Ottawa

Es klopft an der Tür. Wir sitzen am Frühstückstisch, und sofort klumpen die Weetbix im Magen. Wir waren gestern Abend ziemlich lange gefahren, in der Abenddämmerung war Timm kurz vor Ottawa auf ein privates, zu verkaufendes Grundstück gefahren. Wir parken ein wenig versteckt hinter Bäumen, direkt an einem Fluß. Timm steht auf, öffnet die Tür. Auf dem Rasen vor der Leiter steht ein Mann, beide Arme in die Hüften gestemmt. „ Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“- Sehr gut, vielen Dank. Darf ich fragen was sie hier tun?“ Timm erklärt, dass wir gestern einen langen Fahrttag hatten, uns die Energie fehlte noch weiter nach Ottawa zu fahren, das wir darum hier übernachtet hätten. Ob das in Ordnung wäre. Grundsätzlich spräche nichts dagegen, er würde nur gern gefragt werden, wenn jemand sein Grundstück betritt. Obwohl freundlich, ist der Mann verärgert, das wird deutlich. Als ihm Timm anbietet, für die Nacht zu bezahlen, sieht er uns entgeistert an. Auf keinen Fall möchte er das. Er sehe uns nun als seine Gäste, wünscht uns einen schönen Tag, eine gute Reise und braust auf seinem Rasenmähertrecker davon. Als wir ihn zwei Stunden später noch einmal treffen, winkt er, als wären wir alte Freunde.

Kurze Zeit später blinken rechts die vertrauten roten Buchstaben eines schwedischen Modelabels. Einigermaßen dezent versuche ich Timm darauf aufmerksam zu machen. Paula hat in  5 Tagen Geburtstag, uns schon vor Wochen mit einer sehr detaillierten Wunschliste plus detailgenauer Zeichnung gebrieft. Sie wünscht sich ein gestreiftes, knielanges Kleid mit kurzen Ärmeln. Blauweiss gestreift soll es sein und unter gar keinen Umständen Rüschen oder Schnickschnack haben. Es muss aus weichem Jersey sein, die Art Jersey, die sich kühl auf der Haut anfühlt und auf gar keinen Fall darf der Stoff nach dem Waschen Knötchen bilden. Und eine Werkzeugkiste mit eigenem Werkzeug, Farben, Nägeln, Kleber, Schnur, Pinseln und einen Stapel eigenes Holz möchte sie haben. Und dann noch eine Überraschung. Timm hat sich schnell die Werkzeugkiste reserviert, an mir hängt nun das Kleid. Die Überraschung hatten wir schon in Liverpool besorgt. Unter einem Dutzend halbherziger Vorwände rollen wir auf den Parkplatz des Shopping-Centers, Timm geht mit Paula in einen Buchladen, ich mit Lotta eine „Hose kaufen“. 

Man könnte meinen, dass ich bei 4 Kindergeburtstagen pro Jahr langsam abgeklärter Profi bin. Fakt ist, dass ich vor jedem Geburtstag wieder Lampenfieber habe. Den Gedanken, ein Geburtstagskind zu enttäuschen kann ich schwer ertragen. Ich kann schon seit Nächten nicht mehr richtig schlafen, weil noch zwei Wünsche unbesorgt  sind. Und es leider, zumindest was meinen Teil angeht, auch heute bleiben. Ich finde kein Kleid. Während Timm und die Kinder unsere Essensvorräte aufstocken, besorge ich heimlich noch ein paar Luftballons, eine Geburtstagskarte, Kerzen und Geschenkpapier. Als ich zum Auto zurückkomme, sitzt Timm mit hängenden Füssen in Rogers Eingangstür. Er sieht aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Um ihn herum stapeln sich die Tüten eines großen Einkaufes. „Was ist los?“ Mein Herz setzt einen Schlag aus, Panik steigt in mir auf. Schlimme Nachrichten von Zuhause, jemand hatte einen Unfall, irgendetwas Fürchterliches ist passiert. 

„Du wirst nicht glauben was mir gerade passiert ist, ich kann es noch immer nicht fassen“ Timm wirkt geschockt. Als er an der Supermarktkasse mit unserer Kreditkarte bezahlen wollte, wurde unsere Visakarte abgelehnt. Er sei dann zurück zu Roger gelaufen um Bargeld und eine andere Karte zu holen. Dort hätte ein älterer Mann mit Arbeitskleidung gestanden, ihn auf Roger angesprochen. Timm hatte ihm entgegnet, dass er wirklich nicht unhöflich sein wolle, aber er müsse zurück in den Supermarkt um zu bezahlen, es gäbe Probleme mit der Visakarte. Auch die andere Karte war nicht lesbar und unser Bargeld reichte nicht aus. Während Timm noch an der Kasse diskutierte, stand plötzlich der Mann neben ihm, zückte sein Portemonnaie und sagte, er übernehme das. Timm wollte das nicht annehmen, wollte einen Geldautomaten suchen, um den Betrag zurückzuzahlen, bot sogar Euros zum Tausch an. Der Mann jedoch zuckte nur mit den Schultern, sagte es sein doch nur $ 70 Dollar. Er würde das sehr gern bezahlen wollen, wünschte uns eine sichere Reise und alles Gute. Und dann verschwand er mit einem Lächeln. Wir kennen nichteinmal seinen Namen, haben kaum mit ihm gesprochen, werden wohl nie die Möglichkeit haben, ihm zu sagen, wie tief uns diese Geste bewegt hat. Mehr als für die Bezahlung unseres Einkaufes möchten wir diesem Unbekannten dafür danken, dass er unseren Kindern ein Beispiel bedingungsloser Großzügigkeit war, das sie nachhaltig beeinflusst hat. 

Mit offenen Mündern saugen wir die Umgebung in uns auf und mit ebenso offenen Mündern werden wir betrachtet. Wir befinden uns in Downtown Ottawa, schieben uns mit Roger durch den dichten Verkehr. Rechts von uns der imposante Prachtbau des Parliament Hill, links verspiegelte Hochhäuser. Ottawa ist grandios! Wir versuchen einen Parkplatz zu finden, möchten unbedingt raus, gucken, Fotos machen. Am Parliament Hill und High Court ist alles abgesperrt, überall stehen Polizisten und Security. Nach eingehendem Blick auf die Karte beschliesst Timm wieder die bewährte Québec Methode anzuwenden: Auf der gegenüberliegenden Seite des Ottawa Rivers befindet sich eine kleine Marina. Von dort könnte man einen wundervollen Stadtblick haben und er führt eine Brücke direkt ins Stadtzentrum. Kaum haben wir den Fluss überquert, fängt Lotta an zu zetern. „Was soll der Scheiss, wieso ist hier schon wieder alles Französisch?“ Vor zwei Tagen hatten wir gefeiert, endlich wieder in englischsprachigem Gebiet zu sein, hatten uns riesig gefreut in der Provinz Ontario angekommen zu sein. Und nun begrüsst uns ein Schild erneut in der Provinz Québec. Ein kurzer Blick in die Karte und ich bin schlauer. Die Provinzgrenze zwischen Québec und Ontario verläuft einmal durch Ottawa, wir befinden uns wieder auf französischsprachigem Boden. Und sofort ist Schluss mit Bilingual. Lotta mault, beruhigt sich erst als wir ihr tatsächlich einen Platz mit phantastischem Stadtblick servieren. Wir campen auf einem Parkplatz direkt am Fluss, fünf Minuten vom Canadian Museum of History entfernt. Als ich auf der Suche nach einem Geldautomaten eine Angestellte um Rat frage, kann sie mir zwar nicht weiterhelfen, lädt mich aber ein, mit den Kindern zurückzukommen. Heute sei Donnerstag und Donnerstags sei der Eintritt von 17 bis 20 Uhr für jeden frei. Donnerstags sei darum immer ein besonders schöner Tag hier. Was wir bestätigen können. Selten hat uns ein Museum so begeistert, sowohl von innen als auch von aussen. Indianischem Glauben zufolge versteckt sich das Böse immer in Ecken, woraufhin das Museum ecken- und kantenlos, stattdessen in wellenförmigen Bögen gebaut wurde. 

Nach einem mässig erfolgreichen Schulmorgen, machen wir uns zu Fuss auf, Richtung Ottawa Downtown. Immer wieder waren wir heute von Passanten unterbrochen worden, konzentriertes Arbeiten war nicht möglich gewesen. Wir hatten vergessen, den Kacktank zu leeren, konnten nun unser Klo nicht mehr benutzen, Max weigert sich mitzukommen, hat „keinen Bock auf scheiss Rumlaufen“. Die Stimmung ist nicht besonders gut. Auf halben Weg über die Alexandrabridge allerdings hat Ottawa uns alle wieder versöhnt. Den ganzen Tag bummeln wir durch die Stadt, lassen uns verzaubern von dem Mix aus amerikanischer Großstadt und europäischer Metropole. Gerne wären wir länger geblieben, ohne Klo  ist das mitten in der Großstadt allerdings nicht so einfach. 

So machen wir uns am Nachmittag auf, fahren wieder raus in die Natur, finden einen fantastischen Platz an einem einsamen Wasserfall, verbringen hier das Wochenende. Die kleinen Kinder bauen kleine Holzboote, Lotta liest, wir wandern, baden in der Strömung, grillen, besichtigen Höhlen, lassen die Seele baumeln. Und endlich sind die Kinder versöhnt mit Timm´s und meiner Entscheidung, die Niagara Fälle von unserer Liste zu streichen. Wir sind uns einig: Lieber einen kleinen Wasserfall allein für uns, als die weltgrössten (was nichtmal stimmt) mit viel Tourigerummel drumherum. 

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