Vancouver, Teil 2

Nach dem Einzug in „unser“ Haus gucken die Kinder zur Pausenzeit auf den Schulhof gegenüber, werden still. Sie vermissen Schulalltag, möchten ein paar Tage als Gastkinder das hiesige Schulleben schnuppern. Als Timm und ich der Direktorin unsere Geschichte erzählen, kommt noch am selben Tag eine Email: Sie und das Kollegium würden sich sehr freuen, wenn die Kinder ab Morgen in die Schule kommen könnten. Max ist in der ersten/zweiten und Paula und Carl  sind zusammen in der fünften/sechsten Klasse. Während Max seiner Lehrerin in den ersten Minuten ein „High Five“ gibt und an ihrer Hand im Klassenzimmer verschwindet, sind Carl und Paula am Anfang etwas schüchtern. Ich lunger noch ein bisschen im Flur herum, um sicher zu gehen, dass es ihnen gut geht. Aus dem Lautsprecher hallt „Heal the world“ von Michael Jackson, im Anschluss macht ein Kind die Ansage für den Tag, gibt Anregungen, was jeder tun könnte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das Motto zieht sich durch die ganze Schulwoche, wird in fast jedem Fach aufgegriffen. Jeden Morgen läuft die gesamte Schüler- und Lehrerschaft ( ja auch die Direktorin!) Drei Runden um den Sportplatz, um danach stillsitzen zu können. Während der ersten 7 Schultage findet für alle Kinder ein Trommelworkshop statt, sie lernen die verschiedensten Rhythmen aus allen Teilen der Welt. In einer anderen Woche klingt morgens John Lennons „Imagine“ aus dem Lautsprecher, Es ist die Woche des Remembrance Day, (11.11) in der die Kanadier ihrer gefallenen Soldaten gedenken. Anders als der Volkstrauertag in Deutschland, hat der Tag in Kanada für alle vom Schulkind bis zum Großvater eine große Bedeutung. Auf den Leuchtschildern der Busse sind keine Linienangaben mehr zu finden, sondern der Schriftzug „Lest we forget“, jeder trägt am Revers, an der Mütze oder am Schulrucksack eine rote Mohnblüte aus Filz. In der mit roten Mohnblumen geschmückten Turnhalle unserer Schule findet eine Gedenkfeier statt, zu der auch wir Eltern eingeladen werden. Die kanadische Nationalhymne wird inbrünstig gesungen, die Kinder tragen Flaggen und verlesen die Namen gefallener Soldaten. Symbolisch legen die Erstklässler rote Mohnblumen nieder, alle zusammen singen „Imagine“, einige Kinder haben geübt, es in Gebärdensprache umzusetzen. Die Kinder sollten weiße T-Shirts tragen und dunkle Hosen, Max besitzt nur ein einziges weißes Hemd: Sein Deutschland Trikot. Als er an der Reihe ist, die Mohnblume für die gefallenen Soldaten der letzten beiden Weltkriege niederzulegen, wünsche ich mir von ganzem Herzen, ihm an diesem Morgen das Anziehen nicht selber überlassen zu haben.

So schüchtern Carl und Paula an ihrem ersten Schultag waren, so schnell leben sie sich in den folgenden Tagen ein. Zu Beginn hatten wir nur nach 2 Schulwochen gefragt, am Ende sind daraus fast vier Wochen geworden. Unser Homeschooling Programm setzen wir in dieser Zeit aus, um die Kinder nicht zu stressen. Im Vordergrund steht, dass sie Englisch sprechen und Kontakte knüpfen. Wenn wir die Kinder morgens zur Schule bringen, begrüßen uns Lehrer, Kinder und Eltern, jeder hat Zeit für ein paar Worte. Es ist, als gehören wir schon immer dazu. Carl kommt nach der Schule nur noch schnell nach Hause, um seinen Rucksack abzuliefern, verschwindet dann mit seinen neuen Freunden. Paula hat sich mit fast allen Mädchen der Klasse angefreundet, bei einer ihrer Freundinnen entsteht daraus eine Familienfreundschaft. Schon in kürzester Zeit ist es für sie und Carl absolut kein Problem mehr, dem Unterricht auf Englisch zu folgen, nur Max kann noch nicht alles richtig verstehen- ein Problem hat er damit nicht. Während die Schule für die Kleinen eine rundherum positive Erfahrung ist, sie sich aufgehoben, angenommen und geborgen fühlen, ist die Schule für Lotta zu Beginn ein Spießrutenlauf.

Auch an ihrer Schule, der Kitsilano High werden wir mit offenen Armen aufgenommen. Es ist eine riesige Schule, allein in Lottas Jahrgangsstufe sind 250 Schüler. Anders als in Deutschland wird hier nicht im Klassenverband, sondern im Kurssystem unterrichtet. Die Schüler suchen sich je nach Interessenlage ihre Kurse aus. Lotta belegt Mathe, Naturwissenschaften, Englisch, Graphic Arts, Sport, Erdkunde, und Kochen. Sie trifft in jedem Kurs neue Schüler, es ist fast unmöglich, in den paar Wochen die ihr bleiben jemanden genauer kennenzulernen. Der amerikanische Highschool Albtraum, den sie sonst nur aus Netflixserien kennt, wird plötzlich sehr real: am Mittagstisch alleine zu sitzen. Und trotzdem geht sie jeden Morgen wieder mutig durch das riesige Schultor und muss tatsächlich schon sehr bald nicht mehr allein sitzen. Sie schließt sich einer Gruppe deutscher Austauschschüler an, für die es ebenfalls nicht einfach ist, in dieser riesigen Schule Freunde zu finden. Zu sehen, wie tapfer sie sich der Situation stellt, wie sie sich nicht entmutigen lässt, nicht klein beigibt, über sich selber hinauswächst, macht uns unglaublich stolz.

Außer Brandschutzübungen werden an ihrer Highschool regelmäßig Amok- und Erdbebenübungen durchgeführt. Die Schule, ein erdbebensicherer Neubau (2017 für $62 Millionen umgebaut) verfügt über mehrere Panikrooms, die die Schüler bei einem Amoklauf aufsuchen sollen. Vancouver liegt, wie auch Seattle, an der Cascadia Subduktionszone, ein Graben der sich von Nordkalifornien über Oregon und Washington, über Seattle bis nach Vancouver zieht. Seit Jahrhunderten steht die ganze Region unter extremer Spannung und Wissenschaftler rechnen mit einem Erdbeben von über 8,0 auf der Richterskala. Wenn „das Große“, „The Big One“ kommt, wird es eine Katastrophe mit fatalen Folgen für viele Tausend Menschen sein. Das Erdbeben wird kommen, so viel ist sicher, nur weiß niemand genau, wann das der Fall sein wird. Darum bereitet man sich vor. Erdbebensicherheit ist in aller Munde. Die Menschen werden dazu angehalten, Lebensmittel und Wasservorräte zu horten, Medikamente und Verbandsmaterial aufzustocken. In den Schulen und Kindergärten werden Sicherheitstrainings durchgeführt. Öffentliche Gebäude, Schulen und Krankenhäuser werden erbebensicher gemacht. Auch das historische Gebäude der Bayview Schule, die Max, Carl und Paula besuchen, soll 2019 den Abrissbirnen zum Opfer fallen, da ein Neubau günstiger ist, als das alte, gemauerte Gebäude umzubauen.

Besonders zwei Fragen haben Paula schon zu Beginn unserer Reise beschäftigt: Wo werden wir Weihnachten sein und- noch viel wichtiger- wo sind wir Halloween? Halloween ist für Paula so wichtig wie Carleval für Brasilianer, schon Monate im Voraus plant sie meistens ihr Kostüm. Nun in Vancouver zu sein, ein Haus zu haben, dass wir schmücken können, Freunde zu haben mit denen man um die Häuser ziehen kann und vor allem Zeit, sich um das Kostüm zu kümmern sind wie ein 6er im Lotto. Halloween ist in Kanada GROSS. Schon Wochen vorher entstehen überall Popup Stores für Kostüme und Dekorationen, die Häuser und Vorgärten werden geschmückt. Unsere Nachbarn verkleiden den gesamten Vordereingang mit Alufolie zu einem Gigantischen Raumschiff, lebensgroße Dinos werden aufgestellt, die Vorgärten umgegraben, damit es aussieht wie ein frisch aufgeschüttetes Grab. Es ist völlig normal in den Tagen vor Halloween im Berufsverkehr neben einem Mann im Designeranzug und Skelettmaske zu stehen oder im Supermarkt hinter einer Frau, die als Blume verkleidet Schwierigkeiten hat, die Blütenblätter ihres Kopfschmuckes durch die Gänge zu navigieren. An der Schule der Kinder veranstalten die Elternvertreter eine Halloweenparty, zu der ganze Familien als Superherofamilien erscheinen. Die Direktorin ist so gut verkleidet, dass sie niemand erkennt, auf der Tanzfläche umschlingen sich „Milchtüte“ und „Haiangriff“, eine „Gewitterwolke“ verkauft Popcorn. Paula ist selig. Am Halloweenabend ziehen wir mit einer Gruppe Eltern und Kinder durch die überfüllten Straßen, jedes Kind ergattert eine Walmarttüte voller Süßigkeiten, von denen es dann die Hälfte in der Schule für Obdachlosenvereine stiftet (besonders die mexikanischen Chililollies). Anders als in Deutschland kennen die Kinder einen Großteil lokalen Süßigkeiten nicht, viele von ihnen hätte ich sicher niemals gekauft. Tagelang versuchen sie sich gegenseitig die besonders ekeligen Exemplare zu verfüttern, haben einen riesen Spaß. Aus jeder zweiten Haustür schlägt uns ein merkwürdiger Geruch entgegen, wie Paula feststellt. Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist Cannabis in Canada offiziell erlaubt und seitdem liegt ein für uns noch ungewohnter Geruch über der Stadt. Wie Pilze schießen an jeder Ecke Cannabisläden aus dem Boden, manche designt wie Teeläden: Auf einem riesigen Tisch in der Mitte stehen kleine Schälchen, mit verschiedenen Sorten zur Probe. Selbst die Homepage der Stadt Vancouver hat ein Verzeichnis der Cannabis Verkäufer inklusive Google Maps Navigation ( https://vancouver.ca/doing-business/cannabis-retail-dealer-business-licence.aspx ) Am Tag von Halloween kommen alle Kinder verkleidet zur Schule, schnitzen in der Turnhalle Kürbisse. Unseren Kürbissen, die wir schon zwei Wochen zuvor geschnitzt hatten, ist inzwischen in der warmen Herbstluft ein Fell gewachsen. Als ich am Tag vor Halloween versuche, Nachschub zu bekommen, sind die Supermärkte leergekauft. Macht nichts, schnitzen unsere Kinder halt Wassermelonen.

Die Versuchung einfach zu bleiben, ist riesengroß. Uns fehlt es an nichts. Timm hat eine Sauna gefunden, in der er sich zu Hause fühlt. Anders als in Deutschland trägt man hier in Saunen Badehose und vielleicht ist das der Grund, warum die Leute weniger Berührungsängste haben. Man redet miteinander. Jedes Mal kommt Timm mit Geschichten nach Hause, ist aufgeladen und glücklich. Wir kaufen Tennisschläger und einen Volleyball secondhand, Timm gibt den Kindern Tennisunterricht und beim Volleyballspielen durchlebe ich dieselbe Schmach wie damals in der Schule. Lotta spielt Gitarre, die Jungen Fußball und Frisbee, ich nehme meine tägliche Yogapraxis wieder auf. Jeden Tag sind wir mit dem Fahrrad unterwegs. Der Baum vor unserer Haustür wird immer lichter, inzwischen dringen die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach bis ins Wohnzimmer. Nicht mehr lange, dann ist der Winter da. Sehnsuchtsvoll blickt Timm auf die Bergkette der Northshore Mountains. Sobald der erste Regen fällt, werden die Gipfel überzuckert sein und dann dauert es nicht mehr lange, bis die Skisaison startet. Vancouvers Lage ist absolut einzigartig. Direkt vor den Toren der Stadt liegen die Skigebiete Grouse Mountain, Cypress Hill (Austragungsort 2010) und Mount Seymour. Bei der Talfahrt blickt man auf den Pazifik und auf Downtown Vancouver. Whistler, angeblich Nordamerikas schönstes Skigebiet und Hauptaustragungsort der Olympischen Winterspiele 2010 ist 2 Autostunden entfernt. Die Vorstellung jedes Wochenende ohne viel Aufwand, ohne ein Hotel oder eine Ferienwohnung buchen zu müssen, Ski fahren zu können ist sehr verlockend. Unser Vermieter würde uns das Haus dauerhaft vermieten, die Kinder in den Schulen unterzubringen wäre auch kein Problem, wir müssten nur ein offizielles Studentenvisum beantragen. Alle Türen sind weit geöffnet, vom Gefühl her würden sowohl Timm als auch ich nichts lieber machen.

Und doch packen wir Mitte November unsere Habseligkeiten zusammen und rollen ein letztes Mal schwarz rauchend durch unser liebes Kitsilano. Mein Herz fühlt sich so schwer an wie vor fast genau 5 Jahren, als wir, den Tafelberg im Rücken unser Leben in Kapstadt zurückließen. Wie damals werden wir auch dieses Mal ein kleines Stückchen des Weges von lieben Freunden begleitet. Mit der Familie von Paulas Freundin Mila wollen wir noch ein Wochenende campen fahren, uns gebührend von Kanada verabschieden bis es am Dienstag weiter geht in Richtung USA. Unser Ziel ist ein kleiner von First Nations geführter  Campingplatz  in der Nähe von Pemberton, an dem heiße Quellen an die Oberfläche sprudeln.

Trotz  der eisigen Kälte rinnen mir Schweißperlen über die Stirn. Seit mehr als zwei Stunden sitze ich im leicht schwefeligen Wasser, blicke durch den Dampf in die Gesichter von Amy, Billy und Timm. Sie sind nur ganz leicht vom Schein der Teelichter erleuchtet. Über uns blinken tausende Sterne, von den Becken, die etwas abseits liegen, klingt das Lachen der Kinder. Ich bin tieftraurig und glücklich zugleich. Glücklich über den Moment, todtraurig, dass das bald Vergangenheit sein wird. Ich fühle mich, als würde ich eine große Liebe aus Vernunftsgründen verlassen.

 

Kanada

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