Vancouver, Teil 2

Nach dem Einzug in „unser“ Haus gucken die Kinder zur Pausenzeit auf den Schulhof gegenüber, werden still. Sie vermissen Schulalltag, möchten ein paar Tage als Gastkinder das hiesige Schulleben schnuppern. Als Timm und ich der Direktorin unsere Geschichte erzählen, kommt noch am selben Tag eine Email: Sie und das Kollegium würden sich sehr freuen, wenn die Kinder ab Morgen in die Schule kommen könnten. Max ist in der ersten/zweiten und Paula und Carl  sind zusammen in der fünften/sechsten Klasse. Während Max seiner Lehrerin in den ersten Minuten ein „High Five“ gibt und an ihrer Hand im Klassenzimmer verschwindet, sind Carl und Paula am Anfang etwas schüchtern. Ich lunger noch ein bisschen im Flur herum, um sicher zu gehen, dass es ihnen gut geht. Aus dem Lautsprecher hallt „Heal the world“ von Michael Jackson, im Anschluss macht ein Kind die Ansage für den Tag, gibt Anregungen, was jeder tun könnte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das Motto zieht sich durch die ganze Schulwoche, wird in fast jedem Fach aufgegriffen. Jeden Morgen läuft die gesamte Schüler- und Lehrerschaft ( ja auch die Direktorin!) Drei Runden um den Sportplatz, um danach stillsitzen zu können. Während der ersten 7 Schultage findet für alle Kinder ein Trommelworkshop statt, sie lernen die verschiedensten Rhythmen aus allen Teilen der Welt. In einer anderen Woche klingt morgens John Lennons „Imagine“ aus dem Lautsprecher, Es ist die Woche des Remembrance Day, (11.11) in der die Kanadier ihrer gefallenen Soldaten gedenken. Anders als der Volkstrauertag in Deutschland, hat der Tag in Kanada für alle vom Schulkind bis zum Großvater eine große Bedeutung. Auf den Leuchtschildern der Busse sind keine Linienangaben mehr zu finden, sondern der Schriftzug „Lest we forget“, jeder trägt am Revers, an der Mütze oder am Schulrucksack eine rote Mohnblüte aus Filz. In der mit roten Mohnblumen geschmückten Turnhalle unserer Schule findet eine Gedenkfeier statt, zu der auch wir Eltern eingeladen werden. Die kanadische Nationalhymne wird inbrünstig gesungen, die Kinder tragen Flaggen und verlesen die Namen gefallener Soldaten. Symbolisch legen die Erstklässler rote Mohnblumen nieder, alle zusammen singen „Imagine“, einige Kinder haben geübt, es in Gebärdensprache umzusetzen. Die Kinder sollten weiße T-Shirts tragen und dunkle Hosen, Max besitzt nur ein einziges weißes Hemd: Sein Deutschland Trikot. Als er an der Reihe ist, die Mohnblume für die gefallenen Soldaten der letzten beiden Weltkriege niederzulegen, wünsche ich mir von ganzem Herzen, ihm an diesem Morgen das Anziehen nicht selber überlassen zu haben.

So schüchtern Carl und Paula an ihrem ersten Schultag waren, so schnell leben sie sich in den folgenden Tagen ein. Zu Beginn hatten wir nur nach 2 Schulwochen gefragt, am Ende sind daraus fast vier Wochen geworden. Unser Homeschooling Programm setzen wir in dieser Zeit aus, um die Kinder nicht zu stressen. Im Vordergrund steht, dass sie Englisch sprechen und Kontakte knüpfen. Wenn wir die Kinder morgens zur Schule bringen, begrüßen uns Lehrer, Kinder und Eltern, jeder hat Zeit für ein paar Worte. Es ist, als gehören wir schon immer dazu. Carl kommt nach der Schule nur noch schnell nach Hause, um seinen Rucksack abzuliefern, verschwindet dann mit seinen neuen Freunden. Paula hat sich mit fast allen Mädchen der Klasse angefreundet, bei einer ihrer Freundinnen entsteht daraus eine Familienfreundschaft. Schon in kürzester Zeit ist es für sie und Carl absolut kein Problem mehr, dem Unterricht auf Englisch zu folgen, nur Max kann noch nicht alles richtig verstehen- ein Problem hat er damit nicht. Während die Schule für die Kleinen eine rundherum positive Erfahrung ist, sie sich aufgehoben, angenommen und geborgen fühlen, ist die Schule für Lotta zu Beginn ein Spießrutenlauf.

Auch an ihrer Schule, der Kitsilano High werden wir mit offenen Armen aufgenommen. Es ist eine riesige Schule, allein in Lottas Jahrgangsstufe sind 250 Schüler. Anders als in Deutschland wird hier nicht im Klassenverband, sondern im Kurssystem unterrichtet. Die Schüler suchen sich je nach Interessenlage ihre Kurse aus. Lotta belegt Mathe, Naturwissenschaften, Englisch, Graphic Arts, Sport, Erdkunde, und Kochen. Sie trifft in jedem Kurs neue Schüler, es ist fast unmöglich, in den paar Wochen die ihr bleiben jemanden genauer kennenzulernen. Der amerikanische Highschool Albtraum, den sie sonst nur aus Netflixserien kennt, wird plötzlich sehr real: am Mittagstisch alleine zu sitzen. Und trotzdem geht sie jeden Morgen wieder mutig durch das riesige Schultor und muss tatsächlich schon sehr bald nicht mehr allein sitzen. Sie schließt sich einer Gruppe deutscher Austauschschüler an, für die es ebenfalls nicht einfach ist, in dieser riesigen Schule Freunde zu finden. Zu sehen, wie tapfer sie sich der Situation stellt, wie sie sich nicht entmutigen lässt, nicht klein beigibt, über sich selber hinauswächst, macht uns unglaublich stolz.

Außer Brandschutzübungen werden an ihrer Highschool regelmäßig Amok- und Erdbebenübungen durchgeführt. Die Schule, ein erdbebensicherer Neubau (2017 für $62 Millionen umgebaut) verfügt über mehrere Panikrooms, die die Schüler bei einem Amoklauf aufsuchen sollen. Vancouver liegt, wie auch Seattle, an der Cascadia Subduktionszone, ein Graben der sich von Nordkalifornien über Oregon und Washington, über Seattle bis nach Vancouver zieht. Seit Jahrhunderten steht die ganze Region unter extremer Spannung und Wissenschaftler rechnen mit einem Erdbeben von über 8,0 auf der Richterskala. Wenn „das Große“, „The Big One“ kommt, wird es eine Katastrophe mit fatalen Folgen für viele Tausend Menschen sein. Das Erdbeben wird kommen, so viel ist sicher, nur weiß niemand genau, wann das der Fall sein wird. Darum bereitet man sich vor. Erdbebensicherheit ist in aller Munde. Die Menschen werden dazu angehalten, Lebensmittel und Wasservorräte zu horten, Medikamente und Verbandsmaterial aufzustocken. In den Schulen und Kindergärten werden Sicherheitstrainings durchgeführt. Öffentliche Gebäude, Schulen und Krankenhäuser werden erbebensicher gemacht. Auch das historische Gebäude der Bayview Schule, die Max, Carl und Paula besuchen, soll 2019 den Abrissbirnen zum Opfer fallen, da ein Neubau günstiger ist, als das alte, gemauerte Gebäude umzubauen.

Besonders zwei Fragen haben Paula schon zu Beginn unserer Reise beschäftigt: Wo werden wir Weihnachten sein und- noch viel wichtiger- wo sind wir Halloween? Halloween ist für Paula so wichtig wie Carleval für Brasilianer, schon Monate im Voraus plant sie meistens ihr Kostüm. Nun in Vancouver zu sein, ein Haus zu haben, dass wir schmücken können, Freunde zu haben mit denen man um die Häuser ziehen kann und vor allem Zeit, sich um das Kostüm zu kümmern sind wie ein 6er im Lotto. Halloween ist in Kanada GROSS. Schon Wochen vorher entstehen überall Popup Stores für Kostüme und Dekorationen, die Häuser und Vorgärten werden geschmückt. Unsere Nachbarn verkleiden den gesamten Vordereingang mit Alufolie zu einem Gigantischen Raumschiff, lebensgroße Dinos werden aufgestellt, die Vorgärten umgegraben, damit es aussieht wie ein frisch aufgeschüttetes Grab. Es ist völlig normal in den Tagen vor Halloween im Berufsverkehr neben einem Mann im Designeranzug und Skelettmaske zu stehen oder im Supermarkt hinter einer Frau, die als Blume verkleidet Schwierigkeiten hat, die Blütenblätter ihres Kopfschmuckes durch die Gänge zu navigieren. An der Schule der Kinder veranstalten die Elternvertreter eine Halloweenparty, zu der ganze Familien als Superherofamilien erscheinen. Die Direktorin ist so gut verkleidet, dass sie niemand erkennt, auf der Tanzfläche umschlingen sich „Milchtüte“ und „Haiangriff“, eine „Gewitterwolke“ verkauft Popcorn. Paula ist selig. Am Halloweenabend ziehen wir mit einer Gruppe Eltern und Kinder durch die überfüllten Straßen, jedes Kind ergattert eine Walmarttüte voller Süßigkeiten, von denen es dann die Hälfte in der Schule für Obdachlosenvereine stiftet (besonders die mexikanischen Chililollies). Anders als in Deutschland kennen die Kinder einen Großteil lokalen Süßigkeiten nicht, viele von ihnen hätte ich sicher niemals gekauft. Tagelang versuchen sie sich gegenseitig die besonders ekeligen Exemplare zu verfüttern, haben einen riesen Spaß. Aus jeder zweiten Haustür schlägt uns ein merkwürdiger Geruch entgegen, wie Paula feststellt. Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist Cannabis in Canada offiziell erlaubt und seitdem liegt ein für uns noch ungewohnter Geruch über der Stadt. Wie Pilze schießen an jeder Ecke Cannabisläden aus dem Boden, manche designt wie Teeläden: Auf einem riesigen Tisch in der Mitte stehen kleine Schälchen, mit verschiedenen Sorten zur Probe. Selbst die Homepage der Stadt Vancouver hat ein Verzeichnis der Cannabis Verkäufer inklusive Google Maps Navigation ( https://vancouver.ca/doing-business/cannabis-retail-dealer-business-licence.aspx ) Am Tag von Halloween kommen alle Kinder verkleidet zur Schule, schnitzen in der Turnhalle Kürbisse. Unseren Kürbissen, die wir schon zwei Wochen zuvor geschnitzt hatten, ist inzwischen in der warmen Herbstluft ein Fell gewachsen. Als ich am Tag vor Halloween versuche, Nachschub zu bekommen, sind die Supermärkte leergekauft. Macht nichts, schnitzen unsere Kinder halt Wassermelonen.

Die Versuchung einfach zu bleiben, ist riesengroß. Uns fehlt es an nichts. Timm hat eine Sauna gefunden, in der er sich zu Hause fühlt. Anders als in Deutschland trägt man hier in Saunen Badehose und vielleicht ist das der Grund, warum die Leute weniger Berührungsängste haben. Man redet miteinander. Jedes Mal kommt Timm mit Geschichten nach Hause, ist aufgeladen und glücklich. Wir kaufen Tennisschläger und einen Volleyball secondhand, Timm gibt den Kindern Tennisunterricht und beim Volleyballspielen durchlebe ich dieselbe Schmach wie damals in der Schule. Lotta spielt Gitarre, die Jungen Fußball und Frisbee, ich nehme meine tägliche Yogapraxis wieder auf. Jeden Tag sind wir mit dem Fahrrad unterwegs. Der Baum vor unserer Haustür wird immer lichter, inzwischen dringen die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach bis ins Wohnzimmer. Nicht mehr lange, dann ist der Winter da. Sehnsuchtsvoll blickt Timm auf die Bergkette der Northshore Mountains. Sobald der erste Regen fällt, werden die Gipfel überzuckert sein und dann dauert es nicht mehr lange, bis die Skisaison startet. Vancouvers Lage ist absolut einzigartig. Direkt vor den Toren der Stadt liegen die Skigebiete Grouse Mountain, Cypress Hill (Austragungsort 2010) und Mount Seymour. Bei der Talfahrt blickt man auf den Pazifik und auf Downtown Vancouver. Whistler, angeblich Nordamerikas schönstes Skigebiet und Hauptaustragungsort der Olympischen Winterspiele 2010 ist 2 Autostunden entfernt. Die Vorstellung jedes Wochenende ohne viel Aufwand, ohne ein Hotel oder eine Ferienwohnung buchen zu müssen, Ski fahren zu können ist sehr verlockend. Unser Vermieter würde uns das Haus dauerhaft vermieten, die Kinder in den Schulen unterzubringen wäre auch kein Problem, wir müssten nur ein offizielles Studentenvisum beantragen. Alle Türen sind weit geöffnet, vom Gefühl her würden sowohl Timm als auch ich nichts lieber machen.

Und doch packen wir Mitte November unsere Habseligkeiten zusammen und rollen ein letztes Mal schwarz rauchend durch unser liebes Kitsilano. Mein Herz fühlt sich so schwer an wie vor fast genau 5 Jahren, als wir, den Tafelberg im Rücken unser Leben in Kapstadt zurückließen. Wie damals werden wir auch dieses Mal ein kleines Stückchen des Weges von lieben Freunden begleitet. Mit der Familie von Paulas Freundin Mila wollen wir noch ein Wochenende campen fahren, uns gebührend von Kanada verabschieden bis es am Dienstag weiter geht in Richtung USA. Unser Ziel ist ein kleiner von First Nations geführter  Campingplatz  in der Nähe von Pemberton, an dem heiße Quellen an die Oberfläche sprudeln.

Trotz  der eisigen Kälte rinnen mir Schweißperlen über die Stirn. Seit mehr als zwei Stunden sitze ich im leicht schwefeligen Wasser, blicke durch den Dampf in die Gesichter von Amy, Billy und Timm. Sie sind nur ganz leicht vom Schein der Teelichter erleuchtet. Über uns blinken tausende Sterne, von den Becken, die etwas abseits liegen, klingt das Lachen der Kinder. Ich bin tieftraurig und glücklich zugleich. Glücklich über den Moment, todtraurig, dass das bald Vergangenheit sein wird. Ich fühle mich, als würde ich eine große Liebe aus Vernunftsgründen verlassen.

 

Vancouver, Teil 1

Jedes Jahr wählt das britische Nachrichtenmagazin „ The Economist“ aus 140 Städten die lebenswerteste Stadt der Welt. Die letzten Jahre waren es jeweils 3 australische und 3 kanadische Städte, die in den Top Ten landeten. Vancouver ist meistens unter den ersten fünf.

Was macht diese Städte so reizvoll? Ihre Attraktivität wird nach einem Index berechnet, der insgesamt 40 Faktoren, u.a. Verkehrssituation, Freizeit- und Kulturangebote, Sicherheit (Attraktivität als potentielles Terroristenziel zu dienen, Kriminalität), Ausbau des Kommunikationsnetzes, etc. berücksichtigt. Was also macht Vancouver so besonders? Es ist wunderschön- und wahnsinnig teuer haben wir gehört. Nach New York und LA ist Vancouver der drittwichtigste Standort der amerikanischen Filmindustrie, wird auch „Hollywood North“ genannt. Der Hafen exportiert mehr Güter als jeder andere in Nordamerika, die Winter sind mild für kanadische Verhältnisse, die Sommer mit durchschnittlich 22-26 Grad eher kühl und der Rest des Jahres verregnet. Als Finanzzentrum rangiert Vancouver auf Platz 15 der weltweit wichtigsten Städte. 2010 wurden hier die Olympischen Winterspiele ausgetragen. Das ist unser Kenntnisstand, als wir mit Roger durch die ersten Hochhausschluchten rollen, vorbei am Trump Hotel, einem der höchsten Gebäude Vancouvers. Fängt ja gut an.

Unsere Airbnb Unterkunft liegt im Stadtteil Kitsiliano, der in den 60 gern, ähnlich wie San Franciscos Haight-Ashbury ein Hippiehangout war. Kits, wie er liebevoll genannt wird, erinnert uns mit den farbenfrohen Holzhäusern und den breiten, von riesigen Bäumen beschatteten Straßen an Halifax. Unser Haus liegt genau gegenüber einer Schule, mit großem Fußballplatz, auf dem Kinder und Hunde hinter Bällen herjagen.

Es dauert ewig, bis wir endlich all unsere Habseligkeiten von Roger ins Haus verfrachtet haben, immer wieder bleiben Nachbarn stehen, heißen uns willkommen, fragen uns über Roger aus. Seit Halifax sind wir zwei Monate, genau 59 Tage ununterbrochen unterwegs gewesen, fühlen uns von der Größe des Hauses erst einmal erschlagen. Die Jungen teilen sich ein Zimmer, die Mädchen ein anderes, es gibt zwei Bäder, ein großes Wohnzimmer (mit Netflix) eine Küche, in deren Kühlschrank ich Essen für 4 Wochen unterbringen könnte. In den ersten 2 Tagen sind Waschmaschine und Trockner im Dauereinsatz. Jedes Handtuch, die Kleidung, die Bettwäsche, jedes Stückchen Stoff in Roger wird vom Rauchgeruch befreit. Wir räumen Roger auf, entfernen Schimmel, der sich aufgrund der ständigen Feuchtigkeit an einigen Stellen gebildet hat, Timm repariert ein paar Kleinigkeiten, macht einen Ölwechsel, baut einen zusätzlichen Schrank unter unserem Bett ein. Seit wir mit Gigi unterwegs waren, hatte Lotta schreckliche Sehnsucht nach einer Gitarre und die braucht nun ihren Platz. Auf Vancouver Island hat der Scheibenwischermotor der ständigen Belastung nicht mehr standhalten können, hatte schlapp gemacht. Aus Deutschland bekommen wir ein Paket mit Ersatzteilen und ein paar Dingen, die wir vermisst haben. Weil uns die viele Aufmerksamkeit die Roger bekommt, manchmal ein wenig anstrengend wird, besonders wenn wir am Morgen unterrichten, haben wir Roger mit dem Link zu unserem Blog und der Instagram Seite beklebt. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich das will, habe Angst, dass ich mich eingeschränkt fühle, wenn uns plötzlich jeder googeln kann. Wenn man unbedingt eine Macke an Roger finden möchte, dann ist es die Tatsache, dass er in einer Minute ungefähr so viel Rauch produziert, wie Helmut Schmidt in einem ganzen Monat. Während man Helmut Schmidt das nie übel genommen hat, trifft Roger diesbezüglich doch oft auf Widerstände. Könnten wir unserer Rauchwolke einfach davonfahren, wäre das kein Problem. Dummerweise aber müssen wir den Motor eine Weile im Stand laufen lassen, bis sich genug Druck auf den Bremsleitungen aufgebaut hat. Irgendwann sind uns Rogers grauen Rauchwolken so peinlich, dass wir beschließen, auf das Fahrrad umzusteigen. Wie sonst überall, sagt man uns auch in Vancouver, dass das Wetter außergewöhnlich ist für diese Jahreszeit. Nachdem es den ersten Tag ein wenig genieselt hat, werden wir bald mit dem schönsten Indian Summer belohnt, den Vancouver seit langem gesehen hat. Normalerweise regnet es hier an 166 Tagen im Jahr. Roger bleibt stehen, wir fegen nur ab und zu die Solarzellen auf dem Dach, damit wir weiterhin unsere Computer mit den deutschen Steckern laden können.

Jeder Zipfel von Vancouver ist bequem mit dem Fahrrad zu erreichen, 170 km Fahrradwege durchziehen die Stadt, die Autofahrer sind extrem rücksichtsvoll und geduldig, lächeln wenn wir wie eine Entenfamilie in Reihe den Bürgersteig blockieren. Am Strand von Kitsilano sitzen wir auf Treibholzstämmen und beobachten die Beachvolleyballspieler, lauschen den Trommlern, blicken auf die imposante Skyline Vancouvers hinter der sich die Gipfel der Northshore Mountains erheben.

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Auf der Promenade finden sich Musiker auf einer Bank zusammen, improvisieren, Jogger laufen auf der Stelle, um zuzuhören, Kinder tanzen. Vancouver hat 11 Stadtstrände, einer schöner als der der andere. Am Wreck Beach ist, für Nordamerika ungewöhnlich, textilfrei erlaubt.

Auf Granville Island schlendern wir durch die Markthallen, nehmen ein Wassertaxi, fahren nach Downtown, bewundern den Mix aus alten und neuen Gebäuden, essen Lavendeleis.

Im Science Center, einem interaktiven Wissenschaftsmuseeum spielen die Jungen am Computer Spermienrennen und lernen nebenbei dass männliche Samenzellen schneller, Mädchen aber zäher sind und was einer kleinen Spermazelle so alles passieren kann, auf dem gefährlichen Weg zum Ziel. Mentale Stärke messen wir beim Mindpingpong, wo man durch reine Gedankenkraft einen Pingpongball in das Feld des Gegners schieben muss. Wir versuchen uns gegenseitig den Herzschlag, der mittels einer Trommel hörbar gemacht wird, durch Liebeschwüre zu erhöhen, schauen Kakerlaken bei der Eiablage zu.

Nach San Francisco befindet sich in Vancouver das weltweit zweitgrößte Chinatown. Wir bummeln durch die Geschäfte, trinken Grüntee und essen YumCha und gebratene Nudeln. Im Aquarium lernen wir, wie verheerend sich Mikroplastik auf die Weltmeere auswirkt, dass die Fussel von Synthetikkleidung aus dem Wasser der Waschmaschine ein riesen Umweltproblem darstellen. Carl nimmt sich vor, auf unserer Reise jeden Strand sauberer zu verlassen als er ihn vorgefunden hat, seitdem tragen wir immer einen Müllbeutel bei uns.

Zwischen Chinatown und Gastown gruseln wir uns kurz, als der Geruch von Bratreis plötzlich übertüncht wird von einem stengen Fäkalgeruch, wir gezwungen werden, in die Welt von Armut und Obdachlosigkeit einzutauchen. In Gastown werden wir in die Geburtszeit von Vancouver City ins späte 19.Jh versetzt. Auf dem Sonntagsmarkt in Kitsilano kaufen wir Roggenbrot, essen Sweetsmoked Salmon, den uns unser Vermieter schenkt, der hier einen Fischstand hat. Wir trinken Ingwerlimonade und schauen der lokalen Quidditch Mannschaft beim Training zu. Im Museum of Antropology lernen wir die Kultur der First Nations kennen, Paula designt ihren eigenen „Totemteller“. Wir legen eine vegetarische Woche ein, aus der für mich zwei Monate werden.

Ich bin kein Stadtmensch. In Vancouver ist das nicht wichtig. An jeder Ecke kann ich getrost vergessen, dass ich mich in einer Millionenstadt befinde. Vancouvers Herz ist grün: Auf einer Insel, direkt angrenzend an Downtown liegt der 405 Hektar große Stanley Park, von dem ein Großteil aus dichtem Regenwald besteht, von 200km Spazierwegen durchzogen. Spielplätze und Grünflächen, Gemeinschaftsgärten, begrünte Fassaden, Bäume auf Hochhausdächern, Parks und waldgesäumte Strände, überall Natur.

Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt in diesem Sommer unter einer dichten Rauchdecke lag, weil in der ganzen Provinz verheerende Brände gewütet haben, oder es liegt es daran, dass der Herbst sich von seiner schönsten Seite zeigt, aber jeder scheint das Bedürfnis zu haben, draußen zu sein. In den Parks werden Slacklines aufgespannt, von den öffentlichen Tennis- und Basketballcourts hallt der Klang springender Bälle, an den Turnstangen trainieren Männer mit imposantem Muskeltonus, eine Oma fährt mit Billy Jean von Michael Jackson auf der Boombox Inliner. Auf dem Meer drehen Kitesurfer ihre Runden, jemand fährt mit zusammen mit seinem Hund Kanu, eine Frau übt Handstand im Sand, eine andere Frau tanzt zur Musik aus ihrem Ipod Ballett.

Jeden Abend übt ein alter Mann auf dem Schulhof gegenüber Einrad fahren, eine Mama springt zu Eminem in hohem Dezibelbereich auf dem Trampolin ihrer Kinder- und die Nachbarn lächeln. Wenn ich am Morgen auf den Treppenstufen vor der Eingangstür meinen Morgenkaffee trinke, kommen die Nachbarn oder der Postbote auf einen Plausch vorbei. Zusammen harken wir das Laub von den Bürgersteigen, leihen uns gegenseitig Werkzeug oder stellen die Mülltonnen des jeweils anderen nach der Leerung zurück. Man achtet aufeinander, behandelt sich freundlich, geht mit offenen Augen durch die Welt. Anders als in vielen Großstädten, die ich bisher kennengelernt habe (außer Calgary), scheint hier nicht jeder seinen eigenen Film zu fahren, zwanghaft zu versuchen, sich irgendwie von der Masse abzuheben. Wenn die Kinder den Slacklinern zusehen, winken diese sie heran, damit sie es auch einmal probieren. Die muskelbepackten Turner heben Carl hoch, damit er die Stange erreichen kann, ein Mann an der Supermarktkasse schenkt mir vier Dollar, als ich zu wenig Geld in der Tasche habe. Der Busfahrer läßt uns umsonst mitfahren, weil er kein Wechselgeld hat, Eltern laden uns zum Abendessen oder Kaffeetrinken ein, der Schuhverkäufer googelt für uns den Busfahrplan. Niemand ist laut oder überdreht, alle wirken irgendwie wie frisch von einem Yogaretreat gekommen: Entspannt, unaufgeregt, im Reinen mit sich und allem, höflich, nachsichtig, aufmerksam, voller Freude am Leben. Wir wissen nun, warum Vancouver trotz der astronomischen Immobilienpreise eine der lebenswertesten Städte der Welt ist.

Island Life: Vancouver Island, Denman und Hornby Island

Anfang Oktober 2018: Zäher Nebel kriecht über den Buttle Lake im Strathcona Provincial Park. An seinem Ufer windet sich seit vielen Kilometern die Straße entlang. Auf der anderen Seite ragen moosbewachsene Felsen in den Himmel, Farne filtern das Nass aus der Luft. In Rinnsalen fließt es über die Straße zurück dahin, wo es hingehört: in den See. Pilze verschiedenster Farben und Formen glänzen schleimig und feucht, rotzgelbe Blätter hängen schlaff von den Bäumen. In regelmäßigen Abständen weisen Schilder die Trucker darauf hin, den Funkkanal zu wechseln, Handyempfang hatten wir seit Tagen nicht mehr. Am Straßenrand erinnert ein vergessenes Paar Canvasschuhe an den Sommer. Ich fühle mich verlassen und allein- bis Timm rechts ran fährt und wir von einem nicht enden wollenden Autocorso überholt werden.

Täglich wird es kälter. Wir schrappen am Ende der Saison entlang, nach uns wird überall geschlossen, wir sind immer die Letzten. Obwohl wir die 10.000 km Marke überschritten haben, einen Grund zur Freude hätten, ist die Stimmung im Auto so matt wie das fahle Licht vor dem Fenster. Wir haben es satt, dass jeden Morgen „Grau“ der erste Eindruck des Tages ist, dass das Morgenpipi in der Kloschüssel dampft. Roger scheint genau wie wir die Faxen dick zu haben, springt am Morgen schwer an, quält sich mühevoll und rußend die Berge hinauf, scheint erst versöhnt, als endlich die Sonne den Nebel besiegt, uns ein paar Tage zumindest stundenweise mit Licht verwöhnt.

Wir verlassen wir den Highway, fahren 200km über unbefestigte Holzfällerpisten, die jemand (in Anlehnung an den „Tree to Sea- Highway“) „Tree to see Highway“ getauft hat, und sehen, wie angekündigt, hauptsächlich Bäume. Ab und zu lichtet sich der Wald, gibt den Blick frei auf gigantische Flächen, die aussehen, als sei ein Riese Amok gelaufen. Baumleichen türmen sich übereinander, faulen ungenutzt vor sich hin, Wurzeln liegen verstreut oder zu Scheiterhaufen aufgetürmt. Jedes Mal krampft mir der Magen, wird mein Herz bleischwer. Es ist ein Kriegsschauplatz: Harvester gegen Wald. Mir fällt es schwer, ein System hinter dieser Zerstörung zu erkennen.

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Kanada zählt zu den waldreichsten Ländern der Welt, besitzt etwa 11% der weltweiten Waldflächen, von der es etwa die Hälfte wirtschaftlich nutzt. Neben der Produkton von Bauholz wird ein Großteil des Holzes für die Papier-, Zellulose- und Pappherstellung verwendet. Angeblich ist Kanada ein Vorzeigeland für nachhaltige Waldwirtschaft: Holzfirmen agieren nur unter strenger Kontrolle durch die Forstwirtschaftsbehörden und müssen sich strikten Aufforstungsprogrammen unterwerfen. Ich wünschte, ich könnte das glauben. Auf langen Autofahrten habe ich in letzter Zeit den Kindern aus Peter Wollebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ vorgelesen, in dem der Förster beschreibt, auf welche Weise diese miteinander kommunizieren, sich gegenseitig unterstützen und vor drohenden Gefahren warnen. Allein die Vorstellung der „Baumgespräche“ beim Eintreffen der Harvester jagt mir Schauer über den Rücken. Wir beschließen, neben dem Plastikkonsum in Zukunft ebenfalls unseren Papier- und Holzverbrauch einzuschränken.

 

Doch schon der nächste Einkaufsstop macht dieses Vorhaben wieder zu Nichte. Ich bin mit einem Nervensystem ausgestattet, das schnell an Reizüberflutung leidet. Einkaufen ist für mich ein Albtraum, Walmart die Hölle. Am Eingang stehen leihbare Elektrorollstühle mit Einkaufskörbchen, fast erwarte ich Zebrastreifen und Stoppschilder, um den Verkehr in diesem riesigen Markt zu regeln. Hier ist niemand darauf eingerichtet, dass wir keine Plastiktüten wollen, wir bringen das ganze System durcheinander, die Kassiererin ist überfordert mit dem Einpacken und so greifen wir doch wieder zu den Tüten, die wir dann als Mülltüten verwenden. So tief wie der Grand Canyon ist die Grummelfalte auf meiner Stirn, als ein alter Mann lächelnd auf uns zuhumpelt. „Oh nee, nicht auch noch reden jetzt!“, denke ich mir, lächele aber trotzdem tapfer zurück.  img_2226Mich würdigt der Herr keines Blickes. Genau vor Carl bleibt er stehen: “My Mum used to say, a face without freckles is like a nightsky without stars“ (Meine Mutter sagte immer, ein Gesicht ohne Sommersprossen sei wie ein Nachthimmel ohne Sterne). Und dann dreht er sich um und geht. Ohne ein weiteres Wort. Wer Carl kennt, weiß, dass er seine Sommersprossen hasst, dass er nicht mag, durch sie aufzufallen. Dieser Satz aber hat alles verändert.

Vancouver Island ist die größte Pazifikinsel Nordamerikas, etwa 100km breit und 450km lang. Überschaubar, könnte man meinen. Und doch dauert es ewig von A nach B zu kommen. Zum Glück. Der Norden der Insel ist spärlich besiedelt, im Süden befinden sich die Touristenorte, an denen die Hipster in zur Ponchofarbe abgestimmten Gummistiefeln mit dem zum Bart passenden Hund die Strände mit „Coffee to Go“ Bechern flanieren, ihr Essen in den „Eateries“ fotografieren und auf Instagram posten. Wo Surfereltern ihren Nachwuchs bei 7 Grad in kalten Prielen spielen lassen, um sie abzuhärten für das Leben als Nachwuchssurfer. Tofino ist das St. Peter Ording von Canada und leider genauso überlaufen. Es ist das kanadische Thanksgiving Wochenende, das anders als das amerikanische Thanksgiving im Oktober gefeiert wird. Ein Campingplatz ohne Strom kostet $70 die Nacht, die Duschen $2 pro 1,5 Minuten.

O.K für eine Nacht, dann aber zieht es uns weiter an das Südende des Pacific Rim National Parks, nach Ucluelet.

Die kleine, etwas uncoolere Schwester von Tofino ist wilder, ursprünglicher, weniger überlaufen und genau das, wonach wir suchen, bevor wir nach einem Abstecher nach Denman und Hornby Island mit der Fähre nach Vancouver fahren.