Tequila & Guadalajara

Der typische Mexikaner beschattet seinen gepflegten Schnurrbart mit breitkrempigen Sombrero, reitet auf Esel und Muli mit Gitarre auf dem Rücken durch Kakteenwüsten und lebt von Tacos und Tequila. Weder Schnurrbärte, noch breitkrempige Sombreros sind uns bisher begegnet, reitende Mexikaner schon, allerdings ohne Gitarre. Tacos lieben sie heiß und innig, wie es um den Tequila steht, wollen wir herausfinden.

Wie viele, die ihre Jugend in ländlichen Dorfdiscos verbracht haben, habe auch ich keine guten Erinnerungen an das mexikanische Feuerwasser, kann nicht sagen, dass ich die Kombination aus Salz, Limette und Schnaps jemals lecker fand. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“ war unser Motto, je ekelhafter das Getränk, desto heldenhafter das Schlucken. Da Tequila auf unserer Strecke liegt, beschließen wir, diesen elementaren Bestandteil mexikanischer Kultur etwas genauer zu erforschen. Der Anblick den Tequila aus der Ferne bietet, ist malerisch, es liegt eingekuschelt zwischen hügeligen Feldern blaugrauer Agavenpflanzen.

So wie nur Champagner aus der Champagne echter Champagner ist, darf nur der hier hergestellte Tequila diesen Namen tragen und dessen Herstellung und Abfüllung wird streng kontrolliert. Die blauen Agaven, der Rohstoff aus dem Tequila hergestellt wird, wachsen 8-12 Jahre, bis sie erntereif sind. Dann werden alle Blätter entfernt und das Herz der Pflanze, die sogenannte Piña, die bis zu 150kg wiegen kann, herausgeschnitten. Im Lehmziegelofen werden diese bis zu 36 Stunden gegart. Der weichgekochte abgekühlte Pflanzenbrei, der sogenannte Pulp, wird dann mit Wasser bestrahlt und der so entstehende Pflanzenbrei wird gepresst. Je nach Güte des Endproduktes wird der gewonnene Saft entweder, wie bei 100% Tequila  mit Zusatz von Bakterien in Eichenfässern fermentiert und im Anschluss zweifach, manchmal dreifach destilliert. Bei nicht 100% Tequila muss 51% des Zuckers aus der Agave verbleiben, der Rest kann zugeführt werden und statt eines Bakteriums werden Hefekulturen für die Fermentation benutzt. Der echte 100% Tequila wird unter Aufsicht einer Behörde in Mexiko in Flaschen abgefüllt, der nicht 100% Tequila (Mixto) darf auch andernorts abgefüllt werden. Nur der „echte Tequila“ bekommt die Bezeichnung „hecho in Mexiko“, wird in fünf Unterkatergorien unterteilt, die sich auf Reinheit und Lagerungszeit beziehen. Silver (Blanco, Plata) wird direkt nach der Destillation in Flaschen abgefüllt, Gold ( Joven oder Oro) ist ein Blend aus weißem und älteren, länger gereiften Tequilas, Aged (oder Reposado) lagert bis zu einem Jahr in Eichenfässern, Extra-aged (oder Añejo) lagert ein bis drei Jahre in Eichenfässern und Ultra-aged, (oder Extra-Añejo) mindestens drei Jahre. Dass so viel Aufwand notwendig ist, ein doch so wenig schmackhaftes Getränk herzustellen, ist für mich schwer nachvollziehbar.

Als wir Roger zwischen den zahlreichen Reisebussen etwas außerhalb der Innenstadt parken, ist unser Eindruck, dass auch Mexikaner nicht besser mit der Wirkung ihres Nationalgetränkes umgehen können als unsere Dorfjugend. Der eine oder andere wird von Freunden gestützt, Zer- und Erbrochenes zieren so manchen Pflanzkübel. In den zahlreichen Souvenirläden möchte man uns zum Probieren überreden, auch Carl und Max werden gefragt. Touristen werden in lustigen Bussen, die die Form von Tequilafässern oder Chillischoten haben von Destillerie zu Destillerie gefahren, in der Innenstadt tobt der Bär.  Auf den Kopfsteinpflasterstraßen reihen sich Essenstände aneinander, Musikanten mischen sich unter die Passanten, von einem wackeligen Pfahl stürzen sich Männer in Majatracht, an den Füßen festgebunden, kopfüber in die Tiefe. Wir hätten Glück, heute ist Fiesta, freut sich ein Churroverkäufer, „Wie schade, also kein ruhiges Campingpläzchen in näherer Umgebeung“ denken wir und fahren an den Stadtrand, so lange bis die gepflasterten Straßen im Staub versinken. Als wir in der Dunkelheit kaum noch etwas sehen können, fragen wir einen Mann, ob wir auf der Baulücke neben seinem Haus parken dürfen. Wir sollen uns als seine Gäste betrachten, freut er sich und wünscht uns eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen fahren wir nach der Schule weiter Richtung Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos. Wenn uns der Verkehr Matzatlans überfordert hat, dann ist Guadalajara das Fegefeuer. Wir stehen Stunden im Stau, die Luft ist fast nicht atembar, sticht in der Lunge und ich beschließe spätestens jetzt, Mexiko Stadt auf keinen Fall sehen zu wollen. Wir campen auf einem Platz, der auf der iOverlanderApp als Campingplatz ausgezeichnet ist, tatsächlich aber schon lange nicht mehr zu existieren zu scheint. Weil sich aber scheinbar immer wieder Camper hierher verirren, hat man sich das Abkassieren noch nicht abgewöhnt. Zwar gibt keine Duschen, kleine Klos, aber wir sind dankbar dem Gewusel der Stadt entkommen zu sein, parken an der einzigen für Roger zugänglichen Fläche unter einem blau blühenden Jacaranda Baum. Am Morgen gibt es wieder Schulstreit und Paula kotzt ihr Frühstück auf die blaue Blütenpracht am Boden. Obwohl das Letzte was ich sehen möchte Menschen oder Sehenswürdigkeiten sind,  fahren wir in die Altstadt, staunen über die wunderschöne Kirche, die hübschen Kolonialgebäude in den verwinkelten Gassen der Innenstadt. Timm lässt sich die Schuhe putzen, wir essen Frozen Yoghurt, bummeln durch die Straßen, Lotta bekommt einen neue kanariengelben Bikini.

Noch eine Nacht wollen wir aber auf keinen Fall hier bleiben und als die Sonne untergeht, haben wir gerade eben die Stadtgrenze hinter uns gelassen, und uns bleibt nichts anderes übrig als auf der Autobahn zu bleiben und auf der nächsten Tankstelle zu übernachten. Der Sicherheit halber stellen wir uns unter die hellsten Scheinwerfer, direkt vor die Kamera eines Fastfoodrestaurants. Es ist extrem heiß, die Motorbremsen der Trucks dröhnen die ganze Nacht in unseren Ohren, die Abgase kratzen im Hals. Da dies aber eine Gegend ist, in der schwer bewaffnete Securitymänner die Tankstelle bewachen, wollen wir kein Risiko eingehen, halten durch. Als wir im Morgengrauen nicht mehr schlafen können, sind wir eingeparkt von zwei Militärlastern samt Soldaten und Spürhunden. Im ersten Augenblick erschreckend, hat das nur einen Grund: Die Soldaten haben Frühstückspause, grüßen freundlich. Anders als in Deutschland sind Polizisten und Soldaten hier schwer bewaffnet, haben oft vermummte Gesichter und erinnern an ein Sondereinsatzkommando. Die ersten Male fühlen wir uns bei ihrem Anblick jedes Mal beklommen, irgendwann aber haben wir uns auch daran gewöhnt und sehen in ihrer Präsenz keinen Beweis mehr dafür, das Mexiko so fürchterlich gefährlich ist. Polizisten und Soldaten mit Maschinengewehr gehören zu Mexiko wie Tequila, Tacos und Sombrero, nur fotografieren darf das niemand.

Mexiko

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