Portland

Die Stadt der Rosen, Die Stadt der Brücken, Beervana oder Portlandia- Portland hat viele Namen, allen gemein ist, die Idee, dass Portland eine bunte vielfältige Stadt ist. Eine liberale Oase voller liebenswerter Querköpfe, ökologisch ausgerichteter Lebensweise, Kunst, Musik und Foodtrucks an jeder Ecke, Coffeeshops die sich gegenseitig übertreffen. Ein Fest für Ohren, Augen und Gaumen, Inspiration im Sekundentakt. Das ist das Bild, das von Portland aus in die Welt getragen wird, das wir kaum erwarten konnten, auch zu sehen. Erwartungen, wieder einmal…

Um uns herum herrscht Grau, es nieselt, die fast kahlen Bäume überlassen wiederwillig ihre letzen gelben Blätter dem Wind. Die einzigen Farbkleckse sind die Bremslichter der Vordermänner, die sich in den Regentropfen auf unserer Windschutzscheibe hundertfach spiegeln. Wir stecken im Stau. Morgen ist Thanksgiving, alle wollen nach Hause zu ihren Familien. Kilometerweit rote Linien auf dem Navi. Es ist erst 15.00 und wir weigern uns den Tag schon jetzt abzuschreiben, überlegen, womit wir den Kindern eine Freude machen können. Schwimmen gehen, so unsere Idee. Wir suchen auf Google Maps, fahren die nächstbeste Ausfahrt heraus zum East Portland Community Center, dem nächsten Schwimmbad, das laut Google geöffnet hat. Die Kinder jubeln, freuen sich riesig. Jedenfalls bis wir ankommen und feststellen müssen, dass wegen des morgigen Feiertages die Öffnungszeiten geändert wurden. Es kullern Tränen, ratlos stehen Timm und ich auf dem Parkplatz des Schwimmbades, überlegen fieberhaft, was wir nun tun sollen. Weiterzufahren macht keinen Sinn, es wird bald dunkel. Hierbleiben scheint ebenso sinnlos. Wir wollten uns die Stadt ansehen, verflixt und nicht auf einem Vorstadtparkplatz versauern. Als der erste Frust verdaut ist, beschliessen wir, die Nacht hier zu bleiben. Für irgendetwas wird es schon gut sein. Meistens haben vordergründige Rückschläge zu guter Letzt doch oft Gutes gebracht. Ohne Frosteinbruch hätten wir nicht Gigi getroffen, ohne Lottas Frust aufgrund fehlender Freunde wären wir nicht so lange in Vancouver geblieben, ohne Panne in Forks hätten wir nicht diese Welle von Hilfsbereitschaft erfahren. Wir fragen den Manager des Community Centers ob wir über Nacht auf dem Parkplatz bleiben dürfen. Wir dürfen, bekommen sechs Freikarten für die Schwimmhalle und von einer Frau einen Sack frischer Birnen geschenkt. Wir sollen allerdings ein bisschen weiter im Licht stehen, unser gewählter Schattenplatz sei ein Sicherheitsrisiko. Mit gemischten Gefühlen stellen wir uns mit Roger an den hellsten Punkt des Parkplatzes, genau vor den Eingang der hiesigen Polizeiwache. Da ich in vielen Reiseblogs über die Unerbittlichkeit amerikanischer Polizisten gelesen habe, was wildes Campen angeht, bereite ich mich schonmal darauf vor, noch heute Nacht umziehen zu müssen.

Am nächsten Morgen, während ich mich mit den Kindern durch die Schule quäle, Timm an Rogers Anlasser schraubt, kommen zwei Polizisten über den Parkplatz geschlendert. An Timms Stimme allerdings kann ich hören, dass sie scheinbar in friedlicher Mission gekommen sind. Wenig später klopft es an der Tür. Dan und Andrew, so die Namen der beiden Beamten, haben für jedes Kind einen Beutel gepackt, überreichen Timm ihre Visitenkarten. Sollte er jemals Probleme haben oder Hilfe benötigen, könne er sich gerne bei Ihnen melden. Den Kindern überreichen sie ihre Geschenke mit den Worten. “We love what you are doing, all the best for your travels!” Ich bin total gerührt, spüle den Klos im Hals mit einem großen Schluck Kaffee herunter. So richtig will die Schule nicht mehr in den Gang kommen, zu groß ist die Aufregung auf Seiten der Kinder. Als Timm, fertig mit dem Anlasser zurück zu uns in den Wohnkoffer kommt, trägt er eine Schirmmütze mit der Aufschrift: “Bureau of Police Portland”, die ihm ein weiterer Polizist, Scott, geschenkt hat. “ Siehst Du, das ist der Grund, warum wir hierbleiben sollten”, lächelt er.

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Nur dreißig Minuten später steht erneut Dan im Regen vor Rogers Tür. “Ich würde Euch sehr gerne heute Abend zum Thanksgiving Dinner einladen!” Wir sind unsicher, wissen nicht recht wie wir damit umgehen sollen. Auf der einen Seite fühlen wir uns natürlich geehrt, auf der anderen Seite wissen wir um die Wichtigkeit dieses Feiertages für die Amerikaner, haben Skrupel mit sechs Personen auf einer Familienfeier aufzulaufen. Wir haben uns, seit wir uns in Calgary mit Ricardo und seiner Familie zum Kaffee getroffen haben, geschworen, dass wir in Zukunft solche Einladungen einfach annehmen werden, dass wir die Chance nutzen werden, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen, ihre Geschichten zu hören. Aber Thanksgiving? Das ist in Etwa so als würde man bei uns in Deutschland Heiligabend irgendwo auflaufen. Erst als Dan uns glaubhaft versichert, dass wir keine Familienfeier sprengen, dass seine Frau und seine 4 Kinder sich sehr freuen uns dazuhaben, sagen wir zu, fahren mit gemischten Gefühlen 40 Kilometer Richtung Washington State zurück- und bleiben zwei Tage. Obwohl es mir noch nie leicht gefallen ist, etwas anzunehmen ohne im Gegenzug auch etwas geben zu können, ist die Gastfreundschaft von Dan, Rachel und ihren Kindern so überzeugend, kommt so von Herzen, dass ich es schaffe, meine Bedenken in den Wind zu schlagen. Bei Ihnen zu Hause ist es genauso wuselig und laut we bei uns zu Hause, die drei Töchter und ihr Sohn haben in Etwa das Alter unserer Kinder, sind fröhlich und offen und schnell haben wir alle unsere Scheu abgelegt. Dan und Rachel sind beide Polizisten, haben sich mit harter Arbeit, vor der sie auch ihre Kinder nicht verschonen (ich sage nur Hoftag!) einen Traum erfüllt. Ihr wunderschönes Haus liegt malerisch, mit Blick auf endlose grüne Landschaft, in einem riesigen Garten, in dem die Familie in ihrer Freizeit wühlt und werkelt. Dan ist ein ähnlich ruheloser Geselle wie Timm, den Kopf voller Ideen und voller Tatendrang diese umzusetzen. Rachel hat wilde Locken, scheint ein Ausbund an Energie und die Verkörperung von Multitasking zu sein. Sie zaubert scheinbar spielend ein Gourmetdinner mit Truhthahn, Steak, Shrimps, gratiniertem Spargel, gefüllten Champignons, grünen Bohnen, Kartoffeln im Speckmantel, zum Nachtisch Eis, Brownie und Kürbispie. Für zwei Tage Teil dieser Familie sein zu dürfen, ist unendlich inspirierend für uns. Es scheint, als hat uns der Himmel, wieder einmal die richtigen Menschen zur richtigen Zeit geschickt. Die letzten Tage waren nicht so einfach für uns gewesen. Es gab immer wieder Streit und Unstimmigkeiten die auf unsere Stimmung gedrückt haben, die mich manchmal am Erfolg unseres Projektes haben zweifeln lassen. Dan und Rachel im Umgang mit ihren Kindern zu sehen, hat uns im genau richtigen Moment in dem bestärkt, was wir eigentlich wissen, aber ab und zu wieder vergessen: Das Eltern sein nicht immer einfach ist, dass es nicht immer Spass macht, dass der einzige Weg durch stürmische Zeiten liebevolle Konsequenz ist und dass es Kindern durchaus nicht schadet, wenn man ihnen bei Zeiten auch einmal etwas abverlangt. Obwohl Dan und Rachel uns immer wieder versichern, dass wir gern ihr Haus als Ausgangspunkt für unsere Ausflüge nutzen können, ziehen wir nach zwei Tagen mit dickem Kloß im Hals weiter. Portland wartet!

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Timm und ich sitzen im Führerhaus, das Flutlicht der Parkplatzbeleuchtung lässt mich ohne weitere Lichtquelle Tagebuch schreiben, Timm liest, die Kinder basteln, der Kamin brennt. Etwa 20 Meter von uns entfernt schiebt eine zierliche Gestalt einen Gepäckwagen voller Habseligkeiten die Straße entlang, hält, setzt sich hin, pinkelt, zündet sich eine Zigarette an und zieht mit halb entblößtem Hintern weiter Richtung Brücke, unter der mindestens ein Dutzend Obdachloser ihr Nachtcamp aufgeschlagen haben. Der Wind steht gut, der Geruch nach menschlichen Fäkalien weht nicht in unsere Richtung. Zwar hatte uns Dan vorgewarnt, dennoch sind wir erschlagen von der Dichte Obdachloser in der Stadt. Überall stehen Iglozelte auf dem Bürgersteig, liegen die Menschen in dicken Decken in den Hauseingängen, unter den Schaufenstern, schlurfen wie Zombies mit starrem Blick über die Straßen. Schiebt hier jemand einen Einkaufswagen, dann war er nicht shoppen, sondern zieht um. Um nicht mitten in der Nacht vertrieben zu werden, parken wir auf einem zahlungspflichtigen Parkplatz, um uns herum wuseln Gestalten im Schatten.

Am nächsten Morgen, einem schulfreien Sonntag, verlassen wir um zehn Uhr Roger, machen uns auf zu einer Stadtführung, die Timm gebucht hat. Sie verspricht eine Führung durch die Altstadt und durch Teile der unterirdischen Tunnel, welche die Keller der gesamten Altstadt miteinander verbinden, bzw. einst verbunden haben. Viele Legenden drehen sich um die sogenannten “Shanghai Tunnel”. Sie sollen einst der Flutkontrolle, sowie dem Transport der Güter von den Schiffen direkt in die Keller der Häuser gedient haben. Ihren Namen “Shanghai Tunnel” allerdings verdanken sie dem Gerücht, dass durch sie zuvor bewußtlos gemachte Seemänner auf dem schnellsten Weg auf die wartenden Schiffe verfrachtet wurden. Angeblich sollen diese in den Pubs der Stadt willenlos gemacht, Verträge unterschrieben haben, die sie zu mehrjähriger Arbeit auf den Schiffen verpflichtete-Endstation Shanghai sozusagen. Viele bedeutende Männer der Stadt haben mit dem Schleusen dieser armen Seelen ein Vermögen verdient, ihren Reichtum auf Alkohol, Prostitution und Menschenhandel gegründet. Die dunkle Vergangenheit Portlands.

“Keep Portland weird” (lasst Portland seine Schrägheit)- ein Ausruf, der den Stolz der Stadt auf seine schrägen Vögel verrät, prangt in großen Lettern auf den Ziegelwänden einer Plattenfirma. Gegenüber stehen Touristen und Einheimische eine Stunde in der Schlange, um einen Doughnut bei Vodoo-Doghnuts zu kaufen. Hier, so die Legende wurden einst Dougnuts mit Aspirinstaub statt Puderzucker, mit Antierkältungssirupfüllung verkauft, inzwischen sind es dieselben pappsüßen Dinger wie überall sonst. Ein paar Meter weiter wedelt ein obdachloses Mädchen ihren blanken Hintern vor den Gesichtern der Passanten, kackt dann aus einem Meter Höhe auf die Straße. Ein junges asiatisches Pärchen schiebt im Highend Kinderwagen zwei weiße Puschelhunde spazieren. Es wäre sicher nicht schön, Menschenkacke aus ihrem Fell zu bürsten. Ein Mann versucht, sich seine Hose zu schließen, die langen Fingernägel kommen immer wieder in die Quere. Eine Frau tanzt über die Kreuzung, singt, dreht Pirouetten bis ihr schwindelig wird, auf dem Markt kann man Regenstöcke, Batikshirts und Craftbeer kaufen, ein kleines Mädchen streichelt ein Frettchen, das aus der Handtasche einer Dame guckt. Bärte gibt es hier in jeder Farbe, jeder Form und jeder erdenklichen Länge. Mit Zöpfen und Perlen, glattgeföhnt und gelbgefärbt, um den Hals gewickelt. Alle 100 Meter krabbelt jemand aus einem Haufen Unrat, der sein Zuhause zu sein scheint. Es ist nicht die Dichte an Obdachlosen an sich, sondern die Ballung menschlicher Tragödie, die uns erschüttert. Diese Leute sind nicht nur homeless, sie sind zugedröhnt, völlig von Sinnen, nicht zurechnungsfähig. Die Kinder haben Angst und wir beschließen nach nur 1,5 Tagen genug gesehen zu haben. Vielleicht tun wir Portland Unrecht, vielleicht hatten wir Pech im falschen Viertel (Old Town, Chinatown, Pearl District) gelandet zu sein, vielleicht sind wir einfach nur zu spießig. Egal wie stylisch die Restaurants, wie experimentell die Craftbiere, wie gut der Kaffee, beim Anblick dieses Elends vergeht uns jede Lust am Genuss. Mich erschüttert zutiefst, wie die oft so jungen Menschen so tief sinken konnten, wie ein solches Elend mit Hipstertum coexistieren kann und wie man das Ganze dann als Schrägheit euphemistisch verpackt zelebrieren kann. Erwartungen, schon wieder hab ich den Fehler gemacht, verflixt!

Mir lässt mein Eindruck von Portland keine Ruhe. Jeder, wirklich jeder hatte mir von der Großartigkeit dieser Stadt vorgeschwärmt und ich kann einfach nicht begreifen, wie mein Bild so anders sein kann. Meine Google Recherche ergibt, dass nicht allein Portland unter einer Obdachlosenschwemme zu leiden hat. Auch in San Diego, Las Vegas, LA, San Francisco  und Seattle, in allen Metropolen der US Westküste explodieren die Obdachlosenzahlen. Manche Städte haben den Notstand ausgerufen. Der Hauptgrund sind steigende Mieten, welche diejenigen, die bisher am Rande der Gesellschaft lebten, jede Existenzgrundlage nehmen. In Portland z.B. kostet eine Einzimmerwohnung inzwischen $1500, der Höchstsatz staatlicher Hilfen liegt bei $800. Die steigenden Mieten wiederum werden ausgelöst durch extreme Zuzüge, in Portland aufgrund des Images als inoffizielle Hipstermetropole.

Folgende Erklärung bietet der sehr lesenswerte Artikel eines österreichischen Magazins:

https://www.profil.at/gesellschaft/hipster-metropole-portland-schattenseiten-gentrifizierung-7575366

“…Das Prinzip „Gentrifizierung“ funktioniert weltweit nach ähnlichen Mechanismen. Hier, im idyllischen Nordwesten der USA, kondensiert es zu seiner reinsten Form: Weitgehend unbekannte Gegend wird von mobilen, urbanen Kreativgeistern als lebenswertes Milieu erkannt, durch einschlägige Initiativen aus den Bereichen Kunst, Design, Gastronomie und Handel aufgewertet; lokale Medien berichten erfreut, überregionale Medien ziehen nach, Touristen kommen (und bleiben zum Teil gleich da); lokale Szene wird nach und nach zum Klischee und schließlich zum Tummelplatz für potente Initiativen aus den Bereichen Immobilienentwicklung, Gastronomie und Handel; Gegend verkommt zu Konsum-Disneyland samt unleistbarem Wohnraum…”

USA

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