Palenque

„Auf keinen Fall rechts abbiegen! Fahrt am Ende der Auffahrt links und nehmt die Teerstraße“, sagt der Besitzer des „La Jungla“ Campgrounds zur Abschiedsumarmung.„Tausend Dank für den Tipp“, sagt Timm und fährt rechts. Zunächst scheint das eine gute Entscheidung zu sein. Wir fahren durch hübsche Dörfer, vorbei an mit Bourgainvillea überwucherten Häuschen, winkenden Dorfbewohnern. Wir freuen uns über im Fluss badenden Kinder, über die Schatten, welche die Sonne auf die Straße kritzelt, wenn Sie durch das Blätterdach scheint. Und irgendwann, als die Straße immer holpriger wird, wir nach vier Stunden noch keine 100km weit gekommen sind, mache ich mir Sorgen. Die nächste Stadt Coatzacoalcos soll eigentlich nur 50 Km entfernt sein, aber jedes Mal, wenn wir jemanden fragen, der uns auf der Straße begegnet, bekommen wir eine andere Auskunft. Mal sind es zwei Stunden, mal 5, mal 30 Minuten. Aus Afrika wissen wir, dass man nicht einfach nach der Entfernung oder Zeit fragen darf, sondern möglichst genau auch das Transportmittel beschreiben sollte. In Malawi z.B., kann niemand beantworten, wie lange man für eine bestimmte Strecke mit dem Auto braucht. Fragt man aber nach der „Fahrradzeit“, steigen die Chancen auf einen einigermaßen verlässlichen Richtwert. Nach einigen widersprüchlichen Aussagen fragen wir nach der Mopedzeit, die, wie wir feststellen müssen, deutlich von der „Rogerzeit“ abweicht, erheblich kürzer ist. Wir fahren im Schrittempo über baufällige Brücken, über Schotterpisten, deren Anteil an Schlagloch den Strassenanteil deutlich übersteigt. Immer wieder fragen wir, von der Angst getrieben, an einem Ort zu landen, an dem wir vielleicht besser nicht sein sollten, ob es sicher ist. Immer wieder ist die Antwort „Si!“, mit vielen Ausrufezeichen.

Am späten Nachmittag machen wir in einem Dorf eine Pause, essen in einem „Comedor“ gebratenes Fleisch mit Salat. Schon beim Essen weiß ich, dass morgen mindestens einer von uns Bauchweh haben wird. Da unsere Vorräte absolut aufgebraucht sind, gibt es zum Nachtisch ein paar homöopathische Kügelchen und positive Gedanken für den Verdauungstrakt.

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Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit kommen wir in Coatzacoalcos an, verfransen uns in den viel zu engen Gassen, bleiben unter Kabeln und Bäumen hängen. Die Stimmung ist nicht gut. Wir parken auf einem Walmartparkplatz, gehen abends um 22.00 einkaufen. Für uns die reinste Tortur, für die Locals anscheinend völlig normal. Gut gelaunt schieben junge Mütter mit Kleinkindern durch die Gänge, flanieren mittelalte Damen mit ihren Schwiegermüttern am Arm durch die Putzmittel Abteilung. Ob wir hier sicher übernachten können, frage ich den Parkplatzwärter.             „Bestimmt“, ist seine Antwort. Eine anstrengende Nacht mündet in einen noch anstrengenderen Morgen. Während Timm und die Kinder versuchen, den Verkehrslärm auszublenden und wenigstens ein bisschen Schule zu machen, hänge ich am Telefon, lausche den Berichten meines Papas und meines kleinen Bruders über eine familiäre Katastrophe. Die Stimmung sinkt gen Mehrfachminus, die Temperaturen steigen. Wir verirren uns in der Stadt, werden immer wieder durch Baustellen geleitet, irgendwann ist Timm so genervt, dass er mit Roger über dem Mittelstreifen des zweispurigen Highways einen U-turn macht. Die Jungs und einige Trucker grölen und lachen, wir Mädels und die meisten Kleinwagenfahrer schütteln mit den Köpfen. Einer Geldbuße von $US50 entkommen wir wieder mit “tumbem Deutschtun“.

Einen langen heißen Fahrtag beenden wir auf dem Parkplatz einer Badeanstalt. Wir werden dort eingeschlossen, dürfen baden so lange wir wollen, werden von Mücken zerfressen. Unser Kühlschrank scheint den Temperaturen nicht mehr gewachsen zu sein, überhitzt und wir müssen, um die Bordakkus zu schonen, alle Sicherungen ausschalten: Keine Lüfter, kaum Schlaf, stattdessen alle paar Stunden eine kalte Dusche und am nächsten Tag eine weitere Fahrt durch glühende, zum Teil an den Strassenrändern brennende Landschaft, bis wir Palenque erreichen.

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Über unseren Köpfen blinkern die Sterne, im dichten Gebüsch des Dschungels flackern Glühwürmchen. Wir liegen im kühlen Wasser, flüstern leise, da der Pool eigentlich schon lange geschlossen ist. Vom dichten Blätterdach hallen die Rufe der Brüllaffen, Grillen zirpen und es riecht intensiv nach feuchter, warmer Erde und Blumen, wie im Tropenhaus in Hagenbecks Tierpark. Das Gesetz des Ausgleichs, stelle ich fest, wirkt auch auf Reisen. Es besagt, dass alle Elemente und Kräfte stets nach Ausgleich streben, um ein Gleichgewicht herzustellen. Auf Einatmen folgt Ausatmen, auf Nacht folgt Tag, auf schwierige Zeiten folgen glückliche Zeiten, beim Reisen, wie im echten Leben. Alles wird am Ende gut, und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Das gilt ganz sicher auch für familiäre Katastrophen. Obwohl es die bisher heißeste Nacht der Reise ist, wir wenig und sehr schlecht schlafen, sind wir vor allem dankbar, das kleine Paradies „Maya Bell“ gefunden zu haben. Mitten im Dschungel gelegen, einen kurzen Fußmarsch entfernt, ist es der ideale Ausgangsort, um die berühmten Ruinen von Palenque zu entdecken.

Schon sehr früh am Morgen wandern wir zusammen mit Ryan und Camille, die wir zufällig auf dem Maya Bell Campsite wieder treffen, zu den Ruinen. Wir hoffen so, sowohl der Hitze, als auch den Touristenhorden zu entgehen. Bisher war der Gedanke an die Maya für mich immer eng mit Indiana Jones verbunden: Geheimnisvolle Tempel, Voraussagen über das Ende der Welt, blutrünstige Opferrituale, versunkene Städte und verschollene Schätze. Wie Indiana Jones fühlen wir uns augenblicklich beim Anblick der aus dem Dschungel ragenden halb verfallenen Tempelanlagen. Die Geräusche des Dschungels, vor allem die der Brüllaffen versprühen einen Hauch von Gefahr. Gierig scheinen sich grüne Finger und Arme nach den verwitterten Mauern zu strecken, noch nie habe ich eine solche Pflanzenvielfalt gesehen.

Von den Bäumen wachsen Lianen, in Astgabeln blühen Orchideen, Mose und Farne bedecken die Stämme der Urwaldbäume. Als ich mich hinhocke, um ein Foto zu machen, hätte ich schwören können, dass die Kletterpflanzen, die den Stamm des Baumes zu meiner Rechten überwuchern, ein kleines Bisschen näher gekommen sind. Der Dschungel lebt, atmet, beobachtet uns.

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Die Kultur der Mayas, das hatte ich bisher immer geglaubt, sei aus ungeklärten Umständen, ähnlich wie das sagenumwobene Atlantis, untergegangen, hat uns ihren Kalender, die Voraussage des Weltuntergangs für den 21.12.2012, ihre Tempel und viele Geheimnisse hinterlassen. Tatsächlich ist die Kultur der Mayas eine bis heute sehr lebendige Kultur. Von der Yukatanhalbinsel bis nach Honduras, besonders in Guatemala leben auch heute noch Nachfahren der einstigen Herrscher Mittelamerikas, pflegen ihre Traditionen und Sprachen. Bis heute haben circa 40 verschiedene Mayasprachen überlebt, die in weiten Teilen Südmexikos, Guatemalas, Honduras‘ und Belizes gesprochen werden. Untergegangen allerdings ist ab dem 9. Jahrhundert die klassische Mayakultur. Viele der damaligen Zentren wurden verlassen. Warum dies geschah, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Einige Wissenschaftler glauben, dass kriegerische Auseinandersetzungen einen Bevölkerungsrückgang und somit das Verlassen der klassischen Mayastätten begünstigt haben. Andere sind überzeugt, dass Überbeanspruchung der Böden und eine damit verbundene Nahrungsknappheit, Dürren, andere Klimakatastrophen und Krankheiten den Untergang der Zivilisationen begünstigt haben. Auch wenn die spanischen Eroberer die meisten Zeitzeugnisse vernichten liessen, sind heute noch vier handschriftliche Codexe erhalten. Sie werden in Mexiko, Paris, Madrid und Dresden aufbewahrt. Der Dresdner Codex befasst sich vor allem mit astronomischen Themen. Für den 21.12.2012 geht aus ihm das Ende des Majakalenders hervor, was viele als den bevorstehenden Weltuntergang interpretiert haben. Andere glauben an ein neues Zeitalter, herbeigeführt durch einen Bewußtseinssprung der Erdenbewohner. Gerne würde ich an diese Theorie glauben, bin aber doch beunruhigt über die Parallelen, die den Untergang der Mayas herbeigeführt haben und heute ebenfalls unsere Zukunft bedrohen.

Das Reich der Maya wurde nicht zentral gesteuert, sondern von unterschiedlichen Herrschern verschiedener Stadtstaaten als Bündnis organisiert, oft sprachen sie nicht dieselbe Sprache. Ihre soziale Struktur entsprach in etwa der im Europa des Mittelalters: Adelige und Priester waren die Herrscher. Auf zweiter Stufe standen Kaufleute. Bauern machten den Großteil der Bevölkerung aus. Sklaven, oft verschleppte Kriegsgefangene bildeten die unterste Bevölkerungsschicht. Sie verrichteten die schwersten Arbeiten und wurden häufig in religiösen Ritualen geopfert. Der Schöpfungsmythos der Maya besagt, dass die ersten Menschen aus Maisteig geformt wurden, dementsprechend wichtig war dieses Nahrungsmittel im Leben dieser Völker. Menschliches Blut galt als Garant für Fruchtbarkeit, darum wurde damit nicht gegeizt. Nicht nur Sklaven, auch Kinder, Priester und Angehörige des Adelsgeschlechts wurden geopfert oder pflegten zumindest den Brauch, sich selbst Schnitte in Zunge oder Penis zuzuführen, das austretende Blut mit Papier aufzufangen, um es dann zu verbrennen, damit es mit dem Rauch zu den Göttern im Himmel aufsteigen konnte. Nach Vorstellung der Maya bestand das Universum aus drei Ebenen: Himmel, Erde und Unterwelt und auf jeder Ebene lebten bestimmte Götter, denen zu gefallen als oberste Priorität galt.

Das erste Gebäude, das uns in seinen Bann nimmt, ist der Tempel der Inschriften. Er wurde 690 vollendet und beherbergt die Grabkammer des einstigen Herrschers Pakal.

Der Name des Tempels geht auf drei Tafeln zurück, die sich im Inneren der Anlage  befinden und die Geschichte Palenques und seiner Herrscher erzählen. Für Touristen ist der Zutritt inzwischen nicht mehr erlaubt, um weiteren Zerstörungen vorzubeugen.  Im Palastgebäude allerdings, dass gegenüber dieses Tempels liegt und wahrscheinlich das Wohnhaus eines Herrschers war, dürfen wir nach Herzenslust durch die Gänge streifen, die 1700 Jahre alten Stuck Reliefs bestaunen, uns auf den Innenhöfen sonnen.

Von hier oben hat man einen phantastischen Blick auf drei weitere Tempel, den Sonnen-, den Kreuz- und den Blätterkreuztempel. Alle drei besitzen einen Raum mit jeweils einem Relief an der Längsseite, die in Maya Hieroglyphen verfasste Texte und Daten enthalten.

Palenque, Ende des 18. Jahrhunderts von Bewohnern eines nahegelegenen Dorfes entdeckt, ist auch heute nur 5% ausgegraben, der Großteil der Stadt ist von dichtem Dschungel überwuchert, birgt, obwohl die Herrscherlinie dieser Stadt fast lückenlos nachvollziehbar ist, noch einige bedeutende Schätze. Anders als in Teotihuacán trifft uns die Magie dieses Ortes mit voller Wucht. Trotz der Hitze erklettern wir jeden Tempel der Kreuztempelgruppe, genießen den Blick von den Stufen, wandern durch den dichten Wald, stellen uns vor wie es ist, das innere einer lange verschütteten Grabkammer als Erster zu betreten und bei den Kindern gerät ein weiterer Beruf unter die Toptenliste: Archäologe.

 

 

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