Sierra Nevada de Santa Marta

Die Sierra Nevada de Santa Marta, das höchste Küstengebirge der Welt, erscheint nicht nur von oben betrachtet herzförmig. In ihm, davon sind die Kogui Indianer überzeugt, schlägt das kosmische Herz, hier befindet sich der Ursprung allen Lebens.

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Sie, als der „große (wissende) Bruder“ tragen schwer an der Aufgabe, diesen Ort zu schützen, ihn im Gleichgewicht zu halten. Leider kommt ihnen dabei immer wieder der „kleine Bruder“, (wir Nicht- Koguis) in die Quere. Die Kogui, die sich als die Nachfahren der von den Konquistadoren vertriebenen Tairona Indianer betrachten, bewohnen verschiedene Bereiche des Bergmassivs und bauen auf unterschiedlichen Höhenlagen Mais, Bohnen, Kassava, Zuckerrohr und Koka an. Während die Kogui hauptsächlich ihr 3700 km2 großes Reservat an den Nordhängen bewohnen, leben die Arhuaco, ein Brudervolk dass Traditionen und kulturelle Wurzeln teilt, allerdings der modernen Zivilisation weniger skeptisch gegenüber steht, an den Südhängen auf 2000 Quadratkilometern. Der ewige Kampf um ihr Land hat die Kogui, die auch heute noch ihre jahrhundertealten Traditionen pflegen, misstrauisch gemacht. So ist es ausländischen Besuchern z.B. nicht gestattet, die heiligen Gipfel des Bergmassivs, den Pico Bolívar und den Pico Cristóbal Colón, beide 5775m hoch, zu besteigen. An der Nordflanke der Sierra fanden Archäologen die Überreste einer Siedlung, die zwischen 700-1600 von circa 4000 Tairona Indianern bewohnt worden war, tauften sie „die verlorene Stadt, la „Ciudad Perdida“. Flache, mit Steinen ausgelegte Pfade verbinden circa 200 runde oder eiförmige Plateaus, die Fundamente einstiger Häuser und Zeremonienstätten. Man kann sie im Zuge einer dreitägigen Wanderung durch den Dschungel besuchen. Leider ist dies eine Strecke, die wir unseren noch etwas lauffaulen Kindern vorerst nicht zutrauen. Als die Ciudad Perdida 1975 durch Zufall entdeckt wurde, begann ein erbitterter Kampf zwischen Historikern und Plünderern. Zwischen einzelnen Plündererbanden kam es zu blutigen Kämpfen, bis 1976 das Militär die Ciudad Perdida stürmte, um sie vor den Grabräubern zu schützen. Weitere Unruhe brachten in den 1970ger Jahren zunächst der Marihuana- und schließlich der Kokaanbau. Narkos, Paramillitärs und Guerillas brachten den Krieg in die Berge und erst seit circa zehn Jahren ist es hier wieder relativ sicher. Relativ, weil auch heute noch Teile der Sierra von Guerillas und Paramilitärs kontrolliert werden.

In der Sierra sind verschiedenste Klimazonen vertreten, welche einer immensen Artenvielfalt Lebensräume bieten. Zu ihren Füßen, am Pazifikstrand und in den mangrovenbewachsenen Lagunen der Ciénaga Grande herrscht tropische, schwüle Hitze, die, je höher man kommt, moderateren Temperaturen weicht. Zwischen 1000-1700m wird Kaffee angebaut, der hier auf den Flanken der heiligen Berge besonders gut gedeiht. Neben der Zona Cafetera im Herzen Kolumbiens, ist die Sierra Nevada de Santa Marta ein Hauptanbaugebiet für Kaffee und, da touristisch wenig erschlossen, sicherlich das ursprünglichste Kolumbiens.

Auf knapp 1000m liegt das Kaffeedorf Palmor, dass sich auf dem Ortseingangsschild großspurig als „Capital Cafeteria de La Sierra Nevada de Santa Marta“ betitelt. Bis wir allerdings an diesem Ortsschild ankommen, verbringen wir mehrere Stunden auf Pisten, die mich wünschen lassen, dort oben die Hauptstadt der Baldriantee Produktion zu finden. Meine Nerven flattern wie Kolibris, meine Beine sind Brei, als wir nach fast 4 Stunden Fahrt bei Einbruch der Dunkelheit den rummeligen Dorfplatz erreichen. Auf mal staubigen, mal matschigen Pisten führte der Weg in engen Kurven die Berge hinauf. Links und rechts begrenzt durch steile Abhänge, von oben durch niedrig hängende Äste und Wasserleitungen, musste Timm oft mehrmals vor- und zurücksetzen, um die engen Kurven, die bröselnden Böschungen und kleinen Mäuerchen zu umfahren. Den Großteil der Fahrt saßen die Kinder auf dem Dach, warnten vor Ästen und Leitungen, hatten einen riesen Spaß, wenn unter uns baufällige Brücken knarzten. Auch für Timm ist die Chance, Rogers Grenzen auszutesten ein einziges Abenteuer.

Der erste Mensch, der uns in Palmor begrüßt, ist ein Polizist mit blaugelbem Papagei auf der Schulter. Woher wir kommen und wohin wir wollen, möchte er wissen. Wo wir einen ebenen Platz zum Übernachten finden können, ist unsere Hauptfrage. Der Blick auf das von steilen Gässchen durchzogenen Dörfchen verspricht keine große Auswahl.

Unter den neugierigen Blicken des gefühlt vollständig versammelten Dorfes führt er uns, an Timms Beifahrertür hängend zum Dorfplatz. In wenigen Minuten hat sich herumgesprochen, dass die Russen gekommen sind, wir werden umringt und begrüßt. Zwischen all den wuselnden Kindern, die zusammen mit Carl und Max bald in einem Knäul hinter einem Fußball herrennen, den Timm vom Dach geworfen hat, stechen ein paar Kinder besonders hervor: In weiße, wadenlange Gewänder gehüllt, stehen sie fast bewegungslos in der Menge, blicken aus undurchdringlichen braunen Augen in unsere Richtung. Ihr tiefschwarzes Haar reicht bis auf die Schulter, sie tragen geknüpfte Taschen und schwarze Gummistiefel an den Füssen. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen, erwidern kein Lächeln, ihr Blick ist unbewegt, durchdringend, trifft mich dort, wo ich eigentlich ungern fremde Menschen hinlasse. Ich fühle mich durchschaut, bin tief bewegt von der Intensität, die diese Kinder ausstrahlen. Sie sind ganz anders als alle Kinder, die ich je gesehen habe. Jede Bewegung scheinen sie mit Bedacht auszuführen, sie kreischen oder hüpfen nicht, stehen still, beobachten aus wachen Augen, wirken weise und wissend. Das sind Kogui Indianer, erklärt mir Carlos, ein Fotograf aus Baranquilla, der uns am nächsten Morgen zu einer der schönsten Kaffeeplantagen der Gegend führen möchte. Sie kommen ins Dorf, um einzukaufen, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen, legen dafür oft mehrere Stunden Fußmarsch zurück. Sie versuchen den Kontakt zu uns Nicht- Koguis auf ein Minimum zu reduzieren, sind aber freundlich und offen. Ob man sie in ihren Dörfern besuchen kann, fragen wir Carlos und er verspricht zu sehen, wie er uns helfen kann. Normalerweise mögen sie keine Fremden in ihren Dörfern, leben zurückgezogen, aber er hat einige Kontakte, da er schon seit Jahren hierherkommt und eine Kogui Schule unterstützt.

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Die Nacht auf dem Dorfplatz ist alles andere als ruhig. Bis tief in die Nacht gucken Neugierige in unsere Fenster, klopfen, winken und besonders die Jungs versuchen, Lottas Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Am nächsten Tag sind wir früh wach, ich packe meine Kamera ein, mache einen Rundgang durch den kleinen Ort. Dort wo die Kinder gestern noch Fußball gespielt haben, liegen nun zwischen angetrockneter Maultierkacke Kaffeebohnen in verschiedenen Trockenstadien in der Sonne. Ein alter Mann sortiert die Bohnen, erklärt mir, dass sie drei Tage an der Sonne trocknen müssen. Die besten Bohnen verkauft er, die minderer Qualität behält er für sich. Vor jeder Tür im Dorf stapeln sich prall gefüllte Säcke, das Hufgeklapper der Maultiere, welche die Säcke von den Fincas nach Palmor tragen, hallt in den Gassen. Sechzig Jahre alte Pick-ups röhren schwer beladen und rußend die steilen Gassen hinauf, ein Hund döst auf einem Bett aus in der Sonne trocknenden Kaffeebohnen, Mulis warten geduldig vor dem kleinen Supermarkt, bis ihr Besitzer zurückkommt. Im Eisenwarenhandel werden neben Gummistiefeln auch Sättel und Hufeisen verkauft, im Park trainieren zwei Männer ihre Kampfhähne für den Kampf am Wochenende. Immer wieder lassen sie die beiden aufeinander los, trennen sie dann, bevor sie sich verletzen können. Beim Schlachter hängen von Fliegen umschwirrte Fleischteile an der Eingangstür des an eine Garage erinnernden Ladens, Kogui Indianer streifen still wie weiße Schatten durch die Straßen, aus den Geschäften tönt laute Musik. Am Wochenende patrouilliert schwer bewaffnetes Militär in dem 4000 Seelen Städtchen, wirkt völlig deplatziert an diesem idyllisch wirkenden Ort und erinnert schmerzlich daran, dass der Frieden doch noch frisch und brüchig ist. Die meisten Bewohner Palmors leben vom Kaffeeanbau. Auf 51.463 Hektar existieren 13.175 kleine Plantagen, pro Familie ungafähr 3, 9 Hektar. Den Kaffee verkaufen sie dann genossenschaftlich, in Santa Marta wird er geröstet und weiter vertrieben.

Schon kurz nach dem Dorfeingang bezweifele ich, dass wir mit Roger den Weg zur Kaffeefarm „AgroBerlin“ werden fahren können. Die Kurven sind extrem eng, die Vordächer der Häuser am Dorfrand reichen weit in die Straße hinein, die Leitungen hängen tief. Niemanden außer mich allerdings scheint das zu stressen. Die Dorfbewohner winken, rufen, dass wir weiter fahren können. Wenn ich zweifelnd auf die Leitungen deute, versichern sie „No passa nada“- da passiert nichts. Links und rechts knattern immer wieder schwer beladenen Mopeds vorbei, Bauern treiben ihre Maultiere vorbei, wir versuchen, so gut es geht auszuweichen und wenn das nicht geht, beiben wir stehen.

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Immer wieder fragen wir Passanten, ob es möglich ist, mit Roger den Weg zur „Agroberlin“ Farm zu fahren, bekommen allerhand Antworten von „sicher“ bis „auf keinen Fall“. Da wir aber auch kaum Möglichkeiten zum Umdrehen finden, fahren wir weiter. Für die 7km zur auf 1300m liegenden Farm brauchen wir fast 3 Stunden. Wieder sitzen die Kinder auf dem Dach, warnen vor Zweigen, müssen teilweise ordentlich zupacken, um sie zur Seite zu biegen. Verschrammt, verschwitzt und verstaubt erreichen wir die seit 1999 Eco zertifizierte Farm.

Juan, einer der Mitarbeiter zeigt uns einen wundervollen Platz auf einem Plateau, von dem aus sich ein Endlosblick über die mit Kaffee bewachsenen Hänge bietet. Die Nachmittagssonne verschüttet großzügig warmes Licht, Vögel zwitschern und nicht einmal die kleinen schmerzhaft beißenden Fliegen können uns den wundervollen Ausblick verderben.

In der Nacht scheint der Vollmond auf uns herab, Carlos gibt mir eine kleine Einführung in die Nachtfotografie, erklärt mir die Sternbilder und als ich gegen 4 Uhr morgens noch einmal ins warme Bett schlüpfe, weiß ich, dass dieser Platz einer der schönsten dieser Reise sein wird. Lange kann ich nicht schlafen, werde mit den ersten Sonnenstrahlen von einem Kitzeln in der Nase geweckt.

Ein intensiver Jasmingeruch weht durch das offene Fenster herein, die Luft vibriert geradezu vom Summen der Bienen. Fassungslos stehen die Kinder und ich im Gras, blicken auf das Meer weißer Blüten auf denen sich die Bienen tummeln. Nie haben wir so viele Bienen auf einem Fleck gesehen, ich hätte es nicht einmal für möglich gehalten, dass so viele auf einem Fleck existieren können. Jede Blüte blüht nur einen einzigen Tag, die Blühzeit erstreckt sich auf ca. 3 Wochen. Von den Wipfeln der den Kaffee beschattenenden Bäume schmettern die Vögel ihr Morgenlied. 46 Hektar der Farm sind als Naturreservat ausgewiesen, bieten Lebensraum für unzählige Vögel. Herbizide und Dünger werden hier nicht eingesetzt. Stattdessen entfernen die Arbeiter das Unkraut mit Macheten, düngen die Pflanzen mit Kompost, der aus den Abfallprodukten der Kaffeebohnen hergestellt wird. Von Ferne tönen die Stimmen der Arbeiter zu uns, ab und zu taucht ein Kopf aus dem dichten Kaffeegebüsch auf. Dieses Jahr wird eine gute Ernte werden, da ist sich Juan sicher. Regen, Sonne und Temperaturen waren bisher perfekt, die Blüte ist üppig. Zwei Mal im Jahr wird hier geerntet: einmal im November und dann wieder im Mai. 2500 30kg Säcke werden auf ca. 112 Hektar erwirtschaftet, das ist eine Menge, welche die Farm Agroberlin, die früher den Namen „Esperanza“ trug, zur größten in der Gegend macht. Sind die Kaffeekirschen, die Früchte, in denen die Kaffeebohne sich befindet, leuchtend rot, werden sie geerntet. 14- 18 Stunden fermentieren sie im Wasserbad, die Fruchtschale wird entfernt, die Bohne gewaschen und dann auf den Sonnenpatios der Finca getrocknet. Die getrockneten Bohnen werden dann noch in der die Bohne umgebenden Silberhaut nach Santa Marta transportiert, wo sie dann weiter verarbeitet und geröstet werden, um das für diese Finca typische Karamell- und Zitrusaroma zu entwickeln. Wir haben auf unseren Reisen Kaffeefarmen in Tansania, in Äthiopien, in Guatemala und Costa Rica besucht. Keine allerdings hat uns so gut gefallen wie diese. Als ich ein paar Tage später dem Besitzer, den wir wieder nicht kennengelernt haben, eine Dankesmail schreibe, antwortet mir seine Tochter Natalia in perfektem Deutsch. Sie lebt mit ihrer Familie nur einen Katzensprung entfernt von uns in Norddeutschland. Wie klein die Welt doch ist!

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Kolumbien

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

  1. Unglaublich und hochinteressant, was du berichtest, wieder einiges gelernt…..eure positive Ausstrahlung und euer Verhalten öffnet Türen, die sonst verschlossen bleiben, da könnt ihr stolz und glücklich sein.

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