der Spielarena befindliche Steinkreise befördert werden musste. Sehr wahrscheinlich durfte der Ball nicht den Boden berühren, musste mit sämtlichen Körperteilen in der Luft gehalten werden. Ob zwei Mannschaften gegeneinander spielten oder die Spieler gemeinsam auf ein Ziel, nämlich den Ball in der Luft zu halten, hinarbeiteten, ist ebenfalls nicht geklärt. In Chichén Iztá allein fand man 12 Ballspielplätze. Aufgrund der Größe des großen Ballspielplatzes  allerdings geht man davon aus, dass dieser zu Spielen nicht benutzt wurde, sondern eher repräsentativen Zwecken diente.

Wir fühlen uns klein und unbedeutend, als wir über den von hohen und dicken Mauern umgrenzten Spielplatz gehen. Die Steinringe scheinen unerreichbar, mir als totalem Ballsportlegastheniker ist dieser Platz und der Gedanke, hier um mein Leben zu spielen der reinste Horror. Ob die Spieler willkürlich gewählt wurden oder ob es eine Art Berufsspieler gab? Was, wenn jemand wie ich dazu verdonnert wurde zu spielen und so über sein Schicksal oder  gar den Ausgang eines Krieges entscheiden musste? Während ich über die Grausamkeiten, die in Form von Ballspielen der Menschheit zugefügt wurden, nachdenke, erwischt mich eiskalt eine Erinnerung, die ich lieber in der tiefsten Cenote meines Bewusstseins versenken möchte: Sportunterricht in der 10. oder 11. Klasse. Alle Schüler werden ihrem Können nach in verschiedene Teams aufgeteilt. Ich bliebe zusammen mit einem etwas moppeligen Mitschüler übrig. Soweit nichts Ungewöhnliches. Immerhin sind wir zu zweit. Trotzig strecke ich dem Lehrer mein Kinn entgegen, der schmettert ein Ball in meine Richtung, lacht und sagt „Michaela spielt gegen die Wand“.

Erst die Reliefs der Tzompantli-Plattform, an der wir ein paar Minuten später vorbeikommen reißen mich aus meinen düsteren Gedanken, erinnern mich daran, dass es Schlimmeres gibt, als vom Sportlehrer gedemütigt zu werden: Sie zeigen Totenschädel und übergroße Adler, die menschliche Herzen in ihren Fängen halten, um sie zu fressen. Diese Plattform war einst mit Holzgerüsten ausgestattet, an denen die Köpfe geopferter Personen angebracht wurden, eventuell auch die der verlierenden Pelotespieler. Und wieder einmal danke ich dem Himmel dafür, im Deutschland der 70ger Jahre geboren worden zu sein.

Nachdem wir die Ruinen gesehen haben, wollen wir so schnell wie möglich dem Touristenrummel entkommen, finden einen kleinen Ökocampsite in der Nähe von Valladolid. Alles hier ist recycelt oder hat mehr als einen Verwendungszweck. Der Pool ist gleichzeitig Lebensraum für kleine Barsche, die einem, während man im Wasser, das von einer hauseigenen Cenote gespeist wird, liegt, die Hornhaut von den Füssen fressen. Genächtigt wird, soweit man kein eigenes Fahrzeug hat, in zu Schlafkabinen umgebauten VW-Käfern, VW-Bussen oder im Flugzeug. Wir sind die einzigen Gäste, dürfen uns ausbreiten und so liegen Paulas Schulsachen am nächsten Morgen auf den Tragflächen des Flugzeuges, Carl lernt in der Hängematte mit den Füssen bei den Pedikürebarschen, Max in der Kuschelhöhle, die aus einem umgedrehten Käferwrack gebaut wurde. So schön es ist, wir brechen doch nach einer Nacht wieder auf. Die Hitze ist kaum zu ertragen, wir haben Meertrieb.

Wir sind keine 10 Minuten gefahren, da verspricht ein Schild am Wegesrand kristallklares Cenotenwasser. Die Cenote Oxman, auf der gleichnamigen Hacienda San Lorenzo Oxman gelegen, sagt selbst der Lonely Planet, ist eine der am wenigsten überfüllten Cenoten der Gegend.

Suchend schweift mein Blick in die Ferne, vorbei an einem Zaun, einigen Bäumen und Büschen. „WOW“, „Boah“, „Mamaaaaa“- erst das Geschrei der Kinder verrät, das ich direkt davor stehe, ohne sie zu sehen. Die Kinder stehen am Zaun, blicken mit großen Augen in die Tiefe. Hinter dem Zaun klafft ein Loch, vom Rand reichen Baumwurzeln bis an die ozeanblaue Wasseroberfläche. An der mit Tropfsteinen bedeckten Wand der Cenote wachsen Moos und Farne, Kletterpflanzen nutzen die Lianen und Baumwurzeln als Rankhilfe, ein kühler Lufthauch steigt von unten herauf. Wir steigen 73 Stufen hinab in die Höhle, in eine andere Welt, in eine  Welt, in der Feen, Trolle oder Wassermänner sehr logisch erscheinen.

Ich lasse mich auf dem Rücken treiben, durch ein kreisrundes Loch sehe ich viel zu grellen Himmel, die Blätter der Bäume im heißen Nachmittagswind tanzen, unter mir ziehen in der Tiefe riesige schwarze Barsche ihre Kreise. Den Grund der Cenote können wir auch mit Taucherbrille nicht erkennen, nichts als dunkler werdendes Blau umgibt uns. Ich lasse mich in Verwunschenheit treiben und wie schon so oft in den letzten 9 Monaten, bin ich bis zum Bersten gefüllt mit tiefer Dankbarkeit darüber, die Schönheit unseres Planeten erfahren zu dürfen. Wir haben Glück, wir sind für 40 Minuten fast allein hier unten. Die Kinder schwingen an einem Seil, lassen sich kreischend ins Wasser plumpsen, bis ihre Lippen den Farbton des Wassers annehmen. Als wir später wieder im Truck sitzen, sind wir noch lange sprachlos. Jedes gesprochene Wort scheint zu grob, droht uns aus unserer Zauberstimmung zu reißen. Irgendwann allerdings muss auch mal Schluss sein mit dämlich versonnen Grinsegesichtern, ist es Zeit, wieder in der Realität anzukommen. So oder so ähnlich werden die Reisegötter gedacht haben, als sie uns als Übernachtungsort den Walmartparkplatz vom rummeligen Playa del Carmen servieren.

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Oxkintok

Nach Palenque sind die Kinder gar nicht mehr zu stoppen, wollen mehr von den Geheimnissen der Maya wissen. Mehr durch Zufall entdecken wir Oxkintok. Anders als die berühmten Stätten wie Teotihuacan und Palenque, finden laut Gästebuch nicht mehr als 10 Personen pro Tag den Weg zu dieser zwar wenig berühmten aber keineswegs unbedeutenden Stätte. Während hier in den 1980/90er Jahren umfangreiche Ausgrabungen  stattfanden, liegen die Ruinen seit 20 Jahren im Dämmerschlaf. Ab und zu finden Ausgrabungen von europäischen und nordamerikanischen Unis statt, der mexikanische Staat hingegen verfügt nicht über die Mittel, die vielen tausend Ruinenstätten im ganzen Land zu bergen. Selbst bedeutende und teilweise recht gut erforschte Stätten wie z.B Palenque sind gerade einmal zu 5% ausgegraben. Und so stehen auch hier in Oxkintok die seit dem 3. Jh. nach Christi erbauten Tempel, Wohnanlagen, Saunahäuser, Statuen und Lagergebäude nahezu unbewacht und unbeachtet in der sengenden Sonne, einzig ein zweireihiger Stacheldraht hält Eindringlinge fern. Für uns, die es gewohnt sind, dass alles historisch Relevante erforscht, kartiert und dann hinter Glas gebracht wird, ist es unvorstellbar, dass solcherlei Schätze einfach so in der Landschaft stehen.

Wir sind keine 10 Minuten auf dem Gelände, da nähert sich uns ein Mann mit einem Ordner unter dem Arm, stellt sich uns als Martín vor, bietet seinen Service als Führer an. Normalerweise erkunden wir lieber selbst, hier allerdings haben wir das dringende Bedürfnis ein wenig die Arbeit, die hier geleistet wird, zu unterstützen. Martin erzählt uns Erstaunliches, z.B., dass die Maya noch vor den Arabern eine Vorstellung von der Zahl “Null“ hatten, dass die Mütter der Maya-Oberschicht ihren Neugeborenen Holzbretter vor die Stirn schnallten, um diese abzuflachen und den Kopf in eine konische Form zu zwängen. Dass „Schielen“ ein durchaus erstrebenswertes Schönheitsideal darstellte und man daher die Augen von Babies mit Objekten, die man ihnen vor den Augen baumeln lies, umlenkte, bis der erwünschte Effekt erzielt war. Mayas benutzten halluzinogene Pilze und andere Pflanzen, um sich in einen religiösen Trance zu versetzen, nutzten Dampfbäder zur rituellen Reinigung. Sie waren erstaunlich versierte Mediziner, nähten Wunden mit Fäden aus Menschenhaar, kannten Schmerzmittel und kultivierten Heilkräutergärten. Oxkintok liegt in einem sehr trockenen Gebiet. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, erbaute man hier ein Zisternen- und Wasserleitungssystem, das auch heute noch erhalten ist. Fast wäre Max in einen nicht abgedeckten Schacht gefallen.

 

Einige der Gebäude in Oxkintok sind so gebaut, dass die Sonne zur Wintersonnenwende ihre Strahlen entlang einer bestimmten Flucht schickt. Die Fassaden der für diese Region typisch im Puuc Stil erbauten Gebäude sind aufwendig verziert, waren wahrscheinlich einst mit Naturfarben, hauptsächlich in Rot, Blau, Schwarz und Weiß bemalt. Im zentral gelegenen Satunsat, einem in seiner Art einzigartigem Gebäude, das über drei Ebenen errichtet, und durch mehrere Tunnel miteinander verbunden ist, hat man eine bedeutende Totenmaske aus Jade entdeckt. Da Jade im Yucatan nicht vorkommt, geht man davon aus, das die Einwohner regen Handel mit Mayakuturen aus Guatemala trieben. Wir hätten noch Stunden durch die Reste der imposanten Stadt stromern können, wäre nur die Hitze erträglicher gewesen. Uns läuft der Schweiß in Strömen vom Gesicht, den Kindern ist schwindelig und sie wünschen sich Fahrtwind im Gesicht.

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Ebenfalls der Hitze geschuldet fällt unser Bummel durch die Kolonialstadt Merida ziemlich kurz und der anschließende Besuch im klimatisierten Museum „Mundo Maya“ überlang aus. Erst als eine halbe Fußballmannschaft Museumsaufseher die sich auf dem kühlen Fliesenboden rollenden Kinder langsam Richtung Ausgang treibt, wird uns bewusst, dass es später Nachmittag ist, Zeit sich nach einem geeigneten Nachtcamp umzusehen.

 

Den finden wir an der Laguna Progreso. Zu durchdringendem Fischgeruch schlafen wir etwas verstimmt ein, wachen aber umso glücklicher auf, als sich uns zum Morgenkaffee dieser Blick bietet:

 

Flamingos halten Familienrat, Kormorane spreizen zum Trocknen die Flügel in den Wind, Pelikane ruhen sich zwischen erschöpfenden Jagdflügen aus, die Möwen umkreisen kreischend ihre Artgenossen in der Hoffnung auf leichte Beute. Der unserem Kacktank entspringende Geruch mischt sich mit dem des pinken Schlamms der Lagune. Auch wenn er uns nicht mehr so sehr quält wie noch vor einigen Tagen, ist klar, dass wir möglich bald etwas an unserer Hygienesituation ändern müssen. Zwar verfügt Roger über eine gemütliche Duschkabine mit härtegradverstellbarem Duschkopf, die Male aber, die wir sie in Mexiko  genutzt haben, kann ich an einer Hand abzählen. Wir haben zwar zwei Abwassertanks, aber nur einen Frischwassertank, der hier in Mexiko mit mühsam erkämpftem und teuer bezahltem „Agua Purificado“ gefüllt ist. Dieses Wasser zum Duschen zu verplempern bringe ich nicht übers Herz und so halten wir es seit Wochen wie alle anderen Overlander, die keine Dusche haben: Wir spritzen uns mit einer ausgedienten Spüliflasche ab. Dem groben Dreck werden wir so Herr, gut riechen allerdings würde eine erhöhte Wassermenge erfordern. Unsere Schuhe, unsere Kleidung, wahrscheinlich auch wir riechen inzwischen leicht nach Kanalratte. Sobald es die Zeit erlaubt, verkündet ein leuchtend gelbes Post-it an der Küchenschranktür, werden die Wassertanks neu aufgeteilt und der Kacktank muss aus dem Platz unter Max‘ Bett ausziehen und einen Platz unter Roger finden, wo er uns nicht mehr mit seinem Geruch belästigt.