Bahía de la Conception

Während unsere Fotos anderes vermuten lassen, sind wir nicht im Dauerurlaub. Im Gegenteil, teilweise ist das Vorwärtskommen mit extremen Anstrengungen verbunden. Einkaufen, Wasser füllen, Abwasser loswerden und vor allem vorankommen sind oft ermüdend. Die Straßen auf Baja, sind extrem schmal, der gesamte Verkehr sammelt sich auf der knapp 1700km lange Carretera Transpeninsular. Die Fahrt von der Lagune „Ojo del Liebre“ bis zu unserem nächsten Ziel der „Bahia Conception“ zieht sich fast zwei Fahrtage hin, obwohl die Fahrzeit laut Lonely Planet nur 4 Stunden beträgt. Als wir an der Lagune losfahren, haben wir kaum noch Essen und kein Wasser mehr in unserem Tank. Auf halbem Weg hat Timm eine Verstopfung in unserem Kacktank beseitigen müssen, hat sich nur grob mit einem kleinen Rest Wasser im Kaffeekessel waschen können, stinkt fürchterlich. Der nächste Ort, die nächste Tankstelle sind 170 km entfernt. Die Straße windet sich durch endlose Wüstenlandschaft, ein starker Wind von rechts zwingt Timm, das Lenkrad nicht eine Sekunde locker zu lassen, um auf der engen Straße nicht in den Gegenverkehr zu geraten. Alle 500 Meter kommen wir an mit künstlichen Blumen verzierten Unfallstellen oder kleinen Heiligenschreinen vorbei, ab und zu zwingt uns ein Militärkontrollpunkt zum Anhalten. Vermummte Soldaten mit Schnellfeuerwaffen kontrollieren passierende Autos und LKWs, wir jedoch scheinen nicht in ihr Raster zu fallen, werden jedes Mal durchgewunken. Nervös bin ich allerdings doch jedes Mal. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir ein kleines Gästehaus in einem Palmenhain, campen dort auf dem Parkplatz, dürfen die Duschen benutzen. Während ich am nächsten Morgen mit Max über den staubigen Hof hüpfend die 4er und 8er Reihe des Einmaleins übe ( Max lernt am Besten mit Bewegung), arbeitet Timm ein paar Stunden, bevor wir wieder erst gegen Mittag aufbrechen können.

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Nach einem ausgiebigen Einkaufsstopp, bei dem wir mit von Technomusik untermalten Aufforderungen zum Beischlaf beschallt werden, erblicken wir am späten Nachmittag den halbmondförigen Srand des Playa Santispak. Auf dem weißen Sand stehen die Camper direkt am Wasser, in der Bucht dümpeln Segelboote an ihren Moorings im türkisblauen Wasser, Pelikane stürzen sich aus der Luft senkrecht in die Tiefe, zerklüftete Felsen leuchten rot in der untergehenden Sonne. Es ist Freitag, Wochende, schulfrei. Hier werden wir uns die nächsten zwei Tage nicht fortbewegen, das ist schnell beschlossen.

Wir sind umgeben von netten Menschen. Neben uns campen die Münchner Studentin Michaela und ihr peruanischer Freund Fernando. Wir treffen Stefan und Anja, die mit zwei Huskeys auf der Suche nach einer neuen Heimat in den USA ein bisschen Urlaub vom schlechten Wetter in den Staaten machen, uns viele wertvolle Tipps geben und vorallem ihr Surfboard an Timm verkaufen, der sich vorgenommen hat an unserem nächsten Stop einen Surfkurs zu belegen. Wir machen Bekanntschaft mit Karl, einem 72 jährigem Künstler und Weltenbummler aus Vancouver, der Lotta unter seine Fittiche nimmt, ihr seine Reisetagebücher zeigt und ihr ein paar Tipps zum Malen mit Wasserfarben gibt. Nachts bescheint uns der Vollmond, wir sitzen lange am Strand, blicken über das friedliche Meer, lauschen den Wellen, die hier auf Korallensand ganz anders klingen. Sie zischen, ähnlich wie frisch eingegossenes Mineralwasser. Ab und zu kommen Verkäufer vorbei, versorgen uns mit Obst, Tamales, Bananenbrot und Zimtschnecken. Die Stimmung ist entspannt. Viele Nordamerikaner überwintern hier an den Stränden, um einige Wohnwagen haben sich schon richtige Hütten gebildet. Jeder Neuankömmling wird freundlich begrüßt, jeder hat Zeit und Lust für einen Plausch, schon nach kurzer Zeit stellt sich so etwas wie ein Zuhausegefühl ein.

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Um die umliegenden Inseln zu erkunden, holen wir „Motte“ vom Dach. Wir sind mitten auf dem Meer, als plötzlich eine schwarze Rückenflosse auf uns zubraust. Um eine Kollision zu vermeiden, drosselt Timm den Außenborder. Die Flosse verschwindet. Verdattert blicken wir uns an. Als Timm erneut Fahrt aufnimmt, erscheint rechts von uns keine 1m vom Boot entfernt ein dunkelgrauer  glatter Rücken, springt aus dem Wasser, taucht vor Mottes Bug ab und unter dem Boot hindurch. Von allen Seiten erscheinen nun die Rückenflossen zahlloser Delphine, pfeilschnell rasen sie auf unser Boot zu, springen neben uns aus dem Wasser, springen in unsere Bugwelle. Wir versuchen zu zählen, kommen auf ungefähr zwanzig. Jedes Mal wenn Timm die Geschwindigkeit drosselt, tauchen die Delphine ab, wenn wir schneller werden, tauchen sie wieder zu allen Seiten auf. Bestimmt zehn Minuten schwimmen sie mit uns, bis sie wie auf ein unsichtbares Kommando plötzlich alle auf einmal abtauchen. Keiner der Kanufahrer die wir an diesem Tag fragen, ob sie Delphine gesehen haben bejahrt diese Frage. Es scheint, als wurden sie explizit von Mottes Motorengeräusch angelockt. Bei unseren Exkursionen finden wir eine unbewohnte Insel mit weißem Sand, den den wir ganz für uns allein haben. Wir bleiben den ganzen Tag, kommen am nächsten Tag mit Picknick wieder, sind die Hälfte des Tages nackt.

Der einzige Wehmutstropfen in diesem Paradies sind die zahlreichen Stachelrochen, die sich, für das Auge nicht sichtbar, im Sand vergraben und den Füssen äußerst schmerzhafte Schnitte zuführen. Anja und Stefan waren beide schon gestochen worden, hatten uns den Tipp gegeben, die Verletzung sobald wie möglich nach dem Stich in heißem Wasser zu baden, um das Eiweiß des Giftes unschädlich zu machen. Da wir auf der Insel kein heißes Wasser haben, erfindet Timm den Entengang. Mit kleinen schlurfenden Schritten geht er vorweg, die Kinder genau in seine Fußspuren, um den Rochen genug Fluchtmöglichkeiten zu geben. Auf unseren Füßen zeichnet sich inzwischen das dreieckige Flipflop Muster ab, Timms Fußsohlen sind vom täglichen Barfußlaufen hart wie Schildkrötenpanzer, für Rochen undurchstechbar.

Wir fahren am Montag nach der Schule nur ungern weiter. Bei einem Einkaufsstopp im wunderhübschen Loreto treffen wir unverhofft auf Michaela und Fernando, entschließen uns zu einem gemeinsamen Stadtbummel, bevor endgültig schweren Herzens weiterziehen Richtung Süden.

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