Quito, April 2021

Wenn man alles tut und nichts klappen mag, dann versucht vielleicht das Universum gerade nur einem den Arsch zu retten.

Viel haben wir versucht, seit uns die Pandemie im letzten März ausgebremst hat, von einem Moment auf den anderen in den Stillstand- jedenfalls was unser rollendes Zuhause anging. Ansonsten war es wenig still, vor allem nicht in unseren Köpfen. Da schlugen die Gedanken Purzelbäume und waren zu Verrenkungen fähig, von denen ich auf der Yogamatte nur träumen kann. Als Corona uns zur „Flucht“ aus Kolumbien und dann zur Vollbremsung in Ecuador zwang, dachten wir noch, das sei eine Phase. Ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, dann würde die Welt einen Plan haben und das Leben ginge weiter wie bisher. 

Nun sind wir seit mehr als einem Jahr in Ecuador, die Pandemie hat uns nach wie vor im Griff. Gerade wieder mehr. Ich sitze am Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, blicke über im Wind raschelnde Palmenwipfel auf die Bergkette des Cayambe, es ist still, gespenstisch still für einen Sonntagnachmittag in Lateinamerika. Es ist das erste Wochenende von vieren, an dem es uns verboten ist, das Haus zu verlassen. Kurzfristig hat der scheidende Präsident Lenin Moreno auf die stark steigenden Fallzahlen reagiert und ein Dekret verhängt, das es den Menschen in den am meisten betroffenen Provinzen verbietet, von Freitag 20.00 bis Montag 5.00 das Haus zu verlassen. Unter der Woche herrscht eine Ausgangssperre ab 20 Uhr und Geschäfte dürfen nur mit einer 30%-Auslastung öffnen. Nach mehr als einem Jahr Pandemie sind wir in derselben Situation wie im März 2020: Überfüllte Krankenhäuser, dreistellige Wartelisten für Intensivbetten, geschlossene Schulen, ein Virus das nach wie vor breite Schneisen durch alle Bevölkerungsschichten frisst. 

Vor zwei Wochen hat Ecuador einen neuen Präsidenten gewählt. Mit ihm, dass hoffen viele, werden bessere Zeiten anbrechen. Hoffnung, das ist etwas, das sich in Ecuador so hartnäckig hält wie der Giersch im heimischen Garten. Obwohl die Coronalage hier in keiner Weise weniger dramatisch ist, als in anderen Teilen der Welt, scheint die Stimmung weniger depressiv als in Deutschland. Zwar ist die Angst der Menschen groß, manche haben seit Monaten freiwillig ihr Haus nicht verlassen, viele tragen zwei Masken übereinander, dazu Plastikvisier und Spusianzüge, nutzen sogar den Mundschutz, wenn sie allein im Auto unterwegs sind. Deshalb, weil es hier offiziell Gesetz ist und weil die Strafen empfindlich hoch sein können und darum, weil man, sollte man wirklich krank werden, auf sich allein gestellt ist. Dass sich nur wenige auf die Regierung verlassen können, wissen Ecuadorianer und haben sich daher ihr eigenes Sicherheitsnetz bestehend aus Freunden, Verwandten und Nachbarn geschaffen. Wir sind nur Zaungäste, haben nicht einen umfassenden Einblick in die Tiefen der ecuadorianischen Gesellschaft, aber im Alltagsleben wirken sie auf uns freundlich, offen, hilfsbereit und unendlich flexibel. Sie sind Chaos und Katastrophen gewohnt. In der Vergangenheit haben instabile Regierungen, soziale Aufstände, Vulkanausbrüche, Erdbeben und sonstige Naturkatastrophen die Bürger des Landes immer wieder aufgefordert, sich selbst zu helfen, sich zusammenzuschließen und das Beste aus der Situation zu machen. Und das tun sie auch jetzt. Das Leben ist für viele schwierig, trotzdem kommen mir Spaziergänger laut singend entgegen,  tanzt eine Frau beim Wischen des Hauseingangs mit dem Mop, schnattern Nachbarinnen beim Wäscheaufhängen von Terrasse zu Terrasse. Eine Taxifahrerin bietet mir an, 5 Tage auf unseren neuen Hund aufzupassen, weil der Hundesitter scheinbar den Termin verpasst hat. Wenn ich Einkaufen gehe, dann nennen mich die Verkäuferinnen „amiga“ (Freundin), „mi niña“ (meine Tochter), „hermana“ (Schwester), manchmal auch „chica“ (Mädchen). Natürlich ist mir klar, dass das Redewendungen sind, jeder so genannt wird, aber es sagt für mich trotzdem eine Menge über die Haltung einer Gesellschaft zueinander aus, wenn man Fremde so nennt. Wir fühlen uns wohl in Ecuador, angenommen, angekommen und beschützt, haben Sonne im Herzen, obwohl sowohl Kriminalitätsstatistik, Gesundheitswesen und das auswärtige Amt uns bezüglich dieses Gefühls laut ins Gesicht lachen. 

Rückblickend kann ich nicht verstehen, warum wir so lange gebraucht haben, dieses Gefühl zuzulassen. Wie für viele war 2020 auch für uns eine ziemliche Herausforderung. Nicht nur weil Corona uns das Leben und die Freiheit genommen hat, für die wir hinaus in die Welt gezogen sind, sondern, was noch viel schlimmer ist, die Pandemie uns jegliches Gefühl für Raum, Zeit und Richtung genommen hat. Noch nie in meinem Leben habe ich so oft in so kurzer Zeit meinen inneren Kompass verloren. Ihn wiederzufinden hat mich enorm viel Kraft gekostet, Kraft die ich eigentlich nicht zur Verfügung hatte, die ich aber aufbringen musste, um weiterzumachen. Oft wusste ich nichtmal, ob ich weitermachen will. 

Als wir im Juli 2020 in Ibarra losfuhren, kitzelte die Abenteuerlust in jedem Millimeter unseres Körpers. Endlich wieder reisen, die Wunder Ecuadors bestaunen, all das entdecken, worüber die letzten vier Monate nur lesen konnten. Die Grenzöffnung nach Peru, da waren wir sicher, sei nur eine Frage von Wochen, höchstens ein paar Monaten. Schon in Costa Rica war uns klar gewesen, dass wir noch nicht bereit wären im Januar 2021, unserem geplanten Ankunftstermin in Patagonien, zurück nach Deutschland zu gehen. Lotta allerdings würde dann die zehnte Klasse beendet haben und wollte gerne ihr Abitur machen, am liebsten in einer Schule mit Freunden und Klassengemeinschaft. Unser Plan war, Mitte Januar 2021 nach Australien zu fliegen, zwei Jahre dortzubleiben. Wir hatten bereits Plätze für alle vier Kinder an der deutschen Schule in Sydney, die Visaanträge ausgefüllt, Versicherungen abgeschlossen, warteten nur noch auf den richtigen Zeitpunkt die Anträge abzuschicken. Je nachdem wie weit wir Richtung Süden kommen würden, wollten wir Roger entweder hinterher- oder zurück nach Deutschland schiffen. Wir waren naiv genug, an diesen Plan zu glauben. Er gab uns Richtung, verlieh uns Rückenwind, hielt uns aufrecht, wenn wir ab und zu einzuknicken drohten. Im Laufe der Zeit wurde klar, dass die Überlandgrenzen Richtung Süden nicht offiziell öffnen würden. Trotzdem gaben wir nicht auf, fuhren entlegene Grenzposten an, von denen wir gehört hatten, dass Reisende passieren dürfen, wir überlegten uns, ein Floß zu bauen, um über den Rio Napo nach Peru einzureisen. Immer wenn wir einen Plan gefasst hatten, dachten einen Weg gefunden zu haben und Fahrt aufnahmen, türmten sich neue Hindernisse auf. Als gegen Ende des Jahres 2020 klar wurde, dass wir trotz Visa keine Einreisegenehmigung in Australien bekommen würden, als wir müde wurden immer wieder neue Schleifen durch das inzwischen bekannte Ecuador zu ziehen, als wir uns nichts sehnlicher wünschten als ein Ziel, beschlossen wir, das bis dahin Undenkbare: Wir würden zurückkehren nach Deutschland. Um der Reise ein würdiges Ende zu geben, buchten wir Flüge und eine Verschiffung in das sich gerade wieder öffnende Chile. Selbst wenn wir nie Argentinien würden erreichen können, hätten wir auch in Chile die Chance, die Südspitze des Kontinents zu erreichen, eine Lösung, mit der wir leben konnten. 

Als Timm kurz vor Weihnachten mit Roger am Hafen in Manta stand, die Kinder und ich in Quito, von wo aus wir fliegen wollten, auf ihn warteten, erreichten uns die ersten Nachrichten von Virusmutationen. Was wäre, wenn in den zwei Wochen, die Roger auf dem Schiff unterwegs Richtung Chile wäre, die Grenzen wieder zumachen würden und uns die Einreise verweigert würde? Dann wären wir von Roger auf unbestimmte Zeit getrennt, niemand könnte ihn im Hafen auslösen. Das Risiko war zu groß. Wir stornierten die Verschiffung, unsere Flugbuchung hatte sich merkwürdigerweise von ganz allein gelöscht, unser Konto war nie belastet worden. Nachdem nichts von dem, was wir unter enormer Kraftanstrengung und Organisationsaufwand versucht hatten anzuschieben, funktionieren wollte, beschlossen wir Weihnachten 2020, einfach aufzuhören zu kämpfen, nicht mehr den Kopf durch meterdicke Betonwände zu rammen. 

Was ist, wenn es einen Weg gibt, den wir bisher einfach nicht sehen konnten, weil wir zu sehr mit unseren eigenen Plänen beschäftigt waren? Was, wenn nichts klappte, weil etwas viel Besseres auf uns wartete? Was, wenn das Universum permanent versuchte, uns den Arsch zu retten, und wir einfach zu fokussiert auf die falsche Richtung waren und es nicht merkten? 

Wir lehnten uns zurück, hörten auf zu planen, feierten Weihnachten und Sylvester, stornierten unsere Schulplätze in Sydney, beschlossen, uns zwei Monate Pause in einem Apartment in der Innenstadt Quitos zu gönnen um zur Ruhe zu kommen. In dem Moment, wo wir aufhörten uns mit dem Schicksal um das Steuerrad zu kloppen, passierten plötzlich wundersame Dinge: Über Instagram kontaktierte mich eine deutsche Familie, die in Argentinien lebte und in Ecuador Urlaub machen wollte. Wir haben eine gemeinsame Bekannte, die ich vor zehn Jahren in Kapstadt kennengelernt hatte, die heute in Buenos Aires arbeitet und die meinte, wir würden uns gut verstehen. Als Eva und ihre Familie uns in Quito zum ersten Mal auf einen Kaffee trafen, erfuhren wir, dass sie und ihr Mann Jörg Lehrer an der deutschen Schule in Buenos Aires sind und viele Jahre auch in Quito an der deutschen Schule unterrichtet hatten. Sie schwärmten so sehr von ihrem alten Arbeitsplatz, dass wir einen Gedanken, der schon eine Weile in Timms Kopf herumspukte, in die Tat umsetzten und uns das Colegio Aleman einmal genauer ansahen. Die Kinder waren begeistert. Von da an öffneten sich alle Türen automatisch, nicht ein Mal mussten wir an einer Klinke rütteln. Wir trafen immer wieder die richtigen Menschen zur rechten Zeit, innerhalb von nur drei Wochen hatten wir Plätze an der deutschen Schule, ein wundervolles Haus mit Garten gemietet, ein Auto gekauft und einen ganzen Schwung netter Menschen, die wir heute, nur zwei Monate später unsere Freunde nennen dürfen. Alles, was uns in den letzten Monaten gefehlt hat, was wir uns für Australien erträumt hatten, haben wir völlig unerwartet hier in Quito gefunden. Warum, frage ich mich fast täglich in den letzten Monaten, waren wir so blind für die eigentlich naheliegendste Lösung? Weil wir uns verrannt hatten in unseren Plänen, weil wir nicht fähig waren, außerhalb unserer gesteckten Ziele zu denken.

Die nächsten zwei Jahre werden wir nun in Quito bleiben, werden hier warten, bis Corona die Welt nicht mehr ganz so fest im Griff hat und dann unseren Weg Richtung Süden fortsetzen. Auch wenn wir wieder in einem Alltag stecken, wird das Leben hier genug Geschichten liefern, um diesen Blog fortzuführen. Und jetzt, wo unser Leben wieder in den gewohnten Dimensionen von Raum, Zeit und Richtung verläuft, habe ich endlich wieder genug Energie, die vielen Blogeinträge, auszuformulieren, die sich noch zwischen den Deckeln meiner schwarzen Notizbücher befinden. Es sind Geschichten vom Dorf der Hundertjährigen, von Luftpiraten, von der letzten Landschildkröte ihrer Art, von dem schlimmsten Geruch der Welt, von goldbestaubten Flussbetten, von Verirrungen und Abgründen, von Liebe Hoffnung und grünen Umarmungen und von einem neuen Familienmitglied.

Wir freuen uns, wenn Du uns auch weiterhin begleiten magst.

Ecuador

12 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Hallo

    Gestern habe ich gedacht wann meldet ihr euch wieder. Toller Blog.

    Beste Grüße

    Friedrich Venema Aschaffenburg

    Von meinem iPhone gesendet

    >

  2. Vielen Dank für diesen sehr offenen und bewegenden Einblick in euer aktuelles Leben! Es freut mich, dass ihr euren Platz für’s erste gefunden habt. Sicher hatte es einen Sinn, dass ihr so lange gebraucht habt, um das Gute direkt vor eurer Nase zu finden. Ich werde auch künftig gerne euren Berichten folgen.
    Viele Grüsse aus Spanien, Cordula

  3. Ja, tolle Geschichte, tolle Entwicklung, toll geschrieben, bewundernswerte Flexibilität. Alles Gute für Euch, wieder vom Plöner See. Gerne lese ich wieder. Viele Grüße Klaus

    (über die angegeben Methoden kann ich mich leider nicht anmelden für einen Kommentar)

  4. Unglaublich, was ich hier wieder lesen kann, Ihr gebt ja nicht so schnell auf,. Habe euch schon auf der Rückreise vermutet. Würdet ihr nicht so gut zusammenhalten, hättet ihr niemals soviel Glück. Deine Beschreibungen und Berichte sind so eindrucksvoll. Freue mich mit euch, dass es weitere interessante Einträge geben wird, Lese sehr gerne in eurem Lebensbuch.Bleibt gesund.
    ,

  5. Liebe Michaela,

    vielen Dank für Deinen neuen Blogeintrag. Es ist so toll zu lesen wie es gerade bei Euch läuft und welche wunderbaren Entwicklungen ein Mensch (nein viel mehr eine ganze Familie) durchmachen kann. Ich habe eben einen Spruch gelesen der so gut zu Euch passt: Manchmal sollte man weder mit noch gegen den Strom schwimmen, sondern einfach mal aus dem Fluss klettern, sich ans Ufer setzen und Pause machen. Liebe Grüße an die ganze Familie.

    Mario & Meike aus Hannover

    >

    • hallo Mario und Meike! Vielen Dank für das nette Feedback! ja ihr habt recht-nun sitzen wir einmal ein bisschen am Flussufer und gucken dem Wasser nach, ohne das Gefühl zu haben, strampeln zu müssen. Liebe Grüße ins sommerliche Hannover

  6. Danke für diese Einblicke und danke, dass Ihr auch Eure Gefühle und Gedanken so offen teilt. Ich bin neugierig wie es weitergejht. Ich selber, auch nach langen Auslandsaufenthalten mit chronischem Fernweh infiziert und Familie mit drei Schulkiondern gesegnet, kann Eure Überlegungen gut nachvollziehen. Gut, dass es so gekommen ist und Ihr einen Platz gefunden habt an dem Ihr Euch wohlfühlt. Ich kenne Quito und Ecuador gut, ein herrlicher Ort, der viele Reisemöglichkeiten bietet. Alles Gute und keep us posted!!

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