Vancouver, Teil 1

Jedes Jahr wählt das britische Nachrichtenmagazin „ The Economist“ aus 140 Städten die lebenswerteste Stadt der Welt. Die letzten Jahre waren es jeweils 3 australische und 3 kanadische Städte, die in den Top Ten landeten. Vancouver ist meistens unter den ersten fünf.

Was macht diese Städte so reizvoll? Ihre Attraktivität wird nach einem Index berechnet, der insgesamt 40 Faktoren, u.a. Verkehrssituation, Freizeit- und Kulturangebote, Sicherheit (Attraktivität als potentielles Terroristenziel zu dienen, Kriminalität), Ausbau des Kommunikationsnetzes, etc. berücksichtigt. Was also macht Vancouver so besonders? Es ist wunderschön- und wahnsinnig teuer haben wir gehört. Nach New York und LA ist Vancouver der drittwichtigste Standort der amerikanischen Filmindustrie, wird auch „Hollywood North“ genannt. Der Hafen exportiert mehr Güter als jeder andere in Nordamerika, die Winter sind mild für kanadische Verhältnisse, die Sommer mit durchschnittlich 22-26 Grad eher kühl und der Rest des Jahres verregnet. Als Finanzzentrum rangiert Vancouver auf Platz 15 der weltweit wichtigsten Städte. 2010 wurden hier die Olympischen Winterspiele ausgetragen. Das ist unser Kenntnisstand, als wir mit Roger durch die ersten Hochhausschluchten rollen, vorbei am Trump Hotel, einem der höchsten Gebäude Vancouvers. Fängt ja gut an.

Unsere Airbnb Unterkunft liegt im Stadtteil Kitsiliano, der in den 60 gern, ähnlich wie San Franciscos Haight-Ashbury ein Hippiehangout war. Kits, wie er liebevoll genannt wird, erinnert uns mit den farbenfrohen Holzhäusern und den breiten, von riesigen Bäumen beschatteten Straßen an Halifax. Unser Haus liegt genau gegenüber einer Schule, mit großem Fußballplatz, auf dem Kinder und Hunde hinter Bällen herjagen.

Es dauert ewig, bis wir endlich all unsere Habseligkeiten von Roger ins Haus verfrachtet haben, immer wieder bleiben Nachbarn stehen, heißen uns willkommen, fragen uns über Roger aus. Seit Halifax sind wir zwei Monate, genau 59 Tage ununterbrochen unterwegs gewesen, fühlen uns von der Größe des Hauses erst einmal erschlagen. Die Jungen teilen sich ein Zimmer, die Mädchen ein anderes, es gibt zwei Bäder, ein großes Wohnzimmer (mit Netflix) eine Küche, in deren Kühlschrank ich Essen für 4 Wochen unterbringen könnte. In den ersten 2 Tagen sind Waschmaschine und Trockner im Dauereinsatz. Jedes Handtuch, die Kleidung, die Bettwäsche, jedes Stückchen Stoff in Roger wird vom Rauchgeruch befreit. Wir räumen Roger auf, entfernen Schimmel, der sich aufgrund der ständigen Feuchtigkeit an einigen Stellen gebildet hat, Timm repariert ein paar Kleinigkeiten, macht einen Ölwechsel, baut einen zusätzlichen Schrank unter unserem Bett ein. Seit wir mit Gigi unterwegs waren, hatte Lotta schreckliche Sehnsucht nach einer Gitarre und die braucht nun ihren Platz. Auf Vancouver Island hat der Scheibenwischermotor der ständigen Belastung nicht mehr standhalten können, hatte schlapp gemacht. Aus Deutschland bekommen wir ein Paket mit Ersatzteilen und ein paar Dingen, die wir vermisst haben. Weil uns die viele Aufmerksamkeit die Roger bekommt, manchmal ein wenig anstrengend wird, besonders wenn wir am Morgen unterrichten, haben wir Roger mit dem Link zu unserem Blog und der Instagram Seite beklebt. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich das will, habe Angst, dass ich mich eingeschränkt fühle, wenn uns plötzlich jeder googeln kann. Wenn man unbedingt eine Macke an Roger finden möchte, dann ist es die Tatsache, dass er in einer Minute ungefähr so viel Rauch produziert, wie Helmut Schmidt in einem ganzen Monat. Während man Helmut Schmidt das nie übel genommen hat, trifft Roger diesbezüglich doch oft auf Widerstände. Könnten wir unserer Rauchwolke einfach davonfahren, wäre das kein Problem. Dummerweise aber müssen wir den Motor eine Weile im Stand laufen lassen, bis sich genug Druck auf den Bremsleitungen aufgebaut hat. Irgendwann sind uns Rogers grauen Rauchwolken so peinlich, dass wir beschließen, auf das Fahrrad umzusteigen. Wie sonst überall, sagt man uns auch in Vancouver, dass das Wetter außergewöhnlich ist für diese Jahreszeit. Nachdem es den ersten Tag ein wenig genieselt hat, werden wir bald mit dem schönsten Indian Summer belohnt, den Vancouver seit langem gesehen hat. Normalerweise regnet es hier an 166 Tagen im Jahr. Roger bleibt stehen, wir fegen nur ab und zu die Solarzellen auf dem Dach, damit wir weiterhin unsere Computer mit den deutschen Steckern laden können.

Jeder Zipfel von Vancouver ist bequem mit dem Fahrrad zu erreichen, 170 km Fahrradwege durchziehen die Stadt, die Autofahrer sind extrem rücksichtsvoll und geduldig, lächeln wenn wir wie eine Entenfamilie in Reihe den Bürgersteig blockieren. Am Strand von Kitsilano sitzen wir auf Treibholzstämmen und beobachten die Beachvolleyballspieler, lauschen den Trommlern, blicken auf die imposante Skyline Vancouvers hinter der sich die Gipfel der Northshore Mountains erheben.

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Auf der Promenade finden sich Musiker auf einer Bank zusammen, improvisieren, Jogger laufen auf der Stelle, um zuzuhören, Kinder tanzen. Vancouver hat 11 Stadtstrände, einer schöner als der der andere. Am Wreck Beach ist, für Nordamerika ungewöhnlich, textilfrei erlaubt.

Auf Granville Island schlendern wir durch die Markthallen, nehmen ein Wassertaxi, fahren nach Downtown, bewundern den Mix aus alten und neuen Gebäuden, essen Lavendeleis.

Im Science Center, einem interaktiven Wissenschaftsmuseeum spielen die Jungen am Computer Spermienrennen und lernen nebenbei dass männliche Samenzellen schneller, Mädchen aber zäher sind und was einer kleinen Spermazelle so alles passieren kann, auf dem gefährlichen Weg zum Ziel. Mentale Stärke messen wir beim Mindpingpong, wo man durch reine Gedankenkraft einen Pingpongball in das Feld des Gegners schieben muss. Wir versuchen uns gegenseitig den Herzschlag, der mittels einer Trommel hörbar gemacht wird, durch Liebeschwüre zu erhöhen, schauen Kakerlaken bei der Eiablage zu.

Nach San Francisco befindet sich in Vancouver das weltweit zweitgrößte Chinatown. Wir bummeln durch die Geschäfte, trinken Grüntee und essen YumCha und gebratene Nudeln. Im Aquarium lernen wir, wie verheerend sich Mikroplastik auf die Weltmeere auswirkt, dass die Fussel von Synthetikkleidung aus dem Wasser der Waschmaschine ein riesen Umweltproblem darstellen. Carl nimmt sich vor, auf unserer Reise jeden Strand sauberer zu verlassen als er ihn vorgefunden hat, seitdem tragen wir immer einen Müllbeutel bei uns.

Zwischen Chinatown und Gastown gruseln wir uns kurz, als der Geruch von Bratreis plötzlich übertüncht wird von einem stengen Fäkalgeruch, wir gezwungen werden, in die Welt von Armut und Obdachlosigkeit einzutauchen. In Gastown werden wir in die Geburtszeit von Vancouver City ins späte 19.Jh versetzt. Auf dem Sonntagsmarkt in Kitsilano kaufen wir Roggenbrot, essen Sweetsmoked Salmon, den uns unser Vermieter schenkt, der hier einen Fischstand hat. Wir trinken Ingwerlimonade und schauen der lokalen Quidditch Mannschaft beim Training zu. Im Museum of Antropology lernen wir die Kultur der First Nations kennen, Paula designt ihren eigenen „Totemteller“. Wir legen eine vegetarische Woche ein, aus der für mich zwei Monate werden.

Ich bin kein Stadtmensch. In Vancouver ist das nicht wichtig. An jeder Ecke kann ich getrost vergessen, dass ich mich in einer Millionenstadt befinde. Vancouvers Herz ist grün: Auf einer Insel, direkt angrenzend an Downtown liegt der 405 Hektar große Stanley Park, von dem ein Großteil aus dichtem Regenwald besteht, von 200km Spazierwegen durchzogen. Spielplätze und Grünflächen, Gemeinschaftsgärten, begrünte Fassaden, Bäume auf Hochhausdächern, Parks und waldgesäumte Strände, überall Natur.

Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt in diesem Sommer unter einer dichten Rauchdecke lag, weil in der ganzen Provinz verheerende Brände gewütet haben, oder es liegt es daran, dass der Herbst sich von seiner schönsten Seite zeigt, aber jeder scheint das Bedürfnis zu haben, draußen zu sein. In den Parks werden Slacklines aufgespannt, von den öffentlichen Tennis- und Basketballcourts hallt der Klang springender Bälle, an den Turnstangen trainieren Männer mit imposantem Muskeltonus, eine Oma fährt mit Billy Jean von Michael Jackson auf der Boombox Inliner. Auf dem Meer drehen Kitesurfer ihre Runden, jemand fährt mit zusammen mit seinem Hund Kanu, eine Frau übt Handstand im Sand, eine andere Frau tanzt zur Musik aus ihrem Ipod Ballett.

Jeden Abend übt ein alter Mann auf dem Schulhof gegenüber Einrad fahren, eine Mama springt zu Eminem in hohem Dezibelbereich auf dem Trampolin ihrer Kinder- und die Nachbarn lächeln. Wenn ich am Morgen auf den Treppenstufen vor der Eingangstür meinen Morgenkaffee trinke, kommen die Nachbarn oder der Postbote auf einen Plausch vorbei. Zusammen harken wir das Laub von den Bürgersteigen, leihen uns gegenseitig Werkzeug oder stellen die Mülltonnen des jeweils anderen nach der Leerung zurück. Man achtet aufeinander, behandelt sich freundlich, geht mit offenen Augen durch die Welt. Anders als in vielen Großstädten, die ich bisher kennengelernt habe (außer Calgary), scheint hier nicht jeder seinen eigenen Film zu fahren, zwanghaft zu versuchen, sich irgendwie von der Masse abzuheben. Wenn die Kinder den Slacklinern zusehen, winken diese sie heran, damit sie es auch einmal probieren. Die muskelbepackten Turner heben Carl hoch, damit er die Stange erreichen kann, ein Mann an der Supermarktkasse schenkt mir vier Dollar, als ich zu wenig Geld in der Tasche habe. Der Busfahrer läßt uns umsonst mitfahren, weil er kein Wechselgeld hat, Eltern laden uns zum Abendessen oder Kaffeetrinken ein, der Schuhverkäufer googelt für uns den Busfahrplan. Niemand ist laut oder überdreht, alle wirken irgendwie wie frisch von einem Yogaretreat gekommen: Entspannt, unaufgeregt, im Reinen mit sich und allem, höflich, nachsichtig, aufmerksam, voller Freude am Leben. Wir wissen nun, warum Vancouver trotz der astronomischen Immobilienpreise eine der lebenswertesten Städte der Welt ist.

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