Nach 3 Monaten auf Reisen

Kurz bevor wir vor drei Monaten losgefahren sind, hätte ich am liebsten alles wieder abgeblasen. Obwohl ich es eigentlich besser weiß, kamen plötzlich all die Ängste und Befürchtungen aus den hintersten Ritzen meines Bewusstseins gekrochen und liessen mich nachts nicht mehr schlafen. Was ist, wenn wir einen Fehler machen? Was ist, wenn unsere Kinder eigentlich gar nicht wirklich reisen wollen, es sich nur nicht trauen, das zu sagen? Schaden wir Ihnen, wenn wir sie aus ihrem gewohnten Umfeld holen, ihnen Normalität und Stabilität nehmen? Was brauchen sie mehr? Freunde und einen geregelten Tagesablauf oder Familienzeit und die große weite Welt? Werden wir es schaffen, sie schulisch auf dem Level zu halten, dass sie wieder ohne Probleme Anschluss finden? All diese Fragen haben wir uns nach dem ersten Monat auf Reisen schon einmal gestellt, und werden sie uns sicherlich auch in Zukunft immer wieder stellen.

Nun, nach drei Monaten ist die erste Aufregung verflogen, die erste Reisemüdigkeit hat uns heimgesucht. Jetzt, nachdem die Sommerferien vorbei sind und die Freunde der Kinder sich wieder alle regelmäßig in der Schule treffen, kommt doch ab und zu das Heimweh durch. Besonders unsere Älteste vermisst Gleichaltrige. Für sie ist es am Schwersten. Die drei Kleinen teilen ähnliche Interessen. Sie allerdings ist nicht mehr klein, aber auch noch nicht so erwachsen, dass Timm und ich als Freundesersatz in Frage kommen. Das kältere Wetter der letzten Wochen und die damit verbundene Bewegungseinschränkung hat auf die Stimmung gedrückt. Plötzlich wird es doch manchmal eng in Roger, ist mal der eine, mal der andere genervt. Wir können uns nicht aus dem Weg gehen, streiten mehr als sonst. Für Timm und mich ist es schwierig geduldig zu bleiben, die Kinder sind nicht ausgelastet, fühlen sich eingeschränkt. Vom vielen Sitzen haben Lotta und ich Rückenschmerzen, sind reizbar. Ich sehne mich danach, für ein paar Stunden allein zu sein, bin verstopft von Eindrücken. Mein Zwischenspeicher ist voll. Ich brauche dringend eine Pause um mich leerzuschreiben, um Platz zu machen auf der Festplatte. Wir riechen alle schon lange nicht mehr gut, fühlen uns schmuddelig, haben die klamme Kälte satt, die in jeder Ritze sitzt. Den Kamin machen wir nur noch an, wenn es absolut nicht anders geht, der Geruch von Lagerfeuer hat schon lange seine Romantik verloren. Und doch ist die Antwort auf die Frage, ob wir das Richtige tun, immer wieder „ja“.

Ja, unsere Kinder möchten reisen. Auch wenn es schwierig ist manchmal, wenn das Heimweh plagt und die Geschwister und Eltern nerven. Reisen ist anstrengend, ist schwierig, hat Schattenseiten. Keine einzige Schattenseite allerdings überwiegt die Vorteile. Es ist nicht einfach, „zu Hause“ hinter sich zu lassen, sich auf das zu konzentrieren, was gerade passiert. Weder für die Kinder, noch für uns. Genau das aber, ist der Schlüssel zum Glück. Die Fähigkeit zu haben, den Moment zu genießen, sich nicht an das zu klammern was gestern war, oder morgen sein wird. Loslassen können und lernen zu vertrauen. Darauf, dass Freunde Freunde bleiben, darauf dass alles gut gehen wird, dass es für jedes Problem auch immer eine Lösung gibt.

Um den Kindern zu ermöglichen, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, um ein wenig Pause vom Reisen zu haben, uns einmal wieder richtig aufzuwärmen und durchzuwaschen, haben wir beschlossen, in Vancouver eine längere Pause einzulegen. Wir haben über AirBnB ein Haus gemietet, hoffen, dass wenn wir alle ein paar Nächte in großen Betten geschlafen haben, die Freude am Reisen zurückkehrt, wir wieder einen frischen Blick für all das Neue bekommen, das auf uns wartet.

Die Schule der Kinder haben wir bisher gut gemeistert. Zwar gibt es auch hier gute und weniger gute Tage, im Großen und Ganzen aber denken wir, dass alle davon profitieren. Die Kinder, weil wir viel mehr auf sie eingehen können, als ein Lehrer, der gleichzeitig 20 weitere Schüler hat, und wir, weil wir unsere Kinder ganz anders kennenlernen, Einblicke bekommen, die wir sonst nicht haben. In Kanada, wo es nicht ungewöhnlich ist, seine Kinder selbst zu unterrichten, gehen die Menschen viel entspannter mit diesem Schulmodell um. Während wir uns immer wieder fragen, ob wir auch wirklich alles tun, jede Lücke zu schliessen, wird uns hier von allen Seiten gesagt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, dass die Kinder so viel mehr lernen, als ihnen die Schule vermitteln kann. Vielleicht werden sie die eine oder andere chemische oder mathematische Formel nicht wissen, wenn wir zurückkommen, vielleicht müssen sie eine Klasse wiederholen, wenn es ganz schief läuft. Ganz sicher aber werden sie gelernt haben, auf unbekannte Menschen zuzugehen, sich unbefangen auf einer fremden Sprache zu unterhalten, sich in Gegenden zurechtzufinden, die ganz anders sind als zu Hause. Sie werden fremdes Essen probieren, fremde Kulturen schätzen lernen, sie werden lernen, wie wichtig es ist, Rücksicht zu nehmen, mit wenig auszukommen und das zu schätzen, was man hat. Sie werden verinnerlichen, dass es nicht immer bequem ist, dass es manchmal keinen anderen Weg gibt als mittendurch und dass die Komfortzone nicht der spannendste Platz ist. Für alle diese Lernmöglichkeiten sind wir unendlich dankbar und bereit, ein bisschen zu frieren und ein bisschen mehr zu stinken.

Kanada Nach 1,2,3..Monaten

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. What an adventure! My mother and I came across you at a pull off south of Lincoln City, Oregon on Tuesday November 27th. I took a picture of your camper and the web address as it was the most unusual camper I had ever seen and was sure there was a good story behind it. I wish I had known the story at the time, I would have stopped and said hello. We are from Iowa but spend our winters just east of Phoenix, Arizona. We were in Oregon visiting my brother. If you pass through Phoenix on your way south you have an open invitation to visit us for a home cooked meal, showers or even over night. We have a bed for 2 and a sofa sleeper for 2 and space for you to park overnight. If you want to stay longer there is so much to see and do in the area and we would be more than happy to show you around. Safe Travels!.

    • Dear Lynnae,
      Thank you so much for your kind words and for the invite! By now we are in San Francisco, staying over Christmas and New Year. Beginning next year we plan to hit the road again into Nevada, Utah, Arizona and New Mexiko. We are not sure if we get to Phoenix, but if we will call and say hallo :). All the best, Michaela

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