Chichén Itzá

Der Weltuntergang am 21.12.2012 blieb aus. Ein bewusstseinserweiternder Sprung der Menschheit, wie die andere Deutung des Mayakalenders für dieses Datum vorschlägt, scheinbar auch. Jedenfalls hoffe ich aus tiefstem Herzen, dass das, was sich in Chichén Itzá als Beispiel für unsere Kultur versammelt hat, nicht richtungsweisend ist. Unweit der Touristenhochburgen Playa del Carmen und Cancún spucken hier Reisebussflotten Massen solcher Leute aus, denen die Ruinen hauptsächlich ein guter Hintergrund für Selfies im „guck-mal-wie-heiß-es-hier-ist-ich-brauche-nichtmal-Klamotten-Look“ sind. Seit vor ein paar Jahren eine Touristin von der als „Castillo“ bezeichneten zentralen Pyramide, dem höchsten Gebäude des Komplexes gestürzt ist, darf man diese nicht mehr betreten. Da muss man nun für Selfieknaller etwas weiter in die Trickkiste greifen: Handstand mit String unter dem Minirock wäre eine Variante unter vielen. Die Kinder lachen sich kringelig über die Bemühungen besonders der weiblichen Touristen, Fotos mit Wiedererkennungswert zu produzieren.

Ansonsten aber ist Chichén Itzá durchaus bemerkenswert. Über Jahrhunderte war diese Stadt heiliger Ort, bis sie um 1200 von ihren Bewohnern verlassen wurde und im Dschungel versank. Erst 1841 begannen Archäologen damit, die Ruinen wieder auszugraben und fanden die größte Pyramidenanlage Yucatáns.

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Zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert muss Chichén Itzá eine überregional bedeutende Rolle gespielt haben. Wie diese genau aussah, konnte bisher jedoch nicht geklärt werden. Einzigartig ist, dass hier, anders als an anderen Mayastätten, verschiedenste Architekturstile nebeneinander auftreten. Lange war die 1988 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärte Stätte im Privatbesitz. Erst im März 2010 verkaufte der Besitzer den Teil des Geländes, der die wichtigsten Gebäude der früheren Stadt umfasst, für rund 13 Millionen Euro an die Regierung Yucatáns.

Der Name Chichén Itzá bedeutet „Am Rande des Brunnens der Itzá“. Der Brunnen, die Cenote, die heute den Namen „Cenote Sagrada“ trägt, ist eine der Hauptattraktionen von Chichén Itzá. Der Bergriff Cenote (zu deutsch Dioline) stammt von den Maya Yucatáns,  bedeutet so viel wie „Heilige Quelle“. Sie sind, neben den Mayaruinen und den Traumstränden, einer der Gründe, warum Yucatán bei Touristen so beliebt ist.

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Der Boden dieser Provinz ist aus weichem Kalkstein, bei dessen Auflösung sich Höhlen und unterirdische Wasserläufe bilden. Brechen die Decken dieser Höhlen ein, entstehen Öffnungen zu den unterirdischen Wasserspeichern und Wasserläufen- die Diolinen. Forscher glauben, dass sie ein Hauptgrund für die Entwicklung der Mayazivilisationen im Yucatán waren, da sie die Wasserversorgung sicherten. Sie bezeichnen sie als den „großen Strom der Maya“. Insgesamt, so schätzt man, befinden sich im Yucatán, der benachbarten Provinz Quintana Roo und in Belize etwa 10.000  dieser Cenoten.  Diese in ihrem Ausmaß riesigen Höhlensysteme sind oft über mehrere Hundert Kilometer Unterwasserstrom miteinander verbunden sind und stoßen bei Forschern auf beachtliches Interesse. Auch die Kieler Christian Albrechts Universität führte 2010 ein Forschungsprojekt durch, an dem Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen beteiligt waren. Für die Mayas stellten die Cenoten, die oft eine kreisrunde Öffnung haben, manchmal aber auch aussehen wie ein kleiner Teich, den Zugang zur Unterwelt da, wo ihrem Glauben nach die Götter lebten. Auf dem Grund der 35m tiefen Cenote Sagrada fanden Forscher Schmuckstücke aus Jade und Gold, Gefäße aus Keramik und etwa 50 Skelette. Funde in vielen weiteren Cenoten legen nahe, dass diese Höhlen als Opferstätten, für sakrale Zeremonien und als Friedhöfe genutzt wurden, Menschenopfer waren dabei nicht selten.

Das berühmteste Gebäude Chichén Itzás ist die vierseitige Stufenyramide, das Castillo. Man spekuliert, dass die Anzahl der Stufen der vier Seiten die Anzahl der Tage des Mayajahres widerspiegelt. Gesichert ist diese Annahme aber nicht, da die Anzahl der Stufen rekonstruiert wurde und man nicht mit Sicherheit sagen kann, dass alle Seiten gleich viele Stufen hatten, oder ihre heutige Anzahl den damaligen Tatsachen entspricht. Dass die Erbauer Chichén Itzás über komplexes astronomisches und mathematisches Wissen verfügten und beim Bau ihrer Heiligtümer wenig dem Zufall überließen, beweist folgendes Beispiel: Zwei Mal im Jahr, zur Winter – sowie Sommersonnenwende übersteigen die ohnehin rekordverdächtigen Besucherzahlen jedes Mass. Durch den Stand der Sonne und das Spiel mit Licht und Schatten werden für eine kurze Zeit nur die Treppen der Pyramide angestrahlt. Ein Lichtband läuft dann von der Spitze der Pyramide auf einen, am Fuße der Pyramide befindlichen Schlangenkopf aus Stein zu. Er stellt die „gefiederte Schlange“ (Itzá Kukulcán, „Quetzalcoatl“ bei den Azteken), den Gott der Auferstehung und Reinkarnation dar.

Ein weiteres Highlight von Chichén Itzá ist der „große Ballspielplatz“. Das „Juego de Pelote“ war ein fester Bestandteil der Mayakultur und in vielen Mayasiedlungen befinden sich Reste einstiger Spielarenen. Viele Mythen ranken sich um dieses Ballspiel, das von vielen zentralamerikanischen Völkern gespielt wurde und zum Teil auch heute noch, in abgewandelter Form, in Teilen Mexikos gespielt wird. Auch die Funktion des Spieles ist nicht eindeutig geklärt. Aus Aufzeichnungen und Reliefs geht hervor, dass mit dem Spiel der Ausgang von Kriegen entschieden wurde, Kriegsgefangene sich ihre Freiheit (oder den Tod) erspielen konnten, dass Ihr Ausgang als göttliches Orakel gewertet wurde oder es, wahrscheinlich erst in späteren Zeiten, der bloßen Volksbelustigung diente. Man glaubt, dass das Pelotespiel, das, wenn man den Reliefs in Chichén Itzá glauben darf, mit der Enthauptung der Verlierer enden konnte, der Ursprung heutiger europäischer Ballspiele sein könnte. Über die Einzelheiten die Regeln betreffend, wird ebenfalls diskutiert. Einig ist man sich jedoch, dass ein volleyballgroßer, harter Gummiball in seitlich der Spielarena befindliche Steinkreise befördert werden musste. Sehr wahrscheinlich durfte der Ball nicht den Boden berühren, musste mit sämtlichen Körperteilen in der Luft gehalten werden. Ob zwei Mannschaften gegeneinander spielten oder die Spieler gemeinsam auf ein Ziel, nämlich den Ball in der Luft zu halten, hinarbeiteten, ist ebenfalls nicht geklärt. In Chichén Iztá allein fand man 12 Ballspielplätze. Aufgrund der Größe des großen Ballspielplatzes  allerdings geht man davon aus, dass dieser zu Spielen nicht benutzt wurde, sondern eher repräsentativen Zwecken diente.

Wir fühlen uns klein und unbedeutend, als wir über den von hohen und dicken Mauern umgrenzten Spielplatz gehen. Die Steinringe scheinen unerreichbar, mir als totalem Ballsportlegastheniker ist dieser Platz und der Gedanke, hier um mein Leben zu spielen der reinste Horror. Ob die Spieler willkürlich gewählt wurden oder ob es eine Art Berufsspieler gab? Was, wenn jemand wie ich dazu verdonnert wurde zu spielen und so über sein Schicksal oder  gar den Ausgang eines Krieges entscheiden musste? Während ich über die Grausamkeiten, die in Form von Ballspielen der Menschheit zugefügt wurden, nachdenke, erwischt mich eiskalt eine Erinnerung, die ich lieber in der tiefsten Cenote meines Bewusstseins versenken möchte: Sportunterricht in der 10. oder 11. Klasse. Alle Schüler werden ihrem Können nach in verschiedene Teams aufgeteilt. Ich bliebe zusammen mit einem etwas moppeligen Mitschüler übrig. Soweit nichts Ungewöhnliches. Immerhin sind wir zu zweit. Trotzig strecke ich dem Lehrer mein Kinn entgegen, der schmettert ein Ball in meine Richtung, lacht und sagt „Michaela spielt gegen die Wand“.

Erst die Reliefs der Tzompantli-Plattform, an der wir ein paar Minuten später vorbeikommen reißen mich aus meinen düsteren Gedanken, erinnern mich daran, dass es Schlimmeres gibt, als vom Sportlehrer gedemütigt zu werden: Sie zeigen Totenschädel und übergroße Adler, die menschliche Herzen in ihren Fängen halten, um sie zu fressen. Diese Plattform war einst mit Holzgerüsten ausgestattet, an denen die Köpfe geopferter Personen angebracht wurden, eventuell auch die der verlierenden Pelotespieler. Und wieder einmal danke ich dem Himmel dafür, im Deutschland der 70ger Jahre geboren worden zu sein.

Nachdem wir die Ruinen gesehen haben, wollen wir so schnell wie möglich dem Touristenrummel entkommen, finden einen kleinen Ökocampsite in der Nähe von Valladolid. Alles hier ist recycelt oder hat mehr als einen Verwendungszweck. Der Pool ist gleichzeitig Lebensraum für kleine Barsche, die einem, während man im Wasser, das von einer hauseigenen Cenote gespeist wird, liegt, die Hornhaut von den Füssen fressen. Genächtigt wird, soweit man kein eigenes Fahrzeug hat, in zu Schlafkabinen umgebauten VW-Käfern, VW-Bussen oder im Flugzeug. Wir sind die einzigen Gäste, dürfen uns ausbreiten und so liegen Paulas Schulsachen am nächsten Morgen auf den Tragflächen des Flugzeuges, Carl lernt in der Hängematte mit den Füssen bei den Pedikürebarschen, Max in der Kuschelhöhle, die aus einem umgedrehten Käferwrack gebaut wurde. So schön es ist, wir brechen doch nach einer Nacht wieder auf. Die Hitze ist kaum zu ertragen, wir haben Meertrieb.

Wir sind keine 10 Minuten gefahren, da verspricht ein Schild am Wegesrand kristallklares Cenotenwasser. Die Cenote Oxman, auf der gleichnamigen Hacienda San Lorenzo Oxman gelegen, sagt selbst der Lonely Planet, ist eine der am wenigsten überfüllten Cenoten der Gegend.

Suchend schweift mein Blick in die Ferne, vorbei an einem Zaun, einigen Bäumen und Büschen. „WOW“, „Boah“, „Mamaaaaa“- erst das Geschrei der Kinder verrät, das ich direkt davor stehe, ohne sie zu sehen. Die Kinder stehen am Zaun, blicken mit großen Augen in die Tiefe. Hinter dem Zaun klafft ein Loch, vom Rand reichen Baumwurzeln bis an die ozeanblaue Wasseroberfläche. An der mit Tropfsteinen bedeckten Wand der Cenote wachsen Moos und Farne, Kletterpflanzen nutzen die Lianen und Baumwurzeln als Rankhilfe, ein kühler Lufthauch steigt von unten herauf. Wir steigen 73 Stufen hinab in die Höhle, in eine andere Welt, in eine  Welt, in der Feen, Trolle oder Wassermänner sehr logisch erscheinen.

Ich lasse mich auf dem Rücken treiben, durch ein kreisrundes Loch sehe ich viel zu grellen Himmel, die Blätter der Bäume im heißen Nachmittagswind tanzen, unter mir ziehen in der Tiefe riesige schwarze Barsche ihre Kreise. Den Grund der Cenote können wir auch mit Taucherbrille nicht erkennen, nichts als dunkler werdendes Blau umgibt uns. Ich lasse mich in Verwunschenheit treiben und wie schon so oft in den letzten 9 Monaten, bin ich bis zum Bersten gefüllt mit tiefer Dankbarkeit darüber, die Schönheit unseres Planeten erfahren zu dürfen. Wir haben Glück, wir sind für 40 Minuten fast allein hier unten. Die Kinder schwingen an einem Seil, lassen sich kreischend ins Wasser plumpsen, bis ihre Lippen den Farbton des Wassers annehmen. Als wir später wieder im Truck sitzen, sind wir noch lange sprachlos. Jedes gesprochene Wort scheint zu grob, droht uns aus unserer Zauberstimmung zu reißen. Irgendwann allerdings muss auch mal Schluss sein mit dämlich versonnen Grinsegesichtern, ist es Zeit, wieder in der Realität anzukommen. So oder so ähnlich werden die Reisegötter gedacht haben, als sie uns als Übernachtungsort den Walmartparkplatz vom rummeligen Playa del Carmen servieren.

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