San Salvador

Die Liste der positiven Auswirkungen, die das Thermalwasser auf jegliche körperliche Beschwerden haben soll, lässt mich hoffen. Sofort nach unsere Ankunft hat sich Timm zu den schwefelhaltigen Becken geschleppt, treibt zufrieden im 40 Grad heißen Wasser. Das Camp baue ich alleine auf. Der einzige waagerechte Platz auf dem Parkplatz liegt im Schatten, wir werden Strom sparen müssen, da die Solarzellen kaum laden. Der Auszug hakt, lässt sich keinen Zentimeter bewegen, ich muss die Kinder zur Hilfe rufen. Die Leiter wiegt schwer, die Gasflasche klemmt. Als wir Roger bauten, wollten wir uns auf keinen Fall auf Technik verlassen müssen, so viel wie möglich ist manuell bedienbar. Nun fällt uns das auf die Füße. Fast jeder Handgriff erfordert körperliche Stärke und eine gewisse Größe. Beides nicht unbedingt Dinge, die auf mich zutreffen. Nicht einmal mit mentaler Stärke kann ich diese Defizite wettmachen. Meine Sorgen wachsen, Zuversicht beginnt zu bröckeln. Wir haben in den letzten Wochen alles versucht, von Pause über Schmerztabletten, Massage, Voltaren, Wärmflasche und Wärmepflaster. Nichts hilft, Timms Schmerzen werden täglich schlimmer. Der Mut kommt mir abhanden, ich bin mir nicht sicher, wie wir so weitermachen sollen. Wir befinden uns mitten in einem der gefährlichsten Länder der Welt, Honduras und Nicaragua liegen beide noch vor uns.

Das warme Wasser tut gut, im Becken ist der Schmerz fast weg. Als Timm nach 3 Stunden aus dem Wasser steigt, sacken ihm die Beine zusammen und sein Kreislauf versagt. Gerade noch rechtzeitig kann ich ihn halten und auf eine Liege verfrachten. Da liegt er nun mein Fels, von der Brandung verschluckt. Ich gehe ins Auto, hole Wasser und Elektrolyte, nutze die Zeit ein bisschen ungestört zu heulen. Die Nacht schlafe ich im Gästebett, um Timm ein wenig mehr Platz zu lassen. Es ist unerträglich heiß, wir müssen die Fenster schließen, weil kleine schwarze Fliegen durch das Mückennetz schlüpfen, uns beißen. Für die Ventilatoren haben wir nicht genügend Strom. Jedes Mal wenn ich wieder eingeschlafen bin, wecken mich Stimmen oder das Knattern der Mopeds, auf denen schwer bewaffnete Wachmänner das Gelände patrouillieren. Erst als schon die Hähne krähen, schließe ich für zwei Stunden die Augen.

Als Timm am Morgen wach wird, sind die Schmerzen schlimmer als am Tag zuvor. Er kann kaum das Bett verlassen. An der Rezeption frage ich nach einem Physiotherapeuten, mache einen Massagetermin. Während er sich massieren lässt, versuchen die Kinder und ich uns auf die Schule zu konzentrieren. Anders als sonst gibt es keinen Streit, sie alle arbeiten vorbildlich, fühlen dass mein Nervenkostüm aus seidenen Fäden ist. Wir bleiben eine weitere Nacht, geben all unser Bargeld für Massagen und Übernachtungsgebühren aus, am nächsten Tag bittet Timm um eine baldige Abfahrt. Er hat Angst, die 70 km nach San Salvador nicht mehr zu schaffen.

Obwohl ich gestern dachte, diese Anspannung keinen Tag mehr auszuhalten, wird mein Kopf plötzlich klar. Ein Grund für meine Zuversicht, ist die Bekanntschaft mit Dorys und Gilberto. Die beiden hatten wir gestern im Pool kennengelernt, als sie hier mit ihren Töchtern einen Ferientag verbrachten. Sie leben in San Salvador, haben ihre Telefonnummern dagelassen und Gilberto hat angeboten, den Truck zu fahren, sollte es nicht mehr gehen. Allein das Wissen, ein Backup zu haben, jemanden zu kennen, bei dem ich im Notfall die Kinder lassen könnte, sollte es schlimm werden, wirkt wie eine Valium auf mein Nervenkostüm.

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Am späten Nachmittag rollen wir mit letzter Kraft vor die Notaufnahme des „Hospital Diagnostico“, dem angeblich besten Krankenhaus der Stadt. Ein Wachmann verspricht auf Roger und die Kinder aufzupassen, die Sicherheitsbeamte des Krankenhauses haben ihn ebenfalls im Blick, die Kameras sind auf ihn gerichtet. Timm wird mit einem Rollstuhl abgeholt, innerhalb weniger Minuten hängt er am Morphintropf. Dann folgen Arztgespräche, Röntgen, MRT. Das erste Mal seit unserer Hochzeit vor 15 Jahren nimmt Timm den Ehering ab. Mit dem Ehering an meiner Halskette muss ich an weinenden Verwandten in der Notaufnahme vorbei. Mir wird schlecht.

Nach einigen Stunden dann steht die Diagnose fest: Bandscheibenvorfall im unteren Lendenwirbelbereich. Ein Stück der zerstörten Bandscheibe drückt gegen den Nerv, verursacht die starken Schmerzen im Bein. Wir sollen so schnell wie möglich operieren, da das Risiko bleibender Schäden erheblich ist. Während Timm am Morphintropf das erste Mal seit Wochen wieder selig lächelnd mit ausgestreckten Beinen im Bett liegen kann, telefoniere ich mit Krankenkasse und befreundeten Ärzten, füttere die Kinder, recherchiere im Internet, welche Behandlungsmethode die beste ist, damit ich Fragen stellen kann. Immer wieder muss ich in der Notaufnahme an weinenden Menschen vorbei, weiß nicht, wo ich hingucken soll. Der Arzt plädiert, dafür, die Bandscheibe zu entfernen, durch ein Plastikimplantat zu ersetzten, die beiden betroffenen Wirbel zu versteifen. In Deutschland ist das die Methode, die es auf jeden Fall zu vermeiden gilt, sie gilt als überholt, wir nur angewandt, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Max Patenonkel, unser Vertrauensarzt in allen Lebenslagen klärt den Befund mit befreundeten Orthopäden ab, rät uns zu einer spinalen Infiltration. Stundenlang versuche ich abzuklären, ob die Versicherung die Kosten übernimmt, lasse mich von einer Callcenterangestellten beschimpfen, weil ich mit vier Kindern in El Salvador bin. Die Versicherung kann die MRT Aufnahmen nicht öffnen, ich muss ein spezielles Programm herunterladen, um sie in PDF verwandeln zu können, das Internet ist lahm. Mit dem Hotspot meiner Simkarte sende ich die MRT Bilder nach Deutschland zur Versicherung und zu den Ärzten, alles dauert ewig. Würden wir operieren, bräuchte Timm, so der behandelnde Arzt, idealerweise 3 Monate Zeit, um zu heilen. 3 Monate, die wir in San Salvador, verbringen müssten. Ich suche nach Unterkünften, surfe auf der Seite der deutschen Schule, versuche mir eine Pause hier vorzustellen. Ein Blick aus dem Fenster, auf mit Natodraht gesicherte Häuser, auf Seitenstraßen, die mit hohen Zäunen und Wachmännern abgesperrt, vor dem Terror, der die Straßen regiert, schützen sollen, macht mir diese Vorstellung schwer.

Ich möchte nicht in einem Land bleiben, in dem sich halbstarke Jugendbanden nehmen, was sie wollen. Was, wenn ihnen meine hübsche blonde Tochter gefällt, was wenn sie gerne Roger als Kommandozentrale hätten? Müdigkeit und Anspannung setzen ein Kopfkino in Gang, das alles andere als förderlich für eine Entscheidungsfindung ist. Wie um meinen überhitzten Kopf abzukühlen, schneit es plötzlich Hilfsbereitschaft: Passanten bringen Kuchen, klopfen an die Tür, fragen, ob sie helfen können, ob wir etwas brauchen. Ich bekomme Nachrichten und Einladungen über Instagram. Irgendwann höre ich auf zu zählen. Die Krankenschwestern bringen Gebäck, Krankenhausbesucher Geschenke, es hagelt Einladungen und Hilfsangebote.

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Ein Krankenrücktransport kommt für Timm nicht in Frage, er möchte weder uns noch Roger hier zurücklassen. Am nächsten Morgen haben wir nach einer schlaflosen Nacht eine Entscheidung getroffen: Wir werden nicht operieren, stattdessen den Nerv, der durch die Bandscheibe gereizt wird, mit einer Spritze betäuben. In Deutschland wäre dieser minimalinvasive Eingriff der erste Schritt. Die Ärzte machen wenig Hoffnung, verstehen aber unsere Bedenken in El Salvador zu bleiben. Sie glauben nicht, dass Timm schmerzfrei sein wird, geben zu Bedenken dass die Gefahr, dem Nerv bleibende Schäden zuzuführen nach wie vor existiert. Sie vergleichen die Behandlung mit der Betäubung des Fußes, wenn man einen Stein im Schuh hat. Ich bekomme die Anweisung für den Notfall eine Morphinspritze bei mir zu führen, der Arzt zeigt mir wie ich sie setzten muss

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Am nächsten Morgen ist Timm nach all den Infusionen so fit, dass wir in die Stadt fahren können, um einzukaufen und Wasser aufzufüllen. Vom Sicherheitspersonal wird uns eingebläut, nur auf Hauptstraßen und in Gegenden zu bleiben, die auch von Touristen frequentiert werden. Wir kämpfen uns zu einem Walmart durch, bleiben unterwegs im Gewirr der Leitungen hängen und reißen genau zur Abholzeit vor einer Schule die erste Leitung auf dieser Reise ab. Sofort sind unzählige Väter zur Stelle, die den Verkehr regeln, die uns einweisen, Besen besorgen, mit denen wir die Leitungen hochhalten können. Niemand schreit, niemand ist hektisch, niemand drängelt. Als ich wissen möchte, wo ich den Schaden bezahlen kann, sagt der Wachmann der Schule, er kümmere sich um alles, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Wir finden keine Abfüllstation für Aqua Purificado, halten mitten auf dem Highway einen Laster, der Wasserflaschen transportiert, an, bitten ihn, aus Plastikflaschen unseren Tank zu füllen. Was er lachend tut. Stündlich ruft uns der Parkwächter Marvin an, fragt, wie es uns geht, ob wir etwas brauchen.

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Als Timm am Morgen des zweiten Tages operiert wird, schaffe ich es endlich, alle Nachrichten zu beantworten, mich für die Geschenke, Einladungen und Hilfsangebote zu bedanken. Bei 80 Nachrichten höre ich auf, zu zählen, sitze schluchzend am Küchentisch, die Kinder tätscheln mir den Rücken. Noch nie habe ich eine solche Hilfsbereitschaft erlebt. Es ist, als wären diejenigen, die unter dem Terror leiden, extra gut, um das Karma der anderen aufzupolieren. Tatsächlich treffen wir in El Salvador keinen einzigen unfreundlichen Menschen, stattdessen nur solche, deren Hilfsbereitschaft mich sprachlos zurücklässt, mir ein schlechtes Gewissen bereitet, weil ich ihr Land nicht so mag, wie ich sollte. Der Schatz eines Reiselandes, das wird in El Salvador deutlich, liegt nicht immer im äußerlich sichtbaren, oft sind es die Menschen.

Die OP verläuft gut. Zwar hat Timm noch wie erwartet Schmerzen, aber sie sind erträglich, sollten, wenn wir genug Pausen einlegen, besser werden, da der gereizte Nerv sich beruhigen muss. Wir fahren in ein Naturschutzgebiet, etwas außerhalb der Stadt, campen zwischen dichtem Grün, erholen uns von den letzten Tagen. Lotta hat Geburtstag, wird 16 Jahre alt. Wir verbringen den Tag mit Gilberto und Dorys, und ihren Töchtern Emely und Mariet. Wir gehen in einem der imposanten Shoppingcenter bummeln, chinesisch essen, sie zeigen uns die Stadt und wir essen später Geburtstagskuchen in unserem Camp. Während Timm sich ausruht, gehen wir im Nationalpark spazieren. Wieder wurden uns in der schlimmsten Verzweiflung Engel geschickt, die uns das Leben erleichtern, uns mit Zuversicht erfüllen, mit dem Vertrauen, dass es immer einen Weg gibt, auch wenn man ihn auf den ersten Blick nicht erkennen kann.

 

3 Gedanken zu „San Salvador

  1. was für ein Alptraum, ein Szenario, kann mich gut hinein versetzten, wie man sich da “ nicht mehr selbst fühlt“. Mein Moto eine Tür geht zu, eine andere geht auf. Glück gehrt aber dazu. Und ein
    sog. Gott Vertrauen. Persönlich habe ich das auch bei meinen vielen Aufenthalten in Afrika erlebt.
    Wünsche euch weiterhin alles Gute, auch in nicht so positiven Situationen wieder heil haus zu kommen.

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