Banff National Park

Dramatische, ungezähmte Wildnis hatte der Lonely Planet versprochen, Einsamkeit, das hatte ich mir versprochen. Ich habe uns campend an einem tosenden Fluss gesehen, Bären und Elche auf der anderen Seite, Timm mit seiner Angel am Flussufer, die Kinder bis zu den Knien im Wasser um einen Staudamm zu bauen. Über uns türmen sich die Gipfel der Rocky Mountains, blauer Himmel und Sonnenschein.

Die Realität allerdings sieht anders aus. Zwar stehen wir an einem Fluss, allerdings in 3. Reihe mit ungefähr 10 gemieteten Wohnmobilen, die alle zu einer Gruppe gehören. Deutsche Mittfünfziger, wahrscheinlich ein Kegelclub auf großer Tour. Hätte das schlechte Wetter sie nicht überrascht, würden sie T-Shirts tragen auf denen „Kanada 2018- Keine Termine und leicht einen Sitzen“ steht. Mit ihrem wahrscheinlich 5. Sundowner in der Hand stehen die Herren um Roger herum, übertreffen sich gegenseitig mit Tiefsinnigkeiten. Es ist saukalt, die Pfützen überzieht eine dünne Eisschicht und die Gipfel der Rockies verschwinden im betongrauen Nebel. Es wird schneien heute Nacht.

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Heute sind wir mit Horden anderer Touristen durch die südlichen Gebiete des Nationalparks gefahren, hatten den berühmten Lake Louise besucht. Er ist DAS Wahrzeichen des Banff Nationalparks: Ein fast unnatürlich blauer See, der von Gletscherwasser gespeist, malerisch vor der Kulisse der imposanten Berge liegt. Wir hatten gewußt, dass dort viele Touristen sein würden, fühlten uns aber fast erschlagen von der Anzahl, versuchten den Massen zu entkommen, indem wir einen vereisten und verschneiten Weg zu einem Aussichtspunkt wanderten von dem aus wir dann auf den See und leider auch auf einen überdimensionierten Hotelkomplex blicken konnten. Ganz objektiv ist die Landschaft wunderschön, dennoch bin ich enttäuscht. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet, fühle mich wie in einem Disneyland für Bergtouristen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich das wissen müssen. Banff und Jasper sind in aller Munde und das ist oft ein Zeichen dafür, dass wir uns dort nicht wohl fühlen werden.

Banff wurde 1885 gegründet, ist der älteste Nationalpark Kanadas. 1984 wurde er zusammen mit den benachbarten Parks Jasper, Yoko und Kootenay als Teil der Canadian Rocky Mountain Parks zum Welterbe erklärt. Er ist Lebensraum vieler teils bedrohter Tierarten wie z.B. einer 2017 ausgebildeten Bisonherde, aber auch von Coyoten, Grizzlys, Wölfen, Luchsen, Bergziegen und Schwarzbären. Im Park befinden sich drei Skigebiete, sodaß der Tourismus sich nicht nur auf die Sommermonate beschränkt. 5 Millionen Besucher jährlich bedeuten erhebliche Einschränkungen, die auf Kosten des Naturschutzes gehen. Der Trans-Canada Highway sowie eine Eisenbahnlinie führen durch den Park, bedrohen zusätzlich Natur und Tiere. Wildnis hatte ich mir anders vorgestellt. Ich nehme mir vor, in Zukunft keine Erwartungen mehr zu hegen, um nicht enttäuscht zu werden, aber auch um den Orten gegenüber nicht ungerecht zu urteilen. Die Kinder allerdings sind glücklich, toben durch den Schnee, machen eine Schneeballschlacht, bauen einen Schneemann. Wie so oft bin ich gerührt von der Tatsache, dass sie jeder Situation etwas Positives abgewinnen, das Beste aus dem machen, was der Tag ihnen bietet. 

Früh am Morgen wache ich auf. Ein Blick durch die Gardine verrät, dass die Kegler noch alle schlafen, die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Es ist kalt. Obwohl Timm heute nacht mehrmals aufgestanden ist, um Holz nachzulegen, steigt mein Atem in kleinen Wölkchen in Richtung Dachfenster. Wir stehen auf, Timm macht Feuer. Als ich den Wasserhahn aufdrehe um Kaffee zu kochen, röhrt zwar die Wasserpumpe, aber kein Tropfen kommt. Die Leitungen sind eingefroren, und das obwohl Timm erst vor  zwei Stunden den Wasserhahn hat laufen lassen um genau das zu verhindern. Mit einem Topf bewaffnet gehe ich runter zum Fluss, um Wasser zu holen. Es muss sehr kalt gewesen sein heute Nacht. Die Steine am Flussufer sind von einer dicken Eisschicht überzogen, das Dach des Klohäuschens ist von Eiszäpfen gesäumt. Der Himmel allerdings ist klar, verspricht zumindest einen sonnigen Tag. Heute wollen wir den Icefield Parkway fahren, einen der höchsten und angeblich spektakulärsten Verpasse Nordamerikas. Er verbindet die Parks Banff und Jasper, soll an Gletschern, Gletscherseen, durch Flusstäler führen und atemberaubende Blicke auf die Gipfel der Rocky Mountains bieten. Gestern hatten wir eine Gruppe junger Deutscher getroffen, die acht Tage in den Rockies waren und nicht ein einziges Mal einen Gipfel zu Gesicht bekommen haben. Dass heute keine Wolke am Himmel steht, wollen wir nutzen, wecken die Kinder, frühstücken schnell und lassen die Schule ausfallen, um jeden Sonnenstrahl zu nutzen.

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Ich könnte heulen vor Wut! Die Sonne beglitzert die schneebedeckten Bergspitzen, die Kinder sind fertig angezogen und freuen sich auf die Fahrt. Wir sind früh fertig, bereit den Tag zu nutzen und nun stecken wir fest, können nicht losfahren. Roger baut keinen Druck in der Kompressoranlage auf, die Ventile sind eingefroren. Unter den hämischen Blicken des Kegelclubs schraubt Timm an Roger, ich mache nun doch mit den Kindern Schule um die Zeit irgendwie zu nutzen. -15 Grad sollen es heute Nacht gewesen sein, sagt uns ein benachbarter Wohnmobilfahrer, der als Einziger von allen fragt, ob er uns irgendwie behilflich sein kann. Nachdem wir mehrere Töpfe kochendes Flusswasser über die Ventile gegossen haben, sind sie endlich aufgetaut, bauen Druck auf und wir können starten.

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Und dieses Mal bin ich nicht enttäuscht! Zwar finden auch wir entlang des Highways immer wieder Trauben von Touristen, haben aber schnell raus wie wir ihnen entgehen. Wir entdecken unseren ganz eigenen kleinen tiefblauen Gletschersee, machen ein Picknick an seinem Ufer. Wir sehen einen Bären, in der Ferne zwar, aber ohne Autoschlange mit fotografierenden Touristen, wir bestaunen wie  die Gipfel der schneebedeckten Berge in der Sonne glitzern, blicken über weite Flusstäler, hören und sehen Wasserfälle rauschen und bewundern den Althabasca Gletscher und die umliegenden Eisfelder, können nicht fassen wie wunderschön dieser Flecken Erde ist. Vielleicht, ganz vielleicht mussten wir erst ernüchtert werden, um wieder frisch und unvoreingenommen urteilen zu können…

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2 Gedanken zu „Banff National Park

  1. Hallo Michaela,
    als Co Autor deines Reisebericht möchte ich nicht in Erscheinung treten, aber bei dem letzten Bericht juckte es mir einfach in den Fingern. Dein Erstaunen über den Tourismus am Lake Louise, ihr ward noch nicht im Juli – August dort, ist vergleichbar mit dem eines Amerikaners, dass er am Schloss Neuschwanstein nicht auf Cinderalla trifft. Der Lake Louise ist nun mal das Neuschwanstein Kanadas und der Bannff – Jasper Nationalpark, mit dem Icefield Parkway, ist wohl auf der Welt einzigartig mit der geballten Pracht und Vielfalt an Naturschönheiten auf so engem Raum. Natürlich will das jeder sehen. Was deine Erwartungen, im ersten Abschnitt anbetrifft, dieses ist weiter nördlich hundertfach an zu treffen, obwohl zu dieser Jahreszeit, vielfach schwer, wenn nicht sogar unmöglich, zu erreichen.
    „Der Reisende zerstört, was er sucht, in dem er es findet.“ Das gilt vor allen für den Alternativ Tourismus, den wir beide sicherlich bevorzugen. So gesehen ist der Lonely Planet sicherlich einer der größten Umweltzerstörer auf unserem Planeten. Schau dir mal https://www.zuhause-im-wohnmobil.de/kanada-alberta/ oder https://diepauls.wordpress.com/ von Jens und Jana, die ihr in Halifax getroffen habt und die wir sporadisch auf einem Teil der Strecke, begleitet haben, an. Ehrliche und ungeschönte Berichte, hier findet ihr sicher das was ihr sucht. Ich kann euch leider nicht damit dienen, Blogs zu schreiben ist nicht mein Ding, ich bin da eher ein Schmarotzer der Infos aufsaugt und sie nicht an die große Glocke hängt. Deshalb bin ich umso mehr dankbar für eure und andere Berichte, die mir schon viele schöne Stunden und Plätze beschert haben. Sei mir bitte nicht böse über so viel harte Worte.
    Liebe Grüße Jochen

    • Lieber Jochen! Natürlich bin ich nicht böse, vielen Dank für Dein Feedback. Wir waren schrecklich naiv, in Banff Einsamkeit finden zu wollen, wobei auch das sicher möglich ist, wenn man z.B. im backcountry wandert. Wir selbst waren ja nur auf dem Touristenhighway unterwegs, sind selbst auch Touristen. Von daher hast Du recht, wir waren tatsächlich der Amerikaner in Neuschwanstein . Liebe Grüße

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