Bye Mexico, hello Belize!

Von allen zentralamerikanischen Ländern ist Belize nach El Salvador das Kleinste: Weniger als 400.000 Menschen leben hier. Erst 1981 entstand der unabhängige demokratische Staat Belize aus der Kolonie British-Honduras. Anders als in allen anderen lateinamerikanischen Ländern ist hier Englisch die offizielle Amtssprache und das Land ist Mitglied des Commonwealth of Nations. Obwohl es nur in etwa der Größe von Hessen entspricht, ist die landschaftliche Vielfalt beachtlich. Der gesamten Karibikküste Belizes vorgelagert liegt ein Barriereriff, das nach dem Great Barrier Riff in Australien das Zweitgrößte der Welt ist. Geschützt von diesem Riff befinden sich hier zahlreiche Kleinriffe, Sandbänke und mehr als 1000 kleine Inseln, Ceyes genannt. Im 17. Jh. trieben hier englische und schottische Piraten ihr Unwesen, sehr zum Leidwesen der spanischen Galeonen, die Ihnen in regelmäßigen Abständen zum Opfer fielen. Heute ist es eines der besten Schnorchel und Tauchreviere der Welt. Das „grüne Herz“ Belizes, eines der größten noch zusammenhängenden Flächen ursprünglichen Regenwaldes Mittelamerikas ist selbst aus dem Weltraum gut zu erkennen. Die Artenvielfalt ist enorm: Jaguare, Brüllaffen, Ozelots, Tapire, Pekaris, Geier, über 200 Orchideenarten, um nur ein paar zu nennen. Und doch streichen viele Overlander, sofern sie nicht hier Tauchen gehen wollen, Belize von ihrer Liste. Ein Hauptgrund sind die im Vergleich zu den anderen lateinamerikanischen Ländern hohen Preise. Da wir nicht den großen Umweg durch Mexico auf uns nehmen wollen um in Guatemala einzureisen, und mit dem Gedanken spielen, Roger für einige Tage zu parken und mit dem Rucksack auf einer der Ceyes Inseln Urlaub vom Reisen zu machen, beschließen wir, trotzdem nach Belize zu fahren.

Die Ausreise aus Mexico gestaltet sich als etwas schwierig. Bei der Einreise hatten wir zusätzlich zu unserem Stempel im Pass eine Touristenkarte bekommen. Diese bekommt man nur gegen die Zahlung einer Gebühr, gibt sie am Ende des Aufenthaltes wieder ab. Der Grenzbeamte möchte nun von uns die Quittung der Zahlung dieser Gebühr sehen. Ohne sie bekommen wir keine Ausreisestempel. Da es keinen Geldautomaten an der Grenze gibt und wir natürlich so gut wie alle unsere mexikanischen Pesos ausgegeben haben, schlägt er uns vor, in amerikanischen Dollars zu zahlen-$30 pro Person. Obwohl ich auf der IOverlander App lese, dass dies hier scheinbar Usus ist, kommt mir das alles komisch vor. Da es schon Nachmittag ist und wir nicht unsere Dollarnotreserve anbrechen wollen, beschließen wir, zurückzufahren, noch eine Nacht in Mexico zu bleiben und es am nächsten Tag noch einmal zu versuchen. Als hätten uns die Reisegötter für diese Entscheidung belohnen wollen, landen wir auf dem schönsten Campingplatz seit unserer Einreise in Mexiko: 180 Grad Blick auf karibisches türkisblau, im Wind rauschende Kokospalmen, einen Pool, extrem saubere Duschen und Klos sowie Highspeed Internet. Das sind die Eckdaten, aus denen Overlanderträume gesponnen werden!

Ich erinnere mich, dass mir jemand gesagt hat, dass man bei einer eventuellen Inspektion an der Grenze zu Belize alle Früchte, Gemüse, Eier und Fleischerzeugnisse entsorgen muss. In einem Anflug von Verschwendungsangst verkoche ich all unsere Vorräte zu einem Festmahl, mit einem leeren Kühlschrank und mit nur ein paar Nudeln und Reis im Schrank machen wir uns am nächsten Tag nach der Schule wieder auf den Weg Richtung Grenze. Dieses Mal stehen wir einer Grenzbeamtin gegenüber. Mit dem so typischen mexikanischen Lächeln, das vom Haaransatz bis zu den Ohren jeden Muskel einschließt, nimmt sie unsere Pässe, die Touristenkarten, gibt uns die Ausreisestempel und wünscht uns eine gute Reise. „Ich bin sehr traurig, ihr schönes Land heute zu verlassen“ entgegne ich ihr auf Spanisch, nur falls ihr doch noch einfallen sollte, nach der Quittung zu fragen, und dann verschwindet Mexico auch schon im Rückspiegel.

Die Beamten in Belize sind ähnlich entspannt und herzlich, antworten auf meine Frage welchen Ort ich als Beginn meiner Reise angeben soll „whatever your heart tells you“. Meines flüstert Kanada, Kanada…

Entgegen allen Warnungen werden wir nicht durchsucht und spätestens als wir in der Grenzstadt in Belize den örtlichen Supermarkt betreten, tut mir unser verschwenderisches Festmahl leid. „Dürftig“ und „teuer“ sind die Attribute, die mir in den Sinn kommen, als wir uns durch das Angebot quälen. Mit ein paar Eiern, Bananen, deren Schale mehr schwarze als gelbe Stellen aufweist, ein paar Spaghetti und Tomatensoße, zwei Packungen Weißbrot, einem wahnsinnig teuren Tetrapack Orangensaft, zwei TK Packungen Hackfleisch zum Preis erstklassigen Filets verlassen wir das Geschäft. Vielleicht werden wir doch auf gebratenes Nagetier mit Reis und Bohnen zurückgreifen, wie der „Lonely Planet“ rät.

Nachdem wir zwei lokale SIM Karten gekauft haben, dämmert es schon leicht. Von uns unbemerkt, hat uns die Zeitverschiebung eine Stunde geklaut. Nachdem wir auf der I Overlandapp gelesen hatten, dass in Corozal 2017 zwei Overlanderpaare in ihren Vans getötet wurden, wollten wir dort eigentlich nicht bleiben. In der Dämmerung zu fahren allerdings scheint es uns doch die deutlich gefährlichere Variante. Und wie so oft, scheint unser persönlicher Gefahrenradar von dem, was wir lesen, abzuweichen. Die Menschen sind freundlich, sitzen in Gruppen vor ihren Häusern oder unter großen Bäumen, winken uns lachend zu. Kinder fahren auf der Straße Fahrrad, auch hier bekommen wir „Thumbs Up“ von allen Seiten. Wir finden einen umzäunten Campingplatz mit Wachhunden und wieder supersauberen Duschen, beschließen, uns auf unser Bauchgefühl zu verlassen und bleiben.

Seitdem Mexico eine direkte Fährverbindung auf die erste Insel der Belize vorgelagerten Ceyes gebaut hat, kommen fast keine Touristen mehr in diese Gegend, der Campingplatz wirkt verweist und hat sicher bessere Zeiten gesehen. Wie auch Mexico leidet Belize unter der extremen Braunalgenschwemme. Über eine Facebook Overlandergruppe bekomme ich Fotos von den Stränden auf Caulker Ceyes and San Pedro geschickt. Auch hier türmen sich die Algen. Für die nächsten Tage sind bewölkter Himmel, Gewitter und starker Wind vorausgesagt und so beschließen wir uns, unseren „Inselurlaub“ zu canceln und erst einmal weiter zu fahren, hoffen auf bessere Bedingungen. Es herrscht Gewächshausklima, ist extrem stickig und schwül. Wir alle brauchen eine Pause von Roger, vom Campen, träumen von einer kühlen Nacht. Sich für die Schule zu konzentrieren fällt uns allen schwer, der Schweiß tropft unaufhörlich aufs Papier, wir sind gereizt und schlapp. Unsere frisch reparierte Lichtmaschine scheint während der Fahrt nicht zu laden und der Himmel ist zu bewölkt um die Batterien ausreichend durch die Solarzellen zu laden. Die Ventilatoren bleiben also aus, Timm liegt wieder unter dem Auto und strahlt mir verschwitzt entgegen: „Zum Glück ist wieder etwas kaputt!“ Wir können sein Glück nur schwer nachvollziehen, sind versucht, das tropische Klima zu verfluchen.

Vieles ist hier völlig anders als in Mexiko: Der vordergründig größte Unterschied ist das Fehlen der so vertrauten Straßenstände, die Essen und Getränke verkaufen. Vorbei sind die Tage leckerer Tacos, Churros und Cocos Frios. Der zweite große Unterschied betrifft das Aussehen der Menschen. Belize ist bunt, so bunt wie die UN- Hauptversammlung, vereint fast alle bekannten Ethnien in einem kleinen Land. Mayas und weiße Einwanderer aus England, Amerika und Spanien, sowie die ihnen entspringende Mischform, die Mestizen, Belizes größte Bevölkerungsgruppe. Dunkelhäutige Afrikaner, deren Vorfahren als Sklaven hierher gekommen sind, Kreolen als Mischform mit Weißen, die Garifuna, eine Mischform einheimischer indigener Mayas und westafrikanischen Schwarzen, deutschsprachige Mennoniten mit blauen Augen und hellem Haar, Chinesen und Araber. Sie alle prägen Belizes Straßenbild und Kultur. Unverkennbar ist der jahrzehntelange britische Einfluss auf die frühere Kolonie. Plötzlich stehen auf jedem Schrottplatz englische Autos und europäische Trucks. Erstaunlicherweise sehen wir in unseren ersten hundert Kilometern in Belize drei Trucks, die mit Roger baugleich sind. Zwei stehen auf Schrottplätzen. Als Timm anhält, um zu fragen, ob er sich Teile ausbauen darf, bekommt er beide Male zur Antwort, dass der Truck nur im Ganzen zu verkaufen ist. Noch bevor Timm einen Plan machen kann, wie und wo er einen weiteren Truck unterbringen kann, gelingt es uns ihn abzulenken.

Die zweite Nacht in Belize verbringen wir im Crooked Tree Nature Reserve, einem besonders für Vogelfreunde interessantes Gebiet. Die Lodge, auf deren Parkplatz wir Roger parken, wird von Mick und Angie geführt. Angie ist in Crooked Tree aufgewachsen und Mick war als britischer Pilot während der Grenzstreitigkeiten mit Guatemala hier stationiert. Sie leben mit 3 Kindern hier, verbringen abwechselnd täglich 5 Stunden im Auto, um ihren ältesten Sohn nach Belize City zur Schule zu bringen und wieder abzuholen. Der kleine Sohn freundet sich innerhalb weniger Minuten mit Max an und sie sind für den Rest des Abends unzertrennlich. Die Lagune vor der Lodge reicht manchmal bis an die Türschwelle, jetzt gerade ist sie fast komplett ausgetrocknet. Dicke graue Wolken am Horizont künden aber an, dass sich das bald ädern wird. „Jedes Jahr am 28.5 fängt es an zu regnen, man kann die Uhr danach stellen“, sagt Mick, „Uns bleiben noch 12 Tage, Zeit weiterzuziehen“ denke ich.

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