Nach sieben Monaten auf Reisen

15 Februar 2019

Wir denken oft an unsere Reise durch Afrika, vergleichen, fühlen uns oft dort besonders wohl, wo Klima, Flora oder Menschen uns an diesen Kontinent erinnern. Kalifornien hat uns zeitweise sehr an die Kapregion erinnert, immer wieder haben wir Herzschmerz, wenn wir an Kapstadt erinnert werden. Unsere Afrikareise hat 9 Monate gedauert, wäre, hätten wir einen ähnlichen Zeitplan, in zwei Monaten vorbei. Unvorstellbar für alle von uns! Wir fühlen uns immer noch am Anfang, haben das Gefühl, noch gar nicht so richtig begonnen zu haben, noch auf dem Weg zur „richtigen Reise“ zu sein. Wie anders ging es uns im siebten Monat in Afrika:

Beim Reisen geht es darum, über sich hinaus zu wachsen. Darum, seinen „Wohlfühlbereich“ zu verlassen. Wir wissen das und bisher haben wir uns gut geschlagen. Nun, nach 7 Monaten Reise müssen wir zugeben, dass wir an einem kritischen Punkt angekommen sind. Wir sind erschöpft. Das Reisen in Kenya und Äthiopien war sehr abenteuerlich und hat uns in vielerlei Hinsicht belohnt aber leider auch unsere Kräfte ziemlich strapaziert. Besonders Äthiopien. Wir wussten schon, dass das Land seine Herausforderungen hat, bevor wir überhaupt einen Fuß hineingesetzt hatten. Wir hatten haufenweise Geschichten von anderen Reisenden gehört, uns allerdings nicht vorstellen können, jemals an den Punkt zu kommen, an dem wir uns gerade befinden. Wir haben die Nase gestrichen voll davon, immer offensichtlich Fremde zu sein. Wir möchten einfach mal wieder in der Menge verschwinden und unsichtbar sein, sehnen uns nach etwas Privatsphäre. Ein bisschen Komfort und das Gefühl „zu Hause“ zu sein. Es ist anstrengend, immer im Mittelpunkt zu stehen und von Horden von Menschen bei jedem Schritt beobachtet zu werden. Es ist anstrengend, jedes Mal wenn man ein Badezimmer betritt, mit dem Brechreiz zu kämpfen und keinen Ort zu finden an dem die Kinder ihr Geschäft verrichten können, ohne vorher mit Flipflops über vollgepinkelte Böden zu waten. Es ist auch anstrengend ständig Spaghetti und Reis mit Ketchup zu essen, wenn auch wir natürlich dankbar sind, überhaupt etwas zu Essen zu haben. Diese Gefühle durchlebt wahrscheinlich jeder Langzeitreisende. Der Unterschied bei uns allerdings ist, dass die Kinder dasselbe fühlen und wir sind dafür verantwortlich. Bevor wir uns darum kümmern können, wieder zu Kräften zu kommen, sind erst einmal die Kinder dran. Immer. Bisher haben sie phantastisch mitgemacht und bisher ging es ihnen gut dabei. Jetzt allerdings sind sie an einem Punkt, wo sie sich nach einem „normalen“ Leben sehnen. 24/7 zusammen zu sein hat ein bisschen seinen Reiz verloren und jeder von uns sehnt sich nach etwas Zeit allein. Das erste Mal haben wir nun ernsthaft darüber nachgedacht, ob Michaela und die Kinder vorzeitig nach Deutschland fliegen sollten, dann aber beschlossen, dass das keine Option sein kann. Wir müssen da irgendwie zusammen durch- in guten wie in schlechten Zeiten. Gerade jetzt macht uns das Reisen gar keinen Spaß- besonders weil uns mehrmals gesagt wurde, dass die wirklich anstrengenden Länder noch kommen.

Letzte Nacht hat Michaela sehr detailgenau davon geträumt, bei Aldi einzukaufen. Es sind genau diese kleinen Dinge, die wir vermissen. Ein Supermarkt, in dem man einfaches gutes Essen bekommen kann, ohne auch noch alle Nachbarläden abklappern zu müssen. Ein Zuhause, das einen vor Regen, Sturm und Leuten beschützt. Frische Wäsche, Handtücher und Bettwäsche. Eine Tür, die man hinter sich zumachen kann. Ein eigenes Bett. Ungestörter Schlaf. Strom. Eine saubere Dusche. Ein Nachmittag zuhause, wo jeder tun kann, wonach ihm der Sinn steht und man sich keine Gedanken um die Sicherheit der Kinder machen muss oder befürchten muss, dass sie jemandem auf die Nerven gehen. Die Kinder in die Badewanne zu stecken, anstatt sie im Dunkeln mit sehr wenig kaltem Wasser zu waschen. Ein Morgenkaffee in Ruhe. Erstmal richtig wach werden, bevor man sich der Außenwelt stellen muss, anstatt schon von Fremden beobachtet zu werden, wenn man aus dem Bett steigt. Einfach laufen oder joggen wohin man will, ohne von Leuten genervt zu werden oder mindestens ein Kind tragen zu müssen. Einfach die Autoschlüssel nehmen und eine Runde alleine fahren. Wieder einmal hübsch aussehen. Freunde anrufen und jemanden den man sehr gerne hat treffen und sich austauschen. Geburtstagsparties besuchen und Barbie spielen. Oder Lego. Nicht immer alles teilen müssen. Schlafen oder sich ausruhen, wenn man das Bedürfnis hat und nicht, wenn es der Zeitplan erlaubt. Genauso essen, wenn man Hunger hat und nicht, wenn das Auto anhält. Einfach mal „sein“ ohne sich immer wieder an neue Begebenheiten anpassen zu müssen. Einfach mal sacken lassen. Faul sein. Nicht immer berührt zu werden, sowohl körperlich wie auch geistig.

Die Kinder wollen kaum noch das Auto verlassen weil ihnen die Menschen permanent zu nahe kommen. Max hat vor Kurzem gesagt, dass er keine „braunen Menschen“ mag, meinte die Leute in Äthiopien. Normalerweise ist er sehr unkompliziert und freundet sich in Sekunden an. Jetzt wird er wütend, sobald ihm jemand zu nahe kommt. Wir wollen keinen Schaden anrichten. Wollen nicht das kaputt machen, was wir in den letzten Monaten gewonnen haben. Wir haben beschlossen, Äthiopien auf schnellstem Wege zu verlassen. Auf keinen Fall wollen wir Vorurteile schüren, aber Äthiopien ist kein gutes Reiseland für Kinder und es ist definitiv keines, nach dem wir so bald wieder Sehnsucht haben werden. Wir hoffen, dass wir, sobald wir Äthiopien wieder verlassen haben, bessere Zeiten haben werden. Bisher wurde jedes Tief von einem Hoch abgelöst und wir vertrauen darauf, dass es auch dieses Mal nicht anders sein wird.

Ich neige dazu, Schlechtes einfach auszublenden und zu vergessen, im Rückspiegel sehe ich meist rosarot. Ich habe Äthiopien als schwierig in Erinnerung, das Ausmaß unseres damaligen Reisetiefs aber habe ich komplett verdrängt. Vieles, was uns damals zu schaffen gemacht hat, ist auf dieser Reise dank Roger kein Thema mehr. Zwar sind wir auch jetzt offensichtlich Fremde, bekommen viel, manchmal zu viel Aufmerksamkeit. Anders als mit Defender und Dachzelt können wir uns dieser Aufmerksamkeit  jedoch entziehen. Wenn die Welt um uns zu fordernd wird, schließen wir Tür und Vorhänge, sperren die Welt aus. Uns fehlt kein Zuhause, da wir durch Roger unser Heim dabei haben. Wir sind nicht den Elementen ausgesetzt, haben unser eigenes Klo, können uns hinter verschlossenen Türen waschen. Jeder kann jeder Zeit an den Kühlschrank gehen, auch während der Fahrt, schlafen, spielen, malen und Lego spielen. Jeder hat sein eigenes Bett und doch sind wir uns nah, jeder hat seine Privatshpäre. Timm und ich können unseren Morgenkaffee trinken, bevor wir der Welt dort draußen begegnen, und werden nicht mehr beim Aufstehen von neugierigen Blicken verfolgt. Vieles ist deutlich einfacher. Wir waren früher der festen Überzeugung, dass zu viel Komfort das Reiseerlebnis schmälert, dass man sich durchkämpfen muss, wenn man sich selbst ernst nehmen will. Wahrscheinlich wäre Roger für Afrika zu groß gewesen, hätte vielleicht wirklich das Naturerlebnis der afrikanischen Wildnis abgeschwächt. Jetzt allerdings empfinden wir ihn als Segen, als Grund dafür, dass wir uns nach 7 Monaten auf gar keinen Fall vorstellen können aufzuhören.

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