Nach 9 Monaten auf Reisen

15 April 2019: Schwierige Straßen führen oft zu den schönsten Orten, sowohl im echten Leben als auch im übertragenen Sinne. Wir hatten riesigen Respekt vor Mexiko. Liest man Reisehinweise des Auswärtigen Amtes, ist der bloße Gedanke an Mexiko ein Todesurteil. Unter den 100 gefährlichsten Städten der Welt liegen ein Großteil in diesem Land, hier werden mehr Menschen getötet als überall sonst auf der Welt. So die Statistik. Eine Statistik die viele davon abhält, dieses wundervolle Land zu bereisen. Was die Statistik nicht berücksichtigt, ist, dass ein Großteil der Morde zwischen rivalisierenden Drogenkartellen passieren, normale Bürger seltener davon betroffen sind, sofern sie sich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort befinden. Ebenfalls gewarnt wurden wir vor korrupten Polizisten, Überfällen und Straßenblockaden. Mir fehlt der Einblick in das Arbeitspensum unserer Schutzengeleskorte, aber unsere persönlichen Erfahrungen zeichnen ein völlig anderes Bild: Das Bild einer herzlichen, großzügigen, fröhlichen Nation. Mexikaner lieben es laut und bunt. Familie und Freunde spielen eine zentrale Rolle und es braucht nicht viel, um in diesen Kreis aufgenommen zu werden. Mexikaner teilen gern, sind extrem hilfsbereit und offen. Es tut uns in der Seele weh, dass eine gesamte Nation kriminalisiert wird, weil sich ein paar Gruppen aufs Grausigste bekämpfen. Kulturell, kulinarisch und landschaftlich ist Mexiko ein Fest. Wer es noch nicht bemerkt hat: Wir sind schwer verliebt.

Und trotzdem sind wir vorsichtig, leben wieder im Afrikamodus. Wir sind uns zu jeder Minute bewusst, was um uns herum passiert, lassen niemals Wertsachen unbeaufsichtigt, haben einen relativ leichten Schlaf. Nach fünf Wochen Mexiko macht sich bei uns allen ein leichtes Schlafdefizit bemerkbar. Zum Teil liegt es an der Wärme, die besonders in den letzten Tagen extrem anstrengend war, zum Teil aber auch zumindest bei Timm und mir, an der Tatsache, dass wir bei jedem kleinen Geräusch wach werden. Besonders seit wir Baja verlassen haben, waren unsere Nächte laut. Oft haben wir an Tankstellen zwischen den Truckern übernachtet oder an Plätzen an denen gefeiert wurde oder uns das Gebell der vielen Hunde wach gehalten hat. Die Straßen in Mexiko sind anstrengend zu fahren, Timm muss sich extrem konzentrieren. Plötzlich und ohne Kennzeichnung zwingen uns „Topes“, ziemlich beachtliche Geschwindigkeitspoller, zum Bremsen, die Straßenführung ist abenteuerlich, die Vorfahrtsregeln variieren, Schilder sind spärlich. Kühe, Fahrräder, Hunde und spielende Kinder nutzen die Straße genauso wie Laster, Motorräder und überladene Autos. Einen Beitrag zum Eindruck eines bunten Landes leisten die vielen üppig dekorierten Kreuze und Gedenkstätten am Straßenrand.

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Strom und Telefonleitungen hängen tief, für Roger manchmal zu tief. Während Timm auf die Straße guckt, sind Lotta und ich oft damit beschäftigt auf Kabel, Schilder, Navigationsgerät zu gucken. Fahren ist oft Gemeinschaftsarbeit. Wir sind viel gefahren in den letzten Wochen. Da wir versuchen, nie bei Dunkelheit zu fahren, waren die Tage mit Schule und Reisen ziemlich ausgefüllt, unser Reisetempo entsprechend getaktet. Selten schaffen wir mehr als 250km am Tag, bei einem Land wie Mexiko bedeutet das viele Fahrtage. Wir sind entsprechend erschöpft, brauchen dringend wieder eine längere Pause. Der Familienfrieden war brüchig in den letzten zwei Wochen, ein Zustand, der für uns alle belastend ist.

Hauptsächlich streiten wir, genau wie zu Hause über Schule, über fehlende Hilfe seitens der Kinder, über mangelnde Ordnung, zu wenig persönlichen Freiraum und unterscheiden uns darin nicht von befreundeten Familien mit festem Wohnsitz. Was sich allerdings unterscheidet, ist die Art, wie wir damit umgehen müssen. Wir können niemanden aufs Zimmer schicken, uns keine Auszeit voneinander nehmen. Wir sind gezwungen, Spannungen anders zu lösen als wir es bisher gewohnt waren. Das Standard-Straf-Portfolio fällt weg. Fensehverbot, Hausarrest, Übernachtungsverbot, Handyverbot, Computerverbot, all diese typischen Verbote, auf die man so schnell und bequem zurückgreifen kann, sind für uns nicht praktikabel. All diese Dinge müssen die Kinder ohnehin entbehren. Sie haben keine Verabredungen mit Freunden, die wir als Druckmittel benutzen könnten. Fernsehen, Computer und Telefone spielen keine Rolle, da diese Medien stark begrenzt sind. Einmal die Woche schauen wir zusammen einen Film an, einmal die Woche (sofern der Empfang es zulässt) bekommen die Kinder ihre Telefone, um mit ihren Freunden zu schreiben, Computerspiele sind nicht interessant. Wir können uns nicht aus dem Weg gehen, selbst wenn so richtig die Fetzen fliegen, sind wir gezwungen, auf engem Raum zusammen zu bleiben. Das kostet Kraft. Zugleich aber ist es eine riesen Chance. Wir müssen Spannungen lösen, müssen diskutieren, Kompromisse finden. Es ist unmöglich, Konflikte schwelen zu lassen. Timm und ich sind zugleich Lehrer, Eltern, Freunde. Diese drei Rollen sind nicht immer miteinander zu vereinbaren, widersprechen sich oft sogar. Wie können wir Freunde sein, wenn wir gleichzeitig für Disziplin und Ordnung sorgen müssen? Wie können wir gleichzeitig verständnisvolle Eltern und fordernde Lehrer sein? Wie schaffen wir es, den Lehrer um 12 Uhr mittags hinter uns zu lassen, und nicht noch am Nachmittag fehlenden Fleiß zu bemängeln? Wir wollen unsere Kinder fördern aber nicht überfordern. Schule ist wichtig, soll aber nicht in Stress ausarten. Auch für die Kinder ist es extrem schwierig, zwischen all unseren Rollen zu unterscheiden. Besonders in Lottas Fall ist es nicht leicht. Wir, ihre Eltern sind im Moment ihr hauptsächliches soziales Umfeld- und das in einem Alter, in dem sie sich eigentlich von ihren Eltern emanzipieren will, wo sie eigene Wege gehen sollte. Während die meisten ihrer Freunde immer weniger Zeit mit ihren Eltern verbringen, sind wir 24/7 zusammen. Während die meisten Teenagereltern die Verantwortung für die Schule den Kindern überlassen, sind wir als „Lehrer“ gezwungen, diese Verantwortung zumindest zum Teil in unsern Händen zu belassen. Bis vor Kurzem eine extreme Herausforderung. Bis wir von einer Reisebekanntschaft von einer deutschen Familie gehört haben, die ebenfalls unsere Route reist und deren Kinder nicht unterrichtet werden, sondern frei all das lernen dürfen, was Ihnen gefällt. Ohne Druck, ohne Disziplinierung ohne permanente Ermahnungen, doch endlich Französischvokabeln zu lernen. Die Eltern vertrauen komplett auf das natürliche Bedürfnis der Kinder, sich ihre Umwelt zu erschließen, sie verstehen zu wollen. So wie man keinem Kleinkind Nachhilfe im „Laufen lernen“ geben muss, da jedes Kind früher oder später aus eigenem Antrieb laufen lernen möchte, ist es aus Sicht der „Freilerner“ unnötig, die Kinder mit Erwartungen und Vorgaben unter Druck zu setzen. Es liegt in der Natur eines jeden Kindes, lernen zu wollen. Diesen Antrieb allerdings erstickt das herkömmliche Schulsystem häufig, weil es den Kindern nicht ein eigenes Entwicklungstempo zugestehen kann. Der Lehrplan und die Klasse geben das Tempo und den Lerninhalt vor, Mithalten ist Schülerpflicht. Klappt es nicht, trägt, je nach Sichtweise, jemand die Hauptschuld. Unfähige Lehrer, faule Schüler oder lasche, bzw. überehrgeizige Eltern. Ein Zustand den Freilerner nicht kennen, da es einfach kein Problem gibt, welches einen Schuldigen einfordert. Lernt ein Kind langsamer, schneller oder anders, dann ist das kein Problem. Es lernt irgendetwas- und das ist die Hauptsache. Und ohne Druck kommen Lernfreude und der Entdeckergeist zurück.

Lotta hat im letzten Jahr vor unserer Abreise kein einfaches Schuljahr gehabt, hat sich oft überfordert gefühlt. Dem Aufruhr der Hormone hat sich jeder Lernwillen untergeordnet, Schule war irgendwann nur noch eine „blöde Pflicht“ und hauptsächlich ging es darum, sich mit möglichst wenig Aufwand durchzumogeln. Carl ist nie gern zur Schule gegangen. Trotz netter Mitschüler und dem besten Klassenlehrer, den man sich wünschen kann, empfand er Schule oft als Zeitverschwendung. Zur Schule ging er wegen der Pausen. Max ist zwar gern zur Schule gegangen, aber hätte spätestens jetzt wohl einen ziemlichen Rückschlag einstecken müssen. Ihm fällt Lesen und Schreiben sehr schwer, sich lange zu konzentrieren ist für ihn extrem anstrengend. Er wäre sicher zum Klassenclown oder Störenfried mutiert und mit seiner dickköpfigen Art ziemlich angeeckt. Drei von vier Kindern also fällt es trotz guter Noten und Cleverness schwer, im Schulalltag glücklich mitzuschwimmen. Ein Problem dass „Freilerner“ nicht haben. Auch wenn uns das Konzept des freien Lernens theoretisch gefällt, können wir doch nicht aus unserer Haut. Zu sehr sind wir geprägt vom uns bekannten Schulsystem, werden uns irgendwann wieder in dieses eingliedern. Inspiriert, neue Wege auszuprobieren, haben wir aber beschlossen, den Druck herauszunehmen, die ewig nörgelnden Eltern und den nimmersatten Lehrer nicht mehr zu Wort kommen zu lassen.

Unser neuer Weg ist der des „freiwilligen Lernens“. Timm und ich stehen jeden Tag von 8 bis 12 Uhr für die Schule zur Verfügung. Wer keine Schule machen möchte, muss nicht. Wir kommentieren es weder, noch werten wir es. Wir überlassen die Entscheidung völlig den Kindern. Und auf einmal sitzen sie jeden Morgen mit gespitzten Bleistiften spätestens um 8.30 vor ihren Büchern, sind viel weniger bereit, ein Fach ausfallen zu lassen. Lotta schreibt sich ihre eigenen Zeitpläne, besteht darauf, möglichst wenig Ferien zu machen. Die Tatsache weniger antreiben zu müssen, nimmt eine enorme Last von unseren Schultern. Zwar halten wir uns noch immer eng an den deutschen Lehrplan, aber mit deutlich weniger Druck. Der Schritt zum „Freilernertum“ ist uns zu groß, zu gewagt. Der zum „Freiwilliglerner“ allerdings ist eine extreme Befreiung für uns, ermöglicht uns Eltern, Freunde und Lehrer gleichzeitig zu sein. Alle anderen Streitpunkte hoffen wir, durch eine etwas längere Osterpause auszumerzen. Ein paar Tage ohne Fahren, ohne ständigen Ortswechsel, Ausschlafen, schulfrei und Zeit für eigene Interessen sollte uns alle wieder aufladen. So hoffen wir, bringt uns der etwas beschwerliche Weg der letzten Zeit auch im übertragenen Sinn zu einem besonderen Ort.

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