Berkeley

Wie in San Francisco, mieten wir auch hier ein Haus über Air BnB. Zunächst nur für 10 Tage, müssen aber, da sich Rogers Reparatur hinzieht, immer wieder verlängern. Statt wie in Vancouver und San Francisco die Zeit, die uns das Haus zur Verfügung steht, zu genießen, sind wir alle mürrisch. Es kostet Mühe, positiv zu bleiben. Ich stehe morgens um 6 auf, gehe zum Yoga, um mich dann den Vormittag über um die Schule der Kinder zu kümmern. Timm fährt jeden Tag in die Werkstatt, verabschiedet sich mit den Worten „Ich fahre zur Baustelle“. Das Leben fühlt sich sehr vertraut an, zu vertraut, erinnert an zu Hause. Obwohl wir uns jeden Tag neu vornehmen, es als Chance zu sehen, einen weiteren Ort „erleben“ zu dürfen, wächst unsere Ablehnung Berkeley gegenüber von Tag zu Tag. Zunächst versuche ich, das auf meine Laune zu schieben, mich zu überzeugen, dass ich unfair bin. Das Berkeley nichts dafür kann, dass wir wider Willen hier gestrandet sind. Und jedes Mal, wenn ich mich überzeugt habe, dass Berkeley und ich doch eine Chance haben, uns anzufreunden, passiert etwas, dass mich vom Gegenteil überzeugt.

Das einzig großartige an Berkeley, außer der ehrwürdigen University of California, ist der Ausblick auf San Francisco vom Gelände der Marina aus. Ansonsten ist der Ort genau richtig langweilig, um sich vom quirligen San Francisco zu erholen. Angeblich die Keimzelle des Free Speach Movements, soll Berkeley ein Ort sein, an dem engagierte Studenten, Altachtundsechziger und Freigeister aller Art idealistisch an einer besseren Welt arbeiten. Das muss lange her sein. Statt engagierter Studenten schlurfen Gruppen kichernder Asiaten und verwahrloste Drogenabhängige durch die Straßen. Jeder sonst hat es eilig, der Einkauf in einem der vielen Ökosupermärkte scheint für die tägliche Karmapolitur zu genügen. In vielen Fenstern hängen Schilder mit der Aufschrift „Berkeley stands united against hate“, eine mächtige Aussage, von Einheit allerdings kann ich wenig spüren. Jeder will der erste sein, niemand lächelt, jeder fährt verbissen seinen eigenen Film. Was mich am meisten stört, ist die Gleichgültigkeit überall.

Neben uns wohnt ein alter Mann im Rollstuhl, dem Aussehen seines Hauses und des Gartens nach zu urteilen, ist er einsam. Wenn wir am Frühstückstisch sitzen, sehen wir, wie im Fenster Ratten an den verstockten Vorhängen klettern. Ich spreche unsere Vermieterin darauf an. Das wäre ein komischer Mann, sie hätte noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Beide wohnen schon Jahre lang Fenster an Fenster, nur eineinhalb Meter Grünstreifen zwischen sich.

Jeden Morgen fahre ich zur selben Zeit mit dem Fahrrad ins Yogastudio, treffe immer wieder dieselben Menschen. Die einzigen, die nach einer Woche zurückgrüßen, sind ein schwarzer Mann und eine Asiatin, die ihre Habseligkeiten im Einkaufswagen vor sich herschieben. Die Autofahrer sind extrem rücksichtslos. Als ich auf dem Zebrastreifen die Straße überquere, kommt ein Auto angerast, fährt mich fast über den Haufen, ich stürze und niemanden kümmert es. Vor mir, hinter mir fahren alle wieder an und ich rappel mich mühsam wieder auf, bemüht, nicht dem nächsten vor die Räder zu kommen. Einmal stehe ich eine Ewigkeit im strömendem Regen, möchte ebenfalls über den Zebrastreifen hinüber auf die andere Straßenseite. Niemand hält an, keiner weicht den Pfützen aus. Als ich mit den Kindern über die Straße gehe, trifft ein Abbieger mit dem Seitenspiegel fast Carl an der Seite, hupt und rast weiter. Man hupt, statt zu bremsen, putzt sich am Steuer die Zähne, schreibt SMS während der Fahrt. Die rücksichtslosesten Fahrer sind Mütter mit Kindern auf dem Rücksitz.

Drei Plätze lassen mich das menschliche Grau hier vergessen: Das „Innerstellar“ Yogastudio, in dem ich täglich mein persönliches Karma poliere (gemäß unserem Jahresmotto habe ich mir vorgenommen, auch an meiner inneren Balance zu arbeiten und stelle mich der Challenge, 21 Tage lang täglich auf der Matte zu stehen), eine Secondhandbuchhandlung im Stadtzentrum und der „Golden Bear“ Waschsalon in der San Pablo Ave. Wer in Berkeley keine Waschmaschine hat, bewegt sich vielleicht eher am Rande der Gesellschaft, hat noch nicht verlernt, auch nach links und rechts zu gucken. Jedes Mal, wenn ich mit unseren Wäschebergen hierher komme, nehme ich mir vor, die Zeit mit Schreiben oder Fotos bearbeiten zu überbrücken. Und jedes Mal kommt mir Zeit, die es zu überbrücken gäbe, abhanden. Jedes Mal werde ich eingesogen von all dem Leben um mich herum:

Unter den blendenden Halogenlampen stehen ein kleiner Mexikaner, seine Frau und vermutlich seine Tochter im Teenageralter über einem Wäscheberg. Liebevoll zupft der Papa Fussel von den Leggings seiner Tochter, faltet sie vorsichtig, die Frau lächelt, sortiert Sockenpaare. An der Wand hängen zwei Fernseher, jeder mit eigenem Programm, beide auf Spanisch. Auf der Bank vor dem einen sitzt eine weißgelockte Oma mit sehr rotem Mund, neben sich den Gehwagen, schaut ihre Telenovela. Das Gespräch der Familie, die beiden Fernseher und das Brummen der 44 Waschmaschinen und 36 Trockner vermischen sich zu einem beruhigenden Murmeln. Ein älterer Mann mit strähnigen Haaren und einem Rabentatoo im Gesicht, klappert mit seinen Cowboystiefeln akustische Achten zwischen die Reihen der Maschinen. Eine Maschinenladung dauert 29 Minuten. Da lohnt es sich nicht, sich zu setzen. Jedenfalls nicht, wenn die Stiefel so viel zu erzählen haben. Es riecht nach Waschmittel, nach Chlorbleiche und gebratenem Fleisch aus dem iranischen Imbiss nebenan. Es ist alles andere als gemütlich, und doch fühle ich mich geborgen. Jeder hier scheint zufrieden zu sein. Vielleicht deshalb, weil hier endlich eine Aufgabe erledigt wird, die man schon die ganze Woche vor sich hergeschoben hat. Zufrieden verlasse ich mit 2 Ikeatüten voller nach „Sea Breeze“ duftender, sauber gefalteter Wäsche den Waschsalon. Am Bordstein liegt ein Mann. Nur mühsam kann er den Kopf aufrecht halten, klammert sich mit einer Hand an den Laternenpfahl zu seiner Rechten. Ein Pick-up parkt ein, nähert sich den halb auf die Straße liegenden Beinen des Mannes. Ich lasse meine Ikeatüten fallen, schreie, so laut ich kann „Stopp“. „Thnks Hny“ sagt der Penner, als der Pick-up doch noch gute 40 cm vor den schmutzigen, von verschorften Wunden übersäten Füssen zum Stehen kommt. Ich kann ihn kaum verstehen, gehe näher auf ihn zu- und bereue es sofort. Ein unerträglicher Gestank schlägt mir entgegen, „Sea Breeze, Sea Breeze, Sea Breeze…“, versuche ich, den Geruch des Waschsalons heraufzubeschwören, atme durch den halb geschlossenen Mund. Aus glasigen Augen strahlt mir der Mann entgegen, sein fast zahnloser Mund artikuliert Worte, die ich kaum verstehen kann. „Wanna share?“, glaube ich zu verstehen, gehe in die Hocke, damit er seinen Hals nicht allzu sehr verrenken muss. Mit schwarzen Fingernägeln und bräunlich verschmierten Händen deutet er auf ein großes Dönersandwich, das neben ihm auf einem Alufoliebett liegt. Vom Urinbeutel an seiner Seite breitet sich eine kleine Pfütze Richtung Sandwich aus. Dankend lehne ich ab. „My Luckyday today, look, so much Sandwich. Want some?“ Erneut lehne ich ab. „And someone gave me this“, er hält mir ein kleines Parfumpröbchen entgegen. “Smell!“ Jede Zelle in mir wehrt sich dagegen, denselben Gegenstand zu berühren, den diese Hände halten. Mein Bedürfnis, nicht unhöflich zu sein, siegt jedoch. „Chanel No.5“ hilft mir der Penner auf die Sprünge, nimmt das Röhrchen zurück, reibt seine spakige Lederjacke großzügig damit ein. „Shitnel“, lacht er vor sich hin. Heute sei ein Tag, da könne er nicht aufhören zu scheißen, da ist es gut, das Parfüm zu haben. „Shit und Chanel, verstehst Du“ wiederholt er, weil ich ihn, statt zu Lachen, entsetzt anstarre. Seine Mutter hätte immer Chanel getragen, sagt er, und noch bevor er beginnen kann, mir seine Geschichte zu erzählen, frage ich, ob ich noch etwas für ihn tun kann. Eine Flasche Wasser hätte er gerne. Ich drehe mich um, gehe in den Supermarkt nebenan „Great Ass“ blökt er mir lachend hinterher. Da Scott, so stellt sich mir der Penner vor, unmöglich aus der Flasche trinken kann, ohne das Wasser zu verschütten, hole ich aus dem iranischen Imbiss einen „Coffee-To-Go“ Becher. Ich möchte unbedingt vermeiden, Scott anfassen zu müssen, um ihn aufzusetzen. Während ich wieder vor ihm kniend, Wasser aus der Flasche in den Becher fülle, lächelt mir ein Mann mit Schoßhündchen an der Leine zu. „You are a good person“, sagt er im Vorbeigehen. Er hat es nett gemeint, hätte mir aber auch genauso gut die Faust ins Gesicht rammen können, so sehr erschüttert mich die Message hinter seinen Worten: Wir leben in einer Welt, in der es ausreicht, einem Penner eine Flasche Wasser für $1 zu kaufen, um als netter Mensch zu gelten.

Und dann, als wir für die letzte Woche, die Rogers Reparatur in Anspruch nimmt, in ein Motel umziehen müssen, freunden wir uns doch noch ein wenig mit Berkeley an. Grund sind die Mitarbeiter des Motels, die mit ihrer Freundlichkeit die mürrischen Mitbürger einfach über den Haufen lächeln, die Mitarbeiter der Werkstatt, die Roger gewissenhaft reparieren, und Robert. Robert, auch bekannt als „the Angelman“ arbeitet als Straßenkünstler, war schon überall auf der Welt. Er wohnt im Motel, weil seine Wohnung niedergebrannt ist und er noch keine neue Bleibe hat. Tagelang kommt er rußverschmiert und nach Rauch riechend „nach Hause“ und obwohl er viel verloren hat, allen Grund hätte, sein Schicksal zu verfluchen, ist er von den Zehen- bis in die Haarspitzen voll positiver Energie. Alles im Leben hat seine Zeit, nichts passiert ohne Grund, auch ihm würde sich der Grund dieses Unglückes sicher bald erschließen. Als er uns verabschiedet, sieht er klar: Er sollte uns treffen. In den letzten Jahren sei er zu sesshaft geworden, ihm sei bewusst geworden wie sehr er das Reisen vermisse und dass er mit nun 68 Jahren nicht mehr allzu viel Zeit zu verlieren habe. Er wolle sich nun wieder aufs Reisen konzentrieren, in den Niederlanden nach einer neuen Liebe suchen. Und uns dämmert, dass wir uns in unserer Berkeleyzeit vielleicht ein wenig zu sehr von Negativen haben beeinflussen lassen, dass wir es mit Roberts Sichtweise bestimmt ein wenig leichter gehabt hätten.

USA

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

  1. Oh, wie wunderbar erfrischend ist Deine Art zu schreiben!
    Ich freue mich jedesmal über einen neuen Bericht in meinem Postfach. Vielen Dank

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