Costa Ricas Schätze- Traumstrände

Gott lässt alles nur so lange wachsen, bis es perfekt ist. Manches ist schneller fertig, Costa Rica zum Beispiel. Bei der Erschaffung dieses Landes scheint Gott einen extrem kreativen Tag gehabt zu haben. Das kleine Land ist so proppevoll mit Wundern und Abwechslung, so vielseitig, dass auch mühelos ein 15 Mal so großes Land mit ihnen gefüllt als „artenreich“ betitelt worden wäre. Allein 20 Mikroklimazonen gibt es in diesem Ländchen, das kaum größer ist als Bayern. Nirgendwo auf der Welt existiert eine ähnliche geologische Vielfalt auf so kleinem Raum. Die zentralen Kordillieren, die Cordilleras, bilden eine von Nordwest nach Südwest verlaufende Grenze, welche die niederschlagreiche Karibikküste und die wechselfeuchte Pazifikküste voneinander trennt. Die beiden Küsten und die Bergregionen weisen eine Vielzahl verschiedener Mikroklimata auf, die ein Grund für die Fülle verschiedener Ökosysteme des Landes sind. Mangrovensümpfe, Nebelwälder, Regen -und Trockenwälder, viele erloschene, eine Handvoll aktiver Vulkane, Gebirgshochland, Traumstrände, Seen- die Landschaftsformen sind so vielseitig, das Klima so wechselhaft, dass man sich nicht selten mehrmals an einem Tag umziehen muss.

Wieder im Schulalltag und Wochenrhythmus gefangen, haben wir nur die Wochenenden und Ferienzeiten, um unser Zuhause auf Zeit zu entdecken. Ein Glück, dass wir hier keine kanadischen Weiten vorfinden, dass wir uns Costa Rica in kleine Häppchen einteilen können, sechs Monate Zeit haben, diese zu genießen.

Einer unserer Lieblinsstrände ist der Playa Herradura, knapp eine Stunde Fahrt von Atenas entfernt. Hier verbringen wir viele Wochenenden, manchmal auch Wochennachmittage. Ein Ausflug an den Strand ist eine der besten Möglichkeiten, die Lebensart der Ticos, wie die Costa Ricaner sich selbst bezeichnen, kennenzulernen. Die Stille deutscher Strandkorbburgen ist ihnen fremd. Hier fährt man mit dem Auto rückwärts an den Strand, öffnet die Heckklappe und genießt Wind und Wellen mit ordentlich Bass und Bier, gerne auch mit BBQ. Niemand liegt hier mit einem Buch auf dem Handtuch. Es wird getanzt, getobt, gekreischt, stundenlang im hüfthohen Wasser palavert. Zwischen den Palmen, die den Strand säumen, sind Hängematten aufgespannt, Hunde und Kinder springen fröhlich durcheinander, manche gucken Filme auf dem Handy. Die Bierflaschen fassen bis zu zwei Liter, werden herumgereicht. Die Kinder essen pappsüßes Eis, Snowcones, das die Strandverkäufer unter hygienisch zweifelhaften Umständen vor Ort herstellen: von einem großen Eisblock werden mit einem Spachtel Slusheis-ähnliche Stückchen geraspelt, mit süssem Sirup und Kondensmilch übergossen und mit Zucker oder Kokosflocken garniert. Unsere Kinder machen einen weiten Bogen um diese Leckerei und wenn sie einmal ein geschenktes Eis nicht ausschlagen können, teilen sie es sich zu viert- geteiltes Leid ist halbes Leid. Wir lieben das bunte Gewusel, sind aber nicht selten nach einem solchen Strandtag völlig erschöpft von all den Eindrücken, genießen es dann wieder in der Stille unseres Gartens zu sein.

Einen Platz allerdings, den mag ich genauso wie unser verandaumbautes Haus im Grünen: Am 11.7.2019 verliebe ich mich. Hals über Kopf, mit Haut und Haar und Worte wie „auf ewig Dein“ flirren von da an vor meinen verzückten Augen. Als wir ein paar Tage nach Timms OP das Stillsitzen nicht mehr aushalten, setzen uns ins Auto, fahren auf die Nicoya Peninsula, in den Nordwesten Costa Ricas. Wir landen in Santa Teresa, auf einem der schönsten Strände der Halbinsel und sind schockverliebt:

An die staubige Hauptstraße reihen sich Surfboardverleihe, Naturkostläden, Yogastudios, kleine Hotels, Cafés und Strandbars. Man läuft barfuß, Quads und Mopeds haben Transpotvorrichtungen für Surfboards. Sonnenbrillen haben hier auch ein Glas fürs dritte Auge. Kinder mit von der Sonne ausgeblichenen Haarspitzen tollen im weißen Sand. An den hohen Bäumen, die den Strand säumen, hängen Turntücher.  Zum Sonnenuntergang spucken Artisten Feuer, Hunde tollen, Pärchen knutschen. Eine wahnsinnig schöne Frau schneidet ihrem auf einem Treibholzstamm sitzendem Mann die Haare, zu seinen Füßen spielt ihr zweijähriger Sohn nackt im Sand. Ein Mann geht mit 5 Hunden und einer Ziege am Strand spazieren. Einkaufen geht man im Bikini und Boardshorts. Jack Johnson tönt aus den Coffeeshops, Brüllaffen schreien von den Baumwipfeln. Ab und zu prasselt ein Regenschauer nieder, man tanzt im Regen, wäscht sich das Salzwasser von der sonnenwarmen Haut. Der Strand ist der schönste Strand, den ich seit langem gesehen habe, er ist endlos weit, in allen Schattierungen von Zucker, gesäumt von Palmen und Mangroven. Man braucht hier keinen Sonnenschirm, legt sich einfach unter das dichte Blätterdach, das in einem dicht gewebten grünen Teppich die Berghänge hinab kriecht, aus dem es zwitschert, zirpt, quakt und brüllt. Handtellergroße blaue Schmetterlinge flattern durch die Äste eichenhoher Frangipanibäume, die Blüten haben hier Formen, die europäische Blumen phantasielos erscheinen lassen. Hier möchte ich meine Füße in den Sand stecken und Wurzeln schlagen, beginne zu träumen:

Jeden Morgen würde ich auf der Veranda meines vanillefarbenen Holzhauses der Sonne beim Aufgehen zusehen. Nach ein paar Sonnengrüßen, würde ich das Surfbrett unter dem Arm den Strand entlanglaufen, der Gischt entgegen, herausfinden, warum es Lungenflügel heißt. Meinen vom vielen Yoga makellos knackigen Hintern würde ich unerschrocken aufs Surfboard schwingen, ein paar Wellen surfen, viele nicht. Weil ich zu beschäftigt wäre, dieses wunderschöne Fleckchen Erde in den Wellen dümpelnd vom Board aus zu bestaunen. Völlig mit mir und der Welt zufrieden, würde ich mich nach vielleicht zwei Stunden an den Strand schwemmen lassen, an dem inzwischen unser Hund schwanzwedelnd auf mich wartet. Zusammen würden wir nach Hause gehen, wo der fertig gedeckte Frühstückstisch auf uns wartet. Die Kinder haben Obstsalat gemacht, Timm frischen Espresso aufgebrüht, alle sind entspannt. Lotta klimpert auf ihrer Gitarre, die Jungs kuscheln mit ihren Katzenbabys in der Hängematte, Paula hängt kopfüber im Turntuch im höchsten Baum des Gartens. Und jeden Tag nach dem Frühstück würden wir als Familie losziehen und einen großen schwarzen Müllsack voller Mikroplastik vom Strand aufsammeln. Zwar bleibt der Strand von Santa Teresa aufgrund der Strömung verschont, im Sand des benachbarten Strandes Playa Hermosa aber zeichnen die kleinen Plastikteilchen bunte Muster in den Sand. In Santa Teresa, da bin ich mir bei unserem ersten Besuch von insgesamt Dreien sicher, wäre ich bis ans Ende meiner Tage froh (vorausgesetzt natürlich, ich fühle mich auch im hohen Alter im Bikini wohl). Am Abend liegen wir in den Betten unserer etwas muffigen Strandhütte, horchen, wie der der Regen auf das Blechdach prasselt. Es ist, als hätten sich alle Wolken der Welt getroffen, um genau hier an diesem Strand wieder ins Meer zu fließen. Wäre ich eine Wolke, würde ich‘s genauso machen. Nach dem Regen wandern wir am nächsten Tag zu einem Wasserfall, der nun die Farbe von Durchfall hat. Die Kinder springen unerschrocken von den Klippen in die dunkle Brühe. Max zögert, die anderen drei ermutigen ihn, halten ihm die Hand, springen gemeinsam. Er überwindet seine Angst, wächst ein paar Zentimeter in nur wenigen Sekunden. Da Timms Rücken mehr Ruhe braucht, beschließen wir, nicht wie geplant weiterzufahren, sondern bleiben einfach. Als wir uns nach ein paar Tagen endlich losreißen können, hat Timm sich schon ausführlich mit dem Immobilienmarkt hier auseinandergesetzt. Die Kinder singen „I’ve got Mörtel (statt murder) on my mind“, die Hymne, die sie in Zukunft jedes Mal anschlagen, wenn sein Imobilieninteresse mit ihm durchgeht.

Auf unserer zweiten Nicoya Expedition sind wir schlau genug, von Norden zu kommen, Santa Teresa als letzten Ort der Etappe anzufahren. Anders wären wir wahrscheinlich wieder dort hängen geblieben, hätten viel verpasst. Die Strände von Tamarindo und Flamingo Bay zum Beispiel, die in der Saison überlaufen, nun in der Regenzeit aber herrlich menschenleer sind.

Playa Junquillal und Playa Osteonal, ein Strand, der Schauplatz eines biologischen Wunders ist. Während der Regenzeit von August bis Ende Dezember, treffen sich jedes Mal eine Woche vor Neumond, in der dunkelsten Zeit des Monats Hunderttausende Meeresschildkröten auf dem nur wenige Kilometer langen Strand, um hier im schwarzen Vulkansand ihre Eier abzulegen. Diese „Arribadas“, spanisch für Ankunft, hat man bisher nur bei Oliv-Bastard Meeresschildkröten beobachtet. Schon Tage vorher treiben Tausende von Schildkröten im ufernahen Meer, auf ein geheimes Zeichen hin kommen die ersten paar hundert an Land, gefolgt von Tausenden in den nächsten 3-7 Tagen. Obwohl sie hauptsächlich in der Dunkelheit zwischen Sonnenuntergang und Aufgang kommen, bietet sich uns um die Mittagszeit ein beispielloses Spektakel:

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Schildkröten, so weit das Auge reicht. Im Sand die Hüllen aufgebrochener Eier. An ein Leben im Wasser gewöhnt, schleppen die Schildkröten mühsam ihre schweren Körper durch den Sand. Die Anstrengung steht in ihren Augen, viele haben Verletzungen am Nacken und den Vorderfüßen, dort wo der Panzer an der Haut scheuert.

Unendlich lang und mühevoll scheint der Weg, links und rechts lauern Geier und Hunde, die nur darauf warten, die mühevoll gelegten Eier wieder auszugraben. Leben und Tod scheint so nah beieinander, ich meine, die Qual in den Gesichtern der Schildkröten zu sehen, bin gleichzeitig fasziniert und tieftraurig. Mit ihren Flossen graben sie Kuhlen in den Sand, pressen unter höchster Anstrengung 80-100 tischtennisballgroße, runde Eier in die Mulde, graben sie danach wieder zu. Da viele der Eier der ersten Schildkröten, die während einer Arriba an Land kommen von den später kommenden Schildkröten zerstört werden, ist Anwohnern in den ersten Tagen einer Arriba das Sammeln von Eiern erlaubt. Angeblich sollen sie die menschliche Libido steigern, gegen Impotenz helfen. Im Gegenzug allerdings helfen diese, den Strand sauber zu halten und die Schildkröten an den Resttagen der Arriba zu schützen.

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Nach 45-54 Tagen, je nach Temperatur, die auch das Geschlecht der Schildkröten bestimmt, schlüpfen die Kleinen. Auch hier helfen die Anwohner von Osteonal den Kleinen sicher ins Wasser zu gelangen. Zwar müssen die Schilkrötenbabies, um ihre Lungenfunktion vollständig auszubilden, selbstständig den anstrengenden Weg ins Meer bewältigen, beschützt allerdings werden sie, indem Geier und Hunde ferngehalten werden. Die Kleinen riechen das Meer, wissen instinktiv, wohin sie gehen müssen. Manchmal tragen die Anwohner sie ein kleines Stück über den heißesten Teil des Strandes. Die meisten der Kleinen werden ihr Fortpflanzungsalter nicht erreichen. Die allerdings, die es schaffen, werden nach 10-15 Jahren an ihren Geburtsstrand zurückkehren.

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Mindestens 1,5 Stunden sitzen wir gebannt im Schatten eines Baumes und bestaunen diesen Anblick. Die Schildkröten, scheinbar von ihrer biologischen Pflichterfüllung besessen, haben keine Scheu, graben auch ein Nest neben unserem Rucksack. Es ist schwer, stillzuhalten und nicht einzugreifen, den Schildkröten nicht beim Graben zu helfen oder ihnen den Weg einfacher zu gestalten. Während wir noch darüber philosophieren, hat Max schon lange seinen ganz eigenen Weg gefunden, den Schildkröten zu helfen. Er hat die Dorfhunde um sich versammelt und wirft ihnen Stöckchen. Das Paradies, das hat Max schon jetzt für sich erkannt, besteht nicht aus einem makellosen weißen Sandstrand. Nur dann, wenn mindestens sechs Hunde in nächster Nähe durch den Sand toben, hat ein solcher Paradiespotential.

Leben in Costa Rica

„Raus aus der Kleinstadt, rein in die wilde Welt!“ Mit diesem Ziel vor Augen sind wir im Juli 2018 in Deutschland losgefahren. Und nun, ein Jahr später landen wir genau dort, wo wir eigentlich nicht mehr sein wollten: in einer Kleinstadt. 

Atenas, unsere neue Heimat auf Zeit liegt zentral, so ziemlich im Herzen von Costa Rica auf einer Höhe von knapp 700m, umgeben von Kaffeeplantagen. Viele der Hauptattraktionen des Landes sind nur höchstens zwei bis drei Fahrstunden entfernt. Obwohl  Distanzen in Kilometern gemessen, in Costa Rica nicht groß sind, benötigen sie, gemessen in Zeit, ewig. Straßen sind, außer der Hauptverkehrsader R27, die sich zum Glück fast vor unserer Haustür befindet, nie gerade, schlängeln sich in Serpentinen durch den dichten Dschungel, durch nebelverhangene Baumwipfel, wieder herunter an die Küste. Der Verkehr ist, zumindest auf den Hauptstraßen dicht. Man braucht Geduld, Zeit und ein ziemlich dickes Fell. Das wird uns, während unserer Pause in der gemütlichen friedlichen kleinen Stadt wohl hoffentlich ganz von alleine wachsen, wenn wir ihm ein bisschen Zeit und Raum geben, wird uns rüsten den Rest dieses Landes etappenweise von hier aus zu erkunden. 

„Eine Oase des Friedens in einer von Gewalt und politischen Unruhen geprägten Region Zentralamerika“ betitelt Wikipedia Costa Rica. Und genauso fühlt es sich an. Die Kolonialgeschichte Costa Ricas unterscheidet sich deutlich von der seiner Nachbarländer. Von Diktatur und Bürgerkriegen wurde dieses Land weitgehend verschont, anders als in anderen zentralamerikanischen Ländern hat sich hier nie eine Großgrundbesitzerelite ausgebildet, ist hier die Wirtschaft nicht auf Ausbeutung und Sklavenarbeit gegründet. Stattdessen organisieren sich die Bauern in Kooperativen. Der Kaffeeanbau beruht auf einem umfangreichen Netz aus Großhändlern und Bauern, es gibt schätzungsweise 130000 Kaffeeplantagen. So haben alle die Möglichkeit, ihre Produkte zu verkaufen. Die Kooperative von Atenas betreibt einen Supermarkt, ein Cafe, eine Tankstelle, einen Wochenmarkt und einen Landhandel. Jeder der Mitglieder profitiert von den Einnahmen und das schlägt sich auf das Gemeinschaftsgefühl nieder. Die Menschen hier sind zufrieden, jeder vom Tankwart bis zum Marktverkäufer scheint das, was er tut gern zu machen. Bedankt man sich für etwas, bekommt man immer ein „con mucho gusto“ ( sehr gern geschehen) entgegengelächelt. Der Parkplatzwächter des Coopesupermarktes begrüßt mich jedes Mal mit „Guten Tag meine Königin“, die Bäckerin schenkt uns Baguette extra, damit wir die vielen Kinder satt bekommen, die Werkstattschrauber winken, wenn wir vorbeifahren. Fatima, die Kassiererin der Pulperia, in der wir Kleinigkeiten und Fleisch kaufen, erkundigt sich nach der Schulwoche der Kinder, danach, wie es Timms Rücken geht und ob unser Besuch wieder gut in der Heimat gelandet ist. Der Kassierer an der Zollstation ist mit Timm auf Facebook befreundet, seine Spanischlehrerin gibt alles und noch viel mehr, um liebevoll Grammatik und Vokabeln in seinem starren Kopf zu verankern. Andrés, Timms Physiotherapeut mutiert zum Personaltrainer und schließlich zum Freund, mit dem Timm auf einer mehrtägigen Wanderung den Chirripo, den höchsten Gipfel Costa Ricas erklettert. Maria, Christian und ihre Kinder Pia und Sofia werden zu unserer Costa Ricanischen Familie, wir bekochen uns gegenseitig, machen Ausflüge und spielen gemeinsam Volleyball. Die Kinder fühlen sich in der Schule aufgehoben, finden schnell Anschluss und Freunde. Es dauert nicht lange und wir sind angekommen, mitten drin im wuseligen Leben einer Costa Ricanischen Kleinstadt. 

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Wobei „ankommen“ in diesem Fall übertragen gemeint ist. Im eigentlichen Sinne ist das hier nicht so einfach. Unser Haus liegt ein paar Kilometer außerhalb, umgeben von dichtem Grün. Wenn ich möchte, dass uns jemand besuchen kommt, muss ich ihm einen Standort schicken, da es in Costa Rica keine Straßen Namen und Hausnummern gibt. Je nachdem, wen man fragt und von wo aus fällt die Adresse eines Hauses immer anders aus. Die Wegbeschreibung des Familienvaters könnte folgendermaßen lauten: Von der Bar „la cantina del Pueblo“ 300m in nördliche Richtung, nach dem 2. Geschwindigkeitspoller scharf rechts, 200m geradeaus, das dritte Haus auf der rechten Seite, Farbe Grün. Die Dame des Hauses würde vielleicht die Kirche als Ausgangspunkt nehmen, die Tochter den Frisör, der Sohn den Fußballplatz und auch die Farbe des Hauses würde, je nach Empfinden von Grün über Schwimmbadblau bis zu Himmelblau variieren. 

„Grinchgrün“ ist die für mich vorherrschende Farbe. Wir befinden uns zum Anfang der Regenzeit, jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne, glitzert die Sonne durch das dichte Blätterdach, jeden Nachmittag um Punkt zwei zieht sich der Himmel zu und der Himmel entlädt sich in Regen, Blitz und Donner. So geht das mehrere Monate. Ich liebe die nachmittäglichen Gewitter, mag den herabstürzenden Regen und die Donnerexplosionen. Natur ist hier so gewaltig so ungezähmt, so allgegenwärtig. Nach den Gewittern sind alle Spannungen entladen, ausgetobt und leergedonnert ist die Luft wie frisch gewaschen und klar. Ich mag es, wenn die Sonne langsam wieder durch die Wolkendecke kriecht und der Tag weiter macht, als sei nichts gewesen. Wenn die Grillen ohrenbetäubend zirpen, als sei es ihr Verdienst, dass das Gewitter weiterzieht. Schmetterlinge und Kolibris flattern durch die bunten Gartenblumen, Papagein schreien gut getarnt von den Wipfeln der Bäume am Haus. Ein bunter Specht durchlöchert das Totholz des Baumes am Pool, ab und zu kracht ein größerer Ast herunter, verfehlt uns zum Glück jedes Mal. Alle vier Jahreszeiten wandern hier durch einen Tag. Ab und zu kommt ein Erdbeben dazu, während unserer Zeit in Atenas wackeln sechs Mal die Scheiben, Wände und Betten, oft klemmen danach die Türen. Im Laufe der Regenzeit wird es feucht im Haus, wir müssen an sonnigen Tagen die Kleiderschränke öffnen damit die Feuchtigkeit aus den Klamotten abdampfen kann. Alles Mögliche beginnt zu schimmeln, muffig zu riechen, stören tut uns das nicht. Wir sind unendlich dankbar, an diesem Ort verschnaufen zu dürfen.

Jeden Morgen laufen in unserer Küche die Cornflakes davon und auch sonst ist das Leben in unserem Haus äußerst artenreich. 300.000 der insgesamt 500.000 Tierarten in Costa Rica sind Insekten. Ein Großteil von ihnen lebt im und um unser Haus. Um auch in der Regenzeit gut durchlüftet zu sein, sind im Untergeschoß die Fensterscheiben durch Holzgitter ersetzt, durch die fröhlich das Leben von außen nach innen und wieder nach außen wandert. Oft mit unserem Essen im Gepäck. Rote große Blattschneideameisen schleppen in Karawanen Brotstücke und gekochte Spaghetti aus dem Fenster, kleine schwarze Ameisen krabbeln durch die Betten und überall in der Küche, beißen schmerzhafter, als man es ihrer Größe zutrauen würde. Riesenhafte schwarze Ameisen mit furchteinflößenden Mundwerkzeugen räumen die Krümel unter den Tischen weg, leben im ganzen Haus, lassen uns aber in Ruhe, wenn wir uns nicht aus Versehen auf sie setzen oder stellen. Wenn sie beißen, tut es höllisch weh. Mehr als die schwarzen Skorpione, die sich in jedem Winkel des Hauses verstecken: in der Besteckschublade, zwischen den Kochtöpfen, in der gefalteten Wäsche, hinter Bilderrahmen, in den Schulrucksäcken der Kinder. Einmal nimmt Max einen Skorpion aus Versehen im Brotdosenfach mit in die Schule. Dieser versteckt sich dort den ganzen Tag, kommt am Nachmittag unentdeckt wieder mit nach Hause, verlässt, sobald der Rucksack den vertrauten Küchenboden berührt, den Rucksack fluchtartig. Einmal zieht eine Skorpionmama in meinen Schuh, bringt dort ihre 30 Jungen zur Welt. Sie leben dort ungestört, die Kleinen wachsen heran, bis ich eines Tages meinen Fuß hineinstecke, ohne wie sonst üblich den Schuh ausgeschüttelt zu haben. Es tut weh, sehr weh und innerhalb von 1,5 Stunden schwillt meine Zunge an und mein Mund wird taub. Alles völlig normal, es wird mich stärker machen, sagt die Apothekerin, rät mir, Gewürznelken zu kauen. 

Auch völlig normal, jedenfalls wenn man mal genauer nachfragt, sind die Maden der Dasselfliege (Torsalos), die sich unter die Haut graben und sich dort am Gewebe des Wirts dick und rund fressen, bis sie mit einer Größe von ca. 2 cm schlüpfen und sich zu Boden fallen lassen. Erkennen kann man den Befall an Hautbeulen, die in einem Zeitraum von ca. 4 Wochen immer größer werden, fürchterlich weh tun, während es von innen frisst. Bevorzugte Wirte sind Rinder. Vor allem die auf der Weide gegenüber unseres Hauses sind übersät von den riesigen Beulen. Auf den Rücken der Tiere sitzen regelmäßig Greifvögel, picken die dicken Proteinbomben aus dem Fell der stillhaltenden Kühe. Manchmal- und leider passiert das Timm- verirren sich die Mücken, welche die Eier der Fliegen übertragen, auch auf den Menschen. Ein Pickel an seiner Stirn wird größer und größer, sticht schmerzhaft. Irgendwann, nachdem Timm das nächtliche Fressen der Larve  lange wachgehalten hat, fragen wir Doktor Google um Rat. Die Lösung: Ich soll ihm ein rohes Stück Fleisch über Nacht auf die Stirn kleben, wenn wir Glück haben, zieht die Larve um. Bevor wir das versuchen, verschließt Timm, einem anderen Rat folgend, das Atemloch mit einer fetthaltigen Salbe. Die Larve, die droht zu ersticken, versucht es erwartungsgemäß wieder frei zu graben. Genau in dem Moment, in dem ihre Schwanzspitze aus dem Loch guckt, greift Timm zu, zieht mit einer Pinzette ihren mit Wiederharken gespickten Körper langsam aus dem Loch. Mein Magen rebelliert. Als wir ein paar Wochen später den Hund Newton von den ersten beiden von 17 Larven befreien müssen, nachdem er tagelang winselnd im Kreis gelaufen ist, bin ich deutlich nervenstärker, helfe Christian bei der Operation, bevor wir aufgeben und den Hund zum Tierarzt bringen. Auch Skorpione schrecken uns bald nicht mehr. Mit Becher und Papier bewaffnet, fangen wir sie ein und setzen sie nach draußen. 

Überall im Haus leben Geckos, deren Rufe uns in der Nacht versichern, dass sie sich um die Mücken kümmern. Ab und zu verirrt sich ein Glühwürmchen von draußen nach innen, tanzt über unser Bett. Von draußen quaken schuhgroße Kröten, deren toxischer Schleim einen Hund ins Jenseits befördern könnte. Nachts treffen sie sich am Pool im Garten, den Adrian, unser Vermieter extra mit einer Kante versehen hat, mit deren Hilfe die Kröten wieder hinauskommen. In den umliegenden Bäumen kraxeln Leguane, fressen sich an den Obst und Gemüseabfällen satt, die wir Ihnen bereitlegen. Unter dem Dachvorsprung unseres Hauses leben Fledermäuse, ab und zu verirren sie sich nachts ins Haus, wenn wir vergessen, ein Fenster zu schließen. Ihre Köttel rieseln vom Dach in meinen Morgenkaffee. Wildbienen bauen ihre Nester an jeder nur möglichen Stelle im und um das Haus und mehr als einmal müssen wir bewegungslos innehalten, bis der Schwarm samt Königin in ein neues Nest umgezogen ist. Natur, das stellen wir schnell fest, ist hier um vieles lebendiger als bei uns in Deutschland. 

Es ist ein komisches Gefühl, nun plötzlich aus der Rolle des Overlanders, in die wir uns so mühevoll eingelebt haben, in die Rolle des Expats katapultiert worden zu sein. Wir brauchen einige Wochen, uns an das „an einem Ort sein“ zu gewöhnen. Den Kindern tut die Pause gut, sie genießen den Platz, spielen Lego, malen, machen Musik, spielen mit den Nachbarsmädchen Pia und der kleinen Sophie. Sie toben mit den Hunden, spielen im Pool, im Garten stehen zwei Fußballtore,die eifrig beschossen werden, wir entdecken Volleyball als Familienspiel.

Als Timm operiert wird, lasse ich die Kinder zwei Tage unter Marias Obhut, spreche mit Ärzten, beurkunde den Kauf unseres Autos. Ich bin unendlich dankbar, die Kinder nicht mitschleppen zu müssen, kann unser Glück kaum fassen, bedanke mich erneut beim Schicksal, dass es uns nicht nur ein wunderbares Haus, sondern auch Christian und Maria beschert hat. Das Krankenhaus erinnert an ein 5-Serne Hotel, Timm darf sich jeden Tag sein 4-Gänge Menü selbst zusammenstellen, die Krankenschwestern erinnern an Stewardessen von Emirates, sind wahnsinnig freundlich aufmerksam und hübsch anzusehen. 

Um den Zeitunterschied zu überbrücken, steht Timm, als er wider zu Kräften gekommen ist, jeden Morgen um vier Uhr auf, arbeitet bis er die Kinder um sechs weckt. Ich stehe ebenfalls früh auf, mache Yoga, schreibe ein bisschen auf der Veranda, während vor meinen Augen der Garten aus der Dunkelheit kriecht und die Sonne dotterfarbenes Licht verschüttet. Um sieben fährt Timm die Kinder in die Schule, geht danach entweder zur Physiotherapie oder zum Spanischunterricht. Jeden Morgen kommt die 2,5 Jährige Sofie herüber, damit wir zusammen unseren Cafecito trinken: sie einen Cranberrysaft aus einer kleinen blauen Emailletasse, ich meinen Kaffee, der in den Hängen rund um unseren Ort Atenas wächst.

Nur einmal, bekommt unser Glück eine kleine Delle. Da unsere Importgenehmigung für Roger nach drei Monaten abläuft, wir dann, um eine Neue zu bekommen theoretisch für drei Monate das Land verlassen müssten, haben wir kurz Panik, dass unsere sechs Monate auf nur drei verkürzt werden müssen. Unsere Träume drohen kurz zu zerbröseln -bis wir bei der Recherche nach einer Lösung auf den Blog „Freedom with Bruno“ stoßen. Gerade, als wir zu verzweifeln drohen, liefert er die Lösung: Man kann sein ausländisches Auto beim „Almanacen Fiscal“, dem Zoll, einlagern und damit die Importgenehmigung einfrieren. Schweren Herzens trennen wir uns von Roger, bringen ihn zum Zollparkplatz, besuchen ihn regelmäßig, um zu kontrollieren, ob er dem stärker werdenden Regen noch standhält. 

Wir haben viel Besuch, sowohl von anderen Overlandern, als auch von unseren Familien. Die „Piraten“ Sven und Iris setzen sich in Mexiko ins Auto, als sie hören, dass wir in Costa Rica sind, kommen zu uns und bleiben drei Wochen. Wir lernen eine Schweizer Familie kennen, die ebenfalls mit einem Überlandtruck von Kanada aus unterwegs ist, anders als wir allerdings schon wieder Stalltrieb hat und zu Weihnachten in den verschneiten Schweitzer Bergen sein möchte. Auch sie bleiben einige Tage bei uns, um ihre Batterien wieder aufzuladen, ihren Kindern eine Pause vom Reisealltag zu gönnen. Timms Familie kommt zu Besuch, Max Patenonkel mit seiner Familie und gemeinsam mit ihnen entdecken wir Costa Ricas Nationalparks, Strände, Wälder, Wasserfälle, genießen die lokale Küche.

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Jeden Freitag gehen wir, um das Wochenende mit den Kindern zu feiern, Eis essen und viel schneller als erwartet, beginnen zarte Wurzelausläufer nach dem Boden zu suchen. Die Gefahr, hier Wurzel zu schlagen ist groß, immer wieder müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass die Reise weiter geht, dass das hier nur eine Pause ist. Dass wir hier nur ausruhen, um Energie für den Rest unseres Abenteuers zu sammeln. 

Costa Rica

Meine Tränendrüsen sind äußerst spendable Organe. Schon immer. Es braucht nicht viel, sie zu aktivieren. Noch nie allerdings, habe ich beim Anblick eines Müllautos geweint, jedenfalls bis jetzt. Die ersten 24 Stunden in Costa Rica fühle ich mich wie ein Kind im Spielzeugladen, weiß nicht, was mich am meisten begeistert. Die Straßen sind gut ausgebaut, die Autos wirken verkehrstüchtig und wir müssen keine Angst haben, dass die Stoßstange des Vordermanns in naher Zukunft ein Hindernis auf der Fahrbahn darstellen könnte. Das Laubgewimmel der Büsche, Bäume, Gräser strahlt in den verschiedensten Grüntönen von erbsengrün über sahnespinatfarben bis zu jägermantelgrün. Noch nie habe ich so viele verschiedene Blattgrößen und -formen auf so engem Raum gesehen, es wirkt wie ein Wimmelbuch für Botaniker. Costa Rica, zu deutsch „reiche Küste“, scheint genau das zu erfüllen, was der Name verspricht.

Das nur 51.000 Quadratkilometer große Land ist das artenreichste der Erde, beherbergt mit 500.000 Arten vier Prozent der weltweit angenommenen Arten. Rund 27 % der Landesfläche stehen unter Naturschutz, ⅔ Costa Ricas sind bewaldet. Schon früh hat man erkannt, dass der Reichtum des Landes diese Biodiversität ist, hat den Ökotourismus stark gefördert. 100 % seines Strombedarfs deckt Costa Rica aus regenerativen Quellen wie Wasserkraft, Geothermie und Windkraft. Das Land gilt als eines der fortschrittlichsten Lateinamerikas, schon während des Zweiten Weltkrieges war in Costa Rica ein kostenloses Gesundheitssystem eingerichtet worden, 1948 wurde die Armee abgeschafft und die frei gewordenen Mittel in das Schul-, Renten- und Gesundheitssystem investiert. Anders als die Nachbarländer litt Costa Rica nicht unter Bürgerkriegen, Unruhen und Diktaturen, sondern ist seit den 1950ger Jahren eine stabile Demokratie. All diese Umstände brachten Costa Rica den Beinamen „die Schweiz Lateinamerikas“ ein. Und genauso wie die Schweizer zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen, ist auch Costa Rica auf der Liste des jährlich ermittelten World Happiness Reports  auf Platz 12 von 156 Ländern (2019 ist Deutschland auf Platz 17, Tendenz fallend). Und auch auf der von Reporter ohne Grenzen herausgegebenen „Rangliste der Pressefreiheit“ belegte Costa Rica 2019 Platz 10 von 180 Ländern.

All das weiß ich noch nicht, als wir auf der Landstraße Richtung San Jose, der Hauptstadt Costa Ricas  fahren. Der Müllaster aber, der uns zum Halten zwingt, die Männer, die die ordentlich gestapelten Säcke in dessen Bauch veschwinden lassen, winken und Pura Vida rufen, sind mir zu viel. Die ganze Anspannung der letzten Wochen verflüssigt sich wie ein Platzregen und ich schluchze: „So schön hier, …sogar…Müllautos!“

Nirgends sehe ich bewaffnete Sicherheitsleute, keinen Natodraht, nur hohe Zäune und ab und zu vergitterte Fenster in gepflegten Gärten. Kein einziger magerer Straßenhund springt vor unseren Truck, am Straßenrand sprudeln glasklare Bäche und es riecht nach frisch gemähtem Gras und Blumen. Und obwohl wir in immer kürzeren Abständen anhalten müssen, weil Timms Rücken schmerzt, flattert mein Herz mit den Schmetterlingen am Wegesrand: Wir sind angekommen in der Zivilisation! Hier, das spüren wir alle sofort, sind wir sicher. Hier können wir uns endlich um Timms Rücken kümmern, können uns ausruhen und überlegen, wie es weiter geht. Wir müssen nicht bis Kolumbien durchhalten, Costa Rica ist eine echte Alternative.

Doch bevor wir uns in unserem Airbnb entspannen dürfen, müssen wir nach San Jose, in die Hauptstadt Costa Ricas, um dort ein wichtiges Dokument in der deutschen Botschaft abzuholen. Obwohl die Distanzen in Costa Rica nicht weit sind, dauert jede Fahrt ewig. Der Großteil der 5 Mio Einwohner des Landes leben rund um die Hauptstadt San Jose, im Valle Central. Über die zweispurige Mautstraße, die R27, quälen sich in nicht enden wollenden Blechschlangen die Autos Richtung Innenstadt und am Abend wieder hinaus. Der Verkehr ist, wenn man Costa Rica schwerwiegende Probleme anhängen möchte, eines. Es staut sich an jeder Aus-und Auffahrt, an der Mautstation stehen wir ewig. Reißverschlussprinzip kennt hier niemand, stattdessen wird gehupt und gedrängelt und jede noch so kleine Lücke sofort geschlossen. Wir brauchen 2 Stunden für 30 Kilometer, kommen gerade noch rechtzeitig, um unser Dokument in Empfang zu nehmen. Danach geht es weiter zur Autovermietung, wo wir uns für die nächsten zwei Wochen ein Auto gemietet haben, um flexibler zu sein.

Atenas, warum auch immer benannt nach der Hauptstadt Griechenlands, ist ein 5.000 Einwohner Städtchen, 35 Km von San Jose entfernt. Umgeben von Bergen und Kaffeeplantagen und dominiert von Landwirtschaft, hoffen wir, uns hier für die nächsten zwei Wochen zu erholen und zu überlegen, wie es weiter geht. Seit in den 70ger oder 80ger Jahren ein National Geographic Journalist dem Städtchen das beste Klima der Welt zugeschrieben hat, prangt dieser Satz an jeder Bushaltestelle, an den Ortsschildern und wird stolz von jedem Einwohner beteuert. Die Temperaturen sind, anders als an der im Sommer sehr heißen Pazifikküste und der feuchtschwülen Karibikküste das ganze Jahr über stabil. Nachts 19 Grad, tagsüber höchstens 34, im Durchschnitt 26 Grad.

Während ich versuche, im dichten Verkehr mit dem Mietwagen Timm zu folgen, schwöre ich ganz entgegen meinen yogischen Prinzipien beim Auto fahren in Zukunft ein Arschloch zu sein. Einmal eine Lücke gelassen, einmal jemanden vorgelassen wird der Abstand zwischen Timm und mir immer größer. Ich werde von allen Seiten überholt, LKW quetschen sich an mir vorbei, hupen ungeduldig, ignorieren meine gewinkten Bitten, mich vorzulassen. Will man in Costa Ricas Straßenverkehr bestehen, muss man sich von „Pura Vida“ verabschieden und in den Überlebensmodus schalten. Und dann, sofort nach dem Parken wieder zurück in „Pura Vida“.

„Pura Vida“ ist das „Moin“ Costa Ricas- und noch viel mehr. Es heißt „hallo“, „guten Tag“, „herzlich willkommen“, „Danke“, „bitte“, „mach Dir keine Sorgen“, „guten Appetit“, „gute Nacht“, „sehr erfreut“ und passt eigentlich immer. Auch unsere Vermieterin begrüßt uns mit diesen Worten, nachdem wir die holperige Zufahrt zum Haus bezwungen haben. Auf Airbnb sah das Haus wundervoll aus, jetzt aber bleibt mir fast die Spucke weg. In einem gigantischen Garten steht in Alleinlage zwischen Bäumen das schönste Haus, das ich seit langem gesehen habe. Es ist umgeben von einer überdachten Veranda, überall Sitzecken und Hängematten, selbst einen Rollstuhl könnte ich hier den ganzen Tag mit dem Stand der Sonne ums Haus schieben und die Aussicht wäre immer wieder anders. Etwas oberhalb des Hauses wohnt ein junges Verwalterpaar aus Nicaragua mit ihren beiden Töchtern (9,3), zum Haus gehören drei Hunde, die im Schatten der Veranda schlummern. Im Garten glitzert ein blauer Pool, Iguanas huschen die Bäume hinauf, Nachbars Hühner scharren im Gras, Kolibris surren an mir vorbei, verschwinden in den Blüten des wilden Ingwer. Bis vor kurzem hat hier Mariechens Bruder mit seiner Familie gewohnt, ist aber, weil der Verkehr zu anstrengend geworden ist, näher an die Stadt gezogen. Wir sind die ersten Gäste, seit seine Familie ausgezogen ist, erzählt uns Mariechen, deren Name von einem deutschen Opa stammt.

„Ob wir auch sechs Monate bleiben können“ höre ich Timm fragen, wundere mich kein bisschen über diese Frage, habe auch nicht das Gefühl, dass wir noch einmal darüber reden sollten. Alles an diesem Ort schreit „Bleibt!“, sogar der Unterstand auf der Rückseite des Hauses ist hoch genug, um Roger dort zu parken.

Sie wird es mit ihrer Familie besprechen, lächelt Mariechen und überlässt uns der Obhut von Maria, die sich ab jetzt um uns kümmern wird.

In den nächsten Tagen überschlagen sich die Ereignisse. Mariechens Familie ist nicht nur einverstanden, uns hier 6 Monate zu beherbergen, sondern macht uns sogar ein äußerst großzügiges Angebot. Costa Rica, so sagt sie, verfüge über ausgezeichnete Privatkliniken. Viele Amerikaner kämen hierher, um sich hier operieren zu lassen, weil die Kosten in den Staaten zu hoch sind. Es gäbe einen regelrechten Medizintourismus. Die oft weltweit ausgebildeten Ärzte sprächen häufig sehr gutes Englisch und die Methoden sein auf dem neusten Stand der Wissenschaft.

Schon oft in unserem Leben hatten wir das Gefühl, dass wenn wir auf dem richtigen Weg waren, sich scheinbar alle Türen automatisch öffnen. So ist es auch dieses Mal. Innerhalb von nur acht Tagen haben wir einen  Arzt gefunden, der Timm minimal invasiv operieren kann. Unsere Krankenkasse gibt sofort ihr OK, die Kinder haben die Zusagen von der deutschen „Humboldschule“ in San Jose und der  „bilingualen Green Valley“ Schule in Atenas. Wir beschließen, ein Auto zu kaufen, finden kurze Zeit später das perfekte Gefährt im Internet, haben, entgegen aller Geschichten über schreckliche Autoverkäufer in Costa Rica den herzlichsten und freundlichsten Verkäufer erwischt, den man sich wünschen kann. Er hilft mir bei der Zulassung, bei der Beurkundung, schickt mir Reminder was ich wann und wo zu erledigen habe, bietet seine Hilfe an, sollten wir sie brauchen. Mehrmals muss ich Timm aus dem Krankenhaus abholen, um im Krankenhauskittel und Tropfnadel im Arm kleckerweise den Geldbetrag für das Auto von unserer Kreditkarte abzuheben, deren Tageslimit eine einmaliges Abheben nicht zulässt. Dummerweise ist es die Zeit um den ersten des Monats. Zu diesem Datum werden die Pensionen ausgezahlt und die Schlangen vor den Banken sind endlos. Der Krankenhauskittel allerdings, das haben wir schnell raus, verhilft Timm zu einem Sitzplatz in der Behindertenabteilung und garantiert eine zügige Bedienung. Wenigstens etwas.

Die Humboldschule, die deutsche Schule in San Jose ist eine der begehrtesten Schulen des Landes. Obwohl schon alle Beiratsmitglieder im Urlaub sind, schafft es die Sekretärin, sie alle zu mobilisieren, um über unsere Aufnahme abzustimmen. Schweren Herzens entscheiden wir uns am Ende doch gegen sie. Der Verkehr ist einfach zu anstrengend, wir würden jeden Tag bis zu 4 Stunden im Auto verbringen. Obwohl allen Kindern außer Carl ein wenig mulmig ist, entscheiden wir uns für die Green Valley Schule, deren Unterrichtssprachen Spanisch und Englisch sind. Carl ist sofort Feuer und Flamme, und während die anderen drei ein Hindernis darin sehen, dem spanischen Unterricht folgen zu können, sagt er: „Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Teerstraße und einer Schotterpiste mit Flussquerungen, würde ich immer die Schotterpiste wählen!“

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Und so begeben wir uns frohen Mutes auf die sinnbildlichen Schotterpiste. Als ich am Abend vor Timms Operation vor dem Krankenhaus ins Auto steige, leuchtet vor der untergehenden Sonne ein Regenbogen. Eigentlich wahnsinnig kitschig, in diesem Moment aber, da bin ich sicher, ein Zeichen, dass bald alles wieder gut sein wird.