Québec

In dem Moment als wir die Provinzgrenze nach Québec überfahren, ist plötzlich alles anders. Die Straßenschilder sind nicht mehr zweisprachig, sondern rein französisch, an der Tankstelle verstehen uns die Kassierer nicht mehr und statt von dröhnenden Pickups werden wir nun von gediegenen Mittelklassewagen überholt. Carl ist entsetzt, Lotta noch viel mehr. Wenn ich sage, dass Französisch nicht ihr Lieblingsfach ist, untertreibe ich maßlos. Jeder Versuch unsererseits, sie davon zu überzeugen, dass das doch eine super Möglichkeit ist, ihr Französisch aufzupolieren, stößt auf Widerstand. „Papa, gib Gas, ich will hier nicht bleiben“ ist so ziemlich das Einzige, was sie dazu zu sagen hat. 

Als wir am Abend einen kleinen Ferienort am Lake Témisconata erreichen, fühle ich ähnlich wie sie. Alles hier strahlt die gediegene Atmosphäre eines Schweizer Kurortes aus. Auf der Karte des einzigen Restaurants stehen nicht mehr Burger, sonder „Kaninchen in Rotweinsoße“, der See ist nett, aber irgendwie zu zahm, „Arrêt“ ist das meistgelesene Wort. Europa, inklusive französischem Snobismus kommt auf einmal sehr nah, zu nah für unseren Geschmack. Am nächsten Tag nehmen wir die Fahrräder vom Dach, machen eine Fahrradtour am Seeufer entlang. Nur um die Regeln zu brechen, springen wir nackt in den See, fahren weiter in den nächsten Ort, essen in einer Bäckerei „Pain au Chocolat“ und „Brioche“, plaudern mit dem Bäcker, der sich freut, außer Französisch auch mal wieder Spanisch und Englisch sprechen zu können. Auf dem Rückweg haut uns ein wiederwertiger Geruch fast vom Rad- es riecht nach schlimmstem Käse, Gülle und Aas gleichzeitig. Der Ursprung dieses Geruchs ist eine Klopapierfabrik. Ich dachte bisher nur das Lebensende eines Blattes Klopapier sei bedauerlich…

Am St. Lawrence River entlang fahren wir am Nachmittag weiter Richtung Québec,City, schaffen es nur bis Montmagny, 50 km vor Québec. Während Timm und ich diskutieren ob es vertretbar ist, direkt am Fähranleger zu parken und eine Zufahrt zu blockieren, die laut Fahrplan das Wochenende nicht genutzt wird, kommt Lotta zu uns nach hinten. Sie sieht verwirrt aus: 

„Papa, komm bitte nach vorne. Da steht ein Mann, der behauptet er sei mein Onkel.“

Wir brauchen ein paar Sekunden, bis der Groschen fällt, dann ist augenblicklich jede Diskussion vergessen. 

Zum ersten Mal im Leben trifft Timm seinen bis dahin unbekannten Cousin Stefan zufällig an diesem Fähranleger in Canada! Stefan und seine kanadische Freundin Nancy leben abwechselnd in Kanada, Deutschland oder in der Karibik, wo sie sich ein Segelboot ausbauen. Gerade sind sie in Canada, auf dem Weg nach Nova Scotia. Er hatte uns vor ein paar Wochen, als er von unserer Reise erfuhr, kontaktiert, ein Treffen vorgeschlagen. Leider aber lagen unsere Zeitpläne zu weit auseinander und wir mussten absagen. Zufällig waren die beiden früher als erwartet losgefahren, wir waren ein paar Tage zu spät dran und so hatten sie uns zufällig an einer Kreuzung gesehen und waren uns bis zum Hafen gefolgt. Das Schicksal hält sich nicht an Zeitpläne, das scheint unsere Lektion für diese Etappe zu sein. Wir feiern die Familienzusammenführung mit einem gemeinsamen Abendessen und einem Frühstückspicknick, und selbst Lotta kann sich dem Charme ihrer neuen  französisch-kanadischen Großtante nicht entziehen, steht einem französischen Akzent nicht mehr ganz so skeptisch gegenüber. Glücklich über die wundersamen Wendungen des Schicksals und erfüllt von dieser schönen Begegnung fahren wir am nächsten Morgen weiter nach Québec.

Von Jana und Jens hatten wir den Tip bekommen, dass man am Südufer des St.Lawrence River in Levís, direkt am Fähranlegr mit Blick auf Québec campen kann. Wir finden nicht den Platz den sie beschrieben haben, campen stattdessen auf einem Parkplatz direkt an einem kleinen Park, Über den Fluss sehen wir die Lichter der Stadt blinken, die Kinder finden einen Spielplatz samt Wasserspiel unter dem sie freiwillig (!) nach Einbruch der Dunkelheit duschen. Der Gemeindepark scheint fast ausschließlich von freundlichen Menschen bevölkert zu sein. Verschwunden sind all die „Ârret Schilder“ stattdessen nur noch Einladungen, den Park und seine Infrastruktur zu nutzen. Am Abend kommt die Polizei, will gucken ob bei uns alles ok ist, einige der Nachbarn und Mitglieder des Kleingartenvereins schauen auf einen Plausch vorbei. Wir holen die Fahrräder vom Dach, fahren am nächsten Tag zum Fähranleger, von wo uns die Fähre in 10 Minuten nach Québec City schippert. 

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Der Anblick der Stadt vom gegenüberliegenden Ufer ist imposant. Über allem thront das Château Frontenac, das angeblich meist fotografierte Hotel der Welt. Dort wo heute  Québec City steht, befand sich 1535, als der erste Franzose dort landete, ein Dorf. In der Sprache des dort ursprünglich lebenden Stammes bedeutet Siedlung „kanata“, worauf sich der heutige Name der Nation bezieht. Die Altstadt hat Weltkulturerbe Status, für eine junge Nation wie Kanada ein Aushängeschild. 

Ein Labyrinth aus engen Gässchen windet sich malerisch durch charmant begrünte Häuser. Eine Postkartenidylle, ein Café neben dem nächsten, Stühle auf den Bürgersteigen, ein buntes Gewusel aus Straßenkünstlern, Kunstgalerien und Souveniershops, die T-Sirts mit Kanadaflagge oder den Vollmond anheulenden Wölfen verkaufen. Die Straßenkünstler akzeptieren Visa und Bitcoins, 6 mal zwei Kugeln Eis kosten $ 40 plus 10% Tip. Wir quetschen uns mit Menschenmassen durch die Straßen, müssen aufpassen uns nicht zu verlieren. Es ist hübsch, zu hübsch um wirklich Eindruck zu hinterlassen. Wir fühlen uns von einem riesen Touristenmagnet lahm gelegt, sind froh, als wir wieder auf der anderen Seite des Flusses im friedlichen Levís ankommen. 

„Wie, die sprechen kein Französisch, das kann doch nicht sein, alle Deutschen sprechen Französisch, sowas…kein Französisch!“ Ich sitze in einem kleinen Behandlungsraum im Krankenhaus von Levís, warte darauf, endlich von einem Arzt empfangen zu werden. Seit 4 Stunden bin ich mit Lotta in der Notaufnahme, habe mich durch das komplizierte Aufnahmeverfahren gekämpft. Erst Registrierung, dann Anmeldung, dann Bezahlung, dann Terminvergabe und nun endlich sitze ich Behandlungszimmer, höre durch die geschlossene Tür das Gespräch des zuständigen Arztes mit seiner jungen Kollegin. Bisher dachte ich immer mein Französisch sei ganz passabel, aber hier in diesem Krankenhaus stoße ich an meine Grenzen. Das ist nicht das Französisch, was ich gelernt habe und niemand hier versteht Englisch. Wie kann das sein, in einem bilingualen Land? Die junge Ärztin, die dann kommt, spricht Englisch, kann Lotta weiterhelfen. Es ist nichts Bedrohliches, aber da man in Kanada immer eine Überweisung haben muss, um zu einem Facharzt zu gehen und dann mit einer langen Wartezeit rechnen muss, ist die Notaufnahme unsere einzige Chance. Unser Antifranzösisch- Pegel beginnt wieder sachte zu steigen, besonders als auch die Krankenkasse zickt und behauptet ich hätte eine Hotelrechnung eingereicht, weil im Briefkopf „Hôtel Dieu“ (wörtlich Gotteshotel, = Hospitz, Krankenhaus) steht. Warum können französisch sprechende nicht klar und deutlich sagen was sie meinen? Die Zahl „99“ heißt wörtlich übersetzt „vier mal zwanzig plus neunzehn“ und das simple Wort „was“  wird mit einer elend langen Satzkonstruktion die so viel heißt „Was ist es, daß“ übersetzt. Bei so einer komplizierten Muttersprache hätte mein Hirn wahrscheinlich auch keine Kapazitäten für Fremdsprachen…

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