Sierra Nevada de Santa Marta

Die Sierra Nevada de Santa Marta, das höchste Küstengebirge der Welt, erscheint nicht nur von oben betrachtet herzförmig. In ihm, davon sind die Kogui Indianer überzeugt, schlägt das kosmische Herz, hier befindet sich der Ursprung allen Lebens.

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Sie, als der „große (wissende) Bruder“ tragen schwer an der Aufgabe, diesen Ort zu schützen, ihn im Gleichgewicht zu halten. Leider kommt ihnen dabei immer wieder der „kleine Bruder“, (wir Nicht- Koguis) in die Quere. Die Kogui, die sich als die Nachfahren der von den Konquistadoren vertriebenen Tairona Indianer betrachten, bewohnen verschiedene Bereiche des Bergmassivs und bauen auf unterschiedlichen Höhenlagen Mais, Bohnen, Kassava, Zuckerrohr und Koka an. Während die Kogui hauptsächlich ihr 3700 km2 großes Reservat an den Nordhängen bewohnen, leben die Arhuaco, ein Brudervolk dass Traditionen und kulturelle Wurzeln teilt, allerdings der modernen Zivilisation weniger skeptisch gegenüber steht, an den Südhängen auf 2000 Quadratkilometern. Der ewige Kampf um ihr Land hat die Kogui, die auch heute noch ihre jahrhundertealten Traditionen pflegen, misstrauisch gemacht. So ist es ausländischen Besuchern z.B. nicht gestattet, die heiligen Gipfel des Bergmassivs, den Pico Bolívar und den Pico Cristóbal Colón, beide 5775m hoch, zu besteigen. An der Nordflanke der Sierra fanden Archäologen die Überreste einer Siedlung, die zwischen 700-1600 von circa 4000 Tairona Indianern bewohnt worden war, tauften sie „die verlorene Stadt, la „Ciudad Perdida“. Flache, mit Steinen ausgelegte Pfade verbinden circa 200 runde oder eiförmige Plateaus, die Fundamente einstiger Häuser und Zeremonienstätten. Man kann sie im Zuge einer dreitägigen Wanderung durch den Dschungel besuchen. Leider ist dies eine Strecke, die wir unseren noch etwas lauffaulen Kindern vorerst nicht zutrauen. Als die Ciudad Perdida 1975 durch Zufall entdeckt wurde, begann ein erbitterter Kampf zwischen Historikern und Plünderern. Zwischen einzelnen Plündererbanden kam es zu blutigen Kämpfen, bis 1976 das Militär die Ciudad Perdida stürmte, um sie vor den Grabräubern zu schützen. Weitere Unruhe brachten in den 1970ger Jahren zunächst der Marihuana- und schließlich der Kokaanbau. Narkos, Paramillitärs und Guerillas brachten den Krieg in die Berge und erst seit circa zehn Jahren ist es hier wieder relativ sicher. Relativ, weil auch heute noch Teile der Sierra von Guerillas und Paramilitärs kontrolliert werden.

In der Sierra sind verschiedenste Klimazonen vertreten, welche einer immensen Artenvielfalt Lebensräume bieten. Zu ihren Füßen, am Pazifikstrand und in den mangrovenbewachsenen Lagunen der Ciénaga Grande herrscht tropische, schwüle Hitze, die, je höher man kommt, moderateren Temperaturen weicht. Zwischen 1000-1700m wird Kaffee angebaut, der hier auf den Flanken der heiligen Berge besonders gut gedeiht. Neben der Zona Cafetera im Herzen Kolumbiens, ist die Sierra Nevada de Santa Marta ein Hauptanbaugebiet für Kaffee und, da touristisch wenig erschlossen, sicherlich das ursprünglichste Kolumbiens.

Auf knapp 1000m liegt das Kaffeedorf Palmor, dass sich auf dem Ortseingangsschild großspurig als „Capital Cafeteria de La Sierra Nevada de Santa Marta“ betitelt. Bis wir allerdings an diesem Ortsschild ankommen, verbringen wir mehrere Stunden auf Pisten, die mich wünschen lassen, dort oben die Hauptstadt der Baldriantee Produktion zu finden. Meine Nerven flattern wie Kolibris, meine Beine sind Brei, als wir nach fast 4 Stunden Fahrt bei Einbruch der Dunkelheit den rummeligen Dorfplatz erreichen. Auf mal staubigen, mal matschigen Pisten führte der Weg in engen Kurven die Berge hinauf. Links und rechts begrenzt durch steile Abhänge, von oben durch niedrig hängende Äste und Wasserleitungen, musste Timm oft mehrmals vor- und zurücksetzen, um die engen Kurven, die bröselnden Böschungen und kleinen Mäuerchen zu umfahren. Den Großteil der Fahrt saßen die Kinder auf dem Dach, warnten vor Ästen und Leitungen, hatten einen riesen Spaß, wenn unter uns baufällige Brücken knarzten. Auch für Timm ist die Chance, Rogers Grenzen auszutesten ein einziges Abenteuer.

Der erste Mensch, der uns in Palmor begrüßt, ist ein Polizist mit blaugelbem Papagei auf der Schulter. Woher wir kommen und wohin wir wollen, möchte er wissen. Wo wir einen ebenen Platz zum Übernachten finden können, ist unsere Hauptfrage. Der Blick auf das von steilen Gässchen durchzogenen Dörfchen verspricht keine große Auswahl.

Unter den neugierigen Blicken des gefühlt vollständig versammelten Dorfes führt er uns, an Timms Beifahrertür hängend zum Dorfplatz. In wenigen Minuten hat sich herumgesprochen, dass die Russen gekommen sind, wir werden umringt und begrüßt. Zwischen all den wuselnden Kindern, die zusammen mit Carl und Max bald in einem Knäul hinter einem Fußball herrennen, den Timm vom Dach geworfen hat, stechen ein paar Kinder besonders hervor: In weiße, wadenlange Gewänder gehüllt, stehen sie fast bewegungslos in der Menge, blicken aus undurchdringlichen braunen Augen in unsere Richtung. Ihr tiefschwarzes Haar reicht bis auf die Schulter, sie tragen geknüpfte Taschen und schwarze Gummistiefel an den Füssen. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen, erwidern kein Lächeln, ihr Blick ist unbewegt, durchdringend, trifft mich dort, wo ich eigentlich ungern fremde Menschen hinlasse. Ich fühle mich durchschaut, bin tief bewegt von der Intensität, die diese Kinder ausstrahlen. Sie sind ganz anders als alle Kinder, die ich je gesehen habe. Jede Bewegung scheinen sie mit Bedacht auszuführen, sie kreischen oder hüpfen nicht, stehen still, beobachten aus wachen Augen, wirken weise und wissend. Das sind Kogui Indianer, erklärt mir Carlos, ein Fotograf aus Baranquilla, der uns am nächsten Morgen zu einer der schönsten Kaffeeplantagen der Gegend führen möchte. Sie kommen ins Dorf, um einzukaufen, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen, legen dafür oft mehrere Stunden Fußmarsch zurück. Sie versuchen den Kontakt zu uns Nicht- Koguis auf ein Minimum zu reduzieren, sind aber freundlich und offen. Ob man sie in ihren Dörfern besuchen kann, fragen wir Carlos und er verspricht zu sehen, wie er uns helfen kann. Normalerweise mögen sie keine Fremden in ihren Dörfern, leben zurückgezogen, aber er hat einige Kontakte, da er schon seit Jahren hierherkommt und eine Kogui Schule unterstützt.

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Die Nacht auf dem Dorfplatz ist alles andere als ruhig. Bis tief in die Nacht gucken Neugierige in unsere Fenster, klopfen, winken und besonders die Jungs versuchen, Lottas Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Am nächsten Tag sind wir früh wach, ich packe meine Kamera ein, mache einen Rundgang durch den kleinen Ort. Dort wo die Kinder gestern noch Fußball gespielt haben, liegen nun zwischen angetrockneter Maultierkacke Kaffeebohnen in verschiedenen Trockenstadien in der Sonne. Ein alter Mann sortiert die Bohnen, erklärt mir, dass sie drei Tage an der Sonne trocknen müssen. Die besten Bohnen verkauft er, die minderer Qualität behält er für sich. Vor jeder Tür im Dorf stapeln sich prall gefüllte Säcke, das Hufgeklapper der Maultiere, welche die Säcke von den Fincas nach Palmor tragen, hallt in den Gassen. Sechzig Jahre alte Pick-ups röhren schwer beladen und rußend die steilen Gassen hinauf, ein Hund döst auf einem Bett aus in der Sonne trocknenden Kaffeebohnen, Mulis warten geduldig vor dem kleinen Supermarkt, bis ihr Besitzer zurückkommt. Im Eisenwarenhandel werden neben Gummistiefeln auch Sättel und Hufeisen verkauft, im Park trainieren zwei Männer ihre Kampfhähne für den Kampf am Wochenende. Immer wieder lassen sie die beiden aufeinander los, trennen sie dann, bevor sie sich verletzen können. Beim Schlachter hängen von Fliegen umschwirrte Fleischteile an der Eingangstür des an eine Garage erinnernden Ladens, Kogui Indianer streifen still wie weiße Schatten durch die Straßen, aus den Geschäften tönt laute Musik. Am Wochenende patrouilliert schwer bewaffnetes Militär in dem 4000 Seelen Städtchen, wirkt völlig deplatziert an diesem idyllisch wirkenden Ort und erinnert schmerzlich daran, dass der Frieden doch noch frisch und brüchig ist. Die meisten Bewohner Palmors leben vom Kaffeeanbau. Auf 51.463 Hektar existieren 13.175 kleine Plantagen, pro Familie ungafähr 3, 9 Hektar. Den Kaffee verkaufen sie dann genossenschaftlich, in Santa Marta wird er geröstet und weiter vertrieben.

Schon kurz nach dem Dorfeingang bezweifele ich, dass wir mit Roger den Weg zur Kaffeefarm „AgroBerlin“ werden fahren können. Die Kurven sind extrem eng, die Vordächer der Häuser am Dorfrand reichen weit in die Straße hinein, die Leitungen hängen tief. Niemanden außer mich allerdings scheint das zu stressen. Die Dorfbewohner winken, rufen, dass wir weiter fahren können. Wenn ich zweifelnd auf die Leitungen deute, versichern sie „No passa nada“- da passiert nichts. Links und rechts knattern immer wieder schwer beladenen Mopeds vorbei, Bauern treiben ihre Maultiere vorbei, wir versuchen, so gut es geht auszuweichen und wenn das nicht geht, beiben wir stehen.

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Immer wieder fragen wir Passanten, ob es möglich ist, mit Roger den Weg zur „Agroberlin“ Farm zu fahren, bekommen allerhand Antworten von „sicher“ bis „auf keinen Fall“. Da wir aber auch kaum Möglichkeiten zum Umdrehen finden, fahren wir weiter. Für die 7km zur auf 1300m liegenden Farm brauchen wir fast 3 Stunden. Wieder sitzen die Kinder auf dem Dach, warnen vor Zweigen, müssen teilweise ordentlich zupacken, um sie zur Seite zu biegen. Verschrammt, verschwitzt und verstaubt erreichen wir die seit 1999 Eco zertifizierte Farm.

Juan, einer der Mitarbeiter zeigt uns einen wundervollen Platz auf einem Plateau, von dem aus sich ein Endlosblick über die mit Kaffee bewachsenen Hänge bietet. Die Nachmittagssonne verschüttet großzügig warmes Licht, Vögel zwitschern und nicht einmal die kleinen schmerzhaft beißenden Fliegen können uns den wundervollen Ausblick verderben.

In der Nacht scheint der Vollmond auf uns herab, Carlos gibt mir eine kleine Einführung in die Nachtfotografie, erklärt mir die Sternbilder und als ich gegen 4 Uhr morgens noch einmal ins warme Bett schlüpfe, weiß ich, dass dieser Platz einer der schönsten dieser Reise sein wird. Lange kann ich nicht schlafen, werde mit den ersten Sonnenstrahlen von einem Kitzeln in der Nase geweckt.

Ein intensiver Jasmingeruch weht durch das offene Fenster herein, die Luft vibriert geradezu vom Summen der Bienen. Fassungslos stehen die Kinder und ich im Gras, blicken auf das Meer weißer Blüten auf denen sich die Bienen tummeln. Nie haben wir so viele Bienen auf einem Fleck gesehen, ich hätte es nicht einmal für möglich gehalten, dass so viele auf einem Fleck existieren können. Jede Blüte blüht nur einen einzigen Tag, die Blühzeit erstreckt sich auf ca. 3 Wochen. Von den Wipfeln der den Kaffee beschattenenden Bäume schmettern die Vögel ihr Morgenlied. 46 Hektar der Farm sind als Naturreservat ausgewiesen, bieten Lebensraum für unzählige Vögel. Herbizide und Dünger werden hier nicht eingesetzt. Stattdessen entfernen die Arbeiter das Unkraut mit Macheten, düngen die Pflanzen mit Kompost, der aus den Abfallprodukten der Kaffeebohnen hergestellt wird. Von Ferne tönen die Stimmen der Arbeiter zu uns, ab und zu taucht ein Kopf aus dem dichten Kaffeegebüsch auf. Dieses Jahr wird eine gute Ernte werden, da ist sich Juan sicher. Regen, Sonne und Temperaturen waren bisher perfekt, die Blüte ist üppig. Zwei Mal im Jahr wird hier geerntet: einmal im November und dann wieder im Mai. 2500 30kg Säcke werden auf ca. 112 Hektar erwirtschaftet, das ist eine Menge, welche die Farm Agroberlin, die früher den Namen „Esperanza“ trug, zur größten in der Gegend macht. Sind die Kaffeekirschen, die Früchte, in denen die Kaffeebohne sich befindet, leuchtend rot, werden sie geerntet. 14- 18 Stunden fermentieren sie im Wasserbad, die Fruchtschale wird entfernt, die Bohne gewaschen und dann auf den Sonnenpatios der Finca getrocknet. Die getrockneten Bohnen werden dann noch in der die Bohne umgebenden Silberhaut nach Santa Marta transportiert, wo sie dann weiter verarbeitet und geröstet werden, um das für diese Finca typische Karamell- und Zitrusaroma zu entwickeln. Wir haben auf unseren Reisen Kaffeefarmen in Tansania, in Äthiopien, in Guatemala und Costa Rica besucht. Keine allerdings hat uns so gut gefallen wie diese. Als ich ein paar Tage später dem Besitzer, den wir wieder nicht kennengelernt haben, eine Dankesmail schreibe, antwortet mir seine Tochter Natalia in perfektem Deutsch. Sie lebt mit ihrer Familie nur einen Katzensprung entfernt von uns in Norddeutschland. Wie klein die Welt doch ist!

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Tayrona National Park

Die Stadt Barranquilla, war, so lange Costa Rica noch nicht zur Debatte stand, lange der Ort, an dem wir Timms Rücken eine Pause gönnen wollten. Wir wussten nichts über diese Stadt, außer, dass es hier eine deutsche Schule gibt, dass es die viertgrößte Stadt Kolumbiens ist und dass sie am Pazifik liegt. Jetzt, als auf dem Weg Richtung Norden dieser Ort vor uns aus dem glühend heißen Staub auftaucht, bin ich heilfroh, hier nicht mehr als ein paar Stunden verbringen zu müssen.

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Das einzig Bemerkenswerte an Barranquilla scheint der Karneval, der die Stadt jedes Jahr vier Tage vor Aschermittwoch in ein Tollhaus verwandelt. Er wird seit hundert Jahren gefeiert, steht angeblich dem in Rio in nichts nach und trägt seit 2003 den Titel „UNESCO Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. „Ein absolutes Muss“ sagen die Reiseführer, „ein Bessernicht“, sagen uns Lokals, die wir zum Karneval befragen. Zu unsicher, zu viel Kriminalität, Drogen und Schlägereien. Ansonsten ist Barranquilla bedeutend als Hafenstadt, Industriestandort und als der Geburtsort von Shakira. Sogar ein Denkmal hat ihr die Stadt gesetzt. Wir sehen es uns nicht an, wollen so schnell wie möglich raus aus dieser Stadt, fahren weiter Richtung Norden.

Die sandige Ödnis weicht mangrovenbestandenen Lagunen, deren Schlick jetzt bei Ebbe in der Sonne glänzt. Zwischen den Städten Soledad und Ciénaga führt die Straße auf der Deichkrone entlang. Zu unserer Rechten blicken wir auf die flachen Lagunen der Ciénaga Grande, auf vereinzelte auf Pfählen gebauten Fischerhütten, zur Linken auf den Pazifik, der hier nicht himmelblau, sondern verwaschen grau erscheint. Diese Region ist eine der ärmsten Kolumbiens, und nicht einmal Himmel und Sonne sind hier großzügig, haben keine Strahlkraft, die Farben wirken stark verdünnt. Meine Augen schmerzen nicht mehr von Staub und heißem Wind, sondern von dem Anblick, der sich mir bietet: In den Pfützen, im von der Ebbe freigelegten Schlick, zwischen den grob gezimmerten Hütten, am Straßenrand, so weit das Auge reicht, modert Müll. Dazwischen Hunde und Geier, Menschen gehen spazieren als sähen sie es nicht, ein kleines Mädchen fährt auf einem zweirädrigen Dreirad. Es stinkt erbärmlich nach Fäulnis und Fisch. Vor uns hält ein Wassertransporter, füllt große blaue Plastiktonnen, welche die Anwohner von ihren niedriger liegenden Häusern hoch an den Straßenrand geschleppt haben mit Trinkwasser. Wir haben keine Chance, uns dem Anblick zu entziehen, müssen warten, mindestens 20 Minuten ist die Straße gesperrt. Ein paar Meter weiter werden drei Särge über die Straße getragen, dahinter ein nicht enden wollender Strom Trauergäste. Schwarz trägt hier niemand, alle sind jung, begleiten die Toten auf BMX Rädern, mit Mopeds, manche spielen Musik. Als wir endlich weiterfahren dürfen, ist mein Herz randvoll mit Hoffnungslosigkeit.

Erst kurz nach Sonnenuntergang erreichen wir Santa Marta, die erste dauerhafte Siedlung der Spanier im heutigen Kolumbien. Gegründet wurde sie 1552, von hier aus starteten die Raubzüge gegen die Tayrona Indianer, deren Goldschatz in den folgenden Jahren fast vollständig geraubt, zerstört und nach Spanien geschafft wurde. Die Indigenen flohen ins Hinterland, bedrohten die Stadt von dort aus mit Überfällen. Vom Meer aus trieben Piraten ihr Unwesen. Gegen diese Angriffe konnte die Stadt nur schwer wehren. Schnell überholte die Nachbarstadt Cartagen de las Indias, deren Hafen bessere Schutzvoraussetzungen erfüllte, Santa Marta als Handelszentrum und schickte sie in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie heute erst mühsam erwacht. Wir erreichen sie erst spät, irren, von unserem Navigationsgerät verlassen, auf den Umgehungsstraßen herum. Bei Einbruch der Dunkelheit landen wir entnervt auf einem Truckerparkplatz. Seit wir mit Roger unterwegs sind, fühlen wir uns dieser Berufsgruppe in besonderem Maße verbunden. Mit ihnen teilen wir die rechte Fahrspur, kämpfen mit denselben Steigungen, verfluchen dieselben engen Kurven, niedrig hängenden Kabel und Äste. Wir können nicht überall parken, sind angewiesen auf größere Parkplätze, haben beide eine besondere Bindung zu unseren Fahrzeugen. Ihr Truck, das ist in Zentralamerika für viele Fahrer ein Statussymbol. Dementsprechend werden sie behandelt. Das Chrom glänzt stets frisch poliert, bunte Blinklichter stellen den Wiedererkennungswert auch im Dunkeln sicher, meterbreite Airbrushbilder geben Auskunft über Familienstand oder Glaubensrichtung. Das häufigste und beliebteste Motiv ist ein Jesus mit Dornenkrone, aber auch die Jungfrau Maria oder ein Bildnis der eigenen Familie sind beliebt. Auf jedem Truckerparkplatz befindet sich neben einem Restaurant und einer Sammelstelle für “Gesellschaftsdamen“ auch eine Möglichkeit, den LKW auf Hochglanz polieren zu lassen. Neben einer solchen Waschanlage parken wir diese Nacht, umgeben von alten Ölfässern, ausgemusterten Kühlaggregaten und dem Geruch von Abwasser.

Der Truckstop führt den ziemlich euphemistischen Namen „Ecooasis“ und das einzige, das uns hier irgendwie „ökologisch“ erscheint, ist die Tatsache, dass alles hier frei vor sich hinrotten darf. Saubere Duschen hatte die IOverlander App angekündigt und auf der Suche nach diesen verfranse ich mich heillos zwischen dem Durcheinander aus Schrott, Ölfässern und baufälligen Gebäuden. Ein Mitarbeiter führt mich an die Rückseite eines solchen Gebäudes. Hier ragt ein Rohr aus der bröckelnden Wand, ein Kantholz verhindert, dass man im Schlamm versinkt, abgeschirmt vom Parkplatz werde ich von einem großen ausgemusterten Tank und einer Menge Schrott. Als ich mir am nächsten Morgen hier die letzten Reste Vulkanmatsch aus den Haaren spüle, kann ich dabei durch die lichten Blätter eines Busches die Bauarbeiter auf der Baustelle jenseits des Zaunes bei der Arbeit beobachten. Im Busch hängen aus sehr offensichtlichen Gründen zurückgelassene Unterhosen vorheriger Duscher, zu meiner Rechten steht eine ausgemusterte Kloschüssel. Ein Platzwart luschert um die Ecke, versichert, dass er aufpassen wird, dass niemand kommt.

Nach den letzten Wochen in Panama, auf dem Katamaran und in Cartagena haben wir Sehnsucht nach Einsamkeit, nach einem Platz, an dem wir uns in Ruhe wieder in Roger zurechtrascheln können und beschließen die Besichtigung von Santa Marta zu verschieben, fahren weiter zum Tayrona National Park. Hier treffen die nebelwaldbedeckten Ausläufer der Sierra Nevada de Santa Marta, dem höchsten Küstengebirge der Welt, auf von türkiser Brandung überspülte Korallensandstrände. Nirgends sonst auf der Welt treffen so hohe Berge (die beiden höchsten Gipfel des pyramidenförmigen Gebirgsmassivs erreichen 5775m) auf den Ozean. Diese Küste, die einstige Heimat der Tayrona Indianer, ihrem Namensgeber, ist der älteste Nationalpark Kolumbiens, umfasst eine Fläche von 120 Quadratkilometern und scheint ein Paradies auf Erden. Auf rundgewaschenen Monoliten sonnen sich Iguanas, Pelikane schießen jenseits der Brandung, senkrecht ins Wasser, Kokosnüsse liegen auf dem Strand verstreut. Die Strömung hier ist gewaltig, der Strand ändert jeden Tag seine Form und Baden ist unmöglich, was aber weder die Kinder noch uns stört. Der eigentliche Park ist leider bis Ende Februar geschlossen, der Grund ist, so wird uns gesagt, dass zu dieser Zeit einige indigene Völker  hier wichtige Rituale vollziehen. Wir finden einen Campingplatz direkt an der nördlichen Grenze zum Nationalpark, parken unter Kokospalmen mit Blick auf die schäumende Brandung. Außer ein paar Surfern traut sich jetzt niemand ins Wasser. Als wir allerdings zwei Wochen später erneut ein paar Tage hier verbringen, ertrinken um Haaresbreite drei Teenager, werden im letzten Moment von ein paar mutigen Surfern gerettet, während die Eltern betend und schluchzend am Strand stehen.

Ich beseitige die letzten unordentlichen Reste der Verschiffung, Lotta zeichnet und häkelt, macht freiwillig am Wochenende Schule. Die Jungen basteln Boote, wir machen lange Spaziergänge am menschenleeren Strand. Außer uns ist hier nur eine Gruppe spirituell Suchender aus Übersee, die in weißer Kleidung schamanische Rituale am Strand abhält, nachts mit Rasseln und Trommeln den Mond begrüßt und ansonsten selig lächelnd die Magie des Ortes genießt. Es ist schwer, sich nach ein paar Tagen wieder loszureißen, aber nachdem wir ein paar Abende zum Sonnenuntergang von einer Aussichtsplattform aus den Blick auf die Gebirgszüge der Sierra Nevada de Santa Marta genossen haben, zieht es uns dorthin- hoch in die Berge, in denen angeblich der beste Kaffee Kolumbiens gedeiht, hoch in die Heimat der Kogui und Arhuaco Indianer.

Volcan de Lodo El Totumo

Kaum haben wir Cartagena hinter uns gelassen, ändert sich die Landschaft schlagartig. Um uns verdorrte, gelb gebrannte Landschaft, die Bäume und Büsche tragen keine Blätter mehr, auf dem festgebackenen staubigen Boden wächst wenig. Ein paar in Zäunen und Buschgerippen verhedderte Plastiktüten sorgen für farbliche Abwechslung, an ihnen zerrt ein heißer, starker Wind. Wir fühlen uns zurückversetzt ins südliche Afrika, selbst die Menschen am Straßenrand passen in dieses Bild. Ein paar afrokolumbianische Jungs stehen mit ihren Fahrrädern am Straßenrand, ein Mann mit krausem Haar und blendend weißen Zähnen reitet auf seinem Eselchen vermutlich nach Hause, zwei Vaqueros, die kolumbianische Version des Cowboys, treiben eine Herde Kühe über die staubigen Weideflächen. Selbst die Weidezäune aus krummen Hölzern, verbunden mit zweireihigem Stacheldraht erinnern uns an Afrika, an eine andere Zeit, an eine andere Reise.

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Wir sind spät dran. Viel länger als erwartet hat es gedauert, bis wir Roger in Cartagena abfahrbereit hatten. Da man, wie uns die IOverlander App verrät, am Parkplatz des Vulkanes El Totumo campen darf, überlegen wir nicht lange, schlagen ein einfaches Camp auf, bevor wir im warmen Licht der Nachmittagssonne den Schlammvulkan besteigen.

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Himmel und Hölle liegen beim Reisen manchmal nah beieinander. Nachdem wir in den letzten Tagen ausgiebig in paradiesischen Gewässern geschwommen sind, steigen wir nun hinab in das Bad des Teufels. Einst, das glauben die Einwohner des kleinen Dorfes am Volcan de Lodo Totumo, hat der Teufel in diesem gelebt, hat ihn wütend Schlamm und Schwefel speien lassen. Dann, so die Legende, kam ein Priester, besprenkelte den Vulkan mit Weihwasser und seitdem gilt er als heilbringend. Der ton- und mineralhaltige Schlamm, der aus 500m an die Oberfläche blubbert und den 20m hohen Vulkan bis zum Rand füllt, gilt als heilsam bei jeglichen Haut- und Rheumaerkrankungen. Ein Schlammvulkan wie der El Totumo entsteht, wenn aufgeschlämmtes tonreiches Sediment in der Erdkruste aufsteigt. Aufgrund der geringen Dichte und der Quellfähigkeit der Tonminerale, sucht der Schlamm den Weg an die Erdoberfläche. Durch zahlreiche Ausbrüche wächst um den Vulkanschlot im Laufe der Zeit ein Schlammkegel. Weltweit existieren mehrere tausend dieser Schlammvulkane, der El Totumo aber soll der Schönste an Kolumbiens Karibikküste sein. Wohl auch, wie frische „Ausbruchsspuren“ verraten, weil die Anwohner ihren Vulkan pflegen und sauber halten und ihm ab und zu eine neue Schlammkruste gönnen.

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Über eine steile Treppe steigen wir hinauf zum Kraterrand, der mit einem grob gezimmerten Holzgeländer gesichert ist. Ein junger Mann aus dem Dorf weist uns den Weg, stellt unsere Badeschlappen in eine ordentliche Reihe, nimmt mein Telefon an sich, um Fotos zu machen. Von hier oben bietet sich ein atemberaubender Blick über die Lagune Cienaga Totumo, die Sonne taucht sie in goldenes Licht, Fischer kommen mit ihren Einbäumen zurück. Das Ufer der Lagune ist mit Mangroven bewachsen, weiße Schlangenhalsvögel staksen im seichten Wasser, lassen sich von den Wasserhyazintenteppichen tragen.

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Timm steigt als erster herunter in die Öffnung des Vulkans, steckt vorsichtig einen Zeh in den Schlamm, steigt dann weiter hinab, versucht, seinen Kopf horizontal zu halten, nur um kurze Zeit später den Kampf gegen die Schlammdichte zu verlieren. Es ist absolut unmöglich, sich aufrecht im Schlamm zu bewegen oder gar zu schwimmen. Wie ein Korken wird er immer wieder an die Oberfläche gedrückt. Im letzten Moment verhindert ein Dorfbewohner, dass die Kinder mit einer Arschbombe im Schlamm landen. Sie werden dazu angehalten langsam in den Schlamm zu steigen. Nachdem ich das obligatorische Familienfoto “mit ohne Mama“ geschossen habe, wage auch ich mich in den braungrauen Modder. Der warme Schlamm legt sich sofort wie eine zweite Haut um meinen Körper, ist pudrig zart und weich, kaum greifbar. Ich spüre keinen Boden unter den Füssen, unter mir geht es 500m tief in die Erde. Auch ich habe Mühe, mich aufrecht zu halten, rutsche eher ungelenk wie auf einer glatten Oberfläche vorwärts. Mit geübtem Griff bugsiert mich ein Dorfbewohner in Rückenlage, beginnt sofort beherzt mich von Kopf bis Fuß zu massieren, den heilsamen Schlamm tief in meine Poren einzuarbeiten.

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Außer einem weiteren Pärchen und einem kleinen Jungen aus dem Dorf, mit dem Max schon auf dem Parkplatz Freundschaft geschlossen hat, sind wir ganz allein. Zum Glück, denn den Kindern macht es offensichtlich eine unfassbare Freude, sich im Matsch zu suhlen, ihn sich in die Haare zu schmieren, sich zu bewerfen und gegenseitig unter die Oberfläche zu drücken. Genauso, das glauben sie, fühlt sich eine Fliege im Schokoladenpudding.

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Und genauso schwierig wie für die Fliege die Befreiung aus dem Pudding, gestaltet sich unser Ausstieg aus dem Vulkanschlot. Der Schlamm ist überall, zwischen den Zehen und Fingern, klebt in Augen und Ohren, es ist schwer, nicht von der Leiter abzurutschen. Mit der Eleganz einer Made glibschen wir den Berg hinab, meine Bikinihose kann die Last des Schlammes nur schwer tragen, das Oberteil flutscht lustig hin und her und erfüllt seine Aufgabe nur leidlich. Unser junger Freund zeigt uns den Weg zur Lagune, rät uns schnell zu machen, denn schon bald, sobald die Sonne untergegangen ist, werden die Moskitos kommen. Viele.

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Als wir das Ufer der flachen Lagune erreichen, hat sich hinter uns eine Traube älterer Damen gebildet, die mit kleinen Plastikschüsseln in der Hand mit uns in die braungraue Brühe steigen. Sie reichen uns ihre freie Hand, führen uns an die tieferen Stellen und innerhalb von Sekunden ergießt sich die erste Ladung Wasser über unseren Köpfen, habe ich links und rechts einen Finger im Ohr, der mir den Schlamm aus den Gehörgängen prokelt. Ein kurzer Blick auf meine Familie und ich sehe, dass jeder von ihnen seine persönliche Waschfrau hat, dass bei Max und Carl schon wieder die natürliche Haarfarbe durchscheint. Ich bin den Frauen unendlich dankbar, hatte doch die Aussicht meinen Jungs die Haare waschen zu müssen mein Schlammbad die ganze Zeit ein bisschen getrübt. Noch während die Dankbarkeit mir im Herzen kribbelt, kribbelt es überraschend auch über meinem Herzen. Meine Waschfrau macht sich an meinen Brüsten zu schaffen, zerrt an meinem Bikinioberteil, bedeutet mir, es auszuziehen. Dann ritscht sie mir die Bikinihose so lange durch den Hintern, bis ich auch die lieber ausziehe, um ihre Waschwut auf meine Textilien umzulenken. Die Frauen wissen was sie tun, unter ihren geübten Handgriffen sind wir schon bald wieder blitzeblank, entsteigen etwas überwältigt und ungläubig lachend der Lagune.

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Die Frauen begleiten uns bis zum Truck, warten geduldig bis wir jeder von ihnen ein kleines Trinkgeld gegeben haben, dann kommt der Masseur, den ich so frisch gewaschen gar nicht erkenne und fragt höflich, ob uns die Massage gefallen habe. Auch er bekommt ein Trinkgeld, ebenso unser junger Freund fürs Fotos machen und Latschen hinterhertragen. Dann ist Ruhe, jedenfalls im Truck. Draußen schwirren blutrünstig Schwärme von Mücken, bellen zwei Hunde, weht ein kühler Wind. So kühl, dass wir das erste Mal seit Mexiko unsere nun babyzarten, etwas modrig riechenden Körper in die dicken Decken hüllen.

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