Halb wilder Westen

Nach zwei Monaten endlich wieder unterwegs zu sein, ist fast so aufregend wie unsere Abfahrt in Deutschland vor 6 Monaten. Roger schnurrt wie ein Kätzchen, wir sind wieder frei und ungebunden, stolz und dankbar diese Krise überstanden zu haben. Ohne Roger waren wir zwei Monate unsichtbar, plötzlich verdrehen die Leute wieder ihre Hälse, werden Telefone gezückt und uns „Daumen hoch“ gezeigt.

Wir kaufen ein, schicken die falsch bestellten Ersatzteile zurück nach Deutschland und schaffen es am ersten Tag gerade eben nach Santa Cruz, campen an dem Leuchtturm, an dem wir die letzte Sonne des Jahres 2018 verabschiedet haben. Dieses Mal allerdings ohne Sonne. Es regnet in Strömen, der Sturm schüttelt uns die ganze Nacht, immer wieder werde ich wach und weiß nicht wo ich bin. Der Wind steht auf Max‘ Fenster und als er am Morgen wach wird, ist sein Bett so nass, als hätte jemand einen Eimer Wasser hineingeschüttet. Timm hat seit Wochen Rückenschmerzen, muss in Santa Cruz anhalten, um sich massieren zu lassen, kann auch nach der Massage kaum den Rücken gerade halten.

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Wir fahren weiter nach Carmel by the Sea, auch hier tobt der Sturm, hat eine Hauptstromleitung zu Fall gebracht und der ganze Ort liegt im Dunkeln. In manchen Restaurants sitzen die Leute bei Kerzenschein. Als Wind und Regen zu anstrengend werden, parken wir auf der Einfahrt des städtischen Bauhofes, ich koche Kakao, mache Musik an, die Kinder spielen, Timm liest. Wir werden das Unwetter einfach aussitzen, so der Plan. Wir hätten lange sitzen müssen… Der Highway 1 entlang der Küste Richtung Big Sur ist gesperrt, wir können ihn nicht fahren, beschließen daher, ins Inland abzubiegen. Es wird keinen Pacific Highway Teil 2 geben- wir haben die Nase voll von schlechtem Wetter.

Der Weg in Inland führt durch das malerische Carmel Valley: Die Ranches tragen hier Namen wie Sleepy Hollow, kuscheln sich in die satt grünen Hänge wie in ein übergroßes Sofa, die Sehnsucht nach schmutzigen Gartenhänden und frei laufenden Hühnern wird auf einmal sehr groß. Im örtlichen Bioladen spielen Fiedler irische Weisen, Leute trinken Kaffe und Biorotwein, die Einkaufstüten neben sich abgestellt. Ich wäre gerne geblieben, denn je weiter wir uns von der Küste entfernen, desto kälter wird es. Wir wühlen uns, als wir zur Abwechslung von der Hauptstraße abfahren wollen im Schlamm fest, schlittern immer wieder Richtung Abgrund. Die Kinder jubeln „cool, Papa driftet“, ich bekomme schweißnasse Hände, verfluche den Regen und das Reisen im Allgemeinen. Seit unserer Abfahrt haben die Kinder sich nicht mehr ausgetobt, unsere Wasserpumpe funktioniert nicht mehr. Ich habe Sehnsucht nach einer Dusche, es stinkt nach Sechsfachfurz und wir haben die Wahl zwischen lüften und anschließendem Frieren oder Gestank und Muff. Lotta und Paula haben Magen Darm Probleme, Carl und Max prügeln sich ununterbrochen. Der Regen prasselt auf unser Dach, es klingt, als würde jemand eine Ladung Rollsplitt über uns ausschütten und übertönt zumindest die Streitgeräusche.

An Tag fünf kommen wir endlich an einem Campingshop vorbei und Timm kauft Ersatzteile, um unsere Pumpe zu reparieren. Wir fahren durch endlose Orangenplantagen an denen die Früchte leuchten, im Hintergrund türmen sich verschneite Berge, in der Sierra Nevada kommen uns Autos mit Snowboards auf dem Dach entgegen, manche tragen Schneemützen. Hurra, ein Ausflug ins Graue!

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An Tag sechs endlich wachen wir morgens im Sonnenschein auf. Die Pfützen sind von einer dünnen Eisschicht überzogen, aber der Himmel ist zumindest nicht mehr grau. Wir sind in der Mojave Wüste, und anders als bei Hitze hat die Wüste bei kühleren Temperaturen für mich nichts Lebensbedrohliches und ich kann die Abgeschiedenheit genießen. Ähnlich wie das Meer kann Wüste extrem beruhigend wirken und wenn‘s im Außen still wird, kommen die inneren Stimmen auch mal zu Wort. Die Kinder spielen glücklich im Sand, haben Platz zum Toben, nur den Horizont vor Augen. Um unser Camp befinden sich turmhohe Sandsteinformationen. Paula erklettert die Höchsten und fühlt sich wie die Königin der Welt, die Jungs nutzen all die natürlichen Rampen zum Springen mit ihren Fahrrädern. Durch trostlose, verlassene Wüstenorte geht es weiter in Richtung Roberts “Happy Place“, er hat uns extra eine Karte gemalt, ohne die wir diesen als Geheimnis gehüteten Platz niemals würden finden können. Durch trostlose Einöde und vom Leben vergessene Ortschaften geht es weiter.

Als ich vorsichtig einen Zeh ins gefühlt kochende Wasser stecke, hätte ich beinahe aufgeschrien. „Es ist nur die ersten Minuten so heiß, es wird gleich besser“ kommt eine Stimme aus der Dunkelheit. Vor meinem inneren Auge blitzt das Bild eines Hummers auf, der, bevor er sich in einem Topf kochenden Wassers von einem Tier in eine Mahlzeit verwandelt, Tage, schlimmstenfalls Wochen mit gefesselten Scheren in einem Aquarium verbringt. Oft umgeben von vielen Artgenossen. Das Wasser wird extra kühl gehalten, um die Stoffwechselprozeße zu verlangsamen und ihn ruhig zu stellen. Auch wir hatten die letzten Tage seit unserm Aufbruch in Berkeley wenig Bewegung gehabt, waren uns, vor Kälte, Regen und Sturm verfolgt, in der Enge auf die Nerven gegangen. Ich habe noch nie Hummer gegessen, werde, jetzt da ich zumindest eine Vorstellung davon habe, wie er sich fühlen muss, auch niemals damit anfangen.

Schon ein paar Minuten später durchdringt angenehme Wärme meinen steifen schmerzenden Körper, es plätschert leise, über uns leuchten eine Million Sterne im Wüstenhimmel, ansonsten ist es dunkel. Zum Glück. Neben mir dümpelt ein nackter 70 jähriger Mann, Timm, die Kinder und ich halten uns ebenfalls an den Verhaltenskodex dieser heißen Quelle und sind allesamt textillos. Irgendwann in den frühen 70gern hatte sich eine Gruppe Hippies aufgemacht und diesen Platz geschaffen. Er liegt, umgeben von hohen Bergketten, inmitten einer Oase in der ansonsten unbewohnten Wüste, wird von unterirdischen heißen Quellen gespeist und ist extrem schwer zu erreichen. Wir mussten uns durch Tiefsand kämpfen, sind über enge Bergpässe gefahren, haben 2 „Straße gesperrt, umdrehen“ Schilder ignoriert, Felsbrocken aus dem Weg geräumt, oft in viele Meter tiefe Abgründe auf der Beifahrerseite geblickt. Ich war mehrmals versucht aufzugeben, bin aber jedes Mal überstimmt worden. Zum Glück.

Wir sind die einzigen „Neuen“, werden schon kurz nach der Ankunft in die Campetikette eingeführt: „Bitte seid möglichst leise, da hier in der Wüste der Schall sehr weit reicht. Stört niemanden, leuchtet nicht mit Taschenlampen, keine laute Musik, duscht bitte bevor ihr, wenn möglich bitte nackt, in die Pools steigt. Campruhe ist um 21 Uhr.“ Ich kann mein Glück kaum fassen, dass endlich jemand außer uns die Kinder zum Duschen, leise sein und früh schlafen verdonnert, würde den Überbringer dieser Regeln am liebsten umarmen. Im Sommer, wenn die Temperaturen über 40 Grad klettern, ist man hier 24/7 nackt, anders ist es nicht auszuhalten, jetzt ist es anders. David, der mit uns im Pool dümpelt, erzählt, dass wir sehr großes Glück haben. Eine so windstille Nacht wie heute habe er hier seit Wochen nicht gehabt. Er ist schon länger hier, hilft im Camp, das ausschließlich von Freiwilligen in Ordnung gehalten wird. Von März bis Oktober reist und wandert er durch die Nationalparks der USA, er liebt die Natur, ist schon 2 Mal den gesamten Pacific Crest Trail gewandert (auch ein Punkt auf meiner „Things before I die Liste“), hat früher als Ranger gearbeitet. Er schläft in einem Zelt, dass er windgeschützt etwas abseits aufgebaut hat. Alle hier außer uns arbeiten als Ranger, Biologen, sind Lebenskünstler und leben extrem bescheiden. Zum ersten Mal kommt uns Roger ein bisschen zu groß, zu komfortabel vor und wir fühlen uns alles andere als reduziert.

Drei Tage verbringen wir in dieser Idylle, sitzen stundenlang im warmen Wasser, blicken auf schneebedeckte Berge bei Tag, nachts rieseln die Sternschnuppen auf uns herab, die wilden Esel, die Burros, singen uns wenig melodisch in den Schlaf, die Kinder spielen Cowboy und Indianer, Timm bastelt an Roger, ich habe Zeit zum Schreiben. Während die Nächte empfindlich kalt werden, klettert das Thermometer tagsüber auf dekadente 18 Grad, wir sind den ganzen Tag draußen, holen die verpasste Bewegung nach, tanken wieder Energie. Ab und zu jagen Düsenjets der US Air Force unseren Adrenalinspiegel in die Höhe, wenn sie in ohren – und augenbetäubenden Manövern über unsere Köpfe durch die Canyons jagen. Seit Jahren ärgern sich Hippies und Piloten gegenseitig: Die Air Force Piloten, indem sie besonders im Sommer die ganzen Nackten aufscheuchen, so niedrig wie möglich über deren Köpfe jagen und die Hippies, indem sie in regelmäßigen Abständen Ihr Peacezeichen renovieren, dass als stumme Antwort auf die Manöverübungen der Air Force über dem Tal wacht. Würden nicht schneeschwere Wolken einen Wetterumbruch ankündigen, wären wir gerne länger geblieben. Den ohnehin für Roger fast zu engen Pass wollen wir aber auf keinen Fall bei Eisglätte oder im aufgeweichten Schlamm fahren, also machen wir uns auf ins Death Valley, wo unsere Wetterapp tropische 15 Grad verspricht.

Obwohl der Name „Tal des Todes“ Bilder einer schrecklichen und lebensbedrohlichen Landschaft heraufbeschwört, ist das Death Valley trotz der Trockenheit und der extremen Temperaturen ein relativ artenreicher Lebensraum. Ca 1000 Pflanzenarten und 400 Tierarten, vor allem Reptilien leben hier. Mit Höchstwerten von 57 Grad im Sommer ist es einer der heißesten Orte Amerikas und, mit einem Tiefstpunkt von 85,9 Meter unter dem Meeresspiegel Nordamerikas tiefster Punkt. Wir klettern bei Sandsturm in den Dünen, wandern durch imposante Felsschluchten, über ausgetrocknete Salzpfannen, beobachten das Farbenspiel der bunten Felsen im Sonnenuntergang. Um Timms Geburtstag gebührend zu feiern, bleiben wir 3 Tage auf einem Campingplatz mit Pool für die Kinder, WIFI für Timm und Waschmaschinen für mich. Den 12. Februar feiern wir mit Geburtstagskuchen, Geschenken und vielen Nachrichten und Mails von zu Hause, überhäufen unseren Cowboy mit Liebe und Beteuerungen, dass man ihm sein Alter nicht ansieht, auch wenn seinen Ritt durch das Tal des Todes in den letzten Tagen nicht  nur Cowboycountry, sondern auch eine Wärmflasche im Rücken begleitet hat.

USA

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Hallo Ihr sechs,

    schön Euch in Santispac getroffen zu haben. Zufällig kaufen wir eine 2015er Ausgabe des Explorer Magazins und schon lesen wir euren Afrika Bericht. Klasse!
    Wünsche euch eine super Reise.
    Grüße Anja und Stefan mit den Huskys

    • Hallo Ihr 4,
      das können wir nur zurückgeben. Euer Bord ist schon ordentlich benutzt worden, 1000 Dank für den Todos Santos Tip, wir hätten ewig bleiben können. Nun sitzen wir in La Paz, werden morgen aufs Festland übersetzen. Wie kommt ihr in Baja an den Explorer? Was für ein Zufall! Liebe Grüße

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