Nach 14 Monaten auf Reisen

15.September 2019: Hamster, das haben Untersuchungen ergeben, laufen bis zu acht Meilen (natürlich war es eine amerikanische Untersuchung!) pro Nacht in ihrem Hamsterrad. Wäre Timm ein Hamster, würde er 16 Meilen laufen, hätte dabei ein Telefon am Ohr, den Rechner vor der Nase und würde sich die Fußnägel klippen, alles nebenbei. Das Tempo, mit dem er durch sein Leben rast, ist ein anderes als das der meisten Leute, kein gesundes wie ich seit Jahren predige. Für Mitmenschen ist dieses Tempo manchmal schwer zu ertragen, weil es in ihnen das Gefühl hinterlässt, immer hinterherzuhinken. So schlimm und anstrengend die Erfahrung gewesen ist, es war heilsam für Timm, nun auch einmal in der „Hinkeposition“ zu sein, nicht hinterherzukommen und seine Mitmenschen von hinten zu sehen. Plötzlich Pausen machen zu müssen, innezuhalten, sich nicht mehr permanent beschäftigen zu können, hat ihn zunächst zutiefst verunsichert. Dann, nach einiger Zeit erzwungenem Ausgebremstseins, ist etwas mit ihm passiert, dass ich nie für möglich gehalten hätte: Er hat Gefallen an Pausen gefunden, gemerkt, dass es den Motor schont, wenn man nicht immer im oberen Drehzahlbereich fährt. Psychologentipps steht Timm skeptisch gegenüber, Vergleichen mit Motoren allerdings schenkt er Gehör. Und so sehe ich ihn nun immer wieder in der Hängematte liegen und ein Buch lesen. Seine Physiotherapie hat allerhöchste Priorität. Wenn er ein paar Minuten zu früh bei einem Termin erscheint, nimmt er sich Zeit für einen Kaffee, betrachtet das Treiben auf der Straße, setzt sich in die Kirche um Stille zu tanken, geht spazieren, einfach so zum Spaß, ohne Ziel und Zeitbegrenzung. Zwar steht er noch immer morgens um vier auf, um zu arbeiten, serviert mir zum Morgenkaffee, seine neusten Hirngespinste, aber er legt sich dafür am Nachmittag in die Hängematte und lauscht dem Gezwitscher der Vögel. Das ist ein Quantensprung, für ihn und für unsere Familie. Solche Sprünge bleiben nicht ohne Konsequenzen. Wenn man körperlich nicht in Bewegung ist, dann passiert innen mehr, dann trauen sich plötzlich Gedanken ans Tageslicht, die man lange nicht mehr gedacht hat.

Auf unserer Afrikareise haben wir uns, nach anstrengenden Jahren in Kapstadt geschworen, uns nicht wieder einsaugen zu lassen. Ein Hamsterrad erscheint von innen wie eine Karriereleiter, das hatten wir ja inzwischen verstanden. Diesen Lebensabschnitt wollten wir anders gestalten, nachhaltig und bewusst. Wir haben vom Landleben geträumt, vom Selbstversorgen, von krähenden Hähnen und glücklich im Garten tollenden Kindern, von Apfelernte und Kaminfeuer. All das ist eingetreten, aber wirklich Zeit es zu genießen, haben wir uns nicht genommen. Wir waren ständig in Bewegung, haben dauernd an irgendetwas gebastelt und gebaut, gewühlt und hatten manchmal das Gefühl, wir könnten uns keinen Urlaub leisten, weil dann zu viel liegen bleiben würde. Wir haben ein altes Bauernhaus restauriert, Timm hat für seine Firma gearbeitet, Roger geplant und gebaut, ich habe mich um die Kinder gekümmert, um eine ziemlich schnell wachsende Schafherde, um unsere Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen, Pfauen, Katzen, Schweine, ein durchgeknalltes Pony, einen Selbstversorgergarten, bin jeden Abend todmüde ins Bett gefallen. Im Frühling haben wir unsere Gartenliegen unter den Walnussbaum im Park aufgestellt, das Ruderboot aus der Scheune geholt und am Steg festgemacht. Im Herbst dann, haben wir die Liegen wieder eingelagert, das Boot zurück in die Scheune gebracht- ohne einmal die Sonne durch die Walnussblätter scheinen gesehen zu haben, ohne auch nur einmal in der Abenddämmerung zu angeln. Jedes Mal wenn ich mich mit einem Kaffee in den Garten gesetzt habe, bin ich schon nach drei Schlucken aufgesprungen, um Unkraut zu jäten und Hecken zu schneiden. Timm ist jedes Mal auf dem Weg zur Küche an seiner Bürotür abgebogen, an seinem Schreibtisch kleben geblieben. Wir haben viel geschafft, unseren Landlebentraum gelebt- aber leider im Zeitraffer, in einem Tempo, das ein bewusstes Genießen unmöglich macht. So haben wir bisher immer gelebt: Highspeed! Und so kann und darf es nicht weitergehen, weil wir sonst ausbrennen. Timms Bandscheibenvorfall, meine Allergieattacken und chronischen Entzündungen, die immer mal wieder an verschiedenen Körperstellen auftauchen, morsen SOS, und wir wollen versuchen, endlich einmal zuzuhören. Es sieht so aus, als würden wir ein Leben in totaler Freiheit führen. Die Möglichkeit, eine solche Reise zu machen, haben viele nicht. Dass jeder, der sich diese Freiheit leistet, enorm viel dafür tun muss, bleibt vielen verborgen. Die meisten Reisenden haben zu Hause alles aufgegeben, alles zu Geld gemacht, sich jahrelang eingeschränkt, um sich diesen Traum zu erfüllen. Andere wie wir arbeiten von unterwegs, müssen Zeitverschiebungen überbrücken, nachts aufstehen, manchmal stundenlang an lauten Tankstellen ausharren, weil dort das WLAN funktioniert und dringend etwas Wichtiges verschickt werden muss. Auch wir mussten in Vorleistung gehen, die Jahre zwischen unseren Reisen viel arbeiten, um jetzt das tun zu können was wir am meisten lieben. Wir sind gut im Ärmel hochkrempeln und Aufbauen, gut darin schnell Lösungen zu finden, können anpacken. Die meisten glauben, wir sein mutig. Dabei sind wir eigentlich von Angst getrieben. Angst etwas zu verpassen, nicht jede Chance mitzunehmen, alt zu werden, ohne nicht jeden kleinen Traumfitzel verwirklicht zu haben. Ist es mutig, sich immer wieder aus der Komfortzone herauszukatapultieren, oder ist das vielleicht auch nur eine Spielart der Flucht? Flucht davor, Komfort zu ertragen? Fertigsein, das war für uns nie ein erstrebenswerter Zustand. Immer wenn unser Leben endlich so weit aufgebaut war, dass wir endlich einmal hätten innehalten können, Luft holen, dann hat uns die Panik erfasst, die Angst vor Stillstand und wir sind wieder losgeprescht. Irgendwie, das wird uns jetzt bewusst, wollen wir in Zukunft einen Weg finden, unseren Drang Neues zu erleben mit der Notwendigkeit innezuhalten  zu verbinden.

Die Pause in Costa Rica, zunächst ja eine Zwangspause, ist ein Geschenk des Himmels. Wir haben endlich Zeit, das Erlebte sacken zu lassen, in Ruhe die Dinge abzuarbeiten, die liegen geblieben sind, ohne Stress Pläne für die Zukunft zu machen. Die Kinder genießen den Alltag, freuen sich, jeden Morgen zur Schule zu gehen, am Nachmittag vor sich hinzutüddeln. Ich habe sie noch nie so zufrieden und ausgeglichen erlebt. Wir streiten fast nie, morgens gehen sie gut gelaunt zur Schule. Jeden Tag sollen sie beim Abholen den Tag von 1-10 bewerten. Schlechter als 7 ist es fast nie. Sie können nicht den gesamten Unterrichtsstoff verstehen, wichtig aber ist das nicht. Freunde zu haben, zu lernen, positives Feedback von den Lehrern zu bekommen macht sie glücklich. Auch das ist eine wichtige Erkenntnis für uns: Die Kinder lieben es, unterwegs zu sein, aber es ist ihnen enorm wichtig, immer mal wieder den Anker zu werfen und länger zu bleiben. Gleichaltrige um sich zu haben, ein eigenes Zimmer, einen Alltag. Besonders für Paula, die diesen Monat Geburtstag hatte, nun auch ein Teenager ist, sind die Veränderungen die ihr Körper und Geist gerade durchlebt, manchmal unheimlich. Da ist es heilsam, sich mit Gleichaltrigen austauschen zu können, auch mit denen zu Hause. Nicht auf WLAN warten zu müssen, wenn Fragen drängen, die wir nicht beantworten können oder sollen. Wie in unserem Leben, ist auch für sie der ideale Weg einer, der Pausen berücksichtigt, der es ermöglicht, an manchen Orten länger zu bleiben, zur Schule zu gehen, Gleichaltrige zu treffen. Während andere Reisende über den nachmittaglichen Regen klagen, ist er für uns ein Segen. Regen ist etwas Wunderbares, nicht nur für Gummistiefelhersteller und Regenwürmer, sondern auch für unsere norddeutsche Seele. Wenn jeden Tag gegen 14 Uhr die Wolken brechen, ist das für uns die Erlaubnis zu entschleunigen. Mir war nie bewusst, wie sehr wir Jahreszeiten brauchen, wie wichtig sie für Körper und Geist sind. Welch ein Segen die dunkle Jahreszeit ist, weil sie einen ausbremst, das Bedürfnis erweckt, es sich gemütlich zu machen. Im permanenten Sonnenschein brennen wir aus, ähnlich wie der Körper die Nacht braucht, um sich zu regenerieren, brauchen wir den Winter oder zumindest schlechtes Wetter, um uns aufzutanken. Vielleicht ist diese Erkenntnis ein Lichtblick für alle, denen in Nordeuropa nun die Tage kürzer werden. Genießt diese Zeit, macht es Euch gemütlich, kommt zur Ruhe und tankt auf!

Costa Rica Nach 1,2,3..Monaten

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wow, neue Einsichten gewonnen, sie bitte auch im Alltag anwenden zu können, eine neue Aufgabe. wir Menschen werden von außen getrieben, bitte nicht unbedingt mitmachen, inne halten, das ist durchaus oft schwierig, aber für unser Gleichgewicht und die Gesundheit sehr wichtig.
    Gut zu hören, dass Tim das auch einübt, er wollte immer stark sein, ja, das ist ja auch sehr schön, keinen Schwächling an seiner Seite zu haben. Bleibt gesund und munter. Immer Volldampf kein Motto mehr.

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