Nach 6 Monaten auf Reisen

15 Januar 2019

Vor fast genau einem Jahr hat mir meine Lieblingstante eine Postkarte geschrieben: Ich habe sie laminiert und sie klebt nun auf dem Küchenschrank, in dem wir das Kaffeepulver aufbewahren, ist somit das Erste, was wir Morgen für Morgen lesen:

Das Leben ist schön! Von einfach war nie die Rede!

Wie 2018, beginnt auch 2019 holprig, feuert uns so manchen Stein in den Weg, über den wir uns hinwegarbeiten müssen. Zunächst wirft uns der Abschied von Oma und Hendrik ein bisschen zurück, hinterlässt eine Leere, die ein paar Tage an unserer Stimmung frisst. Wir ziehen von San Francisco nach Berkeley um, damit wir näher an der Werkstatt sind, die Roger wieder neues Leben einhauchen soll. Leider, so stellt sich schnell heraus, ist der Motor nicht zu retten. Kolbenfresser, Totalschaden. Der Werkstattbesitzer Kelly hat wenig Hoffnung. Soll unsere Reise nicht hier enden, haben wir nur wenige Möglichkeiten: Entweder versuchen wir, den alten Motor irgendwie zu reparieren, oder wir transplantieren ein neues Herz, einen neuen Motor. Eine dritte Option wäre, einen neuen LKW zu besorgen und den Wohnkoffer darauf zu installieren, die vierte, ein komplett neues Gefährt. Kelly rät zur vierten, eine Option, die für uns alle absolut nicht zur Debatte steht. Im Internet findet Timm ein baugleiches Fahrgestell in Polen, überlegt hin und her, spielt sogar mit dem Gedanken von diesem nur den Motor zu kaufen und nach Amerika zu schiffen. Dann allerdings hätten wir wieder einen gebrauchten Motor, von dem wir nicht wüssten, was uns erwartet. Neue Ersatzmotoren gibt es für den 30 Jahre alten Roger nicht. Außerdem könnten so schwere Genstände wie ein Motor nur über den Seeweg verschickt werden, was uns inclusive Einbau mehrere Monate kosten würde. Was das für unsere Reisekasse bedeutet, trauen wir uns gar nicht zu bedenken. Einen amerikanischen Motor einzubauen ist fast unmöglich, da die in Amerika üblichen Motoren nicht mit unserem Modell kompatibel sind, völlig andere Abmessungen haben. Ersatzteile sind aufgrund Rogers` Alter kaum zu bekommen, weder in Europa noch in Amerika, wo Renault eine nahezu unbekannte Marke ist. Eine Woche geben wir uns Zeit, alle Optionen abzuwägen. Timm verbringt Nächte im Internet und am Telefon, die 9 Stunden Zeitumstellung erschweren uns die Recherche zusätzlich. Während wir uns auf Europa konzentrieren, nimmt Kelly den Motor auseinander, versucht, auf amerikanischer Seite alle Optionen auszuleuchten. Das Wetter entspricht unserer Stimmung, es schüttet wie aus Eimern, im Nachbarfenster unseres Air BnBs klettern Ratten am vom Stockflecken übersäten Vorhang auf und ab.

Nach einer Woche haben wir so etwas wie einen Plan: Wir entscheiden, den Motor komplett zu überholen. Kelly zerlegt ihn in seine Einzelteile, die dafür notwendigen Ersatzteile kann Timm in Europa auftreiben, andere, wie den Zylinderkopf und die Injektoren können wir hier überholen. Nach einer weiteren Woche Warten kommt ein Paket aus Deutschland mit sechs neuen Kolben, Zylinderbuchsen, saämtlichen Lagern und Dichtungen, des Weietern haben wir uns entschieden den Motor grundlegend zu überholen. Der Turbo , die Lichtmaschine und die Wasserpumpe werden ebenfalls erneuert. Bei der ersten Lieferung passten die Kurbelwellenlager nicht, müssen zurückgeschickt werden. Wieder Warten. Jedenfalls auf meiner Seite. Timm verbringt die meisten Morgene in der Werkstatt, schaut den Schraubern über die Schulter um den Motor zu verstehen. Er verabschiedet sich mit den vertrauten Worten „ich fahre zur Baustelle“. Ich bleibe zurück und kümmere mich um unausgeglichene Kinder und die Schule, die Nerven mühevoll zusammengehalten durch tägliche Yogapraxis.

Es ist nicht leicht, die Zwangspause zu ertragen. Mit dem Alltag, den das Leben in einem Haus an einem Ort mit sich bringt, kommen unsere alten Verhaltensweisen zurück. Wir streiten mehr, gehen uns trotz des Platzes den wir haben, trotz der Bequemlichkeiten, die das Haus mit sich bringt, auf die Nerven. Und doch sind wir ungeachtet der Schwierigkeiten, die wir überwinden müssen dankbar. Dankbar, dass uns das hier in Amerika, in San Francisco passiert ist. Die Vorstellung, dass uns dieser Rückschlag genauso in Nicaragua oder im Amazonasregenwald hätte treffen können, lässt keine andere Haltung als Dankbarkeit zu. Ja es ist scheiße, dass wir in blöd Berkeley festsitzen, dass ein riesen Loch in unsere Reisekasse gesprengt wird, dass wir andere Plätze von unserer Reiseroute streichen müssen, wollen wir so etwas wie einen Zeitplan nur annähernd einhalten. Aber so what? Das Leben ist schön! Von einfach war nie die Rede!

Natürlich ist es Quatsch zu glauben, dass ein neues Jahr, nur dadurch dass es eine neue Jahreszahl trägt, bahnbrechende Veränderungen mit sich bringt. Neujahrsvorsätze, so die Erfahrung der meisten Menschen, werden spätestens Mitte Januar wieder gebrochen Trotzdem mag ich es, den Jahresbeginn als Zäsur zu sehen. Timm und ich haben, dem Beispiel einer lieben Freundin folgend, seit unserer Zeit in Kapstadt  jedes Jahr unter ein Motto gestellt. Das Motto des letzten Jahres zum Beispiel war „Focus“. Es war kein einfaches Jahr. Die letzten Monate vor der Reise, die Planungen, die ersten Monate auf der Reise haben viel Unruhe und manchmal Unsicherheit in unser Leben gebracht. Die Gefahr, sich zu verzetteln und den Überblick zu verlieren war groß. Unser Motto hat uns geholfen, das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, sich auf das zu besinnen, was in dem Moment wichtig ist, nicht so sehr auf das zu achten, was uns links und rechts aus der Bahn zu werfen drohte. Es war ein gutes Motto, eines, dass wir, wenn wir zurückblicken, gut in unser Leben integriert haben.

Das Motto für 2019 ist „Balance“. Ausgleich ist etwas, das ich mir in allen Bereichen des Lebens in diesem Jahr wünsche, sowohl im Großen, als im Kleinen. Eine Langzeitreise mit vier Kindern ist prädestiniert dafür, einen komplett aus der eigenen Mitte zu katapultieren. Nichts ist so, wie man es gewohnt ist. Umfeld, Temperaturen, Sicherheitsstandards, Einkaufsmöglichkeiten, nahezu alle Lebensbereiche ändern sich täglich. Und mit ihnen die Stimmung. Einstellungen und Werte drohen unter den neun Erkenntnissen und Erfahrungen einzustürzen, Weltbilder und Gewohnheiten können so manche Erschütterung, die das Reisen mit sich bringt, nicht überleben. Ebenso wie die eine oder andere Beziehung oder Freundschaft. An jedem Tag der Reise muss unser innerer Kompass erneut seinen Nordpol finden, sich austarieren, damit wir uns nicht verirren. Damit die Zeit für uns alle ein Gewinn ist, ist es wichtig, überall das richtige Verhältnis zu finden. Das beginnt bei der täglichen Fahrzeit, bei der Zeit die wir für Schule und Freizeit im Verhältnis zur Fahrzeit einplanen. Jeder von uns braucht genügend Zeit für sich selbst, jedes Kind genügend Aufmerksamkeit von Timm und mir. Wir alle müssen Wege finden, uns persönlich auszubalancieren, wenn schwierige Zeiten es verlangen. Für Timm ist es die Zeit, die er in Ruhe an Roger schraubt, Lotta braucht Zeit zum Zeichnen und Musik hören, Paula zum Basteln, Malen und Spielen. Carl und Max brauchen genügend Bewegung, Zeit, die nicht verplant ist, ich tanke auf, wenn ich Zeit zum Schreiben oder Yoga machen finde. Den Bedürfnissen von sechs Personen unter den Umständen einer Langzeitreise gerecht zu werden, ist ein Balanceakt. Wenn man jeden Tag in ein anderes Umfeld gerät, Neues sieht, ist die Gefahr von Überforderung groß. Um diese zu vermeiden, ist es extrem wichtig, genügend Zeit einzuplanen, den ganzen Input zu verarbeiten, um ausbalanciert zu bleiben. Pausen müssen sein, auch wenn sie uns zeitlich zurückwerfen. Für Timm ist es wichtig, die richtige Balance zwischen der Arbeit zu Hause und der Konzentration auf die Reise zu finden. Oft steht er im Moment aufgrund der Zeitverschiebung nachts zwischen 3 und 4 auf, um zu arbeiten. Das funktioniert jetzt, wird aber nicht für die gesamte Dauer der Reise möglich sein. Der Kontakt mit zu Hause wirft uns manchmal etwas aus der Bahn, auch hier gilt es die richtige Dosis herauszufinden, um nicht permanent aus dem Jetzt katapultiert zu werden aber auch, um nicht am Ende der Reise ohne Freunde dazustehen. Wir fragen uns täglich, ob Aufwand und zu erwartender Gewinn im richtigen Verhältnis stehen. Es wäre wundervoll, möglichst viele der grandiosen Nationalparks der USA zu sehen. Ist es aber den Aufwand an Fahrzeit, an Kosten und der Zeit, die von unseren Reisepausen abgehen würde, wert? Oder wäre der persönliche Gewinn größer, wenn wir stattdessen nur wenige, diese dafür aber in Ruhe besuchen? Wenn wir „Balance“ als das große Gesamtziel dieses Jahres betrachten, lassen sich viele Fragen einfach beantworten. Ein Motto, so haben wir die letzten Jahre herausgefunden, ist ein großartiges Werkzeug, zu reflektieren, sich zu hinterfragen und seinen Handlungen einen übergeordneten Sinn zu geben. Vieles im kommenden Jahr wird nicht so kommen, wie wir es beabsichtigen. Pläne sind dafür da, durchkreuzt zu werden. Wenn es uns aber gelingt, dabei unsere Mitte zu wahren, werden wir, egal was kommt, gewinnen.

 

Nach 1,2,3..Monaten USA

3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

    • hallo Toby! Wir haben das geprüft, leider hatten wir kein Glück. Die Motoren, die wir finden konnten, waren genauso alt wie Rogers und hatten noch mehr Kilometer als auf der Uhr. Neuer Austauschmotoren konnten wir nicht finden, also haben wir beschlossen, unseren Motor zu reparieren, um das erneute Risiko liegen zu bleiben, zu minimieren.

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