Los Angeles & San Diego

Der Großraum LA sind die USA im Kleinformat, spiegelt sie in allen ihren Extremen wieder. Hier leben die Reichsten und die Ärmsten im Land, selbst die Landschaft scheint mit allem aufzuwarten, was die USA zu bieten haben: schneebedeckte Berge, Wüsten, Wildnis durch die Berglöwen streifen, Wolkenkratzer, filmreife Strände, Glitzer und Glamour neben perspektivlosen Homeless in Zelten am Straßenrand. LA zu durchschauen oder auch nur zu verstehen dauert sicher ein Leben lang.

Los Angeles, das ist da, wo J. Lo ihr Geld in Designerklamotten anlegt, da wo Heidi Klum mit Herrn Kaulitz Händchen hält, wo Tom Cruise mit seinen Scientology Buddies abhängt. Die Sonne scheint immer, die Maseratidichte entspricht der von VW- Bussen in unserer deutschen Heimatstadt. Hier ist Hollywood, Glamour, hier passiert alles, was in der Gala steht (sofern man die Hochadel Seiten nicht beachtet). Ansonsten ist LA vor allem RIESENGROSS. Auf sechsspurigen Autobahnen quälen wir uns stundenlang durch den Verkehr zu unserem Campingplatz, sind erstaunt wie grün und landschaftlich schön die Ausläufer dieser Megastadt sind.    

Obwohl unser Campingplatz auf der Karte superzentral aussieht, ist er sowohl von Venice Beach, als auch von Hollywood und LA Zentrum mindestens eine Autostunde entfernt. Den Campingplatz hatten wir schon vor Tagen gebucht, aufgrund Rogers Baujahr wurde uns beinahe der Zutritt verwehrt. Uns ist nicht klar, ob es Umweltauflagen oder ästhetische Gründe sind, aber ab einem Alter von 29 Jahren wird es schwierig, in Südkalifornien auf den Campingplätzen zugelassen zu werden. Und tatsächlich, als Roger zwischen den ganzen Luxusmonstercampern steht, sticht er heraus, wirkt unförmig und fehl am Platz, erinnert an das dicke Kind in der Grundschulklasse, das immer zuletzt in die Mannschaften gewählt wird und traurig am Rand steht.

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Auch wenn die anderen Camper den Anschein erwecken eine homogene Gruppe zu bilden, könnten ihre Bewohner nicht unterschiedlicher sein. Den hinteren Teil des Platzes bewohnen die Familien der sogenannten „Lineman“. Diese sind für den Bau und die Instandhaltung der Überlandleitungen zuständig, reisen durchs ganze Land, der Arbeit hinterher. Arbeit ist da, wo Masten umknicken oder beschädigt werden und so folgt ihre Route vor allem der der Stürme. Dem Mistwetter hinterherzureisen kann schonmal auf Gemüt schlagen, da wundern rhetorische Entgleisungen nicht. Als ich in die Waschküche des Campingplatzes gehe, um unsere Wäsche in den Trockner zu laden, schreit mich Bec, die Frau eines Lineman aus Kentucky an:

„Did ya put ya fuckin shit infront  of ma machine?“ Meinem entsetzten Gesichtsausdruck kann sie entnehmen, dass ich es nicht war, wird schnell zahm, erzählt dass sie sich mit einer anderen Frau um die Maschinen gestritten habe, dass ihr Mann, den sie „the man“ nennt, nicht sehen kann, was sie den ganzen Tag leistet, dass es so anstrengend ist, mit drei kleinen Kindern im Wohnwagen zu leben, immer unterwegs zu sein, jeden Monat woanders. Obwohl sie mein vollstes Mitgefühl hat, schlage ich ihr Angebot Telefonnummern zu tauschen, um ab und zu mal zu reden, dann doch aus. Coleman allerdings, einem anderen Bewohner, kann ich mich nicht so leicht entziehen. Seine Lebensgeschichte variiert ein wenig, je nach Tageszeit und Substanzpegel, jede Fassung aber ist höchst tragisch, wird von vielen „hach honeys“, Augenrollen und wedelnden Händen begleitet. Manchmal wirft er den Kopf in den Nacken, macht bedeutungsvolle Pausen mit geschlossenen Augen und jedes Mal denke ich, nun ist er ohnmächtig geworden. Dann hat er sich doch wieder gesammelt und beglückt mich mit neuen Unglaublichkeiten. Gerade im Moment wohnt er mit einem Typen im Trailer, rein platonisch natürlich, führt ab und zu dessen Hündchen spazieren. Einmal ist er Schauspieler, dreht gerade einen Film. Dann, am nächsten Tag erzählt er, sei Homeless und wurde von seinem Freund gerettet. Er habe in Portland einem Mann ins Bein geschossen mit dem Ziel ins Gefängnis zu kommen, um endlich mal wieder in einem Bett zu schlafen. Mal ist er 27, mal 31. Seine echte Mutter sei ein Showgirl, die von seinen Adoptiveltern im letzten Moment von einer Abtreibung abgehalten, bei diesen eingezogen ist, um ihn fern des Luderlebens zur Welt zu bringen. Er sei, nachdem seine Adoptivmutter, die im übrigen Multimillionärin war, 8 Totgeburten erlitten hatte, für diese ein Geschenk des Himmels gewesen. Vor drei Jahren sei seine Adoptivmutter gestorben, er habe viele Millionen bezahlen müssen, damit sie in Würde sterben konnte, den Rest des ihm bis dahin völlig unbekannten Vermögens haben Verwandte unter sich aufgeteilt. Er habe nichts haben wollen. Am Totenbett seiner Mutter habe er 12 Tage am Stück nicht geschlafen, seitdem hat er Konzentrationsschwierigkeiten und muss Amphetamine nehmen. Während er das erzählt, kifft er ununterbrochen, kann gar nicht verstehen, warum Lotta nicht auch mal ziehen will. Bisher war er in jedem Land der Welt, außer Nordkorea, China und Russland, ob man mit einem europäischen Pass in Deutschland leben kann, möchte er wissen. Ich bin hin und her gerissen zwischen Anteilnahme und dem Wunsch wegzulaufen, erliege aber derselben Faszination ganz schlechter Fernsehsendungen, die man ausschalten sollte, aber nicht kann, weil man zu fasziniert von der Peinlichkeit ist. Einen Tag später höre ich, während ich in der Bank anstehe,  zufällig das Gespräch eines sehr aufgebrachten schwerhörigen alten Mannes und seines Bank Beraters. Der Mann hatte einer jungen rumänischen Studentin $500 geliehen, damit sie Bücher für die Uni kaufen konnte. Sie war in letzter Sekunde den Nazis entkommen, da hätte er doch nicht nein sagen können. Dummerweise meldet sie sich jetzt nicht mehr, hat das Geld noch nicht zurückgezahlt. Ob er es zurückfordern könne. Wieder wie Fernsehen, denke ich und verstehe, warum so viel davon in LA entsteht.

Der Verkehr in LA ist ein Alptraum, der Highway 101 gilt als der längste Parkplatz der Welt. Uns stört das nicht, vor allem nicht die Jungen, die noch nie so viele „krasse Autos“ auf so engem Raum gesehen haben. Um Roger nicht jedes Mal durch den engen Verkehr zu quälen, mieten wir über Turo ein Auto, erobern LA stückchenweise.

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Zuerst wollen die Kinder, na klar, nach Hollywood. Die erste Mission ist, den Stern von Emma Watson oder Daniel Radcliff zu finden, eine Aufgabe, die ich mir deutlich einfacher vorgestellt habe. Der Walk of Fame am Hollywood Boulevard versprüht Reeperbahnflair. Zwischen den Touristenhorden, die sich ihre Namen in Goldlettern auf noch freie Sterne legen lassen oder Fotos mit Freddy Kruger, Mickymaus oder Wonderwoman machen, sich Boas um den Hals legen lassen, buhlen Straßenkünstler um Aufmerksamkeit. Da fast alle Blicke nach unten, Richtung Sterne gerichtet sind, eine Herausforderung. Auf dem Stern von Arnold Schwarzenegger steht ein mexikanischer Imbisswagen, auf Hale Berry sitzt eine Obdachlose, wirft brennende Streichhölzer in die Luft, ist verwundert, dass sie ausgehen. Der Nachbarstern von Kevin Spacey ist, sicher nicht zu dessen Freude, der von Donald Trump. Tatsächlich wurde der Stern Donald Trumps in den letzten Jahren so oft beschädigt, dass der Stadtrat von West Hollywood 2018 dessen Entfernung gefordert hat. Mr. Trumps Verhalten gegenüber Frauen und Einwanderern, sowie seine ablehnende Haltung zum Klimaschutz seien nicht mit den Werten der Region zu vereinbaren. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Walk of Fames, dass über die Entfernung eines Sternes diskutiert wird. Trump hatte seinen  2007 für Erfolge im Showbusiness erhalten. Jedes Jahr werden 200-300 Personen für einen Stern vorgeschlagen, nur 20-24 von ihnen bekommen ihn tatsächlich, müssen folgende Bedingungen erfüllen: außergewöhnliche berufliche Errungenschaften, 5jährige dauerhafte Medienpräsenz und das Leisten gemeinnütziger Beiträge, sowie einen Sponsor der $40.000 für den Stern zahlt.

Da mein Wissen was Stars und Sternchen angeht, ähnliche Lücken aufweist, wie meine Kenntnis aktueller Aktienmärkte, fahren wir mit Guide und Cabriobus durch Hollywood und Beverly Hills. Katy Perry hat einen grünen Briefkasten, Justin Timberlake und Jessica Biel wohnen in einem Haus mit mediterranen Lehmdachziegeln, im ehemaligen Haus von J.Lo lässt sich nun  auch Gwen Stefani scheiden, Quentin Tarentinos Haus sieht viel bodenständiger aus, als man denkt und Sasha Baron Cohen hat wunderhübsche Fensterläden. Mily Cyrus protziges Tor zieren goldene Adler, Snoop Dog fährt Ferrari und jeder der nicht sofort erkannt werden möchte, fährt dunklen Range Rover oder G Wagen mit getönten Scheiben. Die Polizisten der Polizeiwache in der Lindsay Lohan ihren Zweitwohnsitz beantragt hat, grüßen freundlich, in Beverly Hills zupfen Rich Kids Ihre Frisur an den Rückspiegeln ihre Porsches zurecht. Der Rodeo Drive, die Shoppingmeile der Stars, ist wie ausgestorben, obwohl es der Tag vor den Academy Awards ist und wir fest damit gerechnet haben, dass hier noch hektisch Lastminute Outfits geshoppt werden würden. Wir machen die obligatorischen Fotos von den Hollywood Buchstaben, dem Beverly Hills Sign, staunen über die Hauspreise.

Die nächsten Tage sind die Kinder im Rekordtempo mit der Schule fertig, zu viel Spannendes steht auf dem Zettel: Wir fahren nach Malibu. Die Brandspuren der verheerenden Brände in den Santa Monica Mountains im letzten Sommer werden von zarten Grün überdeckt, uns wird klar, dass nicht allein Hollywood der Grund ist, warum so viele Celebreties hier leben. Die Landschaft ist wirklich phantastisch. In Malibu gehen wir am Strand spazieren, essen zu Mittag, blicken den Helikoptern hinterher, die im Minutentakt Richtung Hollywood fliegen.

Es ist der Tag der Oscarverleihung und der Strand ist wie ausgestorben. Wir fahren den Pacific Highway bis Santa Monica, bummeln  am Santa Monica Pier am berühmten Riesenrad vorbei, sehen Artisten im Park beim Trainieren zu, kaufen Popcorn  zum Sonnenuntergang.

Am palmengesäumten Venice Boardwalk wissen wir nicht, wohin wir zuerst gucken sollen: Muskelprotze führen geölte Oberkörper spazieren, von allen Seiten saust es mal mit Rollschuhen, dann mit Fahrrad oder Skateboard an uns vorbei. Man kann sich massieren lassen, ein Gedicht in Auftrag geben, Anti-Trump Bikinis kaufen. Während man an anderen Stränden in LA Wert auf makelloses Aussehen legt, möchte man hier vor allem auffallen: Zylinder, Regenbogentütu, Einhornhütchen, Herzchensonnenbrille, Haare in allen Regenbogenfarben, Glitzershorts, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wer nicht in einer der zahlreichen Bars und Restaurants sitzen möchte, mietet einen fahrbaren Barwagen, den man durch Fahrradpedale antreiben muss, um nicht mitten im Straßenverkehr stehen zu bleiben.

In Downtown LA bewundern wir die Walt Disney Concert Hall, waten auch hier durch Pipipfützen der örtlichen Homeless.

Meiner Vorliebe für Friedhöfe frönen wir auf dem „Hollywood Forever“ Friedhof, wo imposante Mausoleen, unzählige Grabstätten von Superstars neben den bescheidenen Gräbern Normalsterblicher und den geschmacklosen Denkmälern russischer Oligarchen daran erinnern, dass wir am Ende doch alle denselben Weg gehen. Mondän, tragisch, manchmal lustig, die Inschriften der Grabsteine sind deutlich kreativer als auf gewöhnlichen Friedhöfen, über die gepflegten Grünflächen schreiten Pfauen, am Eingang stehen Golfkarts für die weniger Beweglichen zur Verfügung, in einem künstlichen See sprühen Fontänen- selbst der Tod ist hier ein Spektakel.

Auf ein Spektakel anderer Art freuen sich die Kinder seit Monaten: Disneyland! Die Erwartungen sind hoch, da der Park mit dem Slogan „the happiest place on earth„ wirbt. Sehr früh am Morgen stehen wir auf, stehen noch vor der Öffnung des Parkes an der Kasse- zusammen mit Hunderten. Viele, so scheint es, haben den Besuch seit Monaten vorbereitet, tragen Disney T-Shirts, Disneyleggings, die Kinder sind als Prinzessinen und Superheros verkeidet, Papas mit lustigen Sprüche-Shirts oder Baseballcaps mit lustigen Ohren. Eine Oma im Rollstuhl trägt Glitzeröhrchen, wird von Opa mit Goofy-Knopf-Hose geschoben.Das Shirt einer Frau trägt die Aufschrift „Best day ever“, das ihres Mannes „most expensive day ever“. Die Preise sind tatsächlich gepfeffert- und in Chilli paniert, mit Tabasco übergossen und mit Jalapenos gefüllt. Wir bezahlen 130 Dollar pro Person, 30 Dollar fürs Parken, eine Flasche Wasser kostet 5 Dollar. Meine Laune sinkt im Minutentakt. Mir sind Menschenmassen und Themenparks ein Graus, Zwangsbespaßung finde ich fürchterlich. Die Kinder rechnen aus, dass wenn wir 12 Stunden bleiben, wir pro Person und Stunde nur etwas mehr als 10 Dollar bezahlen müssen. Das wäre doch durchaus vertretbar.

Wir bleiben 12 Stunden. Problemlos. Und ich habe tatsächlich den „best day ever“, wir alle. Das Disneyland ist großartig! Schon nach 20 Minuten bin ich überzeugt. Obwohl Massen von Menschen in den Park strömen, verteilen sie sich gut. Die Kulissen entführen uns in andere Welten, die Mitarbeiter sind EXTREM freundlich, die Liebe zum Detail haut mich im Sekundentakt um. Das Disneyland ist flächenmäßig nicht viel größer, als deutsche Themenparks, geht dafür aber mehrere Stockwerke in die Tiefe. Wer allein darauf aus ist, seinen Adrenalinspiegel in die Höhe zu treiben, wird hier nicht glücklich. Wer aber phantasievolle Kulissen und Hollywoodspezialeffekte liebt, der will hier nicht mehr weg. Als wir gegen Mitternacht wieder in den Betten liegen, lassen uns die Endorphine noch lange nicht schlafen.

Wie auch der erste Teil des Pacific Coast Highways, liegt auch unser Weg von LA nach San Diego wieder im Nebel. Macht aber nichts, da es sich gefühlt um eine einzige ineinander übergehende Stadt handelt. Die Küste ist extrem dicht bebaut, einsame Strände finden wir nicht. Stattdessen campen wir eine Nacht an einem Atomkraftwerk, fahren dann weiter und bleiben eine Woche auf einem Platz etwas außerhalb San Diegos. Wir müssen einen Ölwechsel machen und unsere Bremsbelege erneuern, eine Aufgabe, die aufgrund unserer alten Trommelbremsen ein ziemliches Gerenne bedeutet. Außerdem hat unser Diesel Generator den Geist aufgegeben, braucht eine neue Zylinderkopfdichtung. Während Timm sich abmüht, haben die Kinder auf dem Campingplatz einen riesen Spaß: Hüpfburgen, Pool, organisierte Kinoabende und Lolly-Schatzsuche halten sie beschäftigt, schnell haben sie eine ganze Horde Freunde. Und auch Timm und ich kommen, was neue und alte Bekanntschaften angeht, nicht zu kurz. Die anderen Camper auf dem Platz, zumeist reisende Rentner und junge Familien sind sehr gesellig und wir machen viele inspirierende Bekanntschaften. Die beiden Highlights in San Diego allerdings sind der Zoo und, unser absolutes Superhighlight, ein Treffen mit einer Klassenkameradin, die ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe. Sie lebt mit ihrer Familie hier und forscht mit ihrem Mann zusammen an der Heilung von Zystischer Fibrose. Wir verbringen einen wundervollen Nachmittag, haben uns so viel zu erzählen, verfallen nicht einmal, wie doch so oft bei solchen Treffen, in den „Gutealtezeit- Modus“. Wir dürfen mit den Kindern Sandras Arbeitsplatz besuchen, sie zeigt uns das Labor, gibt uns Einblicke in den Forscheralltag. Die Kinder sind total geflasht, beeindruckt davon, welch einen Gewinn Sandras Arbeit für die Allgemeinheit bedeutet. „Wie schlau manche Leute sind, unglaublich“, ist ihr ergriffenes Urteil, und Max hegt die ihm geschenkten Laborhandschuhe und Teströhrchen wie einen Goldschatz. In Gedanken sind wir bereits auf dem Weg nach Mexico, werden San Diego durch unser „Vorbereitungsgerenne“ nicht wirklich gerecht, nehmen uns vor, dieser Stadt irgendwann einmal einen weiteren Besuch abzustatten.

Grand Canyon

Ein Roadtrip durch den Westen der Staaten, ohne den Grand Canyon zu sehen, ist wie Spaghettieis ohne Erdbeersoße: Unvollständig. Und doch müssen wir uns mit diesem Gedanken auseinandersetzen. Bryce Canyon, Antelope Canyon, Yosemite, Monument Valley, alles Highlights auf die wir uns extrem gefreut haben, die wir aber eins nach dem anderen von unserer Liste haben streichen müssen. Wir sind einfach zur falschen Zeit hier. Unsere je 4 Wochen in Vancouver, San Francisco und Berkeley haben uns in unserem Zeitplan zurückgeworfen. Jetzt im Winter sinken die Temperaturen im Grand Canyon nachts auf bis zu -15 Grad, viel zu kalt für unsere neu installierten Wasserpumpen. Von Las Vegas aus sind es nur knapp 200 Meilen bis zum Westende des  Canyons, wir beschließen, einen Tagesausflug dorthin zu machen. Es ist nicht dasselbe, aber besser als ihn gar nicht zu sehen.

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Unsere erste Wüstennacht nach dem Las Vegas Intermezzo verbringen wir am Lake Mead, dessen Photoshopblau unwirklich gegen die ihn umgebende felsige Kargheit wirkt. Die venezianischen Kanäle, der „Comer See“ vor dem Bellagio, die Lagunen und Wasserfälle des „Wynn“ und des „Mirage“ Hotels, sie werden vom Wasser dieses Sees gespeist. Ausbleibende Regenfälle und der stetig steigende Wasserverbrauch Las Vegas‘ haben die Pegelstände des Sees in den letzten 20 Jahren stetig sinken lassen. Heute zeichnet sich die Hochwasserlinie deutlich sichtbar 30m über der Wasseroberfläche ab- ein erschreckendes Bild.

Viel später als geplant fahren wir am nächsten Morgen Richtung Westende des Grand Canyon. Dieser Teil des Canyons ist nicht Teil des Grand Canyon National Parks, sondern wird autark von der Hualapai Nation verwaltet. Es ist der von Vegas am besten zu erreichende Teil des Grand Canyon, wer keine Zeit hat, kommt mit dem Helikopter. Zeitweise kreisen bis zu fünf auf einmal über unseren Köpfen. Wir beschließen, dass uns das heute nicht stören wird, da die einzige Alternative gewesen wäre, ihn gar nicht zu sehen.

Mit abgehackten Gesten, die Ungeduld vermuten lassen, wird uns von einem Einweiser auf einem schottrigen, von provisorischen Absperrungen umschlossenen Parkplatz eine Lücke zugewiesen. Wir parken, sehen uns suchend um. Ähnlich einem Verladepferch für Rinder werden die Besucher durch geschickte Zaunführung in eine Reihe gelenkt. Wir reihen uns in die lange Schlange Wartender ein. Wofür genau, wissen wir nicht, da aber der gesamte Parkplatz abgesperrt ist, ist dies die einzige Möglichkeit. Vor uns stehen gepimpte Tussis, hinter uns eine indische Familie. Nirgends finden wir Schilder, die Preise oder Informationen verraten. „How many?“, blafft uns ein weiterer Einweiser in neongelber Weste an, als wir endlich den Anfang der Schlange erreicht haben. Wir werden durch einen Souvenirshop gelotst, der mehr einer unorganisierten Lagerhalle ähnelt, stellen uns wieder an. Die Kassiererin hat wenig Verständnis für unsere Nachfragen zu den verschiedenen Paketpreisen die sie auswendig mit starrem Blick auf ihren Bildschirm runterleiert. Sie will nur unser Geld, sehr viel davon. Die günstigste Version den Canyon zu sehen, kostet $49 pro Erwachsener und $44 für die Kinder. Den Skywalk, eine gläserne Plattform über den Canyon, sparen wir uns. Das hätte weitere $ 20 pro Person gekostet. Als Timm wissen möchte, was nun genau im Preis enthalten ist, wohin das Geld geht (in die lieblose Infrastruktur jedenfalls nicht) setzt sie uns davon in Kenntnis , dass wir uns hier auf Stammesgebiet befänden. Es klingt ein bisschen drohend. Wir sollten froh sein, nicht auch noch Steuern zahlen zu müssen                            ( Stammesgebiete, auch die von vielen First Nations betriebenen Casinos sind von der Steuer befreit). Ein weiterer Einweiser schiebt uns Richtung Busbahnhof, von wo aus wir in halsbrecherischem Tempo Richtung Canyonrand gekarrt werden. Neben mir steht ein alter indischer Mann, der schwer mit dem Gleichgewicht zu kämpfen hat, Carl sucht verzweifelt nach Halt, wird vom Fahrer angepöbelt, seine Finger vom Türmechanismus fernzuhalten. Zwischendurch brüllt er einige Infos nach hinten, aber schon die 3 Reihe kann sie nicht mehr verstehen. Ein Mikrophon wäre hilfreich gewesen. Der erste Stop am Canyon bietet phantastische Blicke. Blicke die mich mit allem versöhnen. Zwar bin ich extrem angespannt, als ich all die Leute direkt am Rand der 1200m tiefen Schlucht für Fotos posieren sehe, versuche mich aber auf den photografischen Vorteil eines fehlenden Zaunes zu konzentrieren. Ein Mann in Neonweste greift ein, wenn jemand mit den Fußspitzen den Canyonrand berührt.

Dann werden wir in einen weiteren Bus gepfercht, fahren an den nächsten Aussichtspunkt, der den ersten tatsächlich noch übertrifft. Die Aussicht ist grandios, ab und zu fliegt ein Helikopter durch den Canyon, ansonsten hallen nur die Rufe streitsüchter Raben von den Canyonwänden wieder.

Es wird langsam kalt, bis zum Sonnenuntergang bleiben uns noch zwei Stunden. Bis dahin müssen wir es in tiefere Regionen schaffen, wollen wir nicht wieder neue Wasserpumpen kaufen müssen. Wir steigen in den nächsten Bus, der, als er den Parkplatz erreicht, allerdings keine Anstalten macht, anzuhalten. Auch nicht auf Nachfrage. Stattdessen fahren wir zu einer Ranch, auf der man im Sommer im Halbstundentakt Ausritte buchen kann. Jetzt sieht das Gelände müllig und verweist aus. Wir bleiben einfach sitzen, blicken dem Strom der Leute nach, die sich durch die Tore ins Nichts begeben. Außer ein paar alten Kutschen und Pseudo- Westernstadtgebäuden ist dort nichts. Zurück auf dem Parkplatz dürfen wir wieder nicht den direkten Weg zu Roger gehen, sondern werden von zwei Ordnern genötigt, noch einmal durch den Souvenirshop zu gehen. Der Himmel färbt sich schon rosa, als wir endlich mit gemischten Gefühlen losfahren können. Die Blicke waren phantastisch, die Landschaft grandios. Von ganzem Herzen gönnen wir der Hualapai Nation den Profit, den sie aus dem Canyon auf ihrem Reservat erwirtschaften können. Das „Wie“ allerdings macht den Unterschied und ein bloßes Melken der Touristen ohne im Gegenzug weder für Informationen, Komfort oder Sicherheit zu sorgen, unfreundlich und arrogant auf Fragen zu antworten entlockt mir ein herzliches FUCK YOU!

Vom Grand Canyon bis LA fahren wir einen Teil der Route 66, campen fast überall wild. Im Mohave Valley finden wir ein ausgeblichenes Kuhskelett, versuchen es wieder zusammen zu puzzeln.

Max fällt in einen Kaktus, wir müssen wir ihm bleistiftminendicke Stacheln aus dem Bein operieren. Er erträgt es tapfer und springt eine Stunde später wieder fröhlich durch den kleinen Ort Oatman, einer touristischen Cowboystadt.

Eine Nacht campen wir direkt auf einer Zeitzonengrenze. Links von Roger ist es eine Stunde später als rechts. Max beschließt das Schulzeit sich an der linken Seite orientiert.

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Obwohl die ersten Frühlingsblumen am Wegesrand wachsen, ist es noch immer empfindlich kalt. Als wir im Joshua Tree Park campen, ist für den nächsten Tag Schnee vorausgesagt, es weht ein eisiger Wind, und der Himmel ist grau. Wüste plus Californien ist gleich warm, könnte man meinen. Stattdessen müssen wir unsere Wasserpumpen trockenlegen, damit sie nicht erneut kaputt frieren.

Wieder feuern wir den Ofen an, tragen Mütze und Handschuhe. Lottas Laune sinkt proportional zu den Temperaturen, wir befürchten eine Meuterei, die einzig unsere baldige Ankunft in LA aufhalten könnte.

Las Vegas

Das deutsche Jugendschutzgesetz steckt voller Gründe, die dagegen sprechen, mit Kindern nach Las Vegas zu fahren. Wenn wir unsere Reise als Bildungsreise verstehen, und wollen, dass die Kinder ein umfassendes Bild der amerikanischen Gesellschaft bekommen, dann wollen wir ihnen (und uns) „Sin City“, die Stadt der Sünden, nicht vorenthalten. Glücksspiel, Prostitution, Oceans 11, Siegfried und Roy, Luxushotels- die Assoziationen, die Las Vegas hervorruft, lassen sich ins Endlose fortführen. Wir können es kaum erwarten, sie mit eigenen Bildern zu füllen.

Nach fast zwei Wochen unter den Sternen des Wüstenhimmels, sind die Lichter der Stadt ein Schock. Der Himmel ist hier niemals schwarz, so etwas Banales wie Sterne haben keine Chance zu leuchten. Als wir lange nach Sonnenuntergang zum ersten Mal über den taghell erleuchteten „Strip“, die Hauptstraße Las Vegas‘ fahren, trage ich Sonnenbrille. Der Werbelaster neben uns blendet, lässt vor unseren Augen schwarze Punkte tanzen und ich fürchte um mein Augenlicht. Für das, was sich zwischen dem grellen Blinken durch meine Netzhaut fräst, kenne ich nur einen Begriff: Absurd! Die Kinder sind völlig aus dem Häuschen, ergänzen das Spektakel vor unseren Augen akustisch. Nach ein paar Minuten ist Paula sich sicher „Ich liebe Las Vegas!“, eine Meinung, die sie bis heute vertritt.

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Wir fahren vorbei an der Sphinx in Lebensgröße, am Luxor Hotel, das in Pyramidenform gebaut, den Anfang des Strips markiert. Das „Excalibur“ ein riesen Schloss, sieht aus wie der Lego Friends Welt entsprungen. Über die Dächer „New Yorks“ rattert eine Achterbahn, vorbei an der Freiheitsstatue im Basketballtrikot. Ein paar Meter später sind wir schon in Paris, zu unserer Rechten der Eiffelturm. Im „Bellagio“ gegenüber türmen sich aus einem dem Comer See nachempfundenen Gewässer beleuchtete Wassermassen in den Himmel, im „Venetian“ schippern Gondolieri durch künstliche Kanäle. Das Imitat des Markusplatzes unterscheidet sich nur dadurch, dass es nicht von Taubenschwärmen bevölkert ist. Im Dschungel des „Mirage“ bricht stündlich ein künstlicher Vulkan aus, sprüht Funken und Flammen, die Antike blüht im fast schmerzhaft kitschigen „Ceasar Palace“ auf. Der RV Park auf dem wir einen Stellplatz reserviert haben, befindet sich im „historischen“ Teil Las Vegas‘ (Downtown), gehört zum „Main Station Hotel“ und Casino, einem der ältesten der Stadt. Wir beschließen, Roger zu parken und, obwohl es schon 20.30 ist, später mit dem Uber zum Strip zurückzufahren.

 

Wir starten am aus dem „Oceans Eleven“ bekannten Hotel „Bellagio“. Als wir zwischen den Stretchlimousinen wenig glamourös unserem Uber entsteigen, kommen wir gerade rechtzeitig zur halbstündlich stattfindenden Wassershow. Zu Andrea Boccelis „Time to Say good bye“ tanzen computergesteuert beleuchtete Wasserfontänen 140m hoch in den Himmel und rauschen donnernd wieder herab.

Wir sind sprachlos, ein Zustand, in dem wir uns die nächsten Stunden befinden werden. Etwas unsicher stehen wir wenig später am Eingang des Hotels, als uns ein Page schwungvoll die Tür öffnet, „Welcome, enjoy your evening!“ Wir tragen Rucksack, Blundstones, Jeans und haben 4 minderjährige Kinder dabei, erfüllen nicht annähernd den Dresscode für ein Fünfsterne Hotel, geschweige denn die Voraussetzungen für einen Casinobesuch. In Australien bin ich einmal von einem Casinosicherheitsbeamten vor die Tür begleitet worden, weil meine Jeans ein Loch hatte, bin entsprechend unschlüssig. Hier in Vegas ist das kein Problem. Jeder hat Zugang zu jedem Casino. Kinder inclusive. So lange sie nicht an den Maschinen oder Tischen stehen bleiben, sondern nur gucken und weitergehen, sei das kein Problem, so eine freundliche Angestellte in kurzem Rock mit auffällig hübschen Beinen. Bei Babies allerdings macht man eine Ausnahme. Die dürfen den ganzen Abend im Zigarettenrauch und Whiskeydunst am Spiel ihrer Eltern teilhaben, sowohl im Kinderwagen, als im Tragetuch wie ich feststellen muss. Wunderschöne Frauen in bodenlangen Abendroben stöckeln elegant am Arm ihrer befrackten George Clooneys, Asiaten tippeln knipsend von Tisch zu Tisch, lärmende Gruppen mit „Vegas 2019“ T-Shirts drängeln sich um die Roulette Tische, der eine oder andere schwankt bedenklich. Zu jedem Hotel in Vegas gehört ein Casino, mindestens 2-3 Sterne Restaurants, Wedding Chapels (Hochzeitskapellen) und ein hauseigenes Theater mit Show, im Bellagio performt der Cirque de Soleil, auch in der erotischen Ü18 Version.

Obwohl Las Vegas seit Jahren versucht, sich vom Schmuddelimage zu befreien und familienfreundlich zu werden, ist käuflicher Sex allgegenwärtig. Leuchtreklamen preisen zügellose Damen an, die man sich auf Wunsch mit der Limousine liefern lassen kann. Eine Bar wirbt mit Jungfrauen, „jetzt noch jünger“, eine andere damit, sich doch mal die „Eier brechen zu lassen“. Ein Bilboard bewirbt „Little Darlings“, komplett nackt, jetzt aus dem Jahrgang mit Schulabschluss 2018. Frauen im Stringtanga, mit Netztstrümpfen, Federpuscheln am Po und bommelbedeckten Brüsten posieren für Erinnerungsfotos. „Ist denen nicht kalt“, möchte Max wissen, zuppelt an seiner Daunenjacke. „Doch sicher, aber das ist deren Job“ lautet meine etwas lahme Antwort. „Blöder Job, und überhaupt warum will man solche Fotos?“ Wir erklären den Jungs das Konzept von Nacktbars und Prostitution. Beide sind entsetzt, dass manche so mit Frauen umgehen, Paula wird wütend, weil ihrer Meinung nach Frauen die sich so behandeln lassen, dem gesamten weiblichen Geschlecht schaden. Überhaupt beschäftigt sie das Thema Gleichgberechtigung im Moment sehr. In einem Englischaufsatz über ihre Lieblingsschauspielerin Emma Watson hat sie vor allem deren feministisches Engagement in den Vordergrund gestellt.

Während wir über den Strip bummeln, zwinkern Pleasuregirls in engen Leggings Timm zu, mir haucht ein besoffener alter Sack mit Vodka to Go Becher in Wasserpfeifenform  ein „Hi“ in den Nacken. Betrunken, und damit willenlos zu sein, scheint in Las Vegas der erwünschte Zustand. Überall, zumindest an dem Ende des Strips, der statt Gucci und Prada Shirts mit der Aufschrift „What happened in Vegas, stays in Vegas“ verkauft, sind Barstände aufgebaut, die Hochprozentiges in Slusheisform mit lustigen Bechern verkaufen. Es wirkt. Die Kinder lachen über zwei mittelalte Freundinnen, die im Zickzack über den Bürgersteig schwanken, sich krampfhaft aneinanderklammern. Sekunden später liegen sie am Boden, reißen sich gegenseitig an den Haaren, beschimpfen sich (zum Glück auf Englisch) aufs Übelste. Die Jungs lachen Tränen, die Mädchen sind geschockt und peinlich berührt. Passanten drehen Videos, feuern die Damen an. Erst als sie von Sicherheitskräften getrennt werden, scheinen sie sich zu beruhigen und schunkeln Arm in Arm davon.

Dem dritten Übel dem Vegas seinen legendären Ruf verdankt, kann man gar nicht aus dem Weg gehen. Betritt man unschuldig einen Starbucks oder eine Apotheke, landet man unweigerlich plötzlich vor einem Spielautomaten. Sogar an der Supermarktkasse kann man sich die Wartezeit mit Daddeln verkürzen. Viele der Casinos haben 24/7 geöffnet, manche haben nicht einmal Türen, sondern sind die über die gesamte Gehwegfront dauergeöffnet. Dort sitzen noch am Abend die Leute die den Tag, im Pyjama und Hausschuhen, mit einer kleinen Aufwärmrunde begonnen haben. Prunk und Trash sind in Las Vegas keine Gegensätze, gehören absolut gleichwertig zum Bühnenbild dieses verrückten Zirkus.

Bis nach Mitternacht ziehen wir an unserem ersten Abend durch die vielen Hotelcasinos, Malls und schauen uns die verschiedenenen Miniwelten an, die jedes Hotel erschafft. Als wir mit dem Uber zurück zum Trailerpark fahren, schläft Max auf der Rückbank ein. Unser Fahrer kommt aus Jordanien, ist seit 1,5 Jahren in Las Vegas. Um seine in Amerika studierenden Kinder zu unterstützen, arbeitet meist 16 Stunden am Tag, beginnt zwischen 15 und 16 Uhr, fährt die Nacht durch bis 8 Uhr morgens. Wenn er müde wird, bringt ihm ein Freund Kaffee von Starbucks, manchmal schläft er eine Stunde. Wenn er seinen Kindern die nötige Starthilfe verschafft hat, möchte er zurück nach Jordanien, wo seine Frau auf ihn wartet.

Erschlagen von der Nacht und den Eindrücken, werden wir am nächsten Morgen erst nach 11 Uhr wach. Es regnet es in Strömen, alles ist grau. Dort wo es gestern verheißungsvoll und einladend geblinkt und geblitzt hat, dominiert Tristesse. Die Lichter sind aus, Hangover. Ich habe Kopfschmerzen, die Wimperntusche zeichnet mir Ränder unter die Augen, auf der Zunge ein Geschmack nach Aas. Ich bin gestern todmüde ins Bett gefallen, habe weder Zähne geputzt, noch mein Gesicht gewaschen. „Genauso fühlt sich Aufwachen in Vegas an“, denke ich. Meine Schlafanzughose hat Leopardenmuster. Zu Hause lustige Ironie, wirkt sie hier plötzlich seltsam tragisch. Ich kann sie kaum ertragen, fühle mich trashig, habe das dringende Bedürfnis zu putzen, zu waschen, eine ordentliche Hausfrau zu sein. Ich koche Lasagne, zünde Kerzen an. Die Schule mache ich an diesem Tag besonders gewissenhaft. Ich möchte dringend heile Welt um mich. Um unsere Wäsche zu waschen, muss ich ins Casino des Main Road Station Hotels um an der Casinokasse Münzen einzutauschen. Es ist 12 Uhr am Morgen, der Dunst von Rauch und Bier schlägt mir entgegen. Vor den blinkenden Maschinen sitzen Leute, stieren in die sich drehenden Fensterchen. Ein dicker Mann schlurft am Gehwagen vorbei, eine blaugeschminkte Mittsechzigerin mit lila Acrykrallen starrt auf die blinkenden Lichter vor sich. Aus den Lautsprechern ertönt „Paradise City“, von allen Seiten dudelt es. Ich schiebe der Kassiererin einen Fünfdollarschein unter dem Gitter des Kassentresens durch und bitte sie, den in Quarters zu wechseln „Für die Waschmaschinen“ fühle ich mich genötigt klarzustellen und ernte einen gleichgültigen Blick.

Als die Säufersonne endlich aufgeht und die Lichter am Main Station Hotel wieder blinken, sind wir wieder ausgehfein. Die Gegend um das Main Station Hotel, das „alte Vegas“ ist deutlich trashiger als das neue Zentrum am Strip, das erst seit den 80gern gewachsen ist. Eine zum Dach aufgespannte Leinwand blinkt in allen Farben, über unsere Köpfe fliegen Leute an einer Zipline hinweg, ein Mann hält ein Schild „My Penis is brocken. Can I put it in your ass? Please donate“. Ein Miss Piggy Verschnitt in engem kurzen Brautkleid und roten Stilettos stakst uns entgegen, der Wind hat den Schleier auf Halbmast gesetzt, ihr frischer Ehemann im passenden roten Hemd zieht einen Trolley hinter sich her. Aus den Boxen ertönt überlaut „Material Girl“, Panflöten versuchen, sich Gehör zu verschaffen und ein Mann trommelt auf umgestülpten Farbeimern, dazu tanzen angetrunkene Damen aus Montana. Es ist Valentinstag, überall  werden Rosen verkauft. Eine alte Frau mit kleinem Hund bittet um eine Spende. Zu ihren Füssen sitzt eine dauergewellte Endzwanzigerin mit viel Kajal um die Augen. Sie knutscht den Hund immer wieder, wischt mit ihrem Gesicht von links nach rechts über dessen Schnauze, während der Hund sich irritiert ihren Rotz von der Nase leckt. Die Bettlerin ist genervt, versucht ihren Hund ein Stück zur Seite zu ziehen, erfolglos.

Vor einem Restaurant, dessen Namen etwas mit „Heart Attack“  zutun hat, steht eine gigantische Viehwaage vor der Tür. Wer mehr als 350lb wiegt, isst hier frei. Drinnen sitzen die Menschen in Krankenhauskitteln, die hinten offen sind, die Stühle scheinen stabiler als sonstwo. Wir kommen vorbei an Wedding Chapels, vor deren Tür  Oldtimer oder Limousine für das Hochzeitsfoto geparkt sind. Nebenan kann man Anzug und Brautkleid mieten oder im Stripclub zwei Türen weiter seinen Junggesellenabschied feiern.

Uns zieht es wieder in den glamourösen Teil der Stadt. Hier treffen wir Barbie, und viele ihrer Freundinnen. Sie sind deutlich aufwändiger in Stand gesetzt, als die Frauen in der Fremont Street. Lachen können sie trotzdem nicht, vielleicht tun die frisch aufgespritzten Lippen weh oder das Botox hat ihnen diesen gleichgültig arroganten Gesichtsausdruck verliehen. Später am Abend kann man doch einen Hauch von Unglück in den Augen der hübschen Gesichter erkennen. Den Grund verrät ihr leicht hölzerner Gang und ein Blick hinunter auf die Absätze, welche die Beine der Damen um rund ein Drittel verlängern. Ob die Leute sich gar nicht an ihrem Reichtum freuen können, ob sie gar nicht froh sind, das alles sehen zu können, möchte Paula wissen. Eine berechtigte Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Im „Venetian“ wandeln wir im perfekt gedimmtem Abendlicht unter mediterranem Kunsthimmel durch die Straßen Venedigs, die venezianischer sind als das Original. Gondolieri schippern, inbrünstig vor sich hinschmetternd, verliebte Paare durch die Indoorkanäle. Im „Wynn“ Hotel klettern Meine-Coon- Kätzchen die Stämme des angelegten Dschungels empor, dezent versteckt stehen Futternäpfchen im Bodengrün. Hier blicken selbst die Verkäufer der Edelboutiquen gelangweilt ins Leere. Paula kann das alles nicht fassen, ruft immer wieder „Waaaaas? Ich liebe Vegas!“, sprudelt über vor Aufregung und Begeisterung und erreicht, was all der Prunk der Stadt nicht zu schaffen vermag: Ein flüchtiges Lächeln in die Gesichter einiger Passanten zu zaubern.

Als wir nach zwei Tagen Las Vegas Richtung Grand Canyon verlassen, übernimmt endlich wieder der Himmel das Kommando und gibt uns Raum, die Eindrücke dieser verrückten Stadt zu verarbeiten.