Jasper National Park

Im Rhythmus der Wanduhr fallen Tropfen von unserem Dachfenster. Eiskalt drippelt es in mein Gesicht. Ich liege eingekeilt zwischen dem Fenster, von dem ebenfalls das Wasser läuft und die Decke in meinem Rücken völlig durchweicht hat, und Timm. Ich versuche mich nicht zu bewegen, möchte ihn nicht wecken, nachdem er die halbe Nacht wach war, um immer wieder Holz nachzulegen. Es ist kalt draußen und sobald der Ofen abkühlt, schlägt sich das Kondenswasser an den Fenstern nieder, läuft in unsere Betten. Wir wollten keine Klimaanlage und keine Heizung, haben uns bewußt dafür entschieden, unsere Ausstattung möglichst simpel zu halten. Das haben wir nun davon. Draußen hat es wieder geschneit, die Bäume und der Waldboden sind mit einer Puderzuckerschicht überzogen, der Himmel ist grau. Ich drehe den Kopf zur Seite, damit die Tropfen in den Nacken rinnen, da kann ich es, da der Rücken schon nass ist, eher vertragen als im Gesicht und verfluche den noch frischen Tag.

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Auch den Kindern fällt heute das Aufstehen nicht leicht. Um die Jungs aus dem Bett zu bekommen, hält Timm ihnen sein Telefon mit Youtube Monstertruck Videos vor die Nase, zieht sie damit wie an einer unsichtbaren Angelschnur aus dem Bett. Sind die Jungen erst einmal wach, steigt der Lärmpegel in kurzer Zeit so sehr, dass auch Lotta, die ansonsten fast jedes Geräusch ausblenden kann, widerwillig die Augen öffnet. Das Grau von draußen kriecht in unsere Gemüter, vergällt uns den Tag schon vor dem Frühstück.

Wenig später sitzen die Kinder mürrisch vor ihren Schulbüchern, der Kamin knistert, die Bäuche sind voller Pfannkuchen und es könnte ganz gemütlich sein, wären da nicht die Sorgen die seit gestern Timm herumtreiben.

Roger hat deutlich an Kraft verloren, kriecht die Berge hinauf. Zeitweise läuft er nur auf 4 Zylindern und rußt schwarz aus dem Schornstein. In den letzten Tagen hat Timm alle möglichen Freunde und Bekannten angerufen und nach Rat gefragt. Unser „Autoflüsterer“ hat ihm geraten, dem  Diesel Zweitakteröl hinzuzufügen, das würde die Injektoren reinigen und dann würde Roger wieder schnurren wie ein Kätzchen. Um nicht erneut von eingefrorenen Leitungen überrascht zu werden, hat Timm das Kondenswasser aus dem Drucksystem geleert. Er hat den Dieselfilter gewechselt, geguckt ob der Turbo Öl zieht, ist noch immer nicht wirklich schlauer. Der Gedanke, dass Rogers Motor nicht so leistungsfähig ist wie wir dachten lastet schwer auf uns. Wie sollen wir mit ihm die Anden bezwingen, wenn er schon in den Rockies schlapp macht? Gerade als die Stimmung am schwärzesten ist, rauscht ein Lichtstrahl in gelber Regenjacke in unser Camp. Die Jungs springen auf, zwängen sich in den Türrahmen. „Gigi, hallo Gigi!“

Gigi und Timm sind sich gestern auf einem Parkplatz kurz begegnet, hatten das übliche kurze Gespräch geführt. Wohin wir fahren, woher wir kommen, was er macht und uns dann einen guten Weg gewünscht. Gespräche, wie wir sie bestimmt 50 Mal am Tag führen. Dieses Mal allerdings war es irgendwie anders gewesen. Obwohl wieder nur Oberflächlichkeiten ausgetauscht wurden, hatte die Begegnung auf Timm einen besonderen Eindruck gemacht. Als wir einige Stunden später Gigi am Tor eines Campingplatzes den weder er noch wir vorgehabt hatten, anzufahren treffen, lade ih ihn kurzerhand zum Abendessen ein.

Gigi ist Anfang 30, arbeitet als Atemtherapeut in einem Krankenhaus in Montreal, im Sommer als Betreuer in Ferienlagern. Er liebt Kinder und Musik, verbindet beides indem er im Krankenhaus mit und für die kranken Kinder singt. Er hat sich nun, nach dem letzten Sommercamp zwei Monate freigenommen, um durch Kanada zu reisen, bevor er beginnen will, sich für die nächste große Etappe in seinem Leben vorzubereiten: Er möchte ein Kind adoptieren. Anders als in Deutschland ist es in Kanada auch Alleinstehenden möglich, ein Kind zu adoptieren. Da Gigi weiß, dass er sich nichts im Leben mehr wünscht als ein Kind und dieses Glück nicht von einer funktionierenden Beziehung abhängig machen möchte, steht er seit 2,5 Jahren auf der Warteliste. Fünf weitere liegen noch vor ihm, bis er sein Baby endlich in den Armen halten wird und die Zeit braucht er, um sein Leben so einzurichten, dass er als alleinerziehender Vater Kind und Beruf miteinander vereinbaren kann. Die letzten Tage hatte er sich etwas einsam gefühlt, war ein wenig trübsinnig gewesen und so war das Treffen mit unserer Familie für ihn genauso ein Glücksfall für ihn wie für uns. Die Kinder brauchen keine 30 Minuten, bis sie ihn in ihr Herz betoniert haben. Gigi bringt Lagerfeuer und Gitarrenmusik, Leichtigkeit und- Tada!!!- LKW Fachwissen in unser Trübsalgrau. Er hat viele Jahre mit John Deere Landmaschinen gearbeitet, kennt sich aus und hilft Timm, einen Plan für Roger zu machen. Entweder, das ist der beste Fall, sind die Dieselinjektoren verschmutzt und müssen gereinigt werden. Es kann allerdings auch sein dass die Kolbenringe oder der Zylinderkopf gebrochen sind, in diesem Falle müssten wir die Zylinder auswechseln und wenn das nicht möglich ist, muss ein neuer Motor her. Uns gelingt es, in 5 Tagen einen Werkstatttermin in Prince George, etwa 200 km entfernt zu bekommen. Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit zusammen mit Gigi im Jasper National Park. Wir gehen im Malignecanyon wandern, essen zusammen, singen am Lagerfeuer, machen eine Schneeballschlacht. Nach nur 2,5 Tagen ist Lottas größter Wunsch wieder Gitarre zu spielen, eine Leidenschaft, die ihr in den letzten Monaten abhanden gekommen ist, und sie beginnt Gigis Muttersprache Französisch doch ein ganz kleines bisschen weniger zu hassen. Es ist nicht einmal mehr schlimm, dass wir inzwischen riechen wie ein Holsteiner Schinken und dass es, wenn der Kamin brennt, aus dem Badezimmerschrank raucht.

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