Actun Tunichil Muknal (ATM) Höhlen

Auf halber Strecke zur Actun Tunichil Muknal (kurz ATM) Höhle geht uns nach Tank- und Einkaufsstopp wieder das Tageslicht zu Neige. Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, dass es hier in Belize um kurz nach 18 Uhr zappenduster ist. Am Highway sehen wir im späten Nachmittagslicht ein Schild, das in 2 Meilen das Dream Valley Resort ankündigt und wir beschließen, unser Glück zu versuchen. Normalerweise campen hier keine Overlander, für uns aber machen sie eine Ausnahme und wir übernachten mitten im Dschungel im Garten eines Sterne Resorts, einem Platz, an dem man sonst seine Flitterwochen verbringt oder sehr wichtige Geschäftskontakte beeindruckt. Als wir für das Campen bezahlen wollen, lächelt die Managerin: „Macht Euch keine Gedanken, herzlich willkommen und ich wünsche einen schönen Aufenthalt“. Es ist ein Aufenthalt im Himmel, bevor wir am nächsten Tag in die Hölle absteigen.

Die Maya glaubten an eine Dreiteilung der Welt in Himmel, Erde und Unterwelt. Während Frauen, die im Kindbett starben, Selbstmörder und Geopferte direkt in den Himmel aufstiegen, mussten alle anderen sich diese Erlösung erst verdienen. In der Unterwelt wurden ihnen Prüfungen auferlegt, es galt Kämpfe zu bestehen und Leiden  zu erdulden. Um die blutrünstigen Götter gnädig zu stimmen, waren Opfergaben in Form von Nahrungsmitteln, Schätzen, Blut und Menschen unerlässlich. Cenoten und Höhleneingänge waren der Eingang in diese Welt des Schreckens.

Bei vielen Themen ist unsere Familie in zwei Lager geteilt und im besten Falle ergänzen wir uns. Wir haben drei eher ruhige Gemüter, drei Aufbrauser, drei, denen Unordnung wenig ausmacht, drei die gern aufräumen, drei Frühaufsteher, drei Langschläfer. Was die Liebe zu Höhlen angeht, befinden wir uns allerdings im Ungleichgewicht: Fünf von uns müssen jede Höhle erkunden, die unseren Weg kreuzt, einer hat nicht das geringste Bedürfnis dazu. In dunklen engen Orten bekomme ich Beklemmungen, im schlimmsten Falle Panik. Der Gedanke eine fünf Kilometer langes, komplett dunkles und mit Wasser gefülltes Höhlensystem zu durchschwimmen und zu erklettern, an dessen Ende sich eine Opferstätte inclusive Skeletten befindet, ist daher so ziemlich meine Definition von „Albtraumtag“. Ich komme nur mit, weil ich den Gedanken, meine Kinder der Unterwelt auszuliefern ohne aufpassen zu können, noch weniger ertragen kann. Irgendwo haben wir gehört oder gelesen, dass man mindestens 10 Jahre alt und ein guter Schwimmer sein muss, um die ATM Höhle betreten zu dürfen. Beides trifft für Max nicht zu und so wird er kurzerhand zu Carls 10-jährigem Zwilling ernannt und findet seinen Platz zwischen Lotta und Timm, die ihn, sollte das Schwimmen zu anstrengend werden, abschleppen.

Die Höhle, die erst zu Beginn der 1990 Jahre entdeckt wurde, war eine für die Maya Zivilisation wichtige Opferstätte. Man vermutet, dass diese Opfer hauptsächlich dem Regengott dargebracht wurden, verstärkt in den Jahren 800-1000, woraufhin man auf eine Dürre in dieser Zeit schließt. In der Hauptkammer des Höhlensystems hat man die Reste von 14 Skeletten gefunden, darunter sieben Kinder unter fünf Jahren, sowie 1400 Tontöpfe. Aufgrund der Art und Weise wie die Skelette liegen, können Forscher mit Sicherheit sagen, dass es sich um Opferungen und nicht um Begräbnisse handelt. Schon seit der Entdeckung der Höhle wird zwischen Touranbietern und Archäologen erbittert gestritten. Während der stolze Eintrittspreis von $US95 pro Person eine beachtliche Einkommensquelle ist, fürchten die Wissenschaftler um den Erhalt der unter dem Tourismus leidenden Artefakte. Seit ein Tourist eine Kamera auf einen der Schädel hat fallen lassen und dieser daraufhin zerbrochen ist, sind Kameras hier verboten. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis die Höhlen nur noch eingeschränkt zu besuchen sind. Die Fotos zu diesem Blogeintrag stammen daher alle nicht von mir, sondern sind aus dem Internet zusammengesammelt (hauptsächlich von der Website unseres Touranbieters PaczTours).

„Zieht feste Schuhe an“, wie jedes Mal, wenn wir uns abseits von Strand und geteerten Straßen befinden, besteht Timm auf Blundstones.

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Lotta und ich, die besser in Sneakern laufen können finden das jedes Mal lächerlich- der Tourguide anscheinend auch, denn er kann sich beim Blick auf unsere Schuhe ein Grinsen nicht verkneifen: „Mit den Schuhen werdet ihr viel Spaß haben.“ Was er damit meint, wissen wir spätestens als wir mit Helmen und Kopflampen ausgerüstet am Ufer eines Flusses ankommen, über den ein Seil gespannt ist. Hier müssen wir durch. Max kann schon nach 2 Metern nicht mehr stehen, wir schwimmen, hangeln uns am Seil entlang, entsteigen dem Fluss triefend auf der anderen Seite. Erst jetzt fällt mir auf, dass das Pärchen, das ebenfalls zu unserer Gruppe gehört, Trekkingsandalen und leicht trocknende Synthetikfasern trägt. Wir hingegen stecken von Kopf bis Fuß in Baumwolle, unsere Füße stehen in bis zum Knöchel mit Wasser gefüllten Lederschuhen. Das verspricht vergnügliche drei Stunden! Den Fluss durchqueren wir noch zwei Mal und als wir nach einer dreißigminütigen Wanderung durch den Dschungel am Eingang der Höhle stehen, sind die randvollen Schuhe mein allerkleinstes Problem. Ich kann mich schwer gegen die Bilder wehren, die mir karavanengleich durch den Kopf wandern: Mayas, die an schweren Tontöpfen tragen, gefesselte Sklaven und weinende Kinder durch die Dunkelheit schleifen, um sie am Ende eines kalten, nassen Weges zu opfern.

Erstaunlicherweise allerdings, halten mich diese beklemmenden Gedanken nicht lange in ihrem Bann und nach kurzer Zeit übernehmen Abenteuerlust und Staunen über diese geheimnisvolle Welt das Kommando. Wir klettern durch enge Spalten, schwimmen und waten durch unterirdische Flüsse, bestaunen die kathedralenartigen Stalaktiten und Stalagmitenformationen.

Ich verliere jedes Gefühl für Raum und Zeit und als wir nach ungefähr eineinhalb Stunden an der Hauptkammer ankommen und wir die Schuhe ausziehen müssen und Sockfuß weiterlaufen, um die wertvollen Artefakte nicht zu zerstören, kann ich nicht glauben, dass diese Fundstücke seit mehr als tausend Jahren hier liegen, so tadellos erhalten sind sie.

Zunächst glaube ich tatsächlich an eine Touristenverarschung. Dann bin ich ergriffen. Ergriffen von der Unglaublichkeit das hier sehen zu können und gleichzeitig von dem Wunsch, das für alle Zeiten konservieren zu wollen, jeglichen Zugang für blind über die Knochen der Opferkinder stolpernden Touristen ab sofort zu verbieten. Der Rückweg ist beschwerlich, die Kinder frieren, haben Hunger, schwächeln ein wenig. Der Gedanke allerdings eine der unglaublichsten und abenteuerlichsten Höhlentouren unternommen zu haben, lässt sie mit klappernden Zähnen und knurrenden Mägen fröhlich weiter plappern, beschäftigt sie noch tagelang. Wieder wird ein Beruf auf die „Wasichmalwerdenwill-Liste“ gesetzt: Höhlenforscher!

Belize

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

  1. Es ist einfach bewundernswert, dass Ihr Euch auch auf solche Art Abenteuer einlasst, neugierig hinschaut und diese Leute nicht sofort vorverurteilt.
    Ein super spannender Bericht, der mir wieder einen ganz anderen Blick auf „Südamerika“ gewährt. Vielen Dank dafür! Ich freu mich schon auf die nächste Folge.

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