Costa Ricas Schätze- Vulkane

Ein bisschen Gefahr, das dachte sich Gott vielleicht, als er Costa Rica erschuf, muss man auch dem Paradies gönnen, und schenkte dem Land ein paar Vulkane.

Costa Rica liegt auf dem pazifischen Feuerring, einem Vulkangürtel, der sich in einem großen Bogen vom amerikanischen zum asiatischen Kontinent erstreckt und der dem Land ein paar der aktivsten Vulkane weltweit beschert. Die drei am meisten besuchten sind der Irazú (3432 Meter), der Volcán Poás (2704 Meter) und der Arenal (1633 Meter).

Der Arenal ist zwar der niedrigste, aber dafür der aktivste, fotogenste und zugleich jüngste Vulkan Costa Ricas, sowie einer der aktivsten Vulkane der Welt. Bis 2010 spuckte er täglich glühende Gesteinsbrocken bis zu 300 Meter in die Höhe, spie Lava und Dampfwolken in den Himmel. Seit Oktober 2010 befindet er sich in einer Ruhephase. Doch die Ruhe wird nicht von Dauer sein. Das siliziumreiche Magma verhindert das Austreten des sich auch jetzt noch entwickelnden Dampfes, Druck baut sich auf wie in einem Schnellkochtopf. Das Magma trocknet schnell, verschließt den Schlot, bis eines Tages der Druck so hoch ist, dass der Vulkan an der schwächsten Stelle explodiert. Das kann noch Jahrzehnte dauern. Ein sicheres Zeichen für einen baldigen Ausbruch in tropischen Gebieten ist, wie uns erzählt wird, eine Massenmigration von Kleintieren wie Tausendfüßlern, Ameisen und Schlangen. Auch Konfuzius soll Ähnliches festgestellt haben, jedoch in Bezug auf Erdbeben. „Wenn Ameisen und Frauen in Eile sind, droht immer ein Erdbeben“.

Ich habe es vor allem eilig, aus dem am Fuße des Arenal liegenden Ortes La Fortuna herauszukommen. Trotz seiner Schönheit steht Costa Rica selten auf der Liste der beliebtesten Länder bei Overländern. Grund dafür sind die für zentralamerikanische Verhältnisse saftigen Preise bei allem, was touristische Infrastruktur angeht. Schon früh hat man sich in Costa Rica auf Touristen eingestellt und so findet man leider auch an jeder touristisch interessanten Stelle alle Scheußlichkeiten von Zipline, über Quadtouren, Schlangenzoos und Schokoladentouren, zu dreifachen Preisen, versteht sich. Costa Rica steckt voller magischer Orte, als Tourist allerdings wird man, um diese zu erleben, ordentlich zur Kasse gebeten. Auf vieles, das haben wir uns vorgenommen, werden wir unter diesem Gesichtspunkt verzichten. Statt den größten und schönsten Wasserfall Costa Ricas mit Horden zahlender Touristen aus Übersee zu teilen, verbringen wir lieber Zeit an den kleineren Wasserfällen in unserer Gegend, die wir, wenn überhaupt, mit ein paar Locals teilen. Manche der Attraktionen Costa Ricas allerdings haben wir uns aufgehoben, um sie mit Familie und Freunden aus der Heimat zu besuchen. Den El Arenal umwandern wir zusammen mit der Familie von Max‘ Patenonkel, genießen den Blick auf den Berg zum Frühstück und vom Pool unseres Hotels aus, machen Urlaub auf eine völlig andere Art, als es unserem Campingnaturell normalerweise entspricht.

Der höchste Vulkan Costa Ricas ist der Irazú, in der indigenen Sprache Iaratzu („grollender Berg“) genannt. Er ist mit 3432 m hoch, noch immer aktiv, zählt zu den gefährlichsten und unberechenbarsten Vulkanen des Landes. Das letzte Mal brach er im Jahr 1994 aus. In seinem Krater befindet sich ein durch Regenwasser gespeister Säuresee, dessen intensives Grün sich unwirklich vom meist nebelgrau verhangenen Himmel abzeichnet. Die Hauptgefahr, die ein Ausbruch dieses Vulkans mit sich bringt, ist ein Brechen der Kraterwand und damit verbunden, ein Auslaufen des Säuresees sowie ein Abrutschen von mehreren Millionen Tonnen Gestein in die landwirtschaftlich genutzten Gebiete unterhalb des Vulkanes. Je nach Jahreszeit wird es am Gipfel des Irazu empfindlich kalt. Als wir das erste Mal im Juli dort oben sind, treibt ein 4 Grad kalter Wind stahlgraue Wolkenfetzen über die Kraterwand. Wir tragen Daunenjacken, Handschuhe und Mützen, genießen diesen Anflug norddeutschen Winterwetters und sind augenblicklich randvoll mit einer Sehnsucht nach heißer Schokolade, Pflaumenkuchen und prasselndem Kaminfeuer. Ab und zu erhaschen wir ein Blick auf den grünblauen Kratersee, dessen Leuchtkraft allerdings nicht mithalten kann mit der merkwürdigerweise, wie sich jetzt zeigt, vermissten Erfahrung, zu frieren.

Um die Weihnachtszeit besuchen wir den Irazú ein weiteres Mal, wieder liegt er im grauen Dunst und wieder erfüllt uns das Grau mit einer sonderbaren Ruhe.

Das Schönste am Irazú allerdings ist, sofern man graue Nebelschwaden nicht als schön empfindet, der Weg dorthin. Er windet sich entlang zahlreicher bunter Ortschaften, durch saftige, mit Löwenzahn gesprenkelte Wiesen, auf denen gut genährte Kühe weiden, entlang an Erdbeer- und Kartoffelfeldern, durch bemooste Wälder, in denen gespenstisch Wolkenfetzen wabern.

Auf halbem Weg zum Irazu liegt die ehemalige Lungenheilanstalt „Sanatorio Duran“. 1918 eröffnet, sollte das Sanatorium tausende Patienten, sowie die kleine Tochter des Erbauers, des Arztes Doktor Duran, von Tuberkolose heilen. Das Klima und die Luft hier oben galten als heilungsfördernd. Die kleine Tochter des Doktors konnte nicht geheilt werden, starb an den Folgen der Krankheit. Als im Laufe der Jahre medizinischer Fortschritt andere Möglichkeiten der Behandlung von Tuberkulose eröffnete, wurden im Sanatorium psychisch Kranke und später schwer erziehbare Jugendliche behandelt. Heute steht das Sanatorium leer, die Natur holt sich die bröckelnden Fassaden zurück, teilweise sind die Gebäude einsturzgefährdet. In Costa Rica sind die Ruinen des einstigen Sanatoriums legendär, die Kinder in der Schule bekommen schreckgeweitete Augen, wenn man von ihm spricht. Grund dafür sind die zahlreichen Berichte über paranormale Erscheinungen an diesem Ort. Selbst unter Geisterjägern soll Sanatorio Duran ein Begriff sein.

Unbedingt, ganz unbedingt möchte Paula die Geister sehen, am liebsten um Mitternacht. Wochenlang klickt sie sich durchs Internet, saugt jede Information über Geistererscheinungen gierig auf, macht Pläne und Notizen, an welchen Stellen diese gesichtet wurden. Um uns einen Überblick zu verschaffen, beschließen wir zunächst bei Tageslicht zu kommen, verbinden diesen Besuch mit unserer ersten Fahrt zum Irazú.

Schon als wir auf den Parkplatz rollen, wird die zuvor tagelang aufgeregt schnatternde Paula ganz still. Dann, als wir die ersten paar Minuten die Gänge der einstigen Kinderstation durchwandern, bricht sie plötzlich in Tränen aus, ist kaum zu beruhigen.

Grund dafür sind nicht etwa schwache Nerven, sondern die Tatsache, dass ein neuer Investor anscheinend am Ruhm des Geisterkrankenhauses verdienen möchte, ein neu angelegter Parkplatz, eine Cafeteria und nagelneue Sanitäranlagen nun ganze Busladungen von Touristen versorgen können, dass Kameras das Gelände überwachen und somit ein nächtlicher Besuch völlig ausgeschlossen ist. „ Jeden spannenden und schönen Ort müssen die Leute kaputt machen, überall werden Parkplätze und Restaurants gebaut, wenn es wo schön ist, ich hasse das!“- nur sehr schwer kann Paula sich in den kommenden Stunden von dieser ernüchternden Erkenntnis erholen. Ich weiß nicht, ob es die Gene sind, oder ob unser Lebenswandel sie dazu gemacht hat, aber die Kinder lieben es, wenn es gruselig wird, wenn das Gefühl von Gefahr den Adrenalinspiegel steigen lässt.

Ein kleines Bisschen kann der dritte von uns besuchte Vulkan, der Poás diese Sehnsucht befriedigen. Immerhin muss man sich für einen Besuch offiziell im Internet anmelden, es gibt ein Sicherheitsbriefing, die Autos müssen rückwärts einparken, um bei einem Notfall möglichst geordnet und schnell losfahren zu können. Wir werden mit Helmen ausgestattet, am Kraterrand gibt es bunkerähnliche Schutzhütten und der Schwefelgehalt der aus dem Krater aufsteigenden Dämpfe wird permanent überwacht. Übersteigt er die zugelassenen Werte, löst das einen Alarm aus, und der Kraterrand wird evakuiert. Im April 2017 ist der das letzte Mal ausgebrochen, war daraufhin bis September 2018 gesperrt. Spuren dieses Ausbruches sehen wir auf unserem Weg zum Kraterrand: Kopfgroße Gesteinsbrocken stecken tief in der Teerschicht des Fußweges. Der Krater des Poás beherbergt sogar zwei Kraterseen. Der noch aktive Krater hat an der Oberkante einen Durchmesser von gut 1500 Metern, ist rund 300 Meter tief und birgt die Laguna Caliente, deren Durchmesser 365 Meter beträgt und mit einem pH Wert von unter 1 einer der sauersten Kraterseen der Welt ist.

Knapp 20 Minuten darf jede der registrierten Kleingruppen am Kraterrand verbringen, dann kommt die nächste Gruppe mit einer anderen Helmfarbe und man muss den Rückzug antreten. So wie es sich für einen ordentlichen Vulkan gehört, grummelt und rumpelt es in der Tiefe, werden immer wieder Fontänen schwarzen Schlammes ‚gen Himmel geschleudert, steigen Schaden schwefeligen Dampfes aus dem Schlot empor. Und wie es sich ebenfalls für einen ordentlichen Vulkantouristen gehört, kitzelt uns ein wenig die, wenn auch überschaubare Gefahr und wir bekommen eine Ahnung, was mit der Wendung „Tanz auf dem Vulkan“ gemeint sein könnte.

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