Nach 19 Monaten auf Reisen

15. Februar 2020: Eine meiner ersten Yogastunden wäre vor vielen Jahren auch fast meine letzte gewesen. Grund dafür war ein T-Shirt. In bunten Leggings begrüßte uns die Lehrerin, leitete uns durch die Affirmation der Stunde. Nach wenigen Worten hörte ich nicht mehr zu, alles was ich wahrnahm, war die Aufschrift ihres T-Shirts: „Happiness is homemade“. Allzu gern hätte ich in diesem Moment die Yogamatte gegen ein paar Boxhandschuhe getauscht, um dieser Eso-Arschgeige ihr erleuchtetes Grinsen aus dem Gesicht zu hauen. Meine Wut hat an diesem Tag den ganzen Raum gefüllt, auch 30 Yogis konnten gegen diese Energie nicht anleuchten. Damals lebte ich in Kapstadt, war in keiner Weise unglücklich. Ein bisschen erschöpft vom Leben mit vier kleinen Kindern und einem überarbeiteten Mann, ein bisschen angespannt von der allgegenwärtigen Kriminalität, ein bisschen überfordert von der sozialen Ungleichheit und ihren Folgen. Trotzdem triggerte dieser T-Shirt Spruch mich gewaltig. Ich las ihn als „wer nicht glücklich ist, ist selber Schuld“ und das kam mir in einem Land wie Südafrika, in dem so viele Menschen mit Leid, Gewalt und Perspektivlosigkeit leben müssen, unendlich anmaßend vor. Viele Jahre später stehe ich vor dem Scherbenhaufen einer sehr alten Freundschaft,  unter anderem zerbrochen an der Unfähigkeit meines Gegenübers, das eigene Glück zu sehen. Und fast wäre mir zum Abschied genau dieser Satz entschlüpft: „Glück ist hausgemacht.“

Wie komme ich zu einer Haltung, für die ich noch vor wenigen Jahren geprügelt hätte? Ich habe in den Jahren zwischen besagter Yogastunde und dem Abschied von dieser Freundschaft eine Vielzahl inspirierender Menschen treffen dürfen, die mich gelehrt haben, dass das persönliche Glücksempfinden tatsächlich oft von der inneren Einstellung abhängt. Dass es einen riesigen Unterschied macht, ob einem das eigene Glas halb voll oder halb leer erscheint, dass es sich, wenn man sich auf Positives im eigenen Leben konzentriert, sofort auf das subjektiv empfundene Glück auswirkt. Habe ich z.B. einen Autounfall mit erheblichem Blechschaden, dann kann ich mich darüber ärgern, dass das Auto nun in die Werkstatt muss, dass meine Versicherung mich hochstuft, dass der Wert meines Autos gesunken ist. Ich kann aber auf der anderen Seite auch einfach dankbar sein, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Ich kann den Unfall annehmen, als ein Ärgernis, eine Unbequemlichkeit, und dann den Ärger ziehen lassen. Kleine Katastrophen annehmen, sich kurz ärgern, sich dann aber nicht weiter von ihnen beschweren lassen, ist etwas, das wir in den vergangenen Monaten ausführlich lernen durften. Ich weiß nicht, wie es uns gelingen würde, mit großen Katastrophen umzugehen, sehe aber am Beispiel einer Freundin, die ich über alle Maßen bewundere, dass auch das geht, wenn man mutig genug ist, sich seinem Leid zu stellen. Der unfassbare Schicksalsschlag ihr Kind zu verlieren hat sie befähigt, ihre Lebensaufgabe zu erkennen: Sterbenden und ihren Angehörigen auf den letzten Schritten ihres Lebensweges zu helfen. Sie sieht viel Leid und Traurigkeit, wird immer wieder mit dem eigenen Schmerz konfrontiert und ist doch einer der zufriedensten, erfülltesten Menschen, die ich kenne.

Glück, das haben wir ebenfalls in den letzten Monaten gelernt, ist nicht das Maß aller Dinge. Nach dauerhaftem Glück zu streben, ist bestimmt der sicherste Weg ins Unglück. Damit sich eine Grundzufriedenheit einstellt, muss man auch die in unserer Gesellschaft weniger positiv bewerteten Gefühle wie Wut, Traurigkeit, Scham und Angst zulassen. Jedes Gefühl hat seine Schattenseite, aber auf der anderen Seite enthält es eine unglaubliche Kraft, die, wenn man es nicht verdrängt, Veränderung ermöglicht. Viele meinen z.B., wir hätten keine Angst. Ich habe Angst, mehrmals am Tag gibt es Momente, an denen ich mich entscheiden muss, ob sie mich lähmen darf, ob ich sie wegschiebe an einen Platz von dem aus sie mich irgendwann hinterrücks überfällt, oder ob ich sie als eine Chance zulasse, die Situation zu verändern. Schon die ersten drei Wochen in Kolumbien, auf dem neuen Kontinent Südamerika, schenken uns einige Möglichkeiten, Situationen positiv oder negativ zu bewerten. Nach unserem Offroadabenteuer in der Sierra Nevada de Santa Marta ist Roger etwas mitgenommen, muss in die Werkstatt. 16 Bolzen, die den Wohnkoffer tragen, die hinteren Blattfedern und die Kabinenfederung müssen ausgetauscht, bzw. verstärkt werden. Klar wäre es schön, wenn uns das erspart worden wäre, aber welch ein Glück, dass es hier und jetzt passiert und uns unser Freund Leonardo zur Seite stehen kann. Timm liegt während der wichtigsten Werkstatttage und an seinem Geburtstag mit einer Salmonellenvergiftung flach. Scheiße, im wahrsten Sinne des Wortes, aber zum Glück haben wir sowieso ein Haus gemietet und er kann sich in klimatisierten Räumen auskurieren. Und wir haben Leonardo zu unserer Seite, der die Reparatur überwacht, uns stündlich Fotos schickt, um Timm zu beruhigen. Guerillas sperren für ein Wochenende alle Hauptverkehrsstraßen des Landes, man ist in erhöhter Alarmbereitschaft, gilt die ELN doch als Terrororganisation. Auch hier steht uns Leonardo zur Seite, erklärt uns die Hintergründe, gibt uns Verhaltensregeln mit auf den Weg und zeigt uns auf der Karte die sichersten Wege. Am Ende steht nach dieser anstrengenden Zeit unter dem Strich nur eine Erkenntnis: Welch ein Glück, Leonardo und seine Familie getroffen zu haben, ihn zum Freund zu haben. Alle anderen Ärgernisse lösen sich in Luft auf und übrig bleibt ein warmes Gefühl im Bauch- Glück.

 

 

Kolumbien Nach 1,2,3..Monaten

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Welch eine wundervolle Einstellung, die ich teile, sofern wir bereit sind dazu zulernen, da ist dann
    plötzlich jemand da, der Unterstützung anbietet, mit dem wir niemals gerechnet hätten, da Leben hält sehr vieles bereit für jeden von uns, dankbar für etwas Glück, gibt man etwas davon ab, bekommen wir es zurück, nicht immer,. Je mehr man aber anderen hilft, wenn wirklich in Not, Haltung zeigen, Respekt, all dies finde ich in deinen Beschreibungen, solch eine Einstellung müssen wir uns erarbeiten, von alleine nur fordern, das funktioniert nicht, das wäre egoistisch.
    Vieles habe ich als frühere Yoga Lehrerin gelernt für mein Leben, in den Alltag einiges bis heute
    anwendbar, aber nur, wenn man sich sehr intensiv auseinander setzen kann, bereit dafür ist.
    Meine natürlich nicht die Asanas, mit denen manche nur glänzen wollen, sondern die geistige Ebene.

    • Danke, liebe Arfikafrau für Dein wie immer herzliches und ausführliches Feedback. Geschrieben habe ich diesen Beitrag Mitte Februar, wir unvorstellbar war da eine Situation, in der wir uns heute befinden. Und wieder sind wir also gefordert, das frisch Gelernte auch zu leben, unter schwierigeren Umständen dieses Mal. Mal sehen wie es uns in Corona Zeiten, festsitzend in Ecuador, gelingt positiv zu bleiben 🙂 Liebe Grüße und trotz allem Frohe Ostern!

  2. Vorurteile helfen selten weiter, in der Regel lohnt es, zu hinterfragen warum die Dinge oder Menschen so sind, wie sie sind/scheinen. Unter anderem reisen wir genau deswegen.
    Aber manchmal hab ich einfach keinen Bock!!! Manchmal will ich einfach nicht mehr tolerant und verständnisvoll sein. Basta! Manchmal fehlt einem einfach die Kraft dazu.
    Ich wünsche Euch viel Kraft.
    Bleibt gesund!

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