Panama City

Ich hätte nie gedacht, dass uns ein Tankstellencamp wie das Paradies erscheinen würde. Tatsächlich aber sind wir selig, als wir die Dauerbeschallung mit lateinamerikanischen Rhythmen gegen das Röhren von Motorbremsen austauschen können, auf einer der saubersten Tankstellen seit den USA duschen, Wäsche waschen und das WiFi nutzen dürfen. Wir parken im Blick der Sicherheitskamera auf der Rückseite des Tankstellengebäudes unter Flutlicht, schaffen es tatsächlich, die erste Nacht seit Costa Rica ein wenig zu schlafen. Nur widerwillig trennen wir uns nach dem Mittagessen von der Tankstelle, die uns ein bisschen vorhersehbare, geordnete Welt vorgaukelt und machen uns, vollgetankt und frisch gewaschen, auf den Weg nach Panama City.

Anders als in Costa Rica brennen in Panama wieder Müllfeuer am Straßenrand, es riecht nach Abwasser und Plastikrauch, zwischen Take Away Verpackungen und Plastikflaschen rotten die Kadaver überfahrener Tiere. Der Fahrtwind bringt kaum Abkühlung, wir schwitzen und kleben, halten die Luft an, wenn der Geruch von draußen zu schlimm wird. Jetzt in der Trockenzeit haben viele Bäume ihre Blätter verloren, das Gras ist trocken und gelb, die mageren Tiere finden kaum Futter zwischen Plastiktüten am Randstreifen der Straße und irgendwie spiegelt die Kargheit im Außen unsere Stimmung wieder. Es ist nicht einfach, sich wieder an die Enge in Roger zu gewöhnen, wir alle müssen uns zusammenreißen, damit die Stimmung nicht kippt. Trotz der Hitze gelingt es mir einfach nicht, mit Panama warm zu werden.

Als wir im Licht der Nachmittagssonne über die Puente de las Américas über den Kanal fahren, denken wir alle daran, wie es war, vor fast genau einem Jahr über die Golden Gate Bridge nach San Francisco zu rollen. So anders ist der Anblick nicht. Vor uns glitzert die Sonne in der Skyline aus verspiegelten Wolkenkratzern. Vieles hier, das wussten wir bereits, wirkt amerikanisch. Und trotzdem ist es ein kleiner Schock nach all der staubigen Ödnis und dem zentralamerikanischen Gewusel der letzten Tage.

Lange hatten die USA einen gewaltigen Einfluss in Panama, haben überall ihre Spuren hinterlassen. Auch die Brücke über die wir fahren, wurde 1962 von den Amerikanern erbaut, war über 40 Jahre lang die einzige Landverbindung zwischen Nord- und Südamerika.

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Am 3 November 1903 sagte sich Panama mit der Unterstützung der USA von Kolumbien los, und gründete den souveränen Staat Panama. Dies war der Beginn einer Reihe von Eingriffen, der USA in die politischen und wirtschaftlichen Geschicke Panamas. Kolumbien erkannte Panamas Souveränität erst 18 Jahre später an, nachdem die USA ihnen eine Entschädigung von 25Mio US$ zahlte. Die USA hingegen erhielt die Kanalbaurechte des Panama Kanals und die Hoheitsrechte über die Kanalbauzone für alle Zeiten. 1904 Begann man mit den Bauarbeiten des Kanals und nach nur 10 Jahren durchfuhr das erste Schiff das bis dahin größte Bauwunder aller Zeiten. Erste Arbeiten hatten unter französischer Führung schon 1881 begonnen, waren aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Nachdem es immer wieder zu Spannungen zwischen Panama und den USA kam, unterzeichnete der US Präsident Carter zusammen mit dem damaligen Präsidenten Panamas Torrijos 1977 den Carter Torrijos Vertrag, der die Übertragung der gesamten Kanalzone von den USA an Panama bis Ende 1999 zusicherte. Heute  sind der Panamakanal und die Registrierung von Schiffen die wichtigsten Einkuftsquellen des Landes. Jedes 5. Schiff der Welt ist aufgrund der unkomplizierten Verfahren in Panama registriert. Die Handelsflotte ist die größte der Welt, wobei sich auch hier ein Großteil der Schiffe in ausländischem Besitz befindet. Zahlreiche Freihandels-und Sonderwirtschaftszonen, geringe Steuren und eines der größten Bankwesen der Welt  machen Panama zu einem äußerst interessanten Firmenstandort und aufgrund dieser Tatsache ist das Land eines der Reichsten in Lateinamerika.

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Mit Hilfe der IOverlanderapp finden wir einen sicheren Stellplatz in einer Sackgasse am Radisson Hotel, mit Blick auf den Panama Kanal.

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Nach einem schnellen Essen machen wir uns auf den Weg, Panama Stadt zu besichtigen. Mit einem Uber fahren wir in Panamas Altstadtkern, den Casco Viejo. 2003 Zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt, sind viele der bis dahin bröckelnden Fassaden aufwendig restauriert worden oder werden gerade renoviert. Überall wird gediggert, gemauert, gepinselt, die Bauschilder verraten eine erstaunlich internationale Beteiligung. Hier wird viel Geld bewegt, und leider, dass ist die Schattenseite der Entwicklung, verdrängt das die ursprünglichen Bewohner des alten Stadtkerns in die Randgebiete. Wir wandern vom Plaza de Independencia, wo Panama 1903 seine Unabhängigkeit von Kolumbien deklarierte zur Iglesia San José, deren gigantischer goldener Altar durch einen Priester von der Plünderung durch Piraten gerettet werden konnte, indem er ihn schwarz anmalte.

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Wir bummeln durch europäisch anmutende, von zuckerbunt bemalten Stuckpalästen gerahmte Straßen und Pflastergassen, entspannen auf Parkbänken unter riesenhaften Bäumen, deren Luftwurzeln wie vergessenes Lametta von den Ästen baumeln.

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Neben uns sitzen drei Männer, ihr graues Haar beschattet von hellen Strohhüten. Gemeinsam lesen sie Zeitung, reichen jede gelesene Seite an den Nachbarn weiter, der letzte in der Reihe stapelt sie dann ordentlich neben sich auf der Bank. Zwischen zwei umgedrehten Colakisten spielen zwei Männer auf einem Klappbrett Schach, eine betrunkene Mulattin streitet mit der Büste eines Freiheitskämpfers, eine dicke Dame schleppt schwer an einer Kühltasche, die, wie sie verkündet, das beste Ceviche Casco Viejos enthält. Amselartige Vögel zwitschern gummientenartig von Baum zu Baum, es riecht nach Abgasen, Urin, Waschmittel und trockenem Laub.

Jenseits der ehrwürdigen Stuckpaläste des Casco Viejo, nur ein paar Minuten entfernt vom Nationaltheater, den Kirchen und Bibliotheken ist nichts mehr von charmant bröckelnder Geschichte zu finden. In der Avenida Central, der Hauptfußgängerzone Panama Cities, springt einem die Gegenwart mit der Eleganz einer abgetakelten Hafenhure ins Gesicht. Ein buntes Gewusel aus einem schaurigen Zuviel von allem: zu viele Menschen, zu laut, zu viele Gerüche vor allem grauenhaften Ursprungs, zu viele Tauben, zu viel Müll und Dreck, zu viel Kram, den niemand kauft, zu viele Menschen, die irgendwie mit Mühe und Not ihr Leben bestreiten müssen. Das dies nicht immer auf ehrliche Weise geschieht, liegt als knistrige Gewitterspannung in der Luft. Wir fühlen uns unwohl, wollen irgendwann nur noch weg, zurück in die geordnete Welt des Altstadtkerns.

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Als wir wenig später statt in der Altstadt auf der Kaimauer sitzen und auf die blau schimmernden Hochhäuser des Bankenviertels blicken, können wir kaum begreifen, dass diese zwei Welten nur 5 Autominuten voneinander entfernt sind.

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So wird es uns oft gehen in den nächsten zwei Tagen, in denen uns die Gegensätze Panama Cities immer wieder erschüttern. Verspiegelte Hochhäuser, neben nur von bröselndem Putz und Farbe zusammengehaltenen Mietshäusern, Luxusyachten, neben rostigen Fischkuttern, Highend Shoppingmalls, neben denen von Abwässern verseuchte Gräben und Flüsschen faulen, palmengesäumte Parks mit brandneuen unbenutzten Fitnessgeräten, Basketballcourts und Tennisplätzen, vollgekackte Rasenflächen, auf denen sich der Unrat stapelt …

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Entlang der Bahía de Panamá erstreckt sich ein wunderbar ausgebauter Fahrrad- und Spazierweg, der außer von uns und ein paar Expatjoggern so gut wie ungenutzt ist. Niemand sitzt auf den zahlreichen schattigen Bänken, die einzigen Einheimischen scheinen die Gärtner zu sein, welche die aufwändigen Blumenbeete wässern und die Hecken schneiden. Mit den Fahrrädern fahren wir auf den mit dem Aushubmaterial des Kanals aufgeschütteten Damm, gucken den Containerschiffen hinterher und fragen uns, warum sich in den siffigen Teilen der Stadt die Menschen stapeln und niemand hier den Sonnenuntergang betrachtet.

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Wir treffen unseren Freund Benjamin, bei dem wir in Nicaragua zu Gast waren und den sein Job zufällig zur gleichen Zeit nach Panamá geführt hat. Wir wollen unser Wiedersehen angemessen feiern, trauen den Bewertungen, welche das angeblich beste Chinarestaurant der Stadt anpreisen und landen in einem sehr zwielichten Etablissement. Während im zweiten Geschoss eine geheime Gesellschaft zu feiern schein, die einen anderen Eingang als wir benutzen, werden wir in einen mit einem Vorhang abgetrennten, von Kameras überwachten Lagerraum gesetzt, in dem sich Servietten, Zutaten und Tischdecken stapeln und vielleicht mehr aus Zufall einige Tische und Stühle stehen. Das Essen ist lausig, meine Wantan schmecken wie mit Pansen gefüllt und als Timm sich auf der Suche nach einer Toilette in die Küche verirrt, stolpert er über eine Wanne voller Schildkröten. Wieder einmal gibt es vor dem Einschlafen homöopathische Kügelchen für alle und ein kleines Stoßgebet gegen Magen Darm Verstimmung.

Am nächsten Tag müssen wir schon um fünf Uhr aufstehen, um den für die Verschiffung erforderlichen Polizeicheck zu erledigen. Die Gegend wirkt wenig vertrauenserregend, in der Sackgasse auf der anderen Seite der Straße schimmert ein Abwassergraben grün, die Bewohner scheinen ihren Müll direkt aus den Fenstern zu entsorgen. An den Wäscheleinen auf den Balkonen trocknen Babywäsche und blendend weiße Hemden. Hier wohnen Menschen, die zur Arbeit gehen, die weiße, gestärkte Hemden tragen, hier leben Babies und Kleinkinder. Das hier ist kein Elendsviertel, in dem Drogenabhängige und Säufer vegetieren, sondern ein Wohnviertel, in dem Mütter ihre Kinder an der Hand zur Schule bringen. Eine Straßenkehrerin fegt mit selbstgebauter Schaufel und einem Besen den Müll von der Straße und ich überlege, ob Straßenkehrer hier aufgrund des unfassbaren Arbeitspensums an Burnout erkranken. Wo anfangen bei all dem Müll? Am besten gar nicht, denkt sich die Straßenkehrerin, setzt sich auf den Bürgersteig und raucht eine Zigarette.

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Als wir endlich das Polizeizertifikat, das bezeugt, dass wir uns in Panama keines Vergehens schuldig gemacht haben, in der Tasche haben, fahren wir so schnell der dichte Stadtverkehr es zulässt nach Colón. Weil zwischen Panama und Kolumbien 100 km Straße  durch den Darrien Gap fehlen, muss jeder Overlander hier sein Gefährt verschiffen. Auch Roger müssen wir für die berühmt berüchtigte Überfahrt präparieren.  Die Überfahrt dauert nur 24 Stunden, die Vorbereitungen sind aber genauso aufwendig wie die für die Verschiffung von Europa nach Kanada, der Preis ist ebenfalls ein Ähnlicher. Anders als die Strecke Liverpool/Halifax allerdings ist die Strecke Colón/Cartagena berüchtigt dafür, dass Autos aufgebrochen und beschädigt werden. Von völlig leer geräumten Wohnmobilen haben wir in diversen Foren gelesen und sind ziemlich nervös. Auf einer Farm etwas außerhalb Colons bereiten wir Roger bis tief in die Nacht vor, verstauen jedes bewegliche Teil im Wohnkoffer, verrammeln die Dachluke, die oft als Einstieg benutzt wird mit unserem Esstisch, und als wir nach Mitternacht fertig sind, kann man sich an der Eingangstür nur wenige Zentimeter um sich selbst drehen.

Nachdem wir Roger am Hafen abgeliefert haben, harren wir die nächsten Tage auf der Gästefarm „La Granja“ aus, warten auf gutes Wetter. Zweimal wird die Abfahrt des Katamarans, der uns nach Panama segeln soll verschoben, auf dem Meer tobt ein Sturm, der Himmel ist grau verhangen. Die Farm allerdings ist der perfekte Ort, um ein paar Tage Zeit totzuschlagen. Die Kinder füttern Kaninchen, Pferde und Schafe, kraulen Schweine, beobachten Schmetterlinge und Wasserbüffel, wir wandern über das weitläufige Gelände, fliegen an der hauseigenen Zipline über das Panamakanaldelta. Doch so groß das Glück, diesen perfekten Ort gefunden zu haben, so ungeduldig sind wir, endlich die nächste Etappe unserer Reise anzutreten und Südamerika zu erobern. Panama, das müssen wir uns eingestehen, fühlt sich für uns an, wie die Anreise, bevor es richtig losgeht.

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Panama

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