Über die Sierra zum Pazifik

Manchmal ist die eigene Winzigkeit zu fühlen das Beste, was einem passieren kann. Immer wieder auf dieser Reise geht mir das im Angesicht der oft schwer fassbaren Natur so. Feuer und Rauch spuckende Vulkane, grollende Erdbeben, die Fensterrahmen zittern lassen, undurchdringliche, vor Leben strotzende Urwälder, tausend Jahre alte Baumriesen, archaische Hochgebirge, die Kraft der Ozeane, fremde Welten unter der Wasseroberfläche- diese Begegnungen und Erfahrungen katapultieren mich sofort aus dem Zentrum meines eigenen Lebens, rücken den Kopf zurecht, geben der Zeit eine neue Dimension. Was sind schon ein paar Monate Pandemie im Angesicht Millionen Jahre alter Berge? 

Wenn meine Ur-ur-urenkel irgendwo auf der Welt Schulbrote für ihre Kinder schmieren, wird der Chimborazo, in dessen Schatten wir heute Nacht gecampt haben, noch immer hoch über dem ecuadorianischen Páramo thronen. Vielleicht aber wird seine Spitze dann nicht mehr so blendend arztkittelweiß leuchten, wie sie es heute tut. Mit 6263m ist der Chimborazo der höchste Berg Ecuadors, sein Gipfel ist wegen der Nähe zum Äquator der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernte Punkt der Erdoberfläche. Der Gipfel ist ab ca. 5100m vereist, einige Gletscherarme reichen bis 4600m hinab. In den letzten Jahrzehnten allerdings ist das Eis aufgrund der globalen Erwärmung und der vermehrten Tätigkeit des benachbarten Tungurahua immer weiter in höhere Lagen verschwunden. Eine Tatsache, welche die ohnehin strapaziöse Arbeit für den 76 jährigen Baltazar Ushca zusätzlich erschwert. In Ecuador ist Baltazar eine Berühmtheit. Er ist der letzte Eischürfer, Hielero, der das Eis am Vulkan erntet und es dann in Riobamba verkauft. Vor der Erfindung des Kühlschrankes gab es viele Hieleros, heute ist er der letzte Vertreter einer jahrhundertealten Tradition. Fünf Dollar bekommt er für einen 40kg Eisblock, welches in Riobamba hauptsächlich für die Herstellung von Säften und Eis am Stiel benutzt wird, da man ihm heilende Kräfte nachsagt.

Als ich mit meinem Morgenkaffee vor die Tür trete, verklumpen Spucke und Atem, mir wirds eng im Hals. Es ist nicht der eisige Wind, der mir die Luft abschnürt, es ist der grandiose Anblick. Himmel und Erde küssen sich nicht, sie knutschen unanständig, ich kann fast nicht hinsehen. Hier oben auf dem Páramo, der andinen Hochlandsteppe wachsen keine Bäume mehr, erstrecken sich die mit Gras, Flechten, Bromelien und Rosettenstauden bewachsenen Ebenen unendlich weit. Außer Kartoffeln und Lauchzwiebeln wächst hier nicht viel. Zusammen mit der Haltung von Llamas und Rindern, die auf den weiten Ebenen grasen, bilden sie die Lebensgrundlage vieler hier oben lebenden Menschen. Von einer kleinen Siedlung aus fünf blechgedeckten Adobehütten nähert sich ein kleiner roter Punkt, bleibt ein paar Minuten später vor mir stehen. Ob wir gut geschlafen haben, fragt mich ein alter Mann, der mir gerade bis zur Schulter reicht. Er ist in einen marienkäferroten Poncho gehüllt. Jede Bewegung seiner Hände beult den Stoff seitlich aus, verstärkt den Eindruck kleiner Flügelchen. Seine Beine stecken in dunklen Anzughosen, darüber trägt er, wahrscheinlich um den feinen Zwirn zu schonen und sich gegen Kälte und Wind zu schützen, lederne Chaps, auf dem Kopf den traditionellen Hut der Kichwa, an den Füssen die traditionellen Gummistiefel der ecuadorianischen Landbevölkerung. Dass es ein bisschen kalt war, ich mich aber über die Sonne freue, deren wärmenden Strahlen jetzt mit den vergoldeten Eckzähnen des kleinen Mannes spielen, antworte ich. Woher wir kommen, wohin wir fahren und ob der Truck unser Haus ist, möchte er wissen. Ich erzähle von unserer Reise, unseren Plänen, davon, wie wir in Roger leben, bin gerührt wie einfach sich zwei Welten berühren können, wenn gegenseitiges Interesse besteht. Wie gerne würde ich den Mann zum Kaffee einladen, Corona aber verbietet, dass wir uns zu nahe kommen. Eine kleine Wolke schiebt sich vor meine noch vor Sekunden wetterfeste Laune. 

Wieder weit gucken zu können, frische klare Luft zu atmen tut nach der feuchtschwülen Luft im Oriente gut, lässt wieder frische Gedanken durch unsere Hirne galoppieren. Wir alle sind ein bisschen erschöpft von den 7 Monaten, die wir nun ununterbrochen in Roger verbracht haben, sehnen uns nach einer kleinen Pause von der Enge, nach Räumen und Türen. Bis jetzt haben wir den Oriente Ecuadors entdecken dürfen, fahren gerade durch die Sierra und werden bald die Pazifikküste erreichen. Von drei der vier geografischen Zonen Ecuadors also haben wir uns bald einen Eindruck verschafft, fehlt nur eine: Galapagos! Und so fassen wir den Entschluss, Roger für ein paar Wochen auf dem Festland zu parken und ein Haus auf den Galapagos Inseln zu mieten, um wieder Kraft zu tanken und zur Ruhe zu kommen. 

Unsanft werde ich aus meinen Tagträumen gerissen. Aus den Lautsprechern besserwissert Justus Jonas von den ???, grundsätzliche ein gutes Zeichen. Die Fahrgeräusche in Roger sind anstrengend, wenn Hörspiele laut erlaubt sind, bedeutet das im Allgemeinen, dass Fahrt und Fahrer entspannt sind. Umso unvorbereiteter trifft mich, dass Timm eine enge Linkskurve viel zu schnell nimmt. Die Fliehkraft drückt uns unsanft aneinander, nur um uns ein paar Sekunden später in die andere Richtung zu schleudern.

„Spinn…“, die Worte bleiben mir im Hals stecken, als Timm ohne zu Bremsen über einen Hubbel auf eine ebene Fläche rechts der Fahrbahn rumpelt. Ich bin entrüstet, will, kaum das Timm uns in den Stand gebuckelt hat, loskeifen. „Die Bremsen gehen nicht mehr“, nur eine Sekunde Durchatmen gönnt sich Timm, bevor er unter Roger liegt. Wir anderen brauchen noch ein bisschen, bis wir den Adrenalinschauer abgeschüttelt haben, dann liegt auch Carl mit unter dem Truck, die anderen stromern im Sonnenschein über die Weideflächen. Sie wissen, dass es in einem solchen Moment das Beste ist, Timm in Ruhe zu lassen, zumindest so lange, bis das Problem sich in eine Lösung verwandelt hat. Meist dauert das nicht allzu lange. So auch dieses Mal. Die Motorbremse hat nicht mehr reagiert, hat keinen Druck mehr auf der Leitung, die Trommelbremsen, überfordert mit Rogers Gewicht und der steilen Abfahrt, glühen, rauchen und stinken. Timm entdeckt Kondenswasser im Verteilerventil, welches verhindert hat, dass es sich öffnete und somit Druck auf die Bremsleitungen gelangen konnte. Er pustet die Ventile durch, entwässert sie, stellt die Bremsen nach, ist nach 45 Minuten sicher, dass die Motorbremse wieder funktioniert und wir die Trommelbremsen entlasten können.

Mich allerdings verlässt die Angst vor einem erneuten Versagen den ganzen Tag nicht mehr und ich bestehedarauf, unser ohnehin langsames Tempo noch weiter zu drosseln. Mit 20-30Km/h rollen wir Richtung Pazifik. Mit jedem Höhenmeter weniger verändert sich die Landschaft. Von Humboldt soll der Ausspruch stammen, dass Ecuadors einzige Konstante die Vielfalt sei. Alle paar Kilometer fahren wir in eine neue Welt. Zunächst wachsen wieder Büsche, dann krüppelige Bäume, irgendwann Pinien. Am Straßenrand verkauft niemand mehr Kartoffeln oder Lauch, stattdessen eimerweise Brombeeren. Durch dichten Nebel verlassen wir die Zone oberhalb der Wolken und als der dichte Milchschleier sich lichtet, sitzen die Menschen vor ihren Häusern, Kinder und Hunde spielen im feuchten Dreck, Hühner scharren, Wäsche hängt schwer und nebelfeucht von den Leinen.

Das Angebot am Straßenrand ändert sich erneut, die Früchte werden zahlreicher, Bananen, Grenadillas, Mangos, irgendwann auch Anannas. Der zu Brickets gepresste Rohrzucker Panela verrät, dass wir bald in der Ebene angekommen sind. 

Uns umgibt wieder dichtes tropisches Blattgewirr, auf dem Mittelstreifen des Highways trocknen Kakao- und Kaffeebohnen in der Sonne, auf Grills brutzeln dicke Fleischstücke, die direkt vom daneben hängenden Tier geschnitten werden, wir tauschen Fleece und Boots gegen Flipflops und T-Shirt.

Umbaumelt von Luftwurzeln übernachten wir im Schatten eines gigantischen Tropenbaumes. Hier sind die Nächte wieder heiß und stickig, die Lichtmaschine hat die Bordbatterien nicht geladen, die Ventilatoren bleiben diese Nacht aus. Unsere gute Laune schmilzt in der Tropenhitze, dem Reifen hinten links geht ebenfalls die Luft aus, auch die Bremsen zicken erneut. Die Aussicht, den Pazifik bald wieder zu sehen, eine Auszeit am Strand zu nehmen versorgt und mit dem nötigen Schwung, jedenfalls bis wir von einem Polizeiauto ausgebremst werden. Uns fehlt ein Reflektoraufkleber an der Stoßstange, wir sollen eine saftige Geldstrafe zahlen. Kämen wir dieser Aufforderung nicht nach, würde Roger konfisziert. Timm stellt sich blöd: Das wäre toll, wir seien nämlich auf der Suche nach einem sicheren Parkplatz, weil wir eine Weile Pause vom Truck bräuchten. Gebe es denn eine 24/7 Security auf diesem Parkplatz und ob wir dort auch 8 Wochen bleiben könnten? Der Polizist ist überfordert, als Lotta schließlich mit ihrer Kamera dazukommt und filmt, wird es ihm zu blöd und er braust auf seinem Motorrad davon- ohne Helm und ohne Mundschutz. 

Am späten Nachmittag erreichen wir die Küste, es ist das erste Mal, dass wir seit Panama den Pazifik sehen und auch wenn mich die wüstenähnliche trostlose Landschaft etwas frustriert, bin ich gerührt, muss ein paar Tränchen verdrücken. Vertrocknete Büsche und Bäume, Staub und Sand nehmen wir nur noch am Rande war, als uns unzählige Wale Fontänen blasend begrüßen, uns der Wind Salz und Weite entgegenbläst und verspricht, dass wir hier ein bisschen zur Ruhe kommen werden. 

Ecuador

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