Costa Ricas Schätze- Traumstrände

Gott lässt alles nur so lange wachsen, bis es perfekt ist. Manches ist schneller fertig, Costa Rica zum Beispiel. Bei der Erschaffung dieses Landes scheint Gott einen extrem kreativen Tag gehabt zu haben. Das kleine Land ist so proppevoll mit Wundern und Abwechslung, so vielseitig, dass auch mühelos ein 15 Mal so großes Land mit ihnen gefüllt als „artenreich“ betitelt worden wäre. Allein 20 Mikroklimazonen gibt es in diesem Ländchen, das kaum größer ist als Bayern. Nirgendwo auf der Welt existiert eine ähnliche geologische Vielfalt auf so kleinem Raum. Die zentralen Kordillieren, die Cordilleras, bilden eine von Nordwest nach Südwest verlaufende Grenze, welche die niederschlagreiche Karibikküste und die wechselfeuchte Pazifikküste voneinander trennt. Die beiden Küsten und die Bergregionen weisen eine Vielzahl verschiedener Mikroklimata auf, die ein Grund für die Fülle verschiedener Ökosysteme des Landes sind. Mangrovensümpfe, Nebelwälder, Regen -und Trockenwälder, viele erloschene, eine Handvoll aktiver Vulkane, Gebirgshochland, Traumstrände, Seen- die Landschaftsformen sind so vielseitig, das Klima so wechselhaft, dass man sich nicht selten mehrmals an einem Tag umziehen muss.

Wieder im Schulalltag und Wochenrhythmus gefangen, haben wir nur die Wochenenden und Ferienzeiten, um unser Zuhause auf Zeit zu entdecken. Ein Glück, dass wir hier keine kanadischen Weiten vorfinden, dass wir uns Costa Rica in kleine Häppchen einteilen können, sechs Monate Zeit haben, diese zu genießen.

Einer unserer Lieblinsstrände ist der Playa Herradura, knapp eine Stunde Fahrt von Atenas entfernt. Hier verbringen wir viele Wochenenden, manchmal auch Wochennachmittage. Ein Ausflug an den Strand ist eine der besten Möglichkeiten, die Lebensart der Ticos, wie die Costa Ricaner sich selbst bezeichnen, kennenzulernen. Die Stille deutscher Strandkorbburgen ist ihnen fremd. Hier fährt man mit dem Auto rückwärts an den Strand, öffnet die Heckklappe und genießt Wind und Wellen mit ordentlich Bass und Bier, gerne auch mit BBQ. Niemand liegt hier mit einem Buch auf dem Handtuch. Es wird getanzt, getobt, gekreischt, stundenlang im hüfthohen Wasser palavert. Zwischen den Palmen, die den Strand säumen, sind Hängematten aufgespannt, Hunde und Kinder springen fröhlich durcheinander, manche gucken Filme auf dem Handy. Die Bierflaschen fassen bis zu zwei Liter, werden herumgereicht. Die Kinder essen pappsüßes Eis, Snowcones, das die Strandverkäufer unter hygienisch zweifelhaften Umständen vor Ort herstellen: von einem großen Eisblock werden mit einem Spachtel Slusheis-ähnliche Stückchen geraspelt, mit süssem Sirup und Kondensmilch übergossen und mit Zucker oder Kokosflocken garniert. Unsere Kinder machen einen weiten Bogen um diese Leckerei und wenn sie einmal ein geschenktes Eis nicht ausschlagen können, teilen sie es sich zu viert- geteiltes Leid ist halbes Leid. Wir lieben das bunte Gewusel, sind aber nicht selten nach einem solchen Strandtag völlig erschöpft von all den Eindrücken, genießen es dann wieder in der Stille unseres Gartens zu sein.

Einen Platz allerdings, den mag ich genauso wie unser verandaumbautes Haus im Grünen: Am 11.7.2019 verliebe ich mich. Hals über Kopf, mit Haut und Haar und Worte wie „auf ewig Dein“ flirren von da an vor meinen verzückten Augen. Als wir ein paar Tage nach Timms OP das Stillsitzen nicht mehr aushalten, setzen uns ins Auto, fahren auf die Nicoya Peninsula, in den Nordwesten Costa Ricas. Wir landen in Santa Teresa, auf einem der schönsten Strände der Halbinsel und sind schockverliebt:

An die staubige Hauptstraße reihen sich Surfboardverleihe, Naturkostläden, Yogastudios, kleine Hotels, Cafés und Strandbars. Man läuft barfuß, Quads und Mopeds haben Transpotvorrichtungen für Surfboards. Sonnenbrillen haben hier auch ein Glas fürs dritte Auge. Kinder mit von der Sonne ausgeblichenen Haarspitzen tollen im weißen Sand. An den hohen Bäumen, die den Strand säumen, hängen Turntücher.  Zum Sonnenuntergang spucken Artisten Feuer, Hunde tollen, Pärchen knutschen. Eine wahnsinnig schöne Frau schneidet ihrem auf einem Treibholzstamm sitzendem Mann die Haare, zu seinen Füßen spielt ihr zweijähriger Sohn nackt im Sand. Ein Mann geht mit 5 Hunden und einer Ziege am Strand spazieren. Einkaufen geht man im Bikini und Boardshorts. Jack Johnson tönt aus den Coffeeshops, Brüllaffen schreien von den Baumwipfeln. Ab und zu prasselt ein Regenschauer nieder, man tanzt im Regen, wäscht sich das Salzwasser von der sonnenwarmen Haut. Der Strand ist der schönste Strand, den ich seit langem gesehen habe, er ist endlos weit, in allen Schattierungen von Zucker, gesäumt von Palmen und Mangroven. Man braucht hier keinen Sonnenschirm, legt sich einfach unter das dichte Blätterdach, das in einem dicht gewebten grünen Teppich die Berghänge hinab kriecht, aus dem es zwitschert, zirpt, quakt und brüllt. Handtellergroße blaue Schmetterlinge flattern durch die Äste eichenhoher Frangipanibäume, die Blüten haben hier Formen, die europäische Blumen phantasielos erscheinen lassen. Hier möchte ich meine Füße in den Sand stecken und Wurzeln schlagen, beginne zu träumen:

Jeden Morgen würde ich auf der Veranda meines vanillefarbenen Holzhauses der Sonne beim Aufgehen zusehen. Nach ein paar Sonnengrüßen, würde ich das Surfbrett unter dem Arm den Strand entlanglaufen, der Gischt entgegen, herausfinden, warum es Lungenflügel heißt. Meinen vom vielen Yoga makellos knackigen Hintern würde ich unerschrocken aufs Surfboard schwingen, ein paar Wellen surfen, viele nicht. Weil ich zu beschäftigt wäre, dieses wunderschöne Fleckchen Erde in den Wellen dümpelnd vom Board aus zu bestaunen. Völlig mit mir und der Welt zufrieden, würde ich mich nach vielleicht zwei Stunden an den Strand schwemmen lassen, an dem inzwischen unser Hund schwanzwedelnd auf mich wartet. Zusammen würden wir nach Hause gehen, wo der fertig gedeckte Frühstückstisch auf uns wartet. Die Kinder haben Obstsalat gemacht, Timm frischen Espresso aufgebrüht, alle sind entspannt. Lotta klimpert auf ihrer Gitarre, die Jungs kuscheln mit ihren Katzenbabys in der Hängematte, Paula hängt kopfüber im Turntuch im höchsten Baum des Gartens. Und jeden Tag nach dem Frühstück würden wir als Familie losziehen und einen großen schwarzen Müllsack voller Mikroplastik vom Strand aufsammeln. Zwar bleibt der Strand von Santa Teresa aufgrund der Strömung verschont, im Sand des benachbarten Strandes Playa Hermosa aber zeichnen die kleinen Plastikteilchen bunte Muster in den Sand. In Santa Teresa, da bin ich mir bei unserem ersten Besuch von insgesamt Dreien sicher, wäre ich bis ans Ende meiner Tage froh (vorausgesetzt natürlich, ich fühle mich auch im hohen Alter im Bikini wohl). Am Abend liegen wir in den Betten unserer etwas muffigen Strandhütte, horchen, wie der der Regen auf das Blechdach prasselt. Es ist, als hätten sich alle Wolken der Welt getroffen, um genau hier an diesem Strand wieder ins Meer zu fließen. Wäre ich eine Wolke, würde ich‘s genauso machen. Nach dem Regen wandern wir am nächsten Tag zu einem Wasserfall, der nun die Farbe von Durchfall hat. Die Kinder springen unerschrocken von den Klippen in die dunkle Brühe. Max zögert, die anderen drei ermutigen ihn, halten ihm die Hand, springen gemeinsam. Er überwindet seine Angst, wächst ein paar Zentimeter in nur wenigen Sekunden. Da Timms Rücken mehr Ruhe braucht, beschließen wir, nicht wie geplant weiterzufahren, sondern bleiben einfach. Als wir uns nach ein paar Tagen endlich losreißen können, hat Timm sich schon ausführlich mit dem Immobilienmarkt hier auseinandergesetzt. Die Kinder singen „I’ve got Mörtel (statt murder) on my mind“, die Hymne, die sie in Zukunft jedes Mal anschlagen, wenn sein Imobilieninteresse mit ihm durchgeht.

Auf unserer zweiten Nicoya Expedition sind wir schlau genug, von Norden zu kommen, Santa Teresa als letzten Ort der Etappe anzufahren. Anders wären wir wahrscheinlich wieder dort hängen geblieben, hätten viel verpasst. Die Strände von Tamarindo und Flamingo Bay zum Beispiel, die in der Saison überlaufen, nun in der Regenzeit aber herrlich menschenleer sind.

Playa Junquillal und Playa Osteonal, ein Strand, der Schauplatz eines biologischen Wunders ist. Während der Regenzeit von August bis Ende Dezember, treffen sich jedes Mal eine Woche vor Neumond, in der dunkelsten Zeit des Monats Hunderttausende Meeresschildkröten auf dem nur wenige Kilometer langen Strand, um hier im schwarzen Vulkansand ihre Eier abzulegen. Diese „Arribadas“, spanisch für Ankunft, hat man bisher nur bei Oliv-Bastard Meeresschildkröten beobachtet. Schon Tage vorher treiben Tausende von Schildkröten im ufernahen Meer, auf ein geheimes Zeichen hin kommen die ersten paar hundert an Land, gefolgt von Tausenden in den nächsten 3-7 Tagen. Obwohl sie hauptsächlich in der Dunkelheit zwischen Sonnenuntergang und Aufgang kommen, bietet sich uns um die Mittagszeit ein beispielloses Spektakel:

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Schildkröten, so weit das Auge reicht. Im Sand die Hüllen aufgebrochener Eier. An ein Leben im Wasser gewöhnt, schleppen die Schildkröten mühsam ihre schweren Körper durch den Sand. Die Anstrengung steht in ihren Augen, viele haben Verletzungen am Nacken und den Vorderfüßen, dort wo der Panzer an der Haut scheuert.

Unendlich lang und mühevoll scheint der Weg, links und rechts lauern Geier und Hunde, die nur darauf warten, die mühevoll gelegten Eier wieder auszugraben. Leben und Tod scheint so nah beieinander, ich meine, die Qual in den Gesichtern der Schildkröten zu sehen, bin gleichzeitig fasziniert und tieftraurig. Mit ihren Flossen graben sie Kuhlen in den Sand, pressen unter höchster Anstrengung 80-100 tischtennisballgroße, runde Eier in die Mulde, graben sie danach wieder zu. Da viele der Eier der ersten Schildkröten, die während einer Arriba an Land kommen von den später kommenden Schildkröten zerstört werden, ist Anwohnern in den ersten Tagen einer Arriba das Sammeln von Eiern erlaubt. Angeblich sollen sie die menschliche Libido steigern, gegen Impotenz helfen. Im Gegenzug allerdings helfen diese, den Strand sauber zu halten und die Schildkröten an den Resttagen der Arriba zu schützen.

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Nach 45-54 Tagen, je nach Temperatur, die auch das Geschlecht der Schildkröten bestimmt, schlüpfen die Kleinen. Auch hier helfen die Anwohner von Osteonal den Kleinen sicher ins Wasser zu gelangen. Zwar müssen die Schilkrötenbabies, um ihre Lungenfunktion vollständig auszubilden, selbstständig den anstrengenden Weg ins Meer bewältigen, beschützt allerdings werden sie, indem Geier und Hunde ferngehalten werden. Die Kleinen riechen das Meer, wissen instinktiv, wohin sie gehen müssen. Manchmal tragen die Anwohner sie ein kleines Stück über den heißesten Teil des Strandes. Die meisten der Kleinen werden ihr Fortpflanzungsalter nicht erreichen. Die allerdings, die es schaffen, werden nach 10-15 Jahren an ihren Geburtsstrand zurückkehren.

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Mindestens 1,5 Stunden sitzen wir gebannt im Schatten eines Baumes und bestaunen diesen Anblick. Die Schildkröten, scheinbar von ihrer biologischen Pflichterfüllung besessen, haben keine Scheu, graben auch ein Nest neben unserem Rucksack. Es ist schwer, stillzuhalten und nicht einzugreifen, den Schildkröten nicht beim Graben zu helfen oder ihnen den Weg einfacher zu gestalten. Während wir noch darüber philosophieren, hat Max schon lange seinen ganz eigenen Weg gefunden, den Schildkröten zu helfen. Er hat die Dorfhunde um sich versammelt und wirft ihnen Stöckchen. Das Paradies, das hat Max schon jetzt für sich erkannt, besteht nicht aus einem makellosen weißen Sandstrand. Nur dann, wenn mindestens sechs Hunde in nächster Nähe durch den Sand toben, hat ein solcher Paradiespotential.

Nach 17 Monaten auf Reisen

Dezember 2019: Der Dezember ist das Grande Finale des Jahres, das Feuerwerk, in dem das Jahr noch einmal alles auffährt, ein letztes rauschendes Fest, ein Glitzern, Glimmern, Schwelgen. Man trifft Familie und Freunde, man schlemmt, man prasst, kauft Geschenke für die, die man Ewigkeiten nicht gesehen hat, versucht, alle Konflikte auszublenden für ein paar friedliche Festtage . Man macht es sich schön. Dann ein riesen bunter Knall und es ist Stille. Leere, eine frische Jahreszahl, ein Neuanfang ohne Altlast. Alles scheint möglich im ersten Monat eines neuen Jahres. Es fühlt sich an, wie in ein blütenweißes, frisch bezogenes Bett zu krabbeln- ein Bett in dem noch nicht der Schweiß der letzten Träume müffelt.

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Aber zunächst das Grande Finale, das letzte Aufbäumen eines endenden Jahres. Auf Reisen ist es für uns um vieles anspruchsvoller den Dezember zu bewältigen. Die Kunst bestehet darin, lokale Begebenheiten und Möglichkeiten einzubauen, ohne die Stimmung zu verfälschen. Nikolaus, Adventskalender, die Geburtstage von Carl und Max, Adventszeit, Weihnachten und Sylvester. All diese Ereignisse sind emotional ziemlich aufgeladen und so flexibel die Kinder im Alltag sind, so wenig sind sie bereit, bei diesen Jahresmeilensteinen Kompromisse einzugehen. Alles soll an diesen Tagen genauso sein wie immer, wie Zuhause. Das ganze Jahr freuen sie sich auf diese Highlights, entsprechend groß ist der Druck, sie nicht zu enttäuschen.

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Welch ein Geschenk, dass wir bereits einige Monate in Costa Rica verbracht haben, dass wir uns inzwischen auskennen, die Kinder Freunde haben und wir genug Zeit haben, die Wunschlisten abzuarbeiten. Wobei Wünsche in unserem Fall, besonders bei den Kindern, viel weniger materieller Art sind als noch vor 2 Jahren. Die letzten fast 1,5 Jahre haben uns gelehrt, dass vieles, was uns scheinbar materiell definiert, eine Last ist. Dass es uns manchmal wie ein Bleigewicht unter die Oberfläche zieht, in eine Umgebung in der es dumpf und schummrig wird, in der man weder richtig sehen noch hören kann, in der man unermüdlich mit den Armen rudert, um nicht unterzugehen. Hier hat man keinen Blick für das, was sein könnte, weil man zu sehr beschäftigt ist, mit dem was ist.

Die Weihnachts- und Geburtstagswunschliste der Kinder werden immer kürzer. Nicht nur unser Platzmangel ist der Grund dafür. Wir sind zufrieden und erfüllt, fühlen keinen Mangel, den wir durch Materielles befriedigen müssten. Carl und Max wünschen sich neue Stifte, einen neuen Mp3Player und Lego, Lotta wünscht sich Künstlerbedarf, Paula eine Muschelkette und eine weiße Bluse. Und eine Überraschung steht bei jedem Kind ganz oben auf der Liste. Geben, das ist für alle Kinder fast wichtiger, als selbst zu bekommen. In Atenas gibt es eine Organisation, die Sponsoren für Weihnachtsgeschenke für sozial benachteiligte Kinder sucht und dann die gespendeten Geschenke vermittelt. Jedes unsere Kinder zieht vom AngelTree die Karte eines costaricanischen Kindes, auf der deren Alter, Kleider-und Schuhgrößen sowie größte Wünsche verzeichnet sind. Zu sehen, mit welchem Perfektionismus und Herzblut sie die Geschenke für die unbekannten Kinder aussuchen, wie liebevoll sie diese verzieren und welche Freude es ihnen bereitet, ist rührend.

Viel wichtiger als Geschenke, sind die kleinen Dinge, die den Geburtstag zum Ehrentag und die Weihnachtszeit feierlich machen. Es sind die Traditionen, das Brauchtum, es geht um Zeremonien, um Dinge, die wir jedes Jahr zu Weihnachten tun und die wichtig sind für die Kinder. Sie möchten zu jedem Geburtstag die bunte Geburtstags-Wimpelkette die wir seit ihrer Geburt aufhängen, wenn ein Familienmitglied Geburtstag hat. Sie möchten morgens aufgeregt im Bett liegen, warten, bis der Rest der Familie singend an ihrem Bett steht und sie zum Geburtstagstisch führt. Den müssen außer Geschenken auf jeden Fall ein Geburtstagskuchen mit brennenden Kerzen und bunte Luftballons schmücken. Bevor ausgepackt wird, werden die Kerzen ausgeblasen, am besten in einem Zug und ohne den Kuchen zu bespucken. Am liebsten hätten sie auch hier die Adventskalender, die ich ihnen genäht habe, als sie noch ein Baby waren. Sie möchten am Abend vor Nikolaus Schuhe putzen, sie wünschen sich einen echten duftenden Weihnachtsbaum, das selbe Weihnachtsessen wie Zuhause und rotweißen Baumschmuck und um Gottes Willen keine bunten Blinkelichter am Baum, wie sie hier in Costa Rica üblich sind.

Eine Geburtstagsfeier mit Freunden, einen Tag Hauptperson sein, Kuchen mit in die Schule zu bringen und etwas Besonderes zu unternehmen sind für beide Jungs viel wichtiger als außergewöhnliche Geschenke. Und glücklicherweise können wir Ihnen diese Wünsche erfüllen. Ein halbes Jahr in der lokalen Schule bescheren ihnen Freunde, mit denen sie feiern können. Carl fährt an seinem Geburtstag mit einigen Freunden in den Trampolinpark, Max feiert zu Hause eine Fußballparty. Während Carl sich wünscht, zweimal zu feiern, einmal mit Familie und einmal mit Freunden, möchte Max mit allen am selben Tag feiern, mit richtig Bass und Ramba Zamba.

An Carls Familiengeburtstag überraschen wir ihn mit einem Ausritt, Max bekommt eine Piñata und Lotta und Paula bereiten eine Schnitzeljagd für seine Gäste vor. Beide Jungen sind glücklich, strahlen mit der Sonne um die Wette.

Einkaufsmöglichkeiten und Heimatbesuch ermöglichen sinnvolle (und platzsparende) Weihnachtsgeschenke. Wie auch letztes Jahr in San Francisco, kommt uns Oma Karin zu Weihnachten mit Paulas Patenonkel Hendrik besuchen. Es ist das allerwichtigste Weihnachtsereignis von allen. Schon Wochen vorher fiebern wir alle diesem Besuch entgegen, freuen uns, mit ihnen „unser Atenas“ zu teilen, ihnen Einblicke in das Leben hier zu geben. Viele Reisende bekommen zu Weihnachten Heimweh, fliegen vielleicht nach Hause oder brechen ihre Reise ab. Und auch mich überkommt zu Weihnachten ein  wenig Heimweh, nur ein wenig allerdings. Besonders an solchen Daten merkt man, dass man doch Fremder ist, dass man dort, wo man gerade ist, keine Tradition hat. Ein Geburtstag ohne Freunde ist nur ein halber Geburtstag, Weihnachten ohne Familie ist nur ein halbes Weihnachten. Umso glücklicher sind wir, auf beides nicht verzichten zu müssen. Und trotzdem werden wir zu Weihnachten ein kleines Bisschen wehmütig. Weihnachten in der Sonne ist anders. Ich mag Weihnachten bei Kerzenschein und Gemütlichkeit, ich mag die Düfte und Weihnachtsmärkte. All das gibt es hier nicht. Besinnlichkeit, für mich die Hauptzutat von Weihnachten existiert hier nicht. Hier ist Weihnachten eine bunt blinkende Sause und darum bleibt das Weihnachtsgefühl ein wenig aus- zumindest bis wir am 24.12 als Familie unter unserer inzwischen etwas trockenen Pinie sitzen, die den Wünschen der Kinder folgend rot-weiß geschmückt ist, deren Lichterkette weder bunt noch blinkend ist. Wie jedes Jahr essen wir Hochzeitssuppe, dann Braten mit Soße. Rotkohl habe ich auf dem Wochenmarkt gefunden, mit Zimt und Nelken weihnachtlich gewürzt, statt Kartoffelklößen gibt es Gnocchi, statt roter Grütze Apple Crumble. Wir zünden Teelichter an, ignorieren, dass die Wärme nicht dem Kaminfeuer, sondern der Tropennacht entspringt. Ein bisschen albern komme ich mir vor, denn auf der einen Seite wollen wir allen Traditionen entfliehen, an Weihnachten  aber soll doch wieder alles so sein wie jedes Jahr. Das einzig Andere in diesem Jahr ist, dass wir am Nachmittag des 24. nicht feierlich um den gedeckten Kaffeetisch sitzen, sondern wie Hooligans auf die von Carl gebastelte Weihnachtspiñata eindreschen. Wir brauchen mehr als 96 Schläge, weil Carl das Pappgerüst mit Panzertape stabilisiert hat. Zum Glück, denn manchmal ist sehr heilsam, sich in lokalen Gepflogenheiten zu verlieren, je länger, desto besser, denn dann kann der Staub der eigenen Tradition sich ein wenig lüften.

Nach 16 Monaten auf Reisen

15. November 2019: Zeit ist relativ- tausendmal gehört, ein paarmal selbst gesagt, aber nie wirklich verstanden. Erst jetzt, in unserem fünften Monat in Costa Rica wird mir klar, welche Erkenntnis Einstein in der Relativitätstheorie ausdrückt: Zeit, so die stark vereinfachte Aussage, vergeht langsamer, je schneller man sich bewegt, ist also abhängig vom Bewegungszustand relativ zu einem ruhenden Beobachter. Für uns, die sich beim Aufbruch in Deutschland vor allem gewünscht haben, der Zeit ihr Tempo zu nehmen, ist das Verstehen dieser Theorie ein Meilenstein!

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Warum, haben wir uns so oft gefragt, vergeht Zeit im Alltag so viel schneller, obwohl man so viel weniger erlebt, und sich doch dehnen müsste wie ein Kaugummi? Für uns als Erlebnisjunkies ist das Verständnis von Einsteins Erkenntnis der Schlüssel für unsere Zukunft. Besagt sie doch auf unsere Situation übertragen, dass je mehr wir reisen, je mehr wir erleben, die Zeit immer langsamer vergeht.

So muss es sich für einen ewig mit dem Gewicht hadernden Menschen anfühlen, wenn er erfährt, dass der Schlüssel zum Idealgewicht ist, beim Essen nur ordentlich zuzugreifen, vor allem beim Nachtisch! Wir haben ihn also tatsächlich gefunden, den Knopf, der die Zeit anhält: Immer in Bewegung bleiben, so viel Erleben wie möglich in die zur Verfügung stehende Zeit bringen, und schwupps, hat man das Gefühl von Ewigkeit.

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Obwohl Costa Rica für uns neu und aufregend ist, zieht mit dem Stillstand, dem Aussetzen unserer Reise auch der Zeitfresser wieder bei uns ein. Dadurch, dass wir jeden Tag am selben Ort aufwachen, der grobe Verlauf der Woche schon am Montagfrüh klar ist, uns die Schule den Rahmen vorgibt, zieht auch der Alltag bei uns ein. Tage verschwimmen zu Wochen, Wochen zu Monaten und wir fragen uns, wo bloß die Zeit geblieben ist. Gefressen von Bewegungslosigkeit, das wissen wir nun. In Vancouver, San Francisco und Berkeley haben wir je nur einen Monat verbracht, und doch hat diese Zeit tiefe Spuren in uns hinterlassen. Dass unsere Reise von Deutschland bis San Francisco oder von San Francisco bis Costa Rica dieselbe Zeitspanne ist, wie unsere Zeit hier, ist nahezu unbegreiflich. Der Alltag, Schule, Sprachschule, Physiotherapie, Arbeit haben sich unsere Zeit zurückerobert und sie schwammig werden lassen. Sie ist nicht mehr so verdichtet wie die Reisezeit.

Und doch können wir die Bewegungslosigkeit genießen. Denn, und das ist eine weitere Erkenntnis, wir brauchten genau diese Pause, brauchten Zeit, uns zu besinnen, zu erholen von all den Eindrücken, Muße, die Erkenntnisse sacken zu lassen. So, wie auch Muskeln an Ruhetagen wachsen, ist diese Pause in Costa Rica für uns die Möglichkeit, alles Gelernte, alles Erlebte in uns arbeiten zu lassen und es zu verinnerlichen. Bewegung findet hier in Costa Rica auf einer anderen Ebene statt, von außen unsichtbar, bedeutet, dass auch Alltag ein Luxus sein kann. Viele Fragen, die wir uns in den letzten Monaten gestellt haben, scheinen sich gerade wie von selbst zu beantworten: Wie wollen wir leben? Wie nicht? Was wird in der Zukunft wichtig für uns sein? Wovon wollen wir uns trennen? Wir empfinden eine Freiheit wie schon lange nicht mehr. Alle Blockaden und alles was uns bisher beschwert, beginnt sich aufzulösen. Neue Ideen, Pläne tun sich auf und wir sind voller Vorfreude auf das, was die Zukunft bringt. Deutschland, das zeichnet sich schon jetzt ab, wird noch eine Weile warten müssen.

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Als wir aus Afrika zurückkamen, habe ich gedacht, dass man das Gefühl von Abenteuer auch an einem Ort kultivieren kann, an dem man alles kennt. Ich habe versucht, Dinge anders zu machen, als ich sie normalerweise tun würde, bin vorsätzlich neue Strecken gefahren, habe mir Listen geschrieben, auf denen stand, dass ich jede Woche ein Buch lesen, jeden Monat etwas Neues lernen, täglich etwas anders machen will, als ich es gewöhnt bin. Das Lernen und Neues erleben wollte ich in meinem Leben erhalten und unser Landlebenprojekt hat mir eine Million Möglichkeiten geliefert, dies zu tun. Ein beklopptes Pony erziehen (ist gescheitert), einen Garten anlegen, seine Erzeugnisse verwerten und konservieren, Küken ausbrüten, Lämmchen aufpäppeln, Schweine großziehen, Vorhänge nähen und alten Möbeln wieder neues Leben einhauchen, die Möglichkeiten waren endlos. Und doch bin ich irgendwann unruhig geworden. Weil, wie ich jetzt verstanden habe, die Bewegung im Außen fehlte. Dauerbewegung aber funktioniert auch nicht. Wir brauchen beides, „sowohl/als auch“ und nicht, wie ich so lange dachte, „entweder/oder“. Unser Leben, das haben wir festgestellt, soll auch in Zukunft in Phasen verlaufen, in der sich sesshaft sein und Reisen abwechseln.

Reisen allerdings, das ist ein Gedanke, der uns erst in den letzten Monaten im Zuge der Klimadebatte kam, wird vielleicht in 20 Jahren gar nicht mehr in der Form möglich sein, wie wir es jetzt tun. Die Kinder sagen häufig, dass sie, wenn sie selbst irgendwann  Kinder haben, ihnen auch die Welt zeigen wollen. Wird das möglich sein? Oder werden Klimaveränderung und daraus entstehende wirtschaftliche Not es nicht mehr erlauben? Werden es Unruhen, Wasserknappheiten, Naturkatastrophen unsere Art die Welt zu erleben zu gefährlich machen? Wird die Welt der Zukunft eine sein, die nicht mehr sehenswert ist? Hier in Costa Rica treffen wir Ellen und Harald, der sich beruflich mit dem Klimawandel und Umweltthemen befasst und deren Motivation zu Reisen u.a. die ist, einen Ort zum Leben für Ihre Kinder zu finden, wenn die Klimakatastrophe uns volle Breitseite trifft. Wir wissen, dass sie kommen wird, wir sehen ihre Auswirkungen auf dieser Reise bereits in fast allen bereisten Ländern. Der Luxus, sie in Norddeutschland noch ausblenden zu können, wird nicht mehr lange anhalten und manchmal überfällt mich die schiere Panik bei dem Gedanken daran. Ich ärgere mich über AntiGreta Facebook Posts, Posts die es ihren Sendern ermöglichen, weiterhin ignorant in ihrer Blase zu verweilen und gehe immer öfter offline. Ich ertrage sie nicht mehr die Nachrichten über die Armut unserer Rentner, über die ungerechte Behandlung unserer Bauern, über ungerechte Besteuerungen, darüber, wie unfähig unsere Politiker sind. Sicher, es gibt viel zu verbessern, besser geht immer. Ich würde mir aber wünschen, dass die ewig unzufriedenen Deutschen einmal kurz durchatmen, einmal kurz den Fokus auf das lenken könnten, was alles gut ist. Unser Sozialsystem ist eines der besten der Welt. Wenn wir auf Reisen von unserem Gesundheits- und Schulsystem, von unserem Rentensystem, von Kindergeld, Harz 4 und Wohngeld berichten, davon, dass in Deutschland jedem theoretisch eine Wohnung, eine Ausbildung und ein Job zusteht, dass niemand auf der Straße leben muss, wenn er es nicht wählt, dann bekomme ich zu hören: Ihr müsst die glücklichsten Menschen der Welt sein. Und doch ist Deutschland auf der Liste der glücklichsten Nationen im World Happiness Report 2019 auf Platz 17 von 156 Nationen, Costa Rica ist auf Platz 12, Canada auf Platz 9. Selbst Mexiko mit seinen grausamen Narcokriegen belegt den 23. Platz, El Salvador den 35. Deutschland aber, fällt von Jahr zu Jahr weiter zurück. Die „Kriterien“ für die Messung von Glück in dieser Studie sind unter anderem das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Lebenserwartung und Korruption (Regierung und Wirtschaft), Dinge bei denen in Deutschland alles im grünen Bereich ist. Warum also fühlen sich die Deutschen immer unglücklicher? Hier in Costa Rica leben die Menschen einfach, sehr einfach. Sie können von dem, was wir Deutschen materiell anhäufen nur träumen. Und trotzdem sind sie froh. Ein Glück, das wir spüren, das uns direkt ins Herz springt. Familie, Glauben, Gemeinschaft und Dankbarkeit sind in Costa Rica feste Bestandteile der nationalen Seele. Wenn man hier jemanden fragt, wie es ihm geht, dann sagt er „Gut, Gott sei Dank!“ Auf keinen Fall möchte ich sagen, dass Religion der Schlüssel zum Glück ist. Was aber zu hundert Prozent das eigene Glücksempfinden in die Höhe kataputiert, ist die Fähigkeit dankbar zu sein. Vertrauen zu können, eine Gemeinschaft zu haben, von der man sich getragen fühlt, in die man sich einbringen kann. Vielleicht haben wir in Deutschland verlernt, Glück zu fühlen, weil wir nie zufrieden sind. Weil es immer mehr sein muss, immer besser sein könnte. Weil jeder seinen eigenen Film fährt, weil anscheinend viele von der Panik ergriffen sind, dass zu teilen uns ärmer macht. Wo doch das Gegenteil der Fall ist.

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Unsere Zeit in Costa Rica geht in die Endrunde, das Jahr neigt sich ebenfalls dem Ende zu. Wir sind erfüllt von Dankbarkeit für die Chance, hier so viel Zeit verbringen zu dürfen, die Batterien wieder aufladen zu können, neue Ideen für unsere Zukunft bekommen zu haben. Das Schönste ist, das auch die Kinder die Dankbarkeitsmentalität angenommen haben. Dass Lotta, trotz der manchmal nicht einfachen Zeit in der Schule sagt, dass sie dankbar für die Challenge ist, für die Möglichkeit zu wachsen und etwas über sich zu lernen.