Nach 13 Monaten auf Reisen…

15. August 2019: Der dreizehnte Reisemonat beschert uns wieder einen Geburtstag, meinen zweiundvierzigsten. 42 ist eine Zahl, die vor 20 Jahren jenseits meiner Vorstellungswelt lag. Wenn ich 84 Jahre alt werde, was in etwa dem statistischen Durchschnittsalter deutscher Frauen entspricht, dann habe ich die Hälfte meines Lebens gelebt. Inwieweit ich die letzten Jahre werde genießen können, ist nicht sicher. Es ist nicht einmal sicher, dass ich die 84 Jahre erreiche.

Was wäre, wenn wir nicht mehr lange hätten? Was wäre, wenn wir nächstes Jahr sterben müssten? Sowohl Timm und ich wurden brutal und früh mit der Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens konfrontiert. Timm verlor seine leibliche Mutter an Krebs, bevor sie 50 Jahre alt war, meine Mama hätte ich beinahe in ihrem 46. Lebensjahr an ein Aneurysma verloren. Der Tod, das Sterben und der Gedanke daran begleiten uns ständig, ist uns immer vor Augen.

Als Timms Rückenschmerzen von Tag zu Tag stärker wurden, die Schmerzmitteldosis irgendwann ein Pferd hätte lahm legen können, er leichte Lähmungserscheinungen im Bein hatte, haben wir beide insgeheim auch an einen Tumor gedacht. Ein auffälliger Befund beim Frauenarzt lässt mich derzeit etwas nachdenklicher sein. Ich mache mir nicht wirklich Sorgen, bin positiv, lasse aber doch immer wieder die Stimmen zu Wort kommen, die leise flüstern „Was, wenn?“.

Was wäre, wenn mein Leben, unser Leben, plötzlich eine uns bekannte Begrenzung hätte… Was würden wir tun? Wie würden wir leben wollen? Was dringend erledigen müssen, was bereuen, von was würden wir uns noch heute trennen? Wofür würde ich gerne erinnert werden? Habe ich etwas hinterlassen, das für die Nachwelt von Wert ist? Macht mein Leben für mehr Menschen als meine enge Familie Sinn?

Viele Frauen in meiner Familie haben ein Dasein geführt, das fremdbestimmt war. Meine Oma hat ihr Leben an einem Ort verbracht, den sie nicht mochte, hat sich, bis es zu spät war nach ihrer geliebten Heimat Bayern gesehnt. Meine Patentante hat für alle überraschend Kinder und Mann verlassen, sich eine neue Existenz aufgebaut, welche sie nicht die Chance hatte, lange genießen zu dürfen, bevor auch sie an Krebs starb.

Schon immer hatte ich eine geringe Leidensfähigkeit, was Unzufriedenheit angeht. Wenn etwas nicht passt, wird es geändert. Seit ich Zuhause ausgezogen bin, habe ich mein Leben im Schnitt alle 4 Jahre umgeworfen. Trotz Kinder, trotz fester Beziehung. Ich habe in verschiedensten Städten gewohnt, auf verschiedenen Kontinenten, manchmal auch auf zweien gleichzeitig. Ich bin vier Mal, meist mitten im größten Chaos Mutter geworden, habe von Selbstversorger, Overlander, Backpacker bis Metropolenhipster alle möglichen Lebensmodelle ausprobiert.

Wenn ich zurückblicke, möchte ich nichts verändern. Ich bin froh, zu jeder Lebensphase das getan zu haben, was mich gerade glücklich gemacht hat. Ich bin unendlich dankbar, mit Timm einen Mann an meiner Seite zu haben, für den keine Idee zu unmöglich, kein Vorhaben zu groß ist, der das Durchhaltevermögen hat, alles bis zum Ende zu führen, mich anschiebt, wenn mir kurz vorm Ziel die Puste ausgeht. Der Rückblick also, der geht klar. Mit dem habe ich meinen Frieden.

Was aber wäre wichtig für die Zeit, die bleibt? Da wir uns mitten in der Umsetzung eines Traumes befinden, kann ich auch hier keine allzu bahnbrechenden Veränderungen ankündigen. Ich würde genauso weitermachen, weiterreisen, die Zeit mit Timm und den Kindern verbringen, meiner Zuhausefamilie ein wenig öfter sagen, dass ich sie liebe. Ich würde nicht zurück nach Deutschland gehen, würde versuchen, meine Restzeit mit so vielen Erfahrungen zu füllen, wie meine Seele tragen kann. Ich würde dem einen oder anderen Freund nochmal deutlich sagen, wie wichtig er mir ist, mich für die Freundschaft bedanken, bei anderen würde ich mich endlich trauen, einzugestehen, dass es nichts mehr bringt. Im Großen und Ganzen aber, haben wir in den letzten Jahren all das erledigt. Haben Konflikte geklärt, haben aufgeräumt, bevor wir uns wieder auf den Weg gemacht haben. Was mein kleines, mich betreffendes Leben angeht, ist alles im grünen Bereich. Da kann ich mir beruhigt auf die Schulter klopfen und genauso weitermachen.

Was aber meine Rolle im „Großenganzen“ angeht, das was ich derzeit hinterlasse, da geht noch was. Ich habe die Welt außerhalb meines eigenen Umfeldes noch kein bisschen besser gemacht, habe mit all den Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren sammeln durfte, nichts angefangen. Freunde von uns haben mit dem Geld, dass sie zu ihrer Hochzeit geschenkt bekommen haben, eine Schule in Afrika gebaut, eine andere Freundin hat ein Hospiz eröffnet, hilft Sterbenden und Ihren Familien in Frieden zu gehen. Wieder andere Freunde sind Ärzte oder Krankenschwestern und retten Leben oder sind Künstler und schenken Freude. Eine Freundin arbeitet ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, eine andere als Coach, hilft Mitmenschen, wieder Freude am Leben zu finden. Zwei arbeiten bei der UN, andere trainieren in ihrer Freizeit Jugendfußballmannschaften oder helfen im Altenheim, engagieren sich politisch und sozial.

Und ich? Man mag uns dafür rühmen, dass unsere Art zu leben andere vielleicht inspiriert. Das ist aber keine Leistung für die Allgemeinheit, nichts was wir tun, um unseren Lebensraum zu einem besseren Ort zu machen. Vielmehr ist es der Nebeneffekt einer egozentrischen Tätigkeit.

Was würde ich bereuen, wäre es Morgen, übermorgen oder nächstes Jahr zu Ende mit mir? Die Welt nicht besser gemacht zu haben, als ich sie vorgefunden habe! Es beschämt mich, das für mich maximal lebenswerte Leben zu führen und doch vor Augen zu haben, für wie viele Andere ihres einen täglichen Kampf bedeutet. Ich bemühe mich um Freundlichkeit, Respekt und Mitgefühl für meine Mitmenschen, versuche Müll zu vermeiden und sammele den Müll anderer Leute auf. Ich bin bemüht, wenig Fleisch und möglichst Bio zu essen, gebe meinen Kindern die mir wichtig erscheinenden Werte auf den Weg, spende Geld für Projekte die mir am Herzen liegen. Aber all das zählt nicht. Es sind Mikroschrittchen, die das Gewissen beruhigen aber keinen wirklichen Unterschied machen. Ich möchte kein Denkmal, möchte kein Staatsbegräbnis irgendwann, keine Standing Ovations für mein Lebenswerk.

Was mir fehlt, und das gerade sehr, ist ein Sinn, der Benefit, der ich für andere sein könnte. Wahrscheinlich kommt diese leichte Leere, weil ich den Luxus habe, im Rückblick und im Jetzt nichts anders machen zu wollen. Ich habe mit Glück noch ein paar Jahre Zeit, diesen Makel in meinem Lebensplan zu beseitigen, hoffe inständig, dass sich ein Herzensprojekt auftun wird.

Ich habe so viel Glück gehabt im Leben: Ich musste nicht lange rumsuchen und enttäuscht werden, um die Liebe meines Lebens zu finden. Ich bin mit vier großartigen gesunden Kindern gesegnet, hatte das Glück, meinen/unseren Träumen folgen zu dürfen. Das Bedürfnis und die Notwendigkeit etwas zurückzugeben, ist groß, wirft einen kleinen Schatten über das Rosarot. Schon verrückt: Hat man keine Probleme, macht man sich halt welche!

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2 Gedanken zu „Nach 13 Monaten auf Reisen…

  1. Ein sehr kritischer Rückblick. Hin und wieder nützlich. Du bist gesegnet mit gesunden großartigen
    Kindern, einem fabelhaften Mann, hattest viele Träume gelebt und nicht nur geträumt. Keine Angst
    vor Situationen, Stationen eines erfüllten Lebens. Das ist doch der Sinn des Lebens. Egal in welch
    schwieriger Lage durchhalten, Wir sind alle nicht perfekt, das wäre auch langweilig, deine achtsame Einstellung zur Natur, zu euren Kindern. das Glück, die Zufriedenheit, ein Vorbild sein,
    mehr geht doch kaum noch.Die Welt können wir nur im “ kleinen“ ändern. Wünsche Dir weiterhin
    viel Glück, es wohnt in uns selbst.Egal was kommt, du hast Energie, gehe bitte achtsam damit um.
    liebe Grüsse an euch alle.

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