Cabot Trail

Nova Scotia, Canada

„Your kids are the luckiest people on earth!“ Während sie ein paar Fotos von Roger macht, redet eine ältere Dame auf die Kinder ein, beglückwünscht sie zu der Möglichkeit, mit ihren Eltern und diesem tollen Camper durch die Welt zu reisen. So oder so ähnlich haben in den letzten Wochen viele Menschen reagiert, wenn wir ihre Fragen woher wir kommen und wohin wir fahren beantwortet haben. Auch hier in Annapolis Royal werden wir unzählige Male angesprochen, viele machen Fotos, geben uns Tips für die Weiterreise, die uns auch hier wieder nicht leicht fällt. Hier in Annapolis Royal ist die erste europäische Siedlung auf kanadischem Boden entstanden, die kleine Stadt war bis zur Gründung von Halifax Nova Scotia Hauptstadt. Tage könnten wir hier auf den Spuren der ersten Europäer verbringen, haben leider aber nur Zeit für einen kurzen Stadtrundgang und ein Eis. 

„Ruhms!“ Ein stechender Schmerz. Dieses mal hat es mich am rechten Oberkopf getroffen. Ich versuche Halt zu finden, drücke meinen Kopf tief in Max’ Schnuffeldecke, nur um im nächsten Moment wieder gegen die Decke seiner Kajüte geschleudert zu werden. Seit einer gefühlten Ewigkeit versuche ich rückwärts aus seiner Koje zu klettern, es ist unmöglich. Timm scheint von der Teerstraße abgefahren zu sein, ich sehe holprigen Feldweg, ab und zu ein Schlagloch durch den aufgewirbelten Staub vor Max’ Fenster. Roger schaukelt wie ein Schiff im Sturm, alles poltert durcheinander, es ächzt und knarzt, ich werde in der engen Koje von Wand zu Wand und wieder an die Decke geschleudert. Ich gebe auf, ergebe mich meinem Schicksal, beschliesse zu warten, bis Roger irgendwann zum Stehen kommt. Was sehr sehr lange nicht passiert. Ich hatte nur mal kurz eine Auszeit vom Lärm in der Fahrerkabine gebraucht, hatte mich für ein paar Minuten in Max’ Bett gekuschelt. Dies ist nun die Strafe.

Als ich sehr viel später lädiert aus dem Wohnkoffer klettere, sind alle bester Stimmung. Timm freut sich Roger endlich einmal offroad gefahren zu sein, die Kinder hatten auf der Dachbank gesessen, sind noch ganz kribbelig vor Aufregung. Roger ist auf einem einsamen Kiesstrand zum Stehen gekommen, um uns nichts als Meer und Wald und Sonnenuntergang. Unter meinen Füssen knirschen die Steine, in meinem Schädel die Zähne. Heute, dass weiß ich, wird es länger dauern, bis mein Gemüt sich auf die Schönheit der Umgebung einstellen kann. 

„I want to see your trailer!“ Bevor ich mich versehen kann steht eine dralle Rentnerin in Rogers Eingang, hält mir ihre Hand entgegen.“Hi, my name is…“, den Namen verstehe ich leider nicht, zu sehr bin ich damit beschäftigt, mir schnell die Hose zuzumachen. Nach einem langen Fahrtag wollte ich mit den Kindern an den Strand gehen, vor dem Abendessen noch einmal schnell ins Meer springen, bevor die Mücken uns aussaugen. Da wir kein Wasser mehr in unserem Tank haben und dringend wieder alle duschen müssen, haben wir heute ausnahmsweise an einem Campingplatz gehalten. Nun steht Roger zwischen neugierigen Dauercampern. Besagte Dame wurde von den anderen vorgeschickt um Erkundigungen einzuholen. Alle anderen stehen mit Abstand und Bierdosen in der Hand um uns herum, warten auf die Infos ihrer Späherin. Erst als diese begeistert wieder die steile Leiter herunterklettert, „It is awesome, these guys build it themselves“ in die Runde ruft, schliesst sich der Kreis um uns langsam. Die anderen kommen neugierig näher, stellen ein paar Fragen, verlieren ihre Scheu. Als wir es endlich zum Strand schaffen, sind die Mücken schon da, die Sonne macht sich auch gerade zum Bad im Meer bereit und das Wasser hat einen tiefbraunen Schimmer vom aufgewühlten Sand der Gezeiten. Macht nichts, wir haben ja Duschen, um diesen später von uns abzuwaschen. 

Am nächsten Morgen gießt es in Strömen. Während ich draußen den Grill vom Vorabend schrubbe, glotzen die Nachbarn ungeniert auf mein nasses T-shirt, das Bier schmeckt wohl auch schon wieder. Timm füllt die Tanks auf und dann fahren wir den ganzen Tag durch den Regen, Richtung Cabot Trail im Norden Nova Scotias. Es ist Samstag, schulfrei, wir alle fühlen uns vom Wetter um einen freien Tag betrogen. 

Als am nächsten Tag endlich wieder die Sonne scheint, sieht der Parkplatz auf dem wir stehen ein wenig wie ein Informal Settlement in Afrika aus. Über jedem Zentimeter des Zaunes, der einen kleinen Spielplatz umgibt, hängen unsere Handtücher und Kleidungsstücke zum Trocknen. Alle Türen von Roger sind geöffnet, der Generator rumpelt, treibt die Waschmaschine an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite läuten die Kirchenglocken, die Pickups reihen sich vor dem Kirchentor. Wir werden neugierig beäugt, ich stehe nervös in der Tür, als ein Pickup vor uns hält, ein Mann bei laufendem Motor die Scheibe herunterkurbelt. Jetzt gibts Mecker, hier hätten wir nicht einfach campen dürfen. Als die Scheibenwischer gestern Abend dem Regen nicht mehr gewachsen waren, hatten wir hier gehalten, uns nicht um „Camping Verboten“ Schilder geschert. 

„Morning“, dröhnt mir der Mann mit seinem Motor um die Wette entgegen. „Please also use the washrooms and the playground, it is for everyone!“ Noch bevor ich außer einem Dankeschön eine Erklärung abgeben kann, tippt er mit dem Finger an seine Schirmmütze und verschwindet Richtung Kirche. Nur wenige Minuten später ertönt erneut eine Stimme von Rogers Leiter. „ Na, großen Waschtag?“ Unten steht eine Frau, blinzelt mir durch die Sonne entgegen. Jana, so stellt sie sich vor, ist zusammen mit ihrem Mann Jens auf dem letzten Stück eine einjährigen Reise durch Australien, den USA, Alaska und Kanada (ihr Blog diepauls.wordpress.com). Auch sie sind Richtung Cabot Trail unterwegs. Wir tauschen uns ein wenig über Kanada und die USA aus, bekommen viele wertvolle Tips. Wieder fällt uns auf, wie schnell man mit anderen Reisenden ins Gespräch kommt, wie man in Sekunden auf der selben Welle schwimmt und ewig weiterreden könnte, wäre da nicht der Feind, die Zeit. 

Der Cabot Trail, DAS Highlight von Nova Scotia, umringt die Nordspitze der Halbinsel und ist eines der beliebtesten Ausflugsziele im Sommer. 300 Kilometer schlängelt er sich die Küste entlang, klettert mit Steigungen bis 14% durch Wälder, an Cliffs und Flüssen entlang, führt grösstenteils durch den Cape Breton Provincial Park. Campen darf man hier nur auf dem Campingplatz, der, jetzt zur Ferienzeit ausgebucht ist. Wir müssen auf dem Ausweichplatz campen. Eigentlich nicht mehr als ein Parkplatz, liegt der direkt am Meer, niemand sonst ist hier und wir teilen ihn einzig mit einem für uns unsichtbaren Bären. Am Morgen kommen uns Jana und Jens besuchen und wir verbringen noch ein bisschen Zeit bei Kaffee und Schoki zusammen. Unter anderem schenken se uns ihre Bärenhupe, das Bärenspray und ihre Jahreskarte für die Nationalparks der USA. 

Paula ist stinkesauer. „ Roger ist eine Verarschung, sieht aus als kommt er überall durch und nun kommt er nichtmal den Berg hoch!“ Sie hat recht. Fast im Schritttempo kriecht er schnaufend und schwarze Wolken schnaubend den Berg hinauf. Wir werden fast von Fahrradfahrern überholt. Auf Timm’s Stirn graben Sorgenfalten tiefe Furchen. Irgendwas stimmt nicht, Roger hat absolut keine Kraft, er sollte selbst diese 14% Steigung bezwingen können. Stattdessen kriechen wir im Schneckentempo den Berg hinauf. Die Kinder werden still, schaukeln rhythmisch mit den Oberkörpern als wollen sie Anschauung geben. Die schöne Landschaft, unseren kurze Wanderung kann Timm nicht wirklich geniessen. Es arbeitet unter seinem Cowboyhut. 

Am Abend treffen wir unverhofft am Hafen von Pleasant Bay erneut auf Jana und Jens. Häfen, haben wir festgestellt, sind immer gute Camps. Meist stört sich hier niemand an Campern und fast immer hat man phantastische Blicke. So auch dieses Mal. Zwischen aufgestapelten Hummerkörben, parken wir direkt am Strand, versammeln uns für den Sonnenuntergang im Strandhafer. Warum nur hat man im Alltag so wenig Zeit für Sonnenuntergänge?

Am nächsten Morgen ist Sparschule. Ab Stunde 3. sitzen wir mit Jana und Jens an Bord eines kleinen Kutters, fahren hinaus auf das offene Meer. Sonnenstrahlen glitzern auf der Bugwelle und die grünen Berge schrumpfen zu Zwergenbergen. Die Besatzung besteht aus drei Männern, ein Steuermann, einer am Oberdeck und einer auf dem Unterdeck. Wale, das versprechen sie, sehen wir garantiert. Wir sind das erste Schiff am Morgen, da muss man immer erstmal gucken wo sie sich aufhalten. 

Nach mehrmaligem blinden Alarm, sind sie da. Eine kleine Gruppe Minke ( =Zwerg) Wale umkreist das Boot. Immer wieder tauchen ihre Rücken und Schwanzflossen auf, mal ganz nah am Boot, dann wieder weiter weg. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen fotografieren und gucken, lasse irgendwann die Kamera sinken und genieße einfach nur den Anblick. Zwar sind es nicht wie erhofft die Ozeanriesen, die wir sehen, aber das ist egal. Viel zu schnell vergeht die Zeit. Und dann heisst es wirklich Abschied nehmen von Jana und Jens. Die beiden werden noch ein bisschen nördlicher fahren, uns zieht es nun endlich weiter Richtung Trans Canada Highway.

„Strand- oder Seeblick?“. Wir stehen vor einem endlosen Strand, rechts das Meer, links ein See, hinter uns ein kleiner Fischerhafen. Ich weiss gar nicht wohin ich zuerst gucken soll. Wieder einmal hat es Timm geschafft uns durch pure Intuition den schönst möglichen Platz zu finden. Und zum Morgenkaffee gibts Sonnenaufgang. Seit wir losgefahren sind, versucht Timm das Auto so zu parken, dass ich beim Wachwerden in den Sonnenaufgang blicke. Wenn das keine Liebe ist!

Kanada

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