Von San Salvador nach Nicaragua

Drei Tage nach der OP und einem tränenreichen Abschied von Dorys, Gilberto und den Mädchen bereiten wir am Abend Roger so vor, dass wir am Morgen um acht Uhr fahrbereit sind.

Da wir kein Navigationssystem mehr haben und unsere Guatemalakarten leer telefoniert sind, brauchen wir zunächst neue SIM Karten. Während wir diese in einem kleinen Kiosk kaufen und einrichten lassen, wird ein Fernsehteam auf Roger aufmerksam. Ob wir bereit wären, uns kurz interviewen und filmen zu lassen, werde ich gefragt. Ein kurzer Blick auf die Uhr und in die spiegelnde Ladenscheibe und die Antwort lautet „Nein“. Wir haben heute einen langen Weg vor uns, wollen es bis Nicaragua schaffen. Das bedeutet, zwei Grenzübergänge, von denen der nach Nicaragua der schwierigste auf der ganzen Reise sein soll. Warteschlangen, Durchsuchungen, schwierige Beamten- jeder Traveller auf der Panamericana hat Horrorgeschichten zu erzählen. Außerdem bin ich nun bereits in Woche 6 meines „NoShampoo“ Experiments. Strähnig und stumpf hängen mir die Haare auf die Schultern, jeden Morgen muss ich mir bei meinem Anblick Mut zusprechen. Die Reporterin ist enttäuscht, guckt mich aus tiefbraunen Puppenaugen an, bittet, es mir doch noch einmal zu überlegen, verspricht, dass wir nur 30 Minuten brauchen werden. Nach kurzer Rücksprache mit Timm und den Kindern willigen wir ein, denken dass es vielleicht unsere Chance ist, den El Salvadorianern für ihre Gastfreundschaft zu danken.

Wir fahren zurück zum Campingplatz. 3 Stunden später müssen wir zum 27. Mal den Auszug reinschieben, weil immer wieder die Kameraeinstellung nicht passt. Timm schmerzt der Rücken, mir das Hirn, weil ich die Interviewfragen nicht verstehe, die Reporterin kein Englisch spricht und wir keinen Empfang für Google Übersetzter haben. Wir haben wirklich keine Lust mehr, wissen aber nicht, wie wir wieder elegant aus der Nummer rauskommen. Als sie vorschlagen, ein paar Einstellungen beim Fahren auf dem Highway zu machen, fahren wir schließlich nicht, wie verabredet, wieder die Ausfahrt herunter hinter ihnen her, sondern fröhlich winkend geradeaus Richtung Grenze. Karma rächt dies: Aus dem Busfenster vor uns fliegt eine volle Babywindel, verpasst die Windschutzscheibe haarscharf, klatscht gegen den Rahmen, verfehlt Lotta um Haaresbreite.

 

An den Straßenrändern stapelt sich der Müll, immer wieder fehlen mitten in der Fahrbahn Gullydeckel und wir müssen tiefen Löchern ausweichen. Der Verkehr ist dicht, die Luft kaum atembar und wir kommen kaum voran. Die Nacht verbringen wir völlig erschöpft im Innenhof eines Hotels an der Grenze zu Honduras. Der Junge des Hauses möchte Lotta beeindrucken und als seine Avancen nicht beachtet werden, beginnt er Hühner kopfüber an den Füssen vor ihren Augen herumzuschleudern. Lotta ist wütend und genervt, Paula nicht minder. Das kleine Mädchen der Besitzerin hat sich in Paula verguckt, steht noch vor unserem Fenster und ruft ihren Namen als wir schon längst das Licht ausgemacht haben.

Sorgenvoll hatten wir in den letzten Wochen die politisch angespannte Lage in Honduras beobachtet. Seit Mai kommt es immer wieder zu landesweiten Demonstrationen und Straßenblockaden, seit es beim neuerlichen Amtsantritt des Präsidenten im Januar 2019 zu Unregelmäßigkeiten kam und man Wahlbetrug vermutet. Immer wieder kam es in den letzten Monaten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Plünderungen, nach Gegenmaßnahmen der Polizei wurden Menschen verletzt und getötet. Obwohl das Land eines der Juwele Zentralamerikas sein soll, beschließen wir, so schnell wie möglich nach Costa Rica zu fahren. Zwei Stunden würden wir brauchen, um Honduras zu durchfahren, wenn alles gut geht. Geht es natürlich nicht!

Schon 15 Kilometer bevor wir die Grenze zu Honduras erreichen, stehen am Straßenrand Schlangen von LKWs. Sollen wir uns hinten anstellen oder auf der Gegenfahrbahn überholen? Stellen wir uns an, werden wir in Tagen noch hier stehen, fahren wir auf der Gegenfahrbahn an den LKWs vorbei, können wir dem Gegenverkehr nicht ausweichen, weil es keinen Standstreifen gibt. Wir entscheiden uns, das Risiko auf uns zu nehmen, zumal zwischen all den LKW nicht ein einziger PKW steht, zu denen wir und heute ausnahmsweise zählen.

Überall, wirklich überall wird man davor gewarnt, sich nicht an den Grenzen von sogenannten Fixern helfen zu lassen. Sobald wir parken, sind wir umringt von Männern mit offiziell aussehenden Ausweisen, in Tshirts die den Anschein einer Uniform erwecken sollen. Wir steigen aus, ignorieren alle Hilfsangebote, suchen das Zollgebäude. Mit Kopien unserer Importgenehmigung sollen wir uns hier einfinden, unsere Pässe sowie die Genehmigung abstempeln lassen, eine kurze Inspektion des Trucks und weiter solls gehen.

So einfach sei das nicht, flüstert ein vertrauensvoll aussehender Herr, der sich als Renee vorstellt. Über dem Kragen seines blauen Hemdes baumelt ein Kreuz. Wenn wir Pech haben, so sagt er werden wir als LKW eingestuft, müssten uns ganz hinten anstellen und Tage an der Grenze verbringen. Ein Blick auf Timms gequältes Gesicht und ich schieße alle Warnungen in den Wind. Eine Stunde fahren wir zwischen einzelnen Gebäuden hin und her, machen unzählige Kopien, bekommen Stempel, machen neue Kopien. Zwischendurch bin ich froh, das Renee mir den Weg und alle Abkürzungen zeigt- jedenfalls bis zu dem Moment an dem er mich mit drei Freunden umstellt und 40$US für seine Dienste fordert. Erst Timm kann ihn auf 30$US herunterhandeln.

In Honduras renne ich dann eine weitere Stunde von Zollgebäude, zu Copyshops, zur Bank, wieder zurück zum Zoll und endlich nach 3 Stunden nervenaufreibenden Grenzprozederes können wir weiter fahren. Zumindest für 30 Minuten, dann müssen wir erneut anhalten.

Vor uns reihen sich die LKWs bis zum Horizont, es wimmelt von Polizei. Ich steige aus, frage einen Polizisten, was los ist, ob wir mit längeren Wartezeiten rechnen müssten. Ein Problem mit einem LKW, ein paar Stunden müssen wir einplanen, ist seine Antwort. Ein paar Stunden, die wir nicht haben. Timm hat schon wieder Rückenschmerzen, nutzt die Zeit, die wir stehen, um sich hinzulegen. Ich frage die Trucker, was das Problem ist. Straßenblockaden. Ob wir mit einer baldigen Weiterfahrt rechnen können, möchte ich wissen und werde herzlich ausgelacht.

Wir ergeben uns dem Schicksal, ich wärme den Kindern ein paar Spaghetti auf. Gerade als alle essen wollen, fährt an uns ein Pick-up mit der Ladefläche voller Männer vorbei, die mit Megaphonen Parolen brüllen, einige sind vermummt. Als sie mit der Polizei sprechen fühle ich mich sicher genug, steige aus, und frage sie, ob sie näheres wissen. Sie erklären mir, dass es sich um einen Streik und eine Straßenblockade handelt, dass die nächsten Tage hier niemand mehr weiterkommt. Ich fange fast an zu Heulen, erkläre ihnen dass wir hier mit vier Kindern, einem kranken Mann feststecken, dass wir nicht genügend Essen und Wasser an Bord haben, um einen tagelangen Streik aushalten zu können. Einer von ihnen hat Mitleid, sagt, er werde mit den Initiatoren sprechen, vielleicht würden sie eine Ausnahme machen. Kurz nachdem sie mit dem Pick-up verschwunden sind, überholt uns links ein Überlandreisebus. Timm denkt nicht lange nach, heftet sich an dessen Stoßstange. Rechts und links stehen in beide Richtungen die LKW im Stau. Unter machen haben die Fahrer Hängematten ausgespannt. Verkäufer haben zwischen den parkenden Trucks Essens und Getränkeverkaufsstände aufgebaut. Wir fahren und fahren, endlos lange, bis irgendwann, nach 30 Kilometern die Straße vor uns plötzlich frei ist.

Überall am Straßenrand sehen wir die die Spuren vergangener Sperren: Stapel pelte, halb verbrannter Autoreifen, Steinwälle, ausgebrannten Autos, Barrikaden aus Holz und Brandspuren auf den Straßen. Ansonsten aber wirkt Honduras auf uns aufgeräumt und weit. Grüne Wiesen, kaum Müll an den Straßenrändern, freundlich grüßende Menschen. Seit Mexiko überqueren wir das erste Flüsschen, das man nicht schon von 200m Entfernung riechen kann. Es ist 38 Grad, die später Nachmittag und wir sind alles andere als taufrisch. Trotzdem brechen wir unsere Regel, Grenzen immer frisch und ausgeruht entgegenzutreten. Wir wollen noch heute nach Nicaragua. Die Gefahr, dass auch an dieser Grenze Straßensperren errichtet werden, ist uns zu groß. Sollten sich die Sperren wider Erwarten auflösen, wird hier bald die Hölle los sein.

Nicaragua soll die schlimmste Grenze in ganz Mittelamerika sein. Drohnen sind hier verboten, viele Reisende haben von ewig dauernden Autoinspektionen erzählt. Lottas Drohne haben wir an einem sicheren Ort versteckt, vorsichtshalber habe ich alle Socialmedia Accounts auf privat gestellt, damit nicht ein Beamter auf die Idee kommen könnte, hier nach Drohnenaufnahmen zu suchen. Timm kommt nur noch mit Mühe aus dem Truck, der Tag war zu lang und anstrengend. Langes Stehen schmerzt, sitzen inzwischen auch. Glücklicherweise hatte ich vor zwei Tagen online Visaformulare ausgefüllt. Das spart uns mindestens eine Stunde, da unser Anträge überraschenderweise  bereits bearbeitet sind. Aufgrund der Straßensperren im Norden Honduras‘ sind die Grenzen deutlich leerer als sonst. Die Beamten scheinen alle entspannt und feundlich, auch wenn es ein ziemliches Gerenne ist, alle erforderlichen Kopien und Papiere zusammenzusuchen, haben wir nach dreieinhalb Stunden auch diese Hürde genommen. Der unverhofft ruhige Tag und die Hitze lähmen auch den Inspektor. Nach einem kurzen Blick in den Truck winkt er uns durch und wir sind in Nicaragua!

Erschöpft aber zufrieden mit unserem Tagwerk scherzt Timm, dass alles was er sich nun wünschen würde, eine kalte Cola und ein Pool wären. Keine 5 Minuten später erscheint zu unserer rechten Seite, mitten im Nirgendwo ein kleiner Balneario, eine Badeanstalt mit Restaurant, die uns erlaubt auf dem Parkplatz zu campen. Die Kinder springen sofort in den Pool, den sie mit einer Ziegenherde und kleinen stechenden Wasserinsekten teilen, Timm und ich planen im Schatten mit eiskalter Cola die nächste Etappe.

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