Nach 15 Monaten auf Reisen

15.Oktober 2019: „Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.“ Was der sehr schlaue Herr Darwin schon vor langem wusste, erleben wir hier am eigenen Leib. Es ist unser dritter reisefreier Monat, der dritte Monat Leben in Costa Rica, der dritte Monat Alltag. Jetzt sind die Kinder nicht mehr die Neuen in der Schule. Sie kennen sich inzwischen aus, haben Freundschaften geschlossen, die eine oder andere Enttäuschung eingesteckt.

Sich in eine völlig andere Gesellschaft einzufügen, die nach komplett unbekannten Regeln funktioniert, hier seinen Platz zu finden, ist besonders für Teenager enorm beängstigend und gleichzeitig stärkend. Immer wieder gibt es Gruselmomente, aber alles in allem hat das Selbstbewusstsein der Kinder Auftrieb bekommen: Lotta hält einen Vortrag über unsere Reise, ist hier die Mutige, die Kreative. Paula hat mit einer Zeichnung den Talentwettbewerb der Schule gewonnen, kann den Preis entgegennehmen, ohne das Bedürfnis zu haben, im Erdboden zu versinken. Carl fährt mit der Fußballmannschaft auf Auswärtsspiele, mit einem Trainer, der nur Spanisch spricht, Max begleitet einen neuen Freund zur Familienfeier, zuckt nicht einmal mit der Wimper, als er erfährt, dass sein Steak mal ein Pferd war(was sich im Nachhinein als Scherz herausstellt).  Alle Kinder meistern die Sprachbarriere erstaunlich. Statt Angst zu haben, sehen sie all die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man an einem neuen Ort mit einer unbekannten Sprache lebt, als Herausforderung. Sie können erkennen, dass jedes neue Umfeld ihnen die Chance gibt, eine andere Seite von sich kennenzulernen. Um ein umfassendes Bild von sich selbst zu bekommen, ist das wichtig. In einem neuen Umfeld hat man die Chance, das Bild das andere sich von einem machen, mitzubestimmen. Das ist Freiheit.

Zuhause steckt man oft in Bildern fest, die sich andere gemacht haben, wird immer wieder auf diese zurückgeworfen, manchmal klebt ein solcher Stempel ewig. Aber es sind nicht nur negative Stempel, auch die Guten können eine erdrückende Last sein, wenn zum Beispiel ein bis dahin immer zuverlässiger Einserschüler plötzlich nachlässt und dem Druck unterliegt, zu alten Höchstleitungen auflaufen zu müssen. Die Kinder entwickeln sich, sind in einem permanenten Umbruch und da ist ein Umfeld, gegen dessen Stempel man ankämpfen muss, anstrengend. Viele Menschen brauchen viel Lebenserfahrung, um herauszufinden, wer sie sind, die Kinder haben schon jetzt die Chance dazu, nutzen sie mit ganzem Herzen.

Aber ein Leben mit Alltag bringt auch die alltäglichen Streitereien und Diskussionen zurück an den Frühstückstisch. Häufig drehen diese sich um Handy und Medienkonsum, selten, weil es an der Schule eine Schuluniform gibt, um Kleidung. Wir haben festgestellt, dass jegliche Medien Kreativität absaugen wie ein Staubsauger, sind nach wie vor streng mit Handy und Computerzeiten. Wir haben festgestellt, dass die Kids bei beschränktem Zugang zu Computer und Handy nur so vor Schaffensdrang explodieren. Timm und ich versuchen, gutes Beispiel zu sein und sind doch deutlich mehr online, als wir wollen. Wir nutzen die Zeit all das aufzuarbeiten, was während der letzten Monate liegengeblieben ist.

Mit dem vermehrten Kontakt nach Deutschland rutscht die Heimat wieder sehr in unseren Fokus und der gleichzeitige Abstand zu ihr wirft Fragen auf. Wir sind gewohnt, schnell Lösungen und Antworten zu finden, nicht gut darin, geduldig zu warten. Manchmal aber, und das haben die letzten Monate gezeigt, reicht es, die richtigen Fragen zu stellen, darauf zu vertrauen, dass es im Hinterstübchen kontinuierlich arbeitet und die Lösung dann plötzlich und unerwartet in ihrer vollen Pracht vor einem steht.

Was bedeutet uns unsere Heimat, wo ist eigentlich unser Zuhause? Werden wir nach dieser Reise erneut das Gefühl haben, uns in eine zu kleine Lücke zwängen zu müssen? Wollen wir das überhaupt? Wie wollen wir leben? All diese Fragen arbeiten seit geraumer Zeit in uns, während wir hier unseren Alltag meistern, wieder zu Kräften kommen. Ist „Heimat“ der Ort, an dem man aufgewachsen ist, ist es der, an dem man zuletzt gelebt hat, oder der, an dem man sich am liebsten aufhält? Kann man mehrere haben? Heimat hat keinen Plural. Das Konzept, dass wir im Deutschen von „Heimat“ haben, gibt es im Englischen nicht. Hier wird dieser Begriff, in dem im Deutschen so viel zwischen den Zeilen steht in mehrere Begriffe aufgeteilt: Homeland (Heimatland), Home (Zuhause) und native Country (Herkunftsland). Bei uns heißt „Heimat“ das alles- und noch viel mehr.

Timm musste diesen Monat für zwei Wochen nach Deutschland fliegen, wir haben Familienbesuch bekommen, sind durch verlässliches WLAN wieder mehr im Kontakt mit Zuhause. So kommt das, was wir für eine Zeit hinter uns gelassen haben, wieder sehr nah.

Im Synonymwörterbuch gibt es für „Heimat“ keines, stattdessen lese ich zu „heimatverbunden“ folgendes: Sesshaft, bodenständig, verwurzelt, verankert, verwachsen, ortsfest, ortsgebunden, immobil, stationär, traditionell, eingeboren, indigen, endemisch. Das alles sind wir nicht, wir sind das Gegenteil! Aber auch das Gegenmodell klingt frustrierend: Als Synonym zu „Auswanderer“ steht dort „Heimatloser“ und „Vertriebener“.

Toll! Eine Heimat werde ich, laut Synonymwörterbuch also nie haben. Solange ich denken kann, wünsche ich mir Wurzeln und dann, jedes Mal wenn sie sich sachte im Erdreich verankern, reiße ich sie wieder aus. Woran liegt das? Ist Heimat vielleicht für mich gar kein Ort, sondern ein Gefühl? Kann man heimatlos leben, oder ist man dann für immer getrieben? Schwebt wie ein Löwenzahnsamen, vom Wind getragen, bleibt zufällig liegen, bis die nächste Böe einen weiter pustet? Kommt das Gefühl von Heimat vielleicht erst mit dem Alter? Dann wär‘s doch mal Zeit!

Wir hatten, als wir in Afrika losgefahren sind, den festen Plan, Wurzeln zu schlagen. Unser Hof, das war das Ziel, sollte für Generationen eine Heimat werden. Und nun, mit etwas Abstand stellen wir fest, dass er kaum mehr Heimat ist, als jeder andere Ort, an dem wir bisher gelebt haben. Ich habe es verpasst zu verwachsen, Wurzeln zu schlagen und diese Tatsache macht mir eine Heidenangst. War nicht so gewollt.

Ein Zuhause also, das haben wir. Es ist der Ort, an dem wir zuletzt gelebt haben, der wo unser Haus steht, an den wir eines Tages zurückkehren werden. Ein Heimatland haben wir mit unserem Geburtsort auch. Eine Heimat aber, als den Platz, an dem wir uns verankert fühlen, den trage ich wohl mit mir: Meine Heimat ist dort, wo Timm und die Kinder sind.

Costa Rica Nach 1,2,3..Monaten

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Dein Eintrag habe ich gerne gelesen, ja wo und was bedeutet Heimat. Für jeden von uns etwas
    anderes, verbunden mit vielerlei Gefühlen und Erfahrungen. Da ich viel und länger in Afrika unterwegs gewesen bin, je nach situation und Zeit, fand ich andere Antworten. Die eigenen
    Wurzeln, da wo man aufgewachsen,ist, die Verbundenheit zur eigenen Familie, diese wird einem erst stärker bewusst, wenn man in fremden Ländern unterwegs ist. auch mit guten Fremdsprachenkenntnissen verbindet einen die Muttersprache doch mit diesem Heimatgefühl.
    Je nach Alter wird man das auch anders empfinden. Raus aus der engen erstarrten, Gleichbleibenden, nur wer Anderes Neues kennen lernt , wird das eigentliche etwas geerdete Zuhause, wieder neu schätzen lernen. Wie es deine Kinder wohl mal im Nachhinein sehen werden, Sehr interessante tiefgründige Gedanken. Freut mich, dass e bei euch wieder ohne
    große Sorgen weitergeht.
    Liebe Grüsse
    African Queen

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