Guanajuato

Die Farbe Rot erhöht die Körpertemperatur, Orange macht hungrig, Grün wiederum verringert die Herzfrequenz, Gelb stimmt fröhlich, Grau deprimiert, Blau erfrischt, Violett vermag in erotische Stimmung zu versetzen, Rosa holt einen wieder auf den Boden zurück- so sehr sogar, dass man in einem Schweizer Gefängnis eine Zelle in dem Farbton „Baker Miller Pink“ gestrichen hat und dort besonders aggressive Häftlinge zwangsharmonisiert. Das kann ja heiter werden, denke ich beim Anblick von Guanajuato, verabschiede mich im Stillen für die nächsten Tage von meinem Jahresleitmotiv „Balance“.

„Bunt“ ist ein äußerst farbloser Begriff für das, was sich vor meinen Augen scheinheilig in die grünen Hügel kuschelt. Auf 2000m in einem Flusstal gelegen, war Guanajuato zu Beginn des 19 Jahrhunderts eine der bedeutendsten Städte der westlichen Hemisphäre und ein nicht geringer Teil des spanischen Wohlstandes entspringt aus den einstigen  Silberminen der Stadt. Im mexikanischen Unabhängigkeitskrieg von der Kolonialherrschaft wurde Guanajuato zum Symbol des Widerstandes, als Rebellen dort den Kornspeicher niederbrannten, in dem sich dem spanischen Königshaus treue Truppen verschanzt hatten und somit die reichste Stadt Mexikos in der Hand hatten. Der Sieg währte nicht lange, der Symbolträchtigkeit dieses Ereignisses aber tut das keinen Abbruch und noch heute wird Guanajuato als Heimat der Unabhängigeitsbewegung gefeiert. Seit 1988 trägt die Stadt mehr als zu Recht den Titel „UNESCO Weltkulturerbe Stätte“. Ein Großteil des Autoverkehrs hat man in den 1950er Jahren auf die alten Minentunnel und trockene Flussbetten umgeleitet, sodass die engen Gassen der Innenstadt nahezu autofrei sind.

Was des einen Freud, ist des anderen Leid: Ohne Vorwarnung wären wir mit Roger ahnungslos in den unterirdischen Labyrinthen stecken geblieben, unsere Reiseschutzengel haben aber auch dieses Mal nicht geschlafen und so halten wir uns an die Reisebusse, finden in ihrem Schlepptau einen geräumigen Parkplatz auf dem uns das Campen erlaubt wird.

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Tourismus ist heute neben den drei Universitäten und Sprachschulen der Hauptwirtschaftszweig der Stadt und obwohl sie in Horden einfallen, verteilen sie sich so gut, dass es sich fast anfühlt, als wären wir die einzigen. Stattdessen sind die Straßen und vielen Cafes bevölkert mit jungen Leuten und Familien.

Mit großen Augen futtern wir uns durch dieses visuelle Schlaraffenland, meine Kamera glüht, die Kinder hopsen in alle Richtungen, wissen nicht wohin sie zuerst gucken sollen. Hinter jeder Biegung der verträumten Kopfsteinpflastergassen überrascht uns ein neuer Ausblick, Straßenmusikanten, Verkäufer stehen Spalier, hinter unscheinbaren Holztüren verstecken sich bezaubernde Geschäfte, die weit mehr zu verkaufen haben als den typischen Souvenirschnickschnack. Wir wühlen uns durch die  neoklassizistische Markthalle „Mercado Hidalgo“, die 1909 bis 1910 eigentlich als Bahnhof gebaut wurde, bewundern die zahlreichen Kirchen von innen und außen, essen an einem von Lichterketten beschienenen Platz zu Abend.

Die ganze Stadt strahlt Gemütlichkeit und Sorglosigkeit aus, auf den Parkbänken knutschen Teenager, kleine Jungen klettern auf den Springbrunnen und fischen die Geldspenden der Touristen heraus, Kunst und Literatur springen einem von jeder Straßenecke ins Gesicht und ich fühle mich erinnert an meine Studentenzeit in Jena, werde ein wenig melancholisch.

Wir hatten eigentlich vor, am nächsten Tag weiterzufahren, lassen uns aber in ein paar Sekunden von unserem Parkwächter überzeugen noch mindestens eine weitere Nacht zu bleiben. Am nächsten Tag, so erzählt er uns, sei das „Festival de las Flores“, einer der wichtigsten Feiertage im Kalenderjahr der Stadt. Jedes Jahr am Freitag vor der Osterwoche ziehen die Menschen am Abend durch die Straßen der Stadt, legen Blumen an Altären nieder, die für die „Virgen de las Dolores“, Maria errichtet werden. Mit dieser Geste gedenken die Menschen hier dem Leid der Mutter Jesus und feiern sie als Schutzpatronin der Minenleute. Um den Pilgerern den Blumenkauf einfach zu gestalten, sind die Straßen schon am Morgen des Tages von ihnen gesäumt und die Plätze vor den Kirchen versinken im Blumenmeer. Um das Überangebot frischer Blüten effektiv zu nutzen, hat es sich eingebürgert, dass die Männer ihren Herzensdamen, Müttern, Schwiegermüttern, Verlobten ebenfalls in Form eines floristischen Geschenks ihre Zuneigung zeigen. Wir schieben uns mit tausenden Menschen durch die Straßen, vorbei an Ständen die Osterkörbchen und Kunsthandwerk verkaufen, futtern uns durch die vielen Taco-, Hotdog-und Gorditostände. Obwohl mich Menschenmassen normalerweise in Panik versetzten, habe ich hier keine Probleme, mich dem Strom zu ergeben. Wir lassen uns einfach treiben, werden ab und zu von der lachenden und tanzenden Menge an den Bürgersteig gewaschen, gucken den Livebands zu, und überlassen uns dann erneut dem wogenden Menschenmeer.

Auf einem Plakat sehen die Kinder eine Werbung für das Mumienmuseeum, eine der Hauptattraktion Guanajuatos, bitten uns, mit Ihnen dort hinzugehen. Als Mitte des 18 Jahrhunderts der Friedhof erweitert wurde, mussten einige Gräber geöffnet und die darin befindlichen Körper exhumiert werden. Anders als bei uns üblich, werden die Toten hier nicht in der Erde, sondern in gemauerten Grabkammern beigesetzt. Dabei stellte man fest, dass durch die trockene Luft und den mineralischen Boden kein Verwesungsprozess stattgefunden hatte. Da die Nutzungsrechte der Gräber inzwischen abgelaufen waren und die Angehörigen die erforderlichen Gebühren nicht entrichteten, wurden die Mumien zunächst in einem Gebäude gelagert. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich das herumgesprochen, die ersten Touristen kamen, um die Mumien zu sehen. Friedhofsarbeiter begannen, ein kleines Eintrittsgeld für die Besichtigung zu kassieren und so wurde das Gebäude zum Museum. Seit Mitte dieses Jahrhunderts verbietet ein Gesetz die Exhumierung weiterer Mumien. Die ausgestellten Mumien entspringen allen gesellschaftlichen Schichten, sind verschiedensten Alters: Von der kleinsten Mumie der Welt, einem mumifizierten Fötus bis zum Greis sind die 119 Mumien in einem erstaunlichen Zustand. Die Kinder begucken sich mit wissenschaftlichem Interesse die Gesichtszüge, die Kleidung, die Körperhaltung, das Alter der Mumien. Während ich bei den Kinder- und Babymumien passen muss,  haben die Kinder keine Berührungsängste. Eine junge deutsche Touristin ereifert sich bei ihrem Freund über unsere Grausamkeit, die Kinder einem solchen Schock auszusetzen. Welchem Schock bitte?

Für Mexikaner ist das hier ein völlig legitimer Familienausflug. Mexikaner lieben es bunt, in allen Lebenslagen, in guten wie in traurigen Zeiten, im Leben wie im Tod. Zu ihm haben sie ein völlig anderes Verhältnis als wir Nordeuropäer. Er ist ein fester Bestandteil des Lebens. Mexikaner feiern den Tod, um das Leben zu ehren. Max‘ Patentante, einer der wichtigesten Menschen in unserem Leben, betreibt in Südafrika ein Hospiz, durch sie habe ich viel über das Thema Sterben und unseren Umgang damit nachgedacht. „Ich habe eine sehr freundschaftliche Beziehung zum Tod“ sagt sie, und was im ersten Moment auf Unverständnis stoßen mag, trägt so viel Weisheit in sich. Über den Tod spricht man bei uns normalerweise nicht, erst dann wenn es unausweichlich ist, wenn ein geliebter Mensch oder ein Haustier stirbt. Vorher hält man besonders Kinder davon fern. Warum eigentlich? Wir werden geboren und wir sterben, diese beiden Ereignisse sind die einzigen beiden Fakten, die in einem jeden Leben sicher sind. Während wir ein Wahnsinns Geschiss um das Geborenwerden machen, uns schon im Zeugungsmoment mit allen Möglichkeiten von Kaiserschnitt bis zur Wassergeburt im Geburtshaus befassen, zu Geburtsvorbereitungskursen latschen, mit einem imaginären Bleistift im Hintern den Namen des Kindes in die Luft schreiben, um locker im Becken zu werden, ist das Thema Tod und Sterben etwas, das man lieber so lange ausblendet bis es unausweichlich wird. Schade ist das. Und schlimm für den, der gehen muss. Eine der größten Herausforderungen in der Hospizarbeit ist es, den Tod zu akzeptieren, sich mit ihm auszusöhnen, die letzten Tage, Wochen, Monate angemessen zu begehen, um ein Gehen in Frieden zu ermöglichen. Wie schön wäre es, wenn man die Beschäftigung mit dem Tod nicht erst auf das letzte Lebenskapitel verschieben würde. Bei unseren Kindern versuchen wir es anders zu machen, möchten ihnen die Angst vor dem großen Unbekannten nehmen, ihnen klar machen, dass Leben und Tod zusammengehören.

Keines der Kinder hat Albträume, stattdessen ergibt sich aus diesem Besuch eine wundervolle Diskussion darüber, wie ein jeder von uns beerdigt werden möchte, ob wir uns vorstellen können unsere Organe zu spenden, was „danach“ kommt. Mir persönlich verschafft es Erleichterung zu wissen, dass ich verbrannt werden und einen Teil meiner Asche in einen Feuerwerkskörper eingearbeitet Richtung Himmel schießen lassen möchte. Und den Kindern auch. Und dass mit dem Tod nichts vorbei ist, sondern nur eine andere Form annimmt, darüber sind wir uns alle einig.

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