Nicaragua

Schon eine Stunde nach dem Aufwachen weiß ich, dass dieser Tage einer von denen sein wird, über dessen Ende ich mich freuen werde. Timm ist reizbar, hat wieder Rückenschmerzen. Ich sollte Mitleid haben, bin stattdessen wütend, weil er sich nicht helfen lassen will, wieder einmal mehr macht, als er sollte. Das ihm zustehende Mitleid verbrauche ich heute für mich selbst, schließlich, so meine Logik, muss ich es ausbaden, wenn er sich übernimmt. Die bisher erfolgreiche Strategie, mir ab und zu meine Heimreise oder unsere Scheidung vorzustellen, funktioniert nicht mehr und ich weiß, dass es keinen anderen Weg gibt als „mitten durch“. Glück fühlt sich anders an. Irgendwie schaffen wir es, uns ohne Katastrophen durch den Schulmorgen zu manövrieren, die Kinder dürfen zwischen den Unterrichtsfächern schwimmen gehen und es gelingt uns, die Stimmung auf einem erträglichen Level zu halten.

Nicaragua soll eines der schönsten Länder auf unserer Route sein- unberührte Natur und vom Tourismus unversehrtes kulturelles Erbe. Parallel zur Pazifikküste ist Nicaragua von einer Kette aktiver Vulkane durchzogen, trägt daher auch den Titel „Land der tausend Vulkane“. Es ist das größte Land in Mittelamerika, hier befindet sich der größte Süßwassersee Lateinamerikas, der Lago de Nicaragua. Es gehört aber auch zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas. Von den 6,15 Millionen Menschen leben die Hälfte in Armut, das Pro Kopf Einkommen liegt bei umgerechnet US$ 2 am Tag. Neben häufigen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Stürmen und Vulkanausbrüchen sind vor allem schlechte Staatsführung und Korruption für die wirtschaftlich schwierige Lage des Landes verantwortlich. Der Hauptwirtschaftszweig ist die Landwirtschaft, vor allem die Produktion für den Export von Bananen, Baumwolle, Gold, Meeresfrüchten, Kaffee, Rindfleisch, Rum, Tabak, Zigarren und Zucker. Genug Arbeit allerdings gibt es nicht für alle und so lebt Schätzungen zufolge jeder fünfte Bürger Nicaraguas im Ausland, hauptsächlich in Costa Rica und in den USA.

Vor fast genau einem Jahr brach innerhalb weniger Wochen das gesamte öffentliche Leben zusammen. An jenem Tag schlug die Polizei einen friedlichen Protest von hauptsächlich alten Leuten gegen eine geplante Rentenreform durch den amtierenden Präsidenten Ortega und die Vizepräsidentin, seine Frau, nieder. Das gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen die friedlich demonstrierenden Rentner war der Startschuss für eine landesweite Rebellion gegen die undemokratische und autoritäre Politik des Regentenpaares, deren sieben Kinder alle einflussreiche Posten im Land bekleiden, das Militär, die Medien und das Bankwesen kontrollieren. Das Regime brachte im Eilverfahren ein neues Gesetz durch, dass auch jeglichen friedlichen Protest als „Terrorismus“ bestrafen konnte. Das ohnehin gebeutelte Land verwandelte sich in einen Polizeistaat, zehntausende flohen, vor allem nach Costa Rica. Während der andauenden Straßenblockaden und Demonstrationen verschwanden laut Menschenrechtsorganisationen 1400 Menschen, über 500 starben, Tausende wurden verletzt, viele leiden unter Folgeschäden. Im April dieses Jahres jährte sich der Tag der Proteste, seitdem wird die Polizeipräsenz im ganzen Land wieder verstärkt, um ein erneutes Aufflammen der Proteste gegen das sich noch immer an die Macht klammernde Regentenpaar zu unterbinden.

Obwohl uns von allen Seiten versichert wird, dass wir in Nicaragua nichts zu befürchten haben, keinerlei Gefahr für uns droht, sind wir froh, für die nächste Nacht eine Adresse zu haben, einen Freund an den wir uns wenden können. Einer der vielen hilfsbereiten Menschen in San Salvador war Alberto. Zusammen mit seinem Vater kam er gleich zwei Mal vorbei, um nachzusehen, ob es uns gut geht und ob wir etwas brauchen. Er gab uns die Adresse seines Bruders Benjamin, der mit seiner Familie in Nicaragua in der Nähe von Granada lebt. Er habe ein offenes Haus, und ein noch offeneres Herz für Overlander, freue sich immer über Besuch, sagt Alberto.

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Nach den ersten 50 Kilometern in Nicaragua bestimmt uns vor allem ein Gefühl: Trauer nicht mehr Zeit zu haben, nicht in einer besseren Verfassung zu sein, um dieses Land ausgiebiger bereisen zu können. Wir fahren durch weite grüne Landschaften, vorbei an rauchenden Vulkanen, am Straßenrand grasen Pferde und Kühe, Hühner scharren nach Würmern und Insekten. Einfache, aus Holz gezimmerte Häuschen, mit Plastikplanen abgedeckt bestimmen das Bild der meisten Dörfer. An den Zäunen hängt Wäsche zum Trocknen, die Menschen lächeln und winken.

Obwohl die Straße in erstaunlich gutem Zustand ist, kracht bei der kleinsten Bodenwelle die Fahrerkabine unsanft auf den Rahmen des Trucks. Bei jedem Hubbel staucht es uns die Wirbelsäule, wir können nicht mehr in den sechten Gang schalten, weil die Fahrerkabine aufgrund der nicht mehr federnden Stoßdämpfer verrutscht ist. Wir müssen sie dringend reparieren-ein Kraftakt, dem Timm derzeit nicht gewachsen ist.

Wir quälen uns durch das heillose Durcheinander der Hauptstadt Managua. Bei jedem Kreisverkehr passieren wir Polizeisperren, die aber jedes Mal freundlich lächeln. Wir fühlen uns zu keinem Moment unwohl, sind aber trotzdem erleichtert, als wir bei Einbruch der Dunkelheit das Haus von Benjamin und seiner Frau Mariella erreichen. Wir passen nicht durch das ziemlich imposante Eingangstor, dürfen aber auf dem Parkplatz eines befreundeten Restaurantbesitzers campen.

Mariella und ihre Schwiegermama zaubern ein köstliches Abendessen aus Käse, Frijoles, Rührei und selbst gebackenen Tortillas.

Sie erzählen von ihrem Leben hier, wie es sich anfühlte letztes Jahr für drei Monate das Grundstück nicht verlassen zu können. Benjamin wartet Schiffsmotoren  und reist viel, auch nach Deutschland. Er kommt aus El Salvador, wo der Großteil seiner Familie lebt, hat ein paar Jahre in Panama gelebt, bevor es ihn nach Nicaragua gezogen hat.  Es sei ein schönes Land voller freundlicher, guter Menschen. Auch er hofft, dass es politisch bald ruhiger wird, glaubt aber, dass das Land auf einem guten Weg ist. Er liebt es, Overlander bei sich zu beherbergen, Geschichten aus aller Welt zu hören, dabei seinen geliebten Kaffee zu trinken. Kaffee, das ist eine seiner Leidenschaften, eine die er sehr ernst nimmt. Die Temperatur, Wasserqualität müssen stimmen, niemals würde er den Geschmack mit Milch verpanschen. Obwohl ich eigentlich niemals schwarzen Kaffee trinke, schmeckt mir Benjamins Samtkaffee köstlich. Für unsere Weiterreise gibt er uns die Telefonnummer seines Sohnes, der in San Jose/Costa Rica studiert. Auch an ihn können wir uns jeder Zeit wenden. Die Hilfsbereitschaft und die Selbstverständlichkeit, mit der Freunde des Sohnes oder des Bruders auch als die eigenen Freunde betrachtet werden, bewegt uns tief und wir stellen uns kurz vor, was wohl unsere Familien sagen würden, wenn wir in Europa Reisenden deren Telefonnummern geben würden mit der Versicherung, dass sie dort jeder Zeit anrufen dürfen, sollten sie Hilfe benötigen.

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Nach einem erholsamen Schlaf fühlt sich Timm am nächsten Tag in der Lage, die Stoßdämpfer auszuwechseln. Weil sein Rücken nicht flexibel genug ist, um sich unter der gekippten Kabine zu krümmen, baut Carl die Stoßdämpfer ein, während Timm ihm Anweisungen gibt. Seit wir begonnen haben, Roger umzubauen hat Carl bei jeder Reparatur genau hingesehen, weiß inzwischen fast genauso viel über Roger wie Timm und ist inzwischen tatsächlich zu seiner rechten Hand geworden.

Nach einem letzten gemeinsamen Kaffee mit Benjamin und Mariella, machen wir uns auf den Weg nach Granada.

Benjamin lässt sich nicht nehmen, vorwegzufahren, uns den Weg durch die breitesten Straßen mit den am wenigsten tief hängenden Leitungen zu lotsen. Mitten im Ort, so weiß Benjamin, kann man auf dem Parkplatz des Roten Kreuzes campen.

Wir stehen zwischen parkenden Autos, neben uns reparieren zwei Männer ihren Truck, links von uns steht ein ausgemusterter Schulbus. Über den Maschendrahtzaun  blicken wir auf eine der Hauptstraßen Granadas, die Calle la Calzada, die vom Ufer des Nicaraguasees bis zur barocken Kathedrale führt. Hier befindet sich die hauptsächliche touristische Infrastruktur der Stadt: Restaurants, Bars, Eisdielen, kleine Souvenir- und Kunsthandwerkläden. Am Abend soll sie, laut Reiseführer „zu heiterem Leben mit Musik und künstlerischen Darbietungen“ erwachen. Wie sehr, wird uns erst bei Einbruch der Dunkelheit bewusst, als auf der Bühne, keine 100m von Roger entfernt, ein Talentwettbewerb mit Karaokedarbietungen stattfindet. Er geht bis tief in die Nacht, im Takt des Basses wummern die Scheiben. Der einsetzende Regen bringt keine Abkühlung, stattdessen wird die Luft noch feuchter, unsere Haare kleben an der Stirn, die Köpfe am Kissen und wir müssen kreativ werden, um in dieser Nacht ein bisschen Schlaf zu bekommen.

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Granada ist eine der schönsten Städte Zentralamerikas. Die Kolonialstadt wird auch La gran Sultana ( die fette Rosine) genannt, wurde am 8. Dezember 1524 vom spanischen Eroberer Francisco Hernández de Córdoba gegründet, und im Laufe der Zeit immer wieder von Piraten überfallen. Das grüne Herz der Stadt ist er Parque Central, in dessen Zentrum sich die, seit 1583 mehrmals zerstörte, und immer wieder aufgebaute Kathedrale Granadas befindet. Im Schatten der Bäume stehen geschmückte Pferdekutschen, warten auf Touristen, um sie durch das überschaubare Zentrum zu kutschieren. Es riecht nach Pferd und warmem Regen.

Wir machen so viele Spaziergänge wie Timm’s Rücken zulässt, genießen die Farben der kunterbunten Häuser, den romantisch verfallenen Kolonialcharme der Stadt.

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Vier Bootsstunden von Granada entfernt liegt mitten im Nicaraguasee die Insel Ometepe. Sie wurde von zwei Vulkanen geformt, ist die größte vulkanische Insel in einem Süßwassersee, rund 30.000 Menschen leben hier. Unter normalen Umständen hätten wir es uns nicht nehmen lassen, sie zu besuchen, leider muss Timm den größten Teil der Zeit liegend verbringen und so fällt dieser Besuch für uns aus.

Wir erledigen das Nötigste, nämlich Wäsche waschen und machen uns nach 2 Tagen am Vormittag in Granada auf, Richtung Costa Rica.

Den ganzen Tag fahren wir durch weite grüne Landschaften, sind traurig, dass Timms Gesundheitszustand nicht mehr Zeit in diesem Land zulässt. Bis Kolumbien, das hat er sich vorgenommen, möchte er durchhalten. Dort, so der Plan, geht er erneut ins Krankenhaus,  um sich an der Bandscheibe operieren lassen. Die Kinder wollen wir dort zur deutschen Schule schicken, ein wenig Pause machen vom Reisealltag. Zunächst aber steht eine Pause in Costa Rica an. Damit sich der gereizte Nerv erholen kann, haben wir für 2 Wochen ein Air BnB gemietet, hoffen dass ein paar Tage fahrfrei die Schmerzen lindern werden.

Kurz vor der Grenze zu Costa Rica finden wir am späten Nachmittag einen wundervollen Platz an einem nahezu menschenleeren Strand. Ein älteres Ehepaar kommt aus einer der Hütten am Strand, macht es sich mit zwei Campingstühlen gemütlich, betrachtet den Sonnenuntergang. Ich gehen zu Ihnen, stelle mich vor und frage, ob es in Ordnung sei, hier eine Nacht zu bleiben. Aber natürlich, sei es das. Wenn wir Internet bräuchten, oder Wasser, wenn wir duschen wollten oder wenn sie uns mit unserer Wäsche behilflich sein könnte, dann wäre es ihr eine Freude, sagt die Frau. Sie freue sich so sehr, Touristen zu sehen. Es bedeutet für sie, dass es besser wird, dass es wieder bergauf gehe mit ihrem Land. Es wären schwierige Zeiten gewesen, die letzten Monate, aber sie ist der festen Überzeugung, dass sich das alles gelohnt hat, dass es wieder bergauf geht mit Nicaragua. Bis dahin bleibt ihr ältester Sohn in Costa Rica, arbeitet dort und versorgt seine daheimgebliebene Familie mit allem Notwendigen. Costa Rica sei sehr schön, sehr freundliche Menschen leben dort. Für sie aber, sei der allerschönste Ort der Welt ihr Häuschen am Strand, der Campingstuhl mit Blick auf den Sonnenuntergang.

Von San Salvador nach Nicaragua

Drei Tage nach der OP und einem tränenreichen Abschied von Dorys, Gilberto und den Mädchen bereiten wir am Abend Roger so vor, dass wir am Morgen um acht Uhr fahrbereit sind.

Da wir kein Navigationssystem mehr haben und unsere Guatemalakarten leer telefoniert sind, brauchen wir zunächst neue SIM Karten. Während wir diese in einem kleinen Kiosk kaufen und einrichten lassen, wird ein Fernsehteam auf Roger aufmerksam. Ob wir bereit wären, uns kurz interviewen und filmen zu lassen, werde ich gefragt. Ein kurzer Blick auf die Uhr und in die spiegelnde Ladenscheibe und die Antwort lautet „Nein“. Wir haben heute einen langen Weg vor uns, wollen es bis Nicaragua schaffen. Das bedeutet, zwei Grenzübergänge, von denen der nach Nicaragua der schwierigste auf der ganzen Reise sein soll. Warteschlangen, Durchsuchungen, schwierige Beamten- jeder Traveller auf der Panamericana hat Horrorgeschichten zu erzählen. Außerdem bin ich nun bereits in Woche 6 meines „NoShampoo“ Experiments. Strähnig und stumpf hängen mir die Haare auf die Schultern, jeden Morgen muss ich mir bei meinem Anblick Mut zusprechen. Die Reporterin ist enttäuscht, guckt mich aus tiefbraunen Puppenaugen an, bittet, es mir doch noch einmal zu überlegen, verspricht, dass wir nur 30 Minuten brauchen werden. Nach kurzer Rücksprache mit Timm und den Kindern willigen wir ein, denken dass es vielleicht unsere Chance ist, den El Salvadorianern für ihre Gastfreundschaft zu danken.

Wir fahren zurück zum Campingplatz. 3 Stunden später müssen wir zum 27. Mal den Auszug reinschieben, weil immer wieder die Kameraeinstellung nicht passt. Timm schmerzt der Rücken, mir das Hirn, weil ich die Interviewfragen nicht verstehe, die Reporterin kein Englisch spricht und wir keinen Empfang für Google Übersetzter haben. Wir haben wirklich keine Lust mehr, wissen aber nicht, wie wir wieder elegant aus der Nummer rauskommen. Als sie vorschlagen, ein paar Einstellungen beim Fahren auf dem Highway zu machen, fahren wir schließlich nicht, wie verabredet, wieder die Ausfahrt herunter hinter ihnen her, sondern fröhlich winkend geradeaus Richtung Grenze. Karma rächt dies: Aus dem Busfenster vor uns fliegt eine volle Babywindel, verpasst die Windschutzscheibe haarscharf, klatscht gegen den Rahmen, verfehlt Lotta um Haaresbreite.

 

An den Straßenrändern stapelt sich der Müll, immer wieder fehlen mitten in der Fahrbahn Gullydeckel und wir müssen tiefen Löchern ausweichen. Der Verkehr ist dicht, die Luft kaum atembar und wir kommen kaum voran. Die Nacht verbringen wir völlig erschöpft im Innenhof eines Hotels an der Grenze zu Honduras. Der Junge des Hauses möchte Lotta beeindrucken und als seine Avancen nicht beachtet werden, beginnt er Hühner kopfüber an den Füssen vor ihren Augen herumzuschleudern. Lotta ist wütend und genervt, Paula nicht minder. Das kleine Mädchen der Besitzerin hat sich in Paula verguckt, steht noch vor unserem Fenster und ruft ihren Namen als wir schon längst das Licht ausgemacht haben.

Sorgenvoll hatten wir in den letzten Wochen die politisch angespannte Lage in Honduras beobachtet. Seit Mai kommt es immer wieder zu landesweiten Demonstrationen und Straßenblockaden, seit es beim neuerlichen Amtsantritt des Präsidenten im Januar 2019 zu Unregelmäßigkeiten kam und man Wahlbetrug vermutet. Immer wieder kam es in den letzten Monaten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Plünderungen, nach Gegenmaßnahmen der Polizei wurden Menschen verletzt und getötet. Obwohl das Land eines der Juwele Zentralamerikas sein soll, beschließen wir, so schnell wie möglich nach Costa Rica zu fahren. Zwei Stunden würden wir brauchen, um Honduras zu durchfahren, wenn alles gut geht. Geht es natürlich nicht!

Schon 15 Kilometer bevor wir die Grenze zu Honduras erreichen, stehen am Straßenrand Schlangen von LKWs. Sollen wir uns hinten anstellen oder auf der Gegenfahrbahn überholen? Stellen wir uns an, werden wir in Tagen noch hier stehen, fahren wir auf der Gegenfahrbahn an den LKWs vorbei, können wir dem Gegenverkehr nicht ausweichen, weil es keinen Standstreifen gibt. Wir entscheiden uns, das Risiko auf uns zu nehmen, zumal zwischen all den LKW nicht ein einziger PKW steht, zu denen wir und heute ausnahmsweise zählen.

Überall, wirklich überall wird man davor gewarnt, sich nicht an den Grenzen von sogenannten Fixern helfen zu lassen. Sobald wir parken, sind wir umringt von Männern mit offiziell aussehenden Ausweisen, in Tshirts die den Anschein einer Uniform erwecken sollen. Wir steigen aus, ignorieren alle Hilfsangebote, suchen das Zollgebäude. Mit Kopien unserer Importgenehmigung sollen wir uns hier einfinden, unsere Pässe sowie die Genehmigung abstempeln lassen, eine kurze Inspektion des Trucks und weiter solls gehen.

So einfach sei das nicht, flüstert ein vertrauensvoll aussehender Herr, der sich als Renee vorstellt. Über dem Kragen seines blauen Hemdes baumelt ein Kreuz. Wenn wir Pech haben, so sagt er werden wir als LKW eingestuft, müssten uns ganz hinten anstellen und Tage an der Grenze verbringen. Ein Blick auf Timms gequältes Gesicht und ich schieße alle Warnungen in den Wind. Eine Stunde fahren wir zwischen einzelnen Gebäuden hin und her, machen unzählige Kopien, bekommen Stempel, machen neue Kopien. Zwischendurch bin ich froh, das Renee mir den Weg und alle Abkürzungen zeigt- jedenfalls bis zu dem Moment an dem er mich mit drei Freunden umstellt und 40$US für seine Dienste fordert. Erst Timm kann ihn auf 30$US herunterhandeln.

In Honduras renne ich dann eine weitere Stunde von Zollgebäude, zu Copyshops, zur Bank, wieder zurück zum Zoll und endlich nach 3 Stunden nervenaufreibenden Grenzprozederes können wir weiter fahren. Zumindest für 30 Minuten, dann müssen wir erneut anhalten.

Vor uns reihen sich die LKWs bis zum Horizont, es wimmelt von Polizei. Ich steige aus, frage einen Polizisten, was los ist, ob wir mit längeren Wartezeiten rechnen müssten. Ein Problem mit einem LKW, ein paar Stunden müssen wir einplanen, ist seine Antwort. Ein paar Stunden, die wir nicht haben. Timm hat schon wieder Rückenschmerzen, nutzt die Zeit, die wir stehen, um sich hinzulegen. Ich frage die Trucker, was das Problem ist. Straßenblockaden. Ob wir mit einer baldigen Weiterfahrt rechnen können, möchte ich wissen und werde herzlich ausgelacht.

Wir ergeben uns dem Schicksal, ich wärme den Kindern ein paar Spaghetti auf. Gerade als alle essen wollen, fährt an uns ein Pick-up mit der Ladefläche voller Männer vorbei, die mit Megaphonen Parolen brüllen, einige sind vermummt. Als sie mit der Polizei sprechen fühle ich mich sicher genug, steige aus, und frage sie, ob sie näheres wissen. Sie erklären mir, dass es sich um einen Streik und eine Straßenblockade handelt, dass die nächsten Tage hier niemand mehr weiterkommt. Ich fange fast an zu Heulen, erkläre ihnen dass wir hier mit vier Kindern, einem kranken Mann feststecken, dass wir nicht genügend Essen und Wasser an Bord haben, um einen tagelangen Streik aushalten zu können. Einer von ihnen hat Mitleid, sagt, er werde mit den Initiatoren sprechen, vielleicht würden sie eine Ausnahme machen. Kurz nachdem sie mit dem Pick-up verschwunden sind, überholt uns links ein Überlandreisebus. Timm denkt nicht lange nach, heftet sich an dessen Stoßstange. Rechts und links stehen in beide Richtungen die LKW im Stau. Unter machen haben die Fahrer Hängematten ausgespannt. Verkäufer haben zwischen den parkenden Trucks Essens und Getränkeverkaufsstände aufgebaut. Wir fahren und fahren, endlos lange, bis irgendwann, nach 30 Kilometern die Straße vor uns plötzlich frei ist.

Überall am Straßenrand sehen wir die die Spuren vergangener Sperren: Stapel pelte, halb verbrannter Autoreifen, Steinwälle, ausgebrannten Autos, Barrikaden aus Holz und Brandspuren auf den Straßen. Ansonsten aber wirkt Honduras auf uns aufgeräumt und weit. Grüne Wiesen, kaum Müll an den Straßenrändern, freundlich grüßende Menschen. Seit Mexiko überqueren wir das erste Flüsschen, das man nicht schon von 200m Entfernung riechen kann. Es ist 38 Grad, die später Nachmittag und wir sind alles andere als taufrisch. Trotzdem brechen wir unsere Regel, Grenzen immer frisch und ausgeruht entgegenzutreten. Wir wollen noch heute nach Nicaragua. Die Gefahr, dass auch an dieser Grenze Straßensperren errichtet werden, ist uns zu groß. Sollten sich die Sperren wider Erwarten auflösen, wird hier bald die Hölle los sein.

Nicaragua soll die schlimmste Grenze in ganz Mittelamerika sein. Drohnen sind hier verboten, viele Reisende haben von ewig dauernden Autoinspektionen erzählt. Lottas Drohne haben wir an einem sicheren Ort versteckt, vorsichtshalber habe ich alle Socialmedia Accounts auf privat gestellt, damit nicht ein Beamter auf die Idee kommen könnte, hier nach Drohnenaufnahmen zu suchen. Timm kommt nur noch mit Mühe aus dem Truck, der Tag war zu lang und anstrengend. Langes Stehen schmerzt, sitzen inzwischen auch. Glücklicherweise hatte ich vor zwei Tagen online Visaformulare ausgefüllt. Das spart uns mindestens eine Stunde, da unser Anträge überraschenderweise  bereits bearbeitet sind. Aufgrund der Straßensperren im Norden Honduras‘ sind die Grenzen deutlich leerer als sonst. Die Beamten scheinen alle entspannt und feundlich, auch wenn es ein ziemliches Gerenne ist, alle erforderlichen Kopien und Papiere zusammenzusuchen, haben wir nach dreieinhalb Stunden auch diese Hürde genommen. Der unverhofft ruhige Tag und die Hitze lähmen auch den Inspektor. Nach einem kurzen Blick in den Truck winkt er uns durch und wir sind in Nicaragua!

Erschöpft aber zufrieden mit unserem Tagwerk scherzt Timm, dass alles was er sich nun wünschen würde, eine kalte Cola und ein Pool wären. Keine 5 Minuten später erscheint zu unserer rechten Seite, mitten im Nirgendwo ein kleiner Balneario, eine Badeanstalt mit Restaurant, die uns erlaubt auf dem Parkplatz zu campen. Die Kinder springen sofort in den Pool, den sie mit einer Ziegenherde und kleinen stechenden Wasserinsekten teilen, Timm und ich planen im Schatten mit eiskalter Cola die nächste Etappe.