Halb wilder Westen

Nach zwei Monaten endlich wieder unterwegs zu sein, ist fast so aufregend wie unsere Abfahrt in Deutschland vor 6 Monaten. Roger schnurrt wie ein Kätzchen, wir sind wieder frei und ungebunden, stolz und dankbar diese Krise überstanden zu haben. Ohne Roger waren wir zwei Monate unsichtbar, plötzlich verdrehen die Leute wieder ihre Hälse, werden Telefone gezückt und uns „Daumen hoch“ gezeigt.

Wir kaufen ein, schicken die falsch bestellten Ersatzteile zurück nach Deutschland und schaffen es am ersten Tag gerade eben nach Santa Cruz, campen an dem Leuchtturm, an dem wir die letzte Sonne des Jahres 2018 verabschiedet haben. Dieses Mal allerdings ohne Sonne. Es regnet in Strömen, der Sturm schüttelt uns die ganze Nacht, immer wieder werde ich wach und weiß nicht wo ich bin. Der Wind steht auf Max‘ Fenster und als er am Morgen wach wird, ist sein Bett so nass, als hätte jemand einen Eimer Wasser hineingeschüttet. Timm hat seit Wochen Rückenschmerzen, muss in Santa Cruz anhalten, um sich massieren zu lassen, kann auch nach der Massage kaum den Rücken gerade halten.

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Wir fahren weiter nach Carmel by the Sea, auch hier tobt der Sturm, hat eine Hauptstromleitung zu Fall gebracht und der ganze Ort liegt im Dunkeln. In manchen Restaurants sitzen die Leute bei Kerzenschein. Als Wind und Regen zu anstrengend werden, parken wir auf der Einfahrt des städtischen Bauhofes, ich koche Kakao, mache Musik an, die Kinder spielen, Timm liest. Wir werden das Unwetter einfach aussitzen, so der Plan. Wir hätten lange sitzen müssen… Der Highway 1 entlang der Küste Richtung Big Sur ist gesperrt, wir können ihn nicht fahren, beschließen daher, ins Inland abzubiegen. Es wird keinen Pacific Highway Teil 2 geben- wir haben die Nase voll von schlechtem Wetter.

Der Weg in Inland führt durch das malerische Carmel Valley: Die Ranches tragen hier Namen wie Sleepy Hollow, kuscheln sich in die satt grünen Hänge wie in ein übergroßes Sofa, die Sehnsucht nach schmutzigen Gartenhänden und frei laufenden Hühnern wird auf einmal sehr groß. Im örtlichen Bioladen spielen Fiedler irische Weisen, Leute trinken Kaffe und Biorotwein, die Einkaufstüten neben sich abgestellt. Ich wäre gerne geblieben, denn je weiter wir uns von der Küste entfernen, desto kälter wird es. Wir wühlen uns, als wir zur Abwechslung von der Hauptstraße abfahren wollen im Schlamm fest, schlittern immer wieder Richtung Abgrund. Die Kinder jubeln „cool, Papa driftet“, ich bekomme schweißnasse Hände, verfluche den Regen und das Reisen im Allgemeinen. Seit unserer Abfahrt haben die Kinder sich nicht mehr ausgetobt, unsere Wasserpumpe funktioniert nicht mehr. Ich habe Sehnsucht nach einer Dusche, es stinkt nach Sechsfachfurz und wir haben die Wahl zwischen lüften und anschließendem Frieren oder Gestank und Muff. Lotta und Paula haben Magen Darm Probleme, Carl und Max prügeln sich ununterbrochen. Der Regen prasselt auf unser Dach, es klingt, als würde jemand eine Ladung Rollsplitt über uns ausschütten und übertönt zumindest die Streitgeräusche.

An Tag fünf kommen wir endlich an einem Campingshop vorbei und Timm kauft Ersatzteile, um unsere Pumpe zu reparieren. Wir fahren durch endlose Orangenplantagen an denen die Früchte leuchten, im Hintergrund türmen sich verschneite Berge, in der Sierra Nevada kommen uns Autos mit Snowboards auf dem Dach entgegen, manche tragen Schneemützen. Hurra, ein Ausflug ins Graue!

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An Tag sechs endlich wachen wir morgens im Sonnenschein auf. Die Pfützen sind von einer dünnen Eisschicht überzogen, aber der Himmel ist zumindest nicht mehr grau. Wir sind in der Mojave Wüste, und anders als bei Hitze hat die Wüste bei kühleren Temperaturen für mich nichts Lebensbedrohliches und ich kann die Abgeschiedenheit genießen. Ähnlich wie das Meer kann Wüste extrem beruhigend wirken und wenn‘s im Außen still wird, kommen die inneren Stimmen auch mal zu Wort. Die Kinder spielen glücklich im Sand, haben Platz zum Toben, nur den Horizont vor Augen. Um unser Camp befinden sich turmhohe Sandsteinformationen. Paula erklettert die Höchsten und fühlt sich wie die Königin der Welt, die Jungs nutzen all die natürlichen Rampen zum Springen mit ihren Fahrrädern. Durch trostlose, verlassene Wüstenorte geht es weiter in Richtung Roberts “Happy Place“, er hat uns extra eine Karte gemalt, ohne die wir diesen als Geheimnis gehüteten Platz niemals würden finden können. Durch trostlose Einöde und vom Leben vergessene Ortschaften geht es weiter.

Als ich vorsichtig einen Zeh ins gefühlt kochende Wasser stecke, hätte ich beinahe aufgeschrien. „Es ist nur die ersten Minuten so heiß, es wird gleich besser“ kommt eine Stimme aus der Dunkelheit. Vor meinem inneren Auge blitzt das Bild eines Hummers auf, der, bevor er sich in einem Topf kochenden Wassers von einem Tier in eine Mahlzeit verwandelt, Tage, schlimmstenfalls Wochen mit gefesselten Scheren in einem Aquarium verbringt. Oft umgeben von vielen Artgenossen. Das Wasser wird extra kühl gehalten, um die Stoffwechselprozeße zu verlangsamen und ihn ruhig zu stellen. Auch wir hatten die letzten Tage seit unserm Aufbruch in Berkeley wenig Bewegung gehabt, waren uns, vor Kälte, Regen und Sturm verfolgt, in der Enge auf die Nerven gegangen. Ich habe noch nie Hummer gegessen, werde, jetzt da ich zumindest eine Vorstellung davon habe, wie er sich fühlen muss, auch niemals damit anfangen.

Schon ein paar Minuten später durchdringt angenehme Wärme meinen steifen schmerzenden Körper, es plätschert leise, über uns leuchten eine Million Sterne im Wüstenhimmel, ansonsten ist es dunkel. Zum Glück. Neben mir dümpelt ein nackter 70 jähriger Mann, Timm, die Kinder und ich halten uns ebenfalls an den Verhaltenskodex dieser heißen Quelle und sind allesamt textillos. Irgendwann in den frühen 70gern hatte sich eine Gruppe Hippies aufgemacht und diesen Platz geschaffen. Er liegt, umgeben von hohen Bergketten, inmitten einer Oase in der ansonsten unbewohnten Wüste, wird von unterirdischen heißen Quellen gespeist und ist extrem schwer zu erreichen. Wir mussten uns durch Tiefsand kämpfen, sind über enge Bergpässe gefahren, haben 2 „Straße gesperrt, umdrehen“ Schilder ignoriert, Felsbrocken aus dem Weg geräumt, oft in viele Meter tiefe Abgründe auf der Beifahrerseite geblickt. Ich war mehrmals versucht aufzugeben, bin aber jedes Mal überstimmt worden. Zum Glück.

Wir sind die einzigen „Neuen“, werden schon kurz nach der Ankunft in die Campetikette eingeführt: „Bitte seid möglichst leise, da hier in der Wüste der Schall sehr weit reicht. Stört niemanden, leuchtet nicht mit Taschenlampen, keine laute Musik, duscht bitte bevor ihr, wenn möglich bitte nackt, in die Pools steigt. Campruhe ist um 21 Uhr.“ Ich kann mein Glück kaum fassen, dass endlich jemand außer uns die Kinder zum Duschen, leise sein und früh schlafen verdonnert, würde den Überbringer dieser Regeln am liebsten umarmen. Im Sommer, wenn die Temperaturen über 40 Grad klettern, ist man hier 24/7 nackt, anders ist es nicht auszuhalten, jetzt ist es anders. David, der mit uns im Pool dümpelt, erzählt, dass wir sehr großes Glück haben. Eine so windstille Nacht wie heute habe er hier seit Wochen nicht gehabt. Er ist schon länger hier, hilft im Camp, das ausschließlich von Freiwilligen in Ordnung gehalten wird. Von März bis Oktober reist und wandert er durch die Nationalparks der USA, er liebt die Natur, ist schon 2 Mal den gesamten Pacific Crest Trail gewandert (auch ein Punkt auf meiner „Things before I die Liste“), hat früher als Ranger gearbeitet. Er schläft in einem Zelt, dass er windgeschützt etwas abseits aufgebaut hat. Alle hier außer uns arbeiten als Ranger, Biologen, sind Lebenskünstler und leben extrem bescheiden. Zum ersten Mal kommt uns Roger ein bisschen zu groß, zu komfortabel vor und wir fühlen uns alles andere als reduziert.

Drei Tage verbringen wir in dieser Idylle, sitzen stundenlang im warmen Wasser, blicken auf schneebedeckte Berge bei Tag, nachts rieseln die Sternschnuppen auf uns herab, die wilden Esel, die Burros, singen uns wenig melodisch in den Schlaf, die Kinder spielen Cowboy und Indianer, Timm bastelt an Roger, ich habe Zeit zum Schreiben. Während die Nächte empfindlich kalt werden, klettert das Thermometer tagsüber auf dekadente 18 Grad, wir sind den ganzen Tag draußen, holen die verpasste Bewegung nach, tanken wieder Energie. Ab und zu jagen Düsenjets der US Air Force unseren Adrenalinspiegel in die Höhe, wenn sie in ohren – und augenbetäubenden Manövern über unsere Köpfe durch die Canyons jagen. Seit Jahren ärgern sich Hippies und Piloten gegenseitig: Die Air Force Piloten, indem sie besonders im Sommer die ganzen Nackten aufscheuchen, so niedrig wie möglich über deren Köpfe jagen und die Hippies, indem sie in regelmäßigen Abständen Ihr Peacezeichen renovieren, dass als stumme Antwort auf die Manöverübungen der Air Force über dem Tal wacht. Würden nicht schneeschwere Wolken einen Wetterumbruch ankündigen, wären wir gerne länger geblieben. Den ohnehin für Roger fast zu engen Pass wollen wir aber auf keinen Fall bei Eisglätte oder im aufgeweichten Schlamm fahren, also machen wir uns auf ins Death Valley, wo unsere Wetterapp tropische 15 Grad verspricht.

Obwohl der Name „Tal des Todes“ Bilder einer schrecklichen und lebensbedrohlichen Landschaft heraufbeschwört, ist das Death Valley trotz der Trockenheit und der extremen Temperaturen ein relativ artenreicher Lebensraum. Ca 1000 Pflanzenarten und 400 Tierarten, vor allem Reptilien leben hier. Mit Höchstwerten von 57 Grad im Sommer ist es einer der heißesten Orte Amerikas und, mit einem Tiefstpunkt von 85,9 Meter unter dem Meeresspiegel Nordamerikas tiefster Punkt. Wir klettern bei Sandsturm in den Dünen, wandern durch imposante Felsschluchten, über ausgetrocknete Salzpfannen, beobachten das Farbenspiel der bunten Felsen im Sonnenuntergang. Um Timms Geburtstag gebührend zu feiern, bleiben wir 3 Tage auf einem Campingplatz mit Pool für die Kinder, WIFI für Timm und Waschmaschinen für mich. Den 12. Februar feiern wir mit Geburtstagskuchen, Geschenken und vielen Nachrichten und Mails von zu Hause, überhäufen unseren Cowboy mit Liebe und Beteuerungen, dass man ihm sein Alter nicht ansieht, auch wenn seinen Ritt durch das Tal des Todes in den letzten Tagen nicht  nur Cowboycountry, sondern auch eine Wärmflasche im Rücken begleitet hat.

Berkeley

Wie in San Francisco, mieten wir auch hier ein Haus über Air BnB. Zunächst nur für 10 Tage, müssen aber, da sich Rogers Reparatur hinzieht, immer wieder verlängern. Statt wie in Vancouver und San Francisco die Zeit, die uns das Haus zur Verfügung steht, zu genießen, sind wir alle mürrisch. Es kostet Mühe, positiv zu bleiben. Ich stehe morgens um 6 auf, gehe zum Yoga, um mich dann den Vormittag über um die Schule der Kinder zu kümmern. Timm fährt jeden Tag in die Werkstatt, verabschiedet sich mit den Worten „Ich fahre zur Baustelle“. Das Leben fühlt sich sehr vertraut an, zu vertraut, erinnert an zu Hause. Obwohl wir uns jeden Tag neu vornehmen, es als Chance zu sehen, einen weiteren Ort „erleben“ zu dürfen, wächst unsere Ablehnung Berkeley gegenüber von Tag zu Tag. Zunächst versuche ich, das auf meine Laune zu schieben, mich zu überzeugen, dass ich unfair bin. Das Berkeley nichts dafür kann, dass wir wider Willen hier gestrandet sind. Und jedes Mal, wenn ich mich überzeugt habe, dass Berkeley und ich doch eine Chance haben, uns anzufreunden, passiert etwas, dass mich vom Gegenteil überzeugt.

Das einzig großartige an Berkeley, außer der ehrwürdigen University of California, ist der Ausblick auf San Francisco vom Gelände der Marina aus. Ansonsten ist der Ort genau richtig langweilig, um sich vom quirligen San Francisco zu erholen. Angeblich die Keimzelle des Free Speach Movements, soll Berkeley ein Ort sein, an dem engagierte Studenten, Altachtundsechziger und Freigeister aller Art idealistisch an einer besseren Welt arbeiten. Das muss lange her sein. Statt engagierter Studenten schlurfen Gruppen kichernder Asiaten und verwahrloste Drogenabhängige durch die Straßen. Jeder sonst hat es eilig, der Einkauf in einem der vielen Ökosupermärkte scheint für die tägliche Karmapolitur zu genügen. In vielen Fenstern hängen Schilder mit der Aufschrift „Berkeley stands united against hate“, eine mächtige Aussage, von Einheit allerdings kann ich wenig spüren. Jeder will der erste sein, niemand lächelt, jeder fährt verbissen seinen eigenen Film. Was mich am meisten stört, ist die Gleichgültigkeit überall.

Neben uns wohnt ein alter Mann im Rollstuhl, dem Aussehen seines Hauses und des Gartens nach zu urteilen, ist er einsam. Wenn wir am Frühstückstisch sitzen, sehen wir, wie im Fenster Ratten an den verstockten Vorhängen klettern. Ich spreche unsere Vermieterin darauf an. Das wäre ein komischer Mann, sie hätte noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Beide wohnen schon Jahre lang Fenster an Fenster, nur eineinhalb Meter Grünstreifen zwischen sich.

Jeden Morgen fahre ich zur selben Zeit mit dem Fahrrad ins Yogastudio, treffe immer wieder dieselben Menschen. Die einzigen, die nach einer Woche zurückgrüßen, sind ein schwarzer Mann und eine Asiatin, die ihre Habseligkeiten im Einkaufswagen vor sich herschieben. Die Autofahrer sind extrem rücksichtslos. Als ich auf dem Zebrastreifen die Straße überquere, kommt ein Auto angerast, fährt mich fast über den Haufen, ich stürze und niemanden kümmert es. Vor mir, hinter mir fahren alle wieder an und ich rappel mich mühsam wieder auf, bemüht, nicht dem nächsten vor die Räder zu kommen. Einmal stehe ich eine Ewigkeit im strömendem Regen, möchte ebenfalls über den Zebrastreifen hinüber auf die andere Straßenseite. Niemand hält an, keiner weicht den Pfützen aus. Als ich mit den Kindern über die Straße gehe, trifft ein Abbieger mit dem Seitenspiegel fast Carl an der Seite, hupt und rast weiter. Man hupt, statt zu bremsen, putzt sich am Steuer die Zähne, schreibt SMS während der Fahrt. Die rücksichtslosesten Fahrer sind Mütter mit Kindern auf dem Rücksitz.

Drei Plätze lassen mich das menschliche Grau hier vergessen: Das „Innerstellar“ Yogastudio, in dem ich täglich mein persönliches Karma poliere (gemäß unserem Jahresmotto habe ich mir vorgenommen, auch an meiner inneren Balance zu arbeiten und stelle mich der Challenge, 21 Tage lang täglich auf der Matte zu stehen), eine Secondhandbuchhandlung im Stadtzentrum und der „Golden Bear“ Waschsalon in der San Pablo Ave. Wer in Berkeley keine Waschmaschine hat, bewegt sich vielleicht eher am Rande der Gesellschaft, hat noch nicht verlernt, auch nach links und rechts zu gucken. Jedes Mal, wenn ich mit unseren Wäschebergen hierher komme, nehme ich mir vor, die Zeit mit Schreiben oder Fotos bearbeiten zu überbrücken. Und jedes Mal kommt mir Zeit, die es zu überbrücken gäbe, abhanden. Jedes Mal werde ich eingesogen von all dem Leben um mich herum:

Unter den blendenden Halogenlampen stehen ein kleiner Mexikaner, seine Frau und vermutlich seine Tochter im Teenageralter über einem Wäscheberg. Liebevoll zupft der Papa Fussel von den Leggings seiner Tochter, faltet sie vorsichtig, die Frau lächelt, sortiert Sockenpaare. An der Wand hängen zwei Fernseher, jeder mit eigenem Programm, beide auf Spanisch. Auf der Bank vor dem einen sitzt eine weißgelockte Oma mit sehr rotem Mund, neben sich den Gehwagen, schaut ihre Telenovela. Das Gespräch der Familie, die beiden Fernseher und das Brummen der 44 Waschmaschinen und 36 Trockner vermischen sich zu einem beruhigenden Murmeln. Ein älterer Mann mit strähnigen Haaren und einem Rabentatoo im Gesicht, klappert mit seinen Cowboystiefeln akustische Achten zwischen die Reihen der Maschinen. Eine Maschinenladung dauert 29 Minuten. Da lohnt es sich nicht, sich zu setzen. Jedenfalls nicht, wenn die Stiefel so viel zu erzählen haben. Es riecht nach Waschmittel, nach Chlorbleiche und gebratenem Fleisch aus dem iranischen Imbiss nebenan. Es ist alles andere als gemütlich, und doch fühle ich mich geborgen. Jeder hier scheint zufrieden zu sein. Vielleicht deshalb, weil hier endlich eine Aufgabe erledigt wird, die man schon die ganze Woche vor sich hergeschoben hat. Zufrieden verlasse ich mit 2 Ikeatüten voller nach „Sea Breeze“ duftender, sauber gefalteter Wäsche den Waschsalon. Am Bordstein liegt ein Mann. Nur mühsam kann er den Kopf aufrecht halten, klammert sich mit einer Hand an den Laternenpfahl zu seiner Rechten. Ein Pick-up parkt ein, nähert sich den halb auf die Straße liegenden Beinen des Mannes. Ich lasse meine Ikeatüten fallen, schreie, so laut ich kann „Stopp“. „Thnks Hny“ sagt der Penner, als der Pick-up doch noch gute 40 cm vor den schmutzigen, von verschorften Wunden übersäten Füssen zum Stehen kommt. Ich kann ihn kaum verstehen, gehe näher auf ihn zu- und bereue es sofort. Ein unerträglicher Gestank schlägt mir entgegen, „Sea Breeze, Sea Breeze, Sea Breeze…“, versuche ich, den Geruch des Waschsalons heraufzubeschwören, atme durch den halb geschlossenen Mund. Aus glasigen Augen strahlt mir der Mann entgegen, sein fast zahnloser Mund artikuliert Worte, die ich kaum verstehen kann. „Wanna share?“, glaube ich zu verstehen, gehe in die Hocke, damit er seinen Hals nicht allzu sehr verrenken muss. Mit schwarzen Fingernägeln und bräunlich verschmierten Händen deutet er auf ein großes Dönersandwich, das neben ihm auf einem Alufoliebett liegt. Vom Urinbeutel an seiner Seite breitet sich eine kleine Pfütze Richtung Sandwich aus. Dankend lehne ich ab. „My Luckyday today, look, so much Sandwich. Want some?“ Erneut lehne ich ab. „And someone gave me this“, er hält mir ein kleines Parfumpröbchen entgegen. “Smell!“ Jede Zelle in mir wehrt sich dagegen, denselben Gegenstand zu berühren, den diese Hände halten. Mein Bedürfnis, nicht unhöflich zu sein, siegt jedoch. „Chanel No.5“ hilft mir der Penner auf die Sprünge, nimmt das Röhrchen zurück, reibt seine spakige Lederjacke großzügig damit ein. „Shitnel“, lacht er vor sich hin. Heute sei ein Tag, da könne er nicht aufhören zu scheißen, da ist es gut, das Parfüm zu haben. „Shit und Chanel, verstehst Du“ wiederholt er, weil ich ihn, statt zu Lachen, entsetzt anstarre. Seine Mutter hätte immer Chanel getragen, sagt er, und noch bevor er beginnen kann, mir seine Geschichte zu erzählen, frage ich, ob ich noch etwas für ihn tun kann. Eine Flasche Wasser hätte er gerne. Ich drehe mich um, gehe in den Supermarkt nebenan „Great Ass“ blökt er mir lachend hinterher. Da Scott, so stellt sich mir der Penner vor, unmöglich aus der Flasche trinken kann, ohne das Wasser zu verschütten, hole ich aus dem iranischen Imbiss einen „Coffee-To-Go“ Becher. Ich möchte unbedingt vermeiden, Scott anfassen zu müssen, um ihn aufzusetzen. Während ich wieder vor ihm kniend, Wasser aus der Flasche in den Becher fülle, lächelt mir ein Mann mit Schoßhündchen an der Leine zu. „You are a good person“, sagt er im Vorbeigehen. Er hat es nett gemeint, hätte mir aber auch genauso gut die Faust ins Gesicht rammen können, so sehr erschüttert mich die Message hinter seinen Worten: Wir leben in einer Welt, in der es ausreicht, einem Penner eine Flasche Wasser für $1 zu kaufen, um als netter Mensch zu gelten.

Und dann, als wir für die letzte Woche, die Rogers Reparatur in Anspruch nimmt, in ein Motel umziehen müssen, freunden wir uns doch noch ein wenig mit Berkeley an. Grund sind die Mitarbeiter des Motels, die mit ihrer Freundlichkeit die mürrischen Mitbürger einfach über den Haufen lächeln, die Mitarbeiter der Werkstatt, die Roger gewissenhaft reparieren, und Robert. Robert, auch bekannt als „the Angelman“ arbeitet als Straßenkünstler, war schon überall auf der Welt. Er wohnt im Motel, weil seine Wohnung niedergebrannt ist und er noch keine neue Bleibe hat. Tagelang kommt er rußverschmiert und nach Rauch riechend „nach Hause“ und obwohl er viel verloren hat, allen Grund hätte, sein Schicksal zu verfluchen, ist er von den Zehen- bis in die Haarspitzen voll positiver Energie. Alles im Leben hat seine Zeit, nichts passiert ohne Grund, auch ihm würde sich der Grund dieses Unglückes sicher bald erschließen. Als er uns verabschiedet, sieht er klar: Er sollte uns treffen. In den letzten Jahren sei er zu sesshaft geworden, ihm sei bewusst geworden wie sehr er das Reisen vermisse und dass er mit nun 68 Jahren nicht mehr allzu viel Zeit zu verlieren habe. Er wolle sich nun wieder aufs Reisen konzentrieren, in den Niederlanden nach einer neuen Liebe suchen. Und uns dämmert, dass wir uns in unserer Berkeleyzeit vielleicht ein wenig zu sehr von Negativen haben beeinflussen lassen, dass wir es mit Roberts Sichtweise bestimmt ein wenig leichter gehabt hätten.

San Francisco

Als wir an einem späten Nachmittag im Sonnenuntergang über die Golden Gate Bridge fahren, jubeln und kreischen alle in der Fahrerkabine. Es ist nur eine Brücke, und doch verspricht ihre Überquerung in etwa das, was das Hasenloch bei „Alice im Wunderland“ bedeutet: Den Eintritt in eine völlig andere, verquere Welt. Und wie Alice im Wunderland, staunen wir uns in den folgenden Wochen in San Francisco durch die Straßen.

San Francisco gilt als das Epizentrum der US-amerikanischen Gegenkultur, nirgendwo in den USA geht es liberaler zu, so das Image der Stadt. Dass sie mit knapp 800.000 Einwohnern nur zu den mittelgroßen Weltstädten gehört, scheint bei ihrem legendären Ruf geradezu unglaublich. Ebenso unglaublich ist, dass Kiel, die unscheinbare, mitnichten glamouröse oder aufregende Hauptstadt Schleswig Holsteins in der Liste der Partnerstädte San Franciscos auftaucht. Es gibt aber auch Parallelen zwischen diesen beiden ungleichen Schwestern: Ähnlich wie Kiel im 2. Weltkrieg, wurde San Francisco 1906 durch ein Erdbeben dem Erdboden gleichgemacht. Kiel hat darunter gelitten, seinen Charme eingebüßt, San Francisco nicht. Mehr als 3000 Menschen starben bei dem Beben und den in der Folge ausbrechenden Bränden, die San Francisco für mehrere Tage in ein Flammenmeer verwandelten. Innerhalb von nur 9 Jahren allerdings, war die Stadt wieder aufgebaut, erstrahlte zur Eröffnung der Panama-Pacific International Exposition 1915 in neuem Glanz. Das Wappentier San Franciscos ist seitdem der Phönix. Ähnlich wie in Vancouver erwartet man auch in San Francisco (und LA) seit Jahrzehnten ein Megabeben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten 20 Jahren kommt, liegt, laut eines Spiegel Artikels, bei 99,7 %. Dann, so befürchten viele, werden sich die damals für den schnellen Wiederaufbau der Stadt gelockerten Sicherheitsvorschriften rächen. Aktuelle Analysen gehen davon aus, dass selbst ein geringeres Beben als das von 1906 große Teile der Stadt zerstören würde und viele tausend Tote zur Folge hätte. Diese Aussicht rüttelt ein kleinwenig sowohl an Vancouvers, als auch an San Franciscos Platz an erster Stelle unserer „Liste“.

San Francisco ist größtenteils, wie so viele andere amerikanische Metropolen, auf dem Reißbrett geplant worden. Außer Acht gelassen haben die Planer dabei, dass die 42 Hügel der Stadt, wenn man ihnen die Kurven verbietet nur über extrem steile Straßen (bis zu 18% Steigung) zu erreichen sind. Man erfand daher die Cableway, eine Straßenbahn, die ähnlich wie eine Gondel, allerdings von der Unterseite, von in der Straße verlaufenden Seilen gezogen wird. Seit dem frühen 1900 hat diese ihr Aussehen nicht verändert, rattert wunderbar nostalgisch die steilsten Berge der Innenstadt hinauf.

Wie in Vancouver, mieten wir in San Francisco über Air BnB ein Haus. Hier wollen wir zusammen mit Oma Karin und Paulas Patenonkel Hendrik, die aus Deutschland und Spanien eingeflogen kommen, Weihnachten und Sylvester feiern. Als wir das Haus aussuchen, machen wir den selben Fehler wie San Franciscos Stadtplaner. Wir achten nicht auf die Hügel und enden so auf dem Höchsten der Stadt, zu Füßen des Sutro Towers. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist einen strammen 25 Minuten Fußmarsch bergab und einen quälenden Wiederaufstieg entfernt. Für jede Kleinigkeit müssen wir Roger bewegen, der uns die vielen Steigungen extrem übel nimmt. Er knattert wie eine Nähmaschine, verliert von Tag zu Tag an Kraft, kriecht bald nur noch im Schritttempo und dunkelgraue Wolken spuckend die Hügel hinauf. Hinter uns bilden sich lange Autoschlangen, um uns herum Busse, Straßenbahnen, die Cableway, Fußgänger und Fahrradfahrer (nicht die mit Hollandrad und Körbchen vorne dran, sondern solche in engen Trikots, mit hektisch blinkenden Lichtern). Alle 50 Meter zwingen 4way Stopps zum ewigen Wechsl zwischen Halten und Anfahren. Die ohnehin angeschlagenen Bremsen leiden, Roger pfeifft auf dem letzten Loch. Kurz vor Weihnachten dann scheinen die Verwünschungen der anderen Autofahrer erhört zu werden: Roger will nicht mehr, muss in die Werkstatt.

Nach langem Suchen findet Timm in Oakland, auf der gegenüberliegenden Seite der Bay, eine Werkstatt, die auf Trucks spezialisiert ist. Der Weg aus der Stadt hinaus ist eine Zerreißprobe für Nerven und Rogers Motor. Mehrmals droht er liegenzubleiben, einzig unsere Armee Schutzengel schafft es, dass Roger und Timm heil in der Werkstatt ankommen. Die Gegend ist nicht vertrauenserweckend. Oakland gilt als die gefährlichste Stadt Kaliforniens mit weit über 500 Schießereien und mehr als 100 Mordopfern im Jahr. Es ist ein Ort, in dem vermummte Männer schon zwei Straßenbahnstopps vorher aufstehen, auf der Stelle springen, ihr in den Scheiben gespiegeltes Gegenüber boxend herausfordern- sich warm machen für das, was beim Aussteigen auf sie wartet.

Angeblich leben in San Francisco mehr Hunde als Kinder. Glauben wir gern. Obwohl sich „unser“ Haus, wie in Vancouver, in einer Familienwohngegend befindet, sehen wir in den vier Wochen, die wir dort wohnen, nicht ein einziges Kind auf der Straße. Viele Hunde allerdings, gekleidet in rosa Rüschen, Norwegerpullimuster oder zur Jahreszeit passend mit Rentiergeweih, manchmal im Partnerlook mit Herrchen oder Frauchen.

Ebenfalls wie in Vancouver, blicken wir vom Wohnzimmerfenster aus durch das Pinien-und Eukalyptusgrün auf einen Schulhof. Unsere Kinder sind hoch motiviert, wollen auch hier ins Schulleben schnuppern. Obwohl wir mehrere Schulen im Umkreis abklappern, bekommen wir überall dieselbe Auskunft. Wir müssen uns offiziell bei der Schulbehörde registrieren (was für zwei Wochen ein zu großer Aufwand wäre). Ein Visum braucht man dazu in San Francisco nicht, so der Schulleiter der Grundschule unterhalb unseres Wohnzimmerfensters. San Francisco sei ein Schutzgebiet, hier gelten andere Gesetze, sagt er, dreht dabei den indianischen Silberring an der rechten Hand und lächelt Barack Obama zu, dessen Portrait noch immer über seinem Schreibtisch wacht. In San Francisco ist man linksliberal, wischt sich mit Toilettenpapier, auf dem das Gesicht des jetzigen Präsidenten gedruckt ist, den Hintern ab. In den Fenstern hängen #notmypresident Poster, Spanisch ist allgegenwärtig, Menschen verschiedenster ethnischer Herkunft prägen das Straßenbild, über den Eingängen von Gemeindezentren hängen Banner mit der Aufschrift „Refugees welcome“.

Darauf wäre der Namensgeber der Stadt, der Heilige Franz von Assisi, sicher stolz. Vieles andere hingegen, ließe ihn im Schleudergang im Grabe rotieren.

In „Castro“ flanieren aufgemotzte Drag Queens die Straßen, ein Mann zischt mit Glitzerrollschuhen und Silberrucksack, oben ohne , stattdessen eingeölt, an ihnen vorbei, zwei Mädchen lutschen verschämt an einem Eis in Pimmelform mit Sahnehaube. Überhaupt sind Pimmel hier sehr präsent. Von überall werden uns Zweideutigkeiten ins Gesicht gerammt. Das Nagelstudio heißt „Handjob“, der Bäcker verkauft Cookies in Penisform, gerne im Doppelpack mit hellem und dunklem Schokoguss. In den Schaufenstern hängen Unterhosen mit der Aufschrift „Big in Japan“. „Die nehmen Dödel hier ein wenig zu wichtig“, findet Paula und ich muss ihr beipflichten, bin genervt von diesem aggressiv plakativen Zelebrieren von Homo- oder welcher Sexualität auch immer.

Die Stadt ist bunt und inspirierend, wuselig und anstrengend. Es ist wie in einem 4D  Wimmelbilderbuch gefangen zu sein. In Lichtgeschwindigkeit verändern sich die Bilder, bevor ich sie fassen kann, setzen sich wie in einem Kaleidoskop in Sekunden immer wieder neu zusammen. Zeit hat hier eine andere Bedeutung, verglüht geradezu. Alle machen permanent mehrere Dinge gleichzeitig, scheinen die überall präsenten weißen Stöpsel im Ohr implantiert zu haben. Wir sind im Sillicon Valley: In der U-Bahn liest niemand Zeitung oder ein Buch, niemand schaut aus dem Fenster oder auf sein Gegenüber. Stattdessen schreibt man Emails, spielt Spiele, bestellt online den Salat fürs Abendessen oder den fertig geschmückten Weihnachtsbaum. Es dauert keine 12 Stunden, bis in unserem Haus eine Internetverbindung installiert ist, jeder ist rund um die Uhr erreichbar und beschäftigt. Um gesehen zu werden, muss man darum etwas dicker auftragen. Jegliche Form der Selbstdarstellung ist erlaubt, vielleicht sogar erwünscht. Alles ist möglich. Vollbart zu mohnrotem Lippenstift, Yogaleggings und Cowboystiefeln ebenso wie „unten ohne“ bei 7 Grad am Strand. Männer tragen bunt lackierte Acrylnägel, Frauen Smoking, Obdachlose tanzen zu den Trommeln der Straßenmusikanten in trauter Zweisamkeit mit Hipstern, elektronische Fußfesseln zeigt man stolz durch hochgekrempelte Hosenbeine, „fuck you bitch!“ ist eine legitime Begrüßungsformel. In Asbury Hights sitzt man mit baumelnden Beinen auf den Fensterbänken und kifft, ein Mann benutzt die Straßenlaterne als Poledance- Stange, beherrscht die Bewegungen, tanzt mit einer Anmut, die nicht zu seiner vollgekackten Hose passt. Auch in San Francisco sind zugedröhnte Homeless People allgegenwärtig, wundert es niemanden, wenn ein junges Mädchen sich vor einem Schaufenster krümmt und jede Wimper einzeln versucht auszureißen. Und doch wirft das keinen Schatten auf die Großartigkeit dieser Metropole. Gehört zum Gesamtbild wie die viktorianischen Häuser, deren Fassaden die steilen Hügel schmücken. Wie die kunstvoll gesprühten Murals, die besonders die Gassen Chinatowns zieren, wie die Surfer, die die Wellen am endlosen Ocean Beach reiten. In San Francisco prallen Gestern, Heute und Morgen in einer Weise zusammen, die uns Herz, Augen und Ohren durchpusten. Nichteinmal die Jahreszeiten halten sich hier an Regeln: Unter einem rot gefärbten Ahorn blühen Kapuzinerkresse, Hortensien, Rosen und Geranien, im Hintergrund glitzern die Lichter eines Weihnachtsbaumes.

Die Luft riecht nach Frühling, es ist mild, mir fehlt Weihnachtsstimmung. Umso dankbarer bin ich, dass der Frühling an Heiligabend Pause macht, nasses Grau vom Himmel stürzt und die Kerzen in vertrautem Weihnachtsdunkel leuchten können. Alles soll so sein wie zu Hause, die Kinder sollen nichts vermissen müssen. Als der Baum gewohnt rotgoldweiss geschmückt vor uns steht, die ersten drei Kerzen am Adventskranz brennen, der bunte Teller mit Lebkuchen bestückt ist, fragt Paula enttäuscht: „Und wann feiern wir dann wilde Weihnachten?“ Ich bin verwirrt. Mühsam um Fassung bemüht beichtet mir Paula, dass unser Weihnachten auf der Afrikareise, ohne Tannenbaum, stattdessen mit einer muschelgeschmückten Agave am weißen tanzanischen Strand, ohne Lebkuchen und fast ohne Geschenke ihr schönstes Weihnachten gewesen ist. Dass sie sich schon die ganze Zeit auf wilde Reiseweihnachten gefreut hat. „Dieses Jahr feiern wir zahme Weihnachten in einer wilden Stadt, nächstes Jahr bekommst Du wilde Weihnachten“, verspreche ich ein wenig vor den Kopf gestoßen.