Vulkan Cotopaxi

Was verbindet jedes 5. deutsche Gymnasium mit Ecuador? Natürlich Alexander von Humboldt, der Namensgeber so vieler deutscher Schulen.

Der 1769 geborenen Wissenschaftler legte mit seinen umfassenden Forschungen zur Botanik, den Strukturgesetzten der Erde und der Erstellung geografischer und geologischer Profile, den Grundstein für die moderne physische Geografie und die Ökologie. 8 Monate hielt er sich 1802/03 in Ecuador auf und erforschte, wie sich eine bis dahin nicht bedachte Dimension, nämlich die Höhe, auf Entwicklung, Verteilung und Vielfalt der Flora und Fauna auswirkt. Seine Forschungen sind Basis aller heutigen Erkenntnisse bezüglich Meeres-, Klima- und Landschaftskunde, denn er veranschaulichte als erster ein Phänomen, das wir heute als „Ökosystem“ bezeichnen. Ecuador als recht überschaubares Land mit einer erstaunlichen Vielfalt an Klimazonen bot dem Forscher reichlich Möglichkeiten, verschiedenen ökologische Hauptzonen zu untersuchen. Er unterschied derer drei: die heiße Tieflandzone, die gemäßigte Zentralzone und die kalte Hochlandzone. Ecuador wird in Nord- Südrichtung von den zwei Gebirgsketten der Anden (cordilleras) auf einer Länge von 700km durchzogen, im Süden des Landes dann verjüngen sie sich zu einem einzelnen Gebirgszug. Den Abschnitt zwischen Tulcán an der kolumbianischen Grenze bis nach Cuenca im südlichen Drittel des Landes nannte Humboldt „die Allee der Vulkane“, ein Begriff, der auch heute noch genutzt wird. Auf einer Strecke von ungefähr 300 km befinden sich insgesamt 22 der 73 Vulkane Ecuadors, einige von ihnen zählen zu den aktivsten Vulkanen der Welt, wie der 5879m hohe Cotopaxi, einer höchsten aktiven Vulkane weltweit. Würden die Kinder einen Vulkan zeichnen, sähe er aus wie der Cotopaxi. Seine ebenmäßige konische Form und der meist verschneite Gipfel machen ihn optisch zu einem Bilderbuchvulkan, er ist einer der meist fotografierten und bestiegenen Vulkane Ecuadors. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts ist der Cotopaxi 50 Mal ausgebrochen, das letzte Mal zeigte er 2015 vermehrte Aktivität und spuckte eine 8km hohe Aschewolke aus, die dazu führte, dass der Präsident den nationalen Notstand ausrief. Seitdem stößt er kontinuierlich Gas und Asche aus, steht unter Beobachtung und auf Alarmstufe „gelb“.

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Sein Name bedeutet „Hals des Mondes“ und geht auf die Tatsache zurück, dass wenn der Mond aus einer bestimmten Perspektive hinter dem Berg aufgeht, es aussieht, als wäre der Cotopaxi der Hals des Modes. Als Sitz der Götter, als Regenspender und somit Garant für reiche Ernten verehrten die indigenen Völker den Cotopaxi seit jeher als heiligen Berg. Als erster Europäer versuchte Humboldt den Cotopaxi zu besteigen, schaffte es allerdings nur bis zu einer Höhe von 4500m. Seine Besteigung ist heutzutage keine allzugroße Herausforderung mehr, bis 4658m kann man sogar mit dem Auto fahren. Jedenfalls in den Zeiten vor Corona. Jetzt ist der Nationalpark noch geschlossen, und wir können die schneebedeckten Gipfel nur aus der Entfernung bewundern- was dennoch extrem beeindruckend ist.

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Um 4.30 klingelt am Morgen unser Wecker. Wir befinden uns auf über 3500m, es ist empfindlich kalt und sich aus dem gemütlichen Bett zu schälen, kostet enorme Überwindung. Möchte man allerdings einen Blick auf den Gipfel ecuadorianischer Vulkane erhaschen, muss man dieses Opfer bringen. Meist zeigen diese sich nur in den frühen Morgenstunden, wenn man Glück hat noch einmal am frühen Abend, in der Zeit dazwischen sind sie oft wolkenverhangen. Am Abend zuvor hatten wir bereits unser Glück versucht, waren den ganzen Tag über Feldwege und durch kleine Dörfer bis zur Chilcabamba Lodge gefahren, um den Berg noch vor Sonnenuntergang zu sehen. Ein paar Minuten hat er uns zumindest eine Flanke gezeigt, bevor ihn erneut dichtes Weiß verschluckte.

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Draußen ist es noch dunkel, der heiße Kaffee ist nur ein geringer Trost für die knisternde Eisschicht, die sich auf Rogers Dach gebildet hat. Als Timm Roger abfahrbereit gemacht, wieder am Frühstückstisch sitzt, sind seine Hände lila gefroren. Ich mache den Backofen an, öffne die Ofentür, damit wir ohne Handschuhe frühstücken können. Sogar die Pflanzen sind hier oben im Paramo, der baumlosen Hochlandzone, behaart oder tragen eine dicke Wachsschicht zum Schutz gegen die bitterkalten Nächte. Die tropische Zone des lateinamerikanischen Páramo ist einzigartig auf der Welt, reicht von den Hochländern Costa Ricas bis zu denen im Norden Perus. Hier, auf Höhen zwischen 3500m und 4700m weht oft ein empfindlich kalter Wind, Schnee- und Hagelstürme sind häufig. Nicht selten kommt es durch vorüberziehende Wolken zu Temperaturstürzen von bis zu 15 Grad in nur wenigen Minuten. Temperaturen, gegen die sich die hiesigen Pflanzen zu schützen wissen. Vor allem wachsen in diesen Höhen Gräser, lorbeerblättrige niedrige Sträucher, niedrige Polsterstauden und Rosengewächse. Ihr niedriger Wuchs sorgt für gleichmäßigere Temperaturverteilung, bietet weniger Angriffsfläche für Wind und Kälte.

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Die Pflanzen müssen sich ebenfalls vor der intensiven äquatorialen Sonneneinstrahlung schützen. Auf diese Sonnenstrahlen hoffen wir alle, als wir bibbernd und zitternd im Führerhaus sitzen, warten bis Roger auf Betriebstemperatur gekommen ist. In Kanada haben wir Kälteerfahrungen gesammelt, bisher in Ecuador auch ausprobieren können, wie Roger auf Höhe reagiert. Beides in Kombination ist eine Premiere- die Roger mit Bravour meistert. Als die Sonne endlich aufgeht, erstrahlen die Gipfel des Cotopaxi blendend weiß vor strahleblauem Himmel. Über den Lahar eines einstigen Ausbruchs wandern wir durch die atemberaubende Landschaft, umgeben von 3 weiteren Vulkanen, blicken auf die Gipfel des Ruminahui (4742), des Cubilho (4302) und des Quilindaña (4878). Hier oben, so nah am Himmel zu Füßen dieser ehrwürdigen Berge fühlen sich unsere irdischen Sorgen, Corona, unsere Anspannung der letzten Wochen plötzlich unbedeutend an. Hier wirkt Zeit wie ein Wimpernschlag, hier erfüllt mich plötzlich die absolute Sicherheit, dass auch diese Krise überstanden sein wird, irgendwann.

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Ecuador

5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wow wieder unterwegs und so atemberaubende Fotos, meine Bewunderung wisst ihr, habt ihr ja unglaublich, wie ihr das alles immer wieder bei euch funktioniert. Euer Film ist super schön geworden, natürlich bei mir gespeichert, bestimmt gibt es dann noch Teil 2 . Also schon deshalb muss es gut weitergehen. Viel Glück weiterhin.

  2. Durch TERRA X auf Eure unglaublich mutige und mitreißende Reise aufmerksam geworden, freue ich mich Web und Insta Seite gefunden zu haben um Eure Reise weiter mit verfolgen zu können. Ich bin hin weg über den MUT den ihr mit Eurer Reise zeigt alles hinter sich zu lassen um dieses Abenteuer mit euren Kindern zu erleben. Ein Geschenk, ein riesengroßes Geschenk das ihr Euch allen macht – das wahrlich unvergesslich seien wird.
    Ich wünsche Euch eine weiterhin gute Reise, Glück auf allen Wegen die ihr mit ROGER nehmt, bleibt Gesund und eine Familie vor der man den Hut zieht – ob jung oder alt.
    mit herzlichen Grüßen Sabine, aus Karben bei Frankfurt a. M.

    • Liebe Sabine, von ganzem Herzen, wenn auch viel zu spät, ein Danke für Deinen netten Kommentar. Nach der Terra X Ausstrahlung hat mich eine Welle von Feedback ein bisschen überfordert, sodass ich erst jetzt zum Antworten komme. Wir freuen uns sehr, dass Du mit uns reist! Alles Liebe

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