Todo Santos, Baja California

Erfolg kommt nicht von den Dingen, die man ab und zu mal macht, sondern von denen, die man jeden Tag tut. Der Cowboy will surfen, und unter genau diesem Gesichtspunkt werden die Route und die nächsten Camps abgesteckt. In Todo Santos, einem der Wellenreiter Hotspots in Baja California, möchte Timm einen Surfkurs machen und dann, getreu diesem Motto, jeden Tag üben. So der Plan.

Der Strand nördlich des wundervollen malerischen Ortes Todo Santos, der so unser Surfguru Luis, gerade von der Künstlerszene Mexikos entdeckt wird, lässt nichts anderes zu als vom Surferleben zu träumen. Selbst ich, im Wasser so grazil wie ein Pinguin an Land, träume an diesem Ort davon, den Rest meines Lebens als Surferchick (in meinem Alter wohl Henne) zu verbringen. Um uns campen braungebrannte, wunderschöne Menschen, die schon zu Sonnenaufgang Dehnübungen am Strand machen. Den ganzen Tag reiten sie die schäumenden Wellen, am Strand tollen ihre Hunde, am Abend treffen sich alle, feiern mit einem Kaltgetränk in der Hand den Sonnenuntergang und den glorreichen Tag. Mir persönlich jagen die Wellen eine Heidenangst ein, stundenlang sitzen wir am Strand und gucken den Profis zu. Nachdem Timm ein paar Stunden beobachtet hat, steht er auf, klopft sich den Sand von der Hose und verkündet:  „Alles klar, ich kann’s!“ Meistens ist es tatsächlich so. Timm lernt extrem schnell durch Zugucken, beim Surfen allerdings, so muss er am nächsten Tag in seiner ersten Stunde schmerzhaft feststellen, reicht das bloße Verstehen des Bewegungsablaufes nicht. Mit aufgeschrabbten Knien, wundem Bauch und total erschöpft stellt der Cowboy am nächsten Tag fest, dass eine Surferlaufbahn einzig in Kombination mit täglicher Yogapraxis zu verwirklichen wäre. Und so schnell werden aus einem Hobby plötzlich zwei.

Nach einem Termin beim Chiropraktiker ist der Rücken am nächsten Tag schon deutlich geschmeidiger, auf der Überholspur lässt sich aber Surfen, so viel ist auch nach zwei Stunden klar, nicht lernen. Wir nehmen das Quad aus der Garage, fahren zu sechst ohne Helme von unserem Strandcamp in die Stadt. Zunächst bin ich ein wenig nervös wegen der Polizei, als uns aber eine vierköpfige Familie mit zwei Kleinkindern auf einer Mofa entgegenkommt und fröhlich winkt, entspanne ich. Bisher, so unser Gefühl, haben Mexikaner eine äußerst pragmatische Beziehung zu ihren Verkehrsmitteln, das schließt auch die Polizei ein. Alles was Räder hat, wird zum Transport benutzt, je mehr man mit einer Fahrt bewegen kann, desto besser. Wie in Afrika sind Pick-up Ladeflächen absolut legitim für den Personentransport. Manchmal werden aus Tüchern und Planen Schattendächer konstruiert.

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Obwohl Schilder im ganzen Land auf Anschnallpflicht hinweisen, kümmert sich niemand darum. Auf Rollern finden sich nicht selten ganze Familien, manchmal inklusive Hund, fast immer ohne Helm. Fahrradtaxis, TuckTucks, selbstgebaute Autos, alles geht. Als wir später nach Einbruch der Dunkelheit zurück an unseren Strand fahren, kommt uns ein Auto ohne Scheinwerfer entgegen, stattdessen halten Fahrer und Beifahrer ihre Handys mit angeknipster Taschenlampe aus den Fenstern. Wir, da freut sich meine regelkonforme Seite, haben sogar funktionierende Scheinwerfer.

In Todos Santos scheint, anders als in vielen Orten in denen der Müll in Straßengräben  rottet, so etwas wie ein ökologisches Gewissen zu existieren. Es gibt eine Biofarm mit Gemüseverkaufsstand, eine Schildkrötenaufzuchtstation, ein Recyclingdepot und als im Blut der örtlichen Schulkinder Spritzmittelrückstände nachgewiesen werden, darf der Bauer gegenüber der Schule seine Felder nicht mehr spritzen. Beim Obstkauf werden wir darauf hingewiesen, bitte unsere eigenen Taschen zu benutzen, um Plastikmüll zu vermeiden. Seit Wochen, eigentlich schon in den Staaten peinigt uns unser Gewissen unsere Müllproduktion betreffend. In den USA wird zwar theoretisch vielerorts recycelt, Müll zu vermeiden versucht man gar nicht erst. Plastiktüten muss man nicht bezahlen, selbst wenn man Kaffee zum „Hiertrinken“ bestellt, bekommt man ihn oft im Plastikbecher serviert. Die To-Go Kultur ist extrem ausgeprägt, die Mülleimer (immerhin) sind überall randvoll mit To Go Geschirr. Weiches Plastik, also jegliche Form von Verpackungsmüll, landet nach wie vor in der regulären Mülltonne, in Mexiko in der Natur. Auf jedem mexikanischen Hinterhof und an den Randstreifen der Highways, werden große Haufen verbrannt. Der vorherrschende Geruch ist vielerorts der von verbranntem Plastik und stinkendem Abwasser. Für uns bedeutet das, dass auch wir uns kaum davon frei machen können, diesen Wahnsinn mit zu verursachen.

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Mülltrennung macht in Mexiko zu gut wie keinen Sinn, Müllvermeidung ist ein Kampf gegen Windmühlen und so landet auch bei uns alles „in einem Sack“, wird in öffentlichen Müllcontainern entsorgt, um dann irgendwo verbrannt oder eingegraben zu werden. Unser Öko-Karma-Konto steht in tiefem Minus, da wirkt ein Ort wie Todo Santos doppelt paradiesisch.

Loslassen ist eine der zentralen Herausforderungen, der wir uns jeden Tag stellen müssen. Täglich müssen wir uns von liebgewonnenen Menschen und Plätzen trennen, Gewohnheiten haben auf Reisen gar keine Chance sich auch nur annähernd zu festigen. Eine wichtige Lektion in Sachen loslassen dürfen wir in der Schidkrötenaufzuchtstation in Todos Santos lernen. Von Freiwilligen werden die Nester diverser Wasserschildkrötenarten am Strand ausgegraben, um die Gelege dann in einem Gewächshaus geschützt vor Räubern wie Möwen, Schakalen und Hunden auszubrüten. Wenn die Kleinen geschlüpft sind, werden sie erst bei Sonnenuntergang ins Meer entlassen, um das Risiko noch auf dem Weg ins Wasser gefressen zu werden, zu minimieren. Durch die Bebauung der weiter südlich gelegenen Strände werden die Schildkröten, die zur Eiablage immer an ihren Geburtsort zurückkehren, gezwungen, immer weiter nördlich ihre Nester anzulegen. Im Winter ist es hier für die Eier, die eine konstante Temperatur benötigen, damit sich die Embryos entwickeln können, zu kalt und ohne die Hilfe der Freiwilligen, würden die Kleinen nicht wachsen. Das Geschlecht der Schildkröten ist abhängig von der Bruttemperatur, über 29 Grad Celsius schlüpfen Weibchen, unter 29 Grad Männchen. Dadurch, dass durch das Gewächshaus die Temperaturen konstant über 29 Grad gehalten werden können, schlüpfen mehr Weibchen, was für den Fortbestand der Art von Vorteil ist. Bisher ist nicht erforscht, was die Kleinen in der Zeit zwischen Schlupf und ihrer Wiederkehr mit 8 Jahren machen. Ihre Hauptnahrung sind Quallen, nicht selten verschlucken sie dabei eine umherschwebende Plastiktüte.

Als wir kurz vor Sonnenuntergang an der Aufzuchtstation ankommen, ist ein Gelege gerade geschlüpft. Die Kleinen sind noch müde und nahezu bewegungslos von der Anstrengung. Die Wellen, in die wir die Babies  wenig später entlassen sollen, brechen weiß schäumend am Strand. Der Gedanke diese kleinen zarten Wesen diesen tobenden und kalten Wassermassen einem unbestimmten Schicksal zu überlassen bricht mir das Herz. Die Schildkrötenaufzuchtstation sieht es pragmatische: Der Fitteste überlebt und allein, dass sie es bis ins Wasser schaffen, ohne schon auf dem Weg gefressen zu werden, erhöht das Überleben der Art um ein Vielfaches.

Mit vielen anderen Familien tragen wir mit feuchtem Sand gefüllten Plastikschüsseln in denen „unsere“ 4 Schildkrötenbabies liegen, an den Strand, dem rot glühenden Horizont entgegen. Eine Helferin der Aufzuchtstation malt eine Linie in den Sand, die wir nicht übertreten dürfen, um nicht aus Versehen auf die Kleinen zu treten. Jenseits der Linie setzt sie unsere vier Schützlinge aus, damit sie selbständig ihren Weg Richtung Brandung antreten. Nur Bob, Max Schildkröte, krabbelt zögerlich los, bleibt immer wieder stehen, als müsse er sich selbst Mut zusprechen, die anderen bleiben bewegungslos im feuchten Sand liegen. Immer wieder erfasst sie der Ausläufer einer besonders großen Welle, schleudert sie durch, ein paar Meter weiter bleiben sie, erneut bewegungslos liegen. Es dauert lange, bis ein Großteil der Schildkröten mehr oder weniger freiwillig den beschwerlichen Weg in ihr neues Zuhause gefunden haben. Die, die nach Sonnenuntergang noch am Strand verbleiben, werden eingesammelt um sie am nächsten Tag, wenn sie ein wenig kräftiger sind, ins Meer zu entlassen.

Um Magendarm Beschwerden vorzubeugen, kochen wir normalerweise selber. Hier in Mexico allerdings, können wir nicht widerstehen und futtern uns durch die vielen Straßenstände, obwohl mein ziemlich ausgeprägtes Hygienebewußstsein Amok läuft. Für Mitarbeiter des deutschen Gesundheitsamtes ist Mexiko ein Reiseland im tiefroten Gefahrenbereich. Hat man den anfänglichen Ekel überwunden, wird man tausendfach belohnt. Überall am Straßenrand sind kleine Stände die „Tamales“, in Maisblättern gedünstete, gefüllte Maisklöße, verkaufen. „Tacos“ mal mit Grillleisch, oder wie auf Baja besonders köstlich, mit Fisch. „Churros“, längliches, an Mutzen erinnerndes Schmalzgebäck, „Ceviche“, eine Art Salat aus rohem mit Limettensaft behandeltem Fisch, mit Koriander und Tomaten angemacht, selbstgemachte Limettenlimonade, „Cocos frios“, frische grüne Kokosnüsse, deren Wasser mit Strohhalm getrunken wird, tropische Früchte wie Mangos, Papaya, Melone, Ananas, gerne mit einer Prise Chilli…Wir futtern uns durch dieses Schlaraffenland, das so gar nichts mit der aus Deutschland bekannten mexikanischen Küche gemeinsam hat, fordern unsere Geschmacksnerven und unser Immunsystem erfolgreich heraus. Mexikanisch, wir sind uns einig, hat seinen Platz als Lieblingsessen neben Königsberger Klopse und Schnitzel bekommen.

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