Olympic Peninsula, Washington

Uns umgibt trübes, tiefgrünes Dämmerlicht wie auf dem Grund eines Tümpels. Ich kann kaum atmen, so feucht ist die Luft, fast hat sie eine greifbare Konsistenz. Grün in allen Schattierungen, kein Himmel, über uns ein ewig tropfendes Blätterdach. Das Tropfen der Herzschlag des Waldes. Die Stämme der Bäume sind von dichtem weichen Moos überwuchert, das ähnlich wie Schnee jedes Geräusch zu schlucken scheint. Auch unsere Schritte machen kein Geräusch, der Waldboden ist von einem dichten Moosteppich und von Farnen bewachsen. Von den Zweigen der Baumriesen hängen Flechten, wie Bärte, machen deutlich, dass sie schon sehr lange hier stehen. Ich fühle mich klein, ein Insekt, das bei lebendigem Leib von einem riesigen grünen Wesen verschluckt wird. Es tropft und wabert, umgefallene Bäume hat sich das grüne Wesen bereits zurückgeholt, hat sie mit Moss und Pilzen überzogen. Fast glaubt man, sie kriechen zu sehen. Es ist ein grünes Geflecht, als würden sich die Bäume an den Händen halten, jede Lücke sofort schließen, einen verschlucken, wie Treibsand, wenn man nicht aufpasst. Ein paar Sonnenstrahlen schaffen es bis auf den Waldboden, Dampf steigt auf, millionenfaches Glitzern. Der Hoh Regenwald auf der Olympic Peninsula im Nordwesten der USA ist ein Zauberwald, ein Wald wie aus einer anderen Zeit. Fast sieht man Feen oder Hobbits im Schatten der Bäume huschen, Vampire von den hohen Zweigen auf ihre Opfer stürzen.

Nicht weit vom Hoh Regenwald entfernt liegt das kleine unscheinbare Holzfällerstädtchen Forks. Es ist der regenreichste Ort der USA (außer Alaska und Hawaii) und diese Eigenschaft hat ihm vor etwas mehr als 10 Jahren weltweiten Ruhm beschert. Die Autorin Stephanie Meyer hat ihn als Schauplatz für ihre Vampirsaga „Twilight“ gewählt, weil nur hier im ewigen Dämmerlicht die Vampirfamilie Cullen ein Leben unter Menschen führen kann. Der jüngste Sohn der Vampirfamilie verliebt sich in ein Menschenmädchen, Bella, und die daraus entstehenden Probleme füllen 4 Bücher, die einen weltweiten Hype ausgelöst haben. Auch Lotta verschlingt die Vampirsaga auf unserem Weg von Vancouver nach Forks, überzeugt mich, sie ebenfalls zu lesen. Ich bin kein Freund von Fantasy, in Verbindung mit der magischen Schönheit der Olympic Peninsula kann alerdings auch ich mich nicht ganz dem Reiz von Twilight entziehen.

Der Ruhm kam für die Einwohner Forks und des benachbarten First Nation Reservats La Push, das ebenfalls ein Hauptschauplatz von Twilight ist, völlig unerwartet. Als die ersten Horden von Fans über das verschlafene Städchen hereinbrachen, hatte hier noch niemand Twilight gelesen. Da die Autorin den Ort sehr genau beschreibt, sogar die originalen Namen beibehalten hat, waren zum Beispiel die Bewohner der Häuser, in denen die Hauptfiguren „leben“ völlig überrumpelt. In kürzester Zeit allerdings gelang es den Bewohnern Forks, sich auf die bis zu 400 Touristen am Tag (so viele waren sonst im Monat gekommen) einzustellen. Das Krankenhaus, in dem der Vampirvater arbeitete wies ihm einen Parkplatz aus, der Polizeichef des Ortes schaffte sich ein Namenschild mit dem Namen von Bellas Vater an, der im Buch der Polizeichef von Forks ist. Im Forks Outfitters wird ab und zu Bella Swan, die laut Buch hier arbeitet, ausgerufen, vor der Touristeninformation steht Bellas alter Pick-up. Im Chamber of Commerce ist eineAusstellung mit den Originalkostümen aus der Twilligtverfilmung, die jedoch allesamt nicht in Forks sondern in British Columbia rund um Vancouver gedreht wurden. Für Forks war die Berühmtheit, die es durch Twilight errang ein Segen, eine willkommene Finanzspritze, nachdem es mit der Holzwirtschaft seit Jahren bergab gegangen war. Man ist der Autorin dankbar, hat bis 2015 jährlich einen Stephanie Meyer Tag gefeiert, den man nun aber in ein „Forever Twilight in Forks“ Festival geändert hat. Der lokale Radiosender heißt Radio Twilight. Vielleicht ist es die falsche Jahreszeit, oder der Rummel hat sich im Laufe der Jahre gelegt, aber außer uns sehe ich keine Touristen in Forks.

Auch hier werden wir oft auf Roger angesprochen. Vor dem einzigen Burgerladen der Stadt komme ich mit einem Jäger ins Gespräch, der Pommes und Burger auf dem Fahrersitz verspeist. Er hat es ein bisschen eilig, es ist der letzte Tag der Jagdsaison. Dabei zeigt er auf die Gewehre, die neben ihm auf dem Beifahrersitz liegen. Ob er sie nicht einschließen muss während der Fahrt, möchte ich wissen. Das mache hier niemand, völlig unnötig, wer sollte die klauen. Als ich ihm von den strengen Waffengesetzen in Deutschland berichte, fallen ihm fast die Augen aus dem Kopf. Er ist wirklich froh, in Amerika zu leben, sagt er inbrünstig. Die Betreiberin des Burgerladens scheint das ebenfalls zu denken, über der Ketchup Service Station hängt ein „ God bless America“ Banner. Mir juckt es in den Fingern, das „bless“ durch „safe“ zu ersetzen. Als wir vom Burgerstop aufbrechen wollen, zickt Roger. Er springt nur mühsam an, stottert. Nach dem Einkaufsstop im Thriftway will er gar nicht mehr weiter. Er scheint keinen Diesel zu bekommen. Während Timm unter dem Truck liegt, halten im Minutentakt Leute die helfen wollen. Sie helfen, das Führerhaus umzuklappen, ein Mann telefoniert sich durch ein dickes Telefonbuch, ein anderer krempelt die Ärmel hoch, während seine Frau mit zwei kleinen Kindern lächelnd im Auto wartet. Alle Helfer kommen zum selben Ergebnis: Wir sollen John fragen. Ein Mechaniker vom Landmaschinenhandel gegenüber versucht zusammen mit Timm das Problem einzugrenzen, erklärt sich bereit, am nächsten Tag einen Blick darauf zu werfen, falls John keine Zeit hat. Diesen zu erreichen scheint nahezu unmöglich. Andrea, die Besitzerin vom Campingplatz gegenüber, die mir freundlicherweise erlaubt, ihre Waschmaschinen zu benutzen, weiß warum: Er ist sicher noch jagen. Es sei ja schließlich der letzte Tag der Saison! Noch bevor es dunkel ist, höre ich durch das Tuckern des Trockners ein anderes vertrautes Geräusch: Roger! Timm hat herausgefunden, dass der Schalter, der die Dieselzufuhr steuert, nicht funktionierte und ihn repariert. Auf dem Parkplatz dürfen wir trotzdem bleiben und so bleibt es uns vergönnt, noch einige Pläuschchen mit den Bewohnern der kleinen Stadt zu halten. Für uns wird Forks nicht als die Twilight-Stadt im Gedächtnis bleiben, sondern als eine Stadt mit unglaublich hilfsbereiten Menschen.

La Push, das kleine Reservat am Pazifik scheint  weniger glücklich über den Trubel zu sein, den Twilight auch hier ausgelöst hat. Zudem hat die Autorin den Gründungsmythos des Stammes so umgeschrieben, dass er in ihre Geschichte passt und nun bringt jeder dieses Volk mit Jacob Black in Verbindung, der in „Twilight“ eine Mischung aus Quileute Indianer und Werwolf ist. Der kleine Ort wirkt wenig aufgeräumt, vor den Häusern stapelt sich der Müll, der Hype scheint vorbei. Das täuscht aber nicht über die extreme Schönheit des Strandes hinweg. Der Ozean bricht dunkelgrau, wild schäumend am Strand, felsige Inseln ragen kantig und steil aus der sprühenden Gischt, wirken unwirklich, schattenhaft. Auf ihnen wachsen zackige Fichten. Dort, wo bei Flut das Wasser den Strand verschlingt, liegen Treibholzstämme und ihre Wurzeln aufgetürmt, dahinter beginnt dichter Wald. Adler ziehen ihre Kreise, die Sonne versinkt orangerot im Meer. Die Kinder laufen vor den Wellen davon, klettern am nächsten Morgen stundenlang im Wurzelgewirr eines Treibholzbaumes. Es fällt schwer, sich von diesem Strand zu trennen. Wie gut, dass wir auf unserem Weg nach Süden noch auf drei weitere solcher Strände treffen, die uns jedes Mal bei ihrem Anblick nach Luft schnappen lassen.

 

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