August 2020

( Reisemonat 25) Ich liebe Geburtstage- die der anderen. Mein eigener erfüllte mich lange mit Unbehagen. Ich fand es anstrengend, im Mittelpunkt zu stehen und unangenehm, mich zu feiern. Bis ich letztes Jahr verstanden habe, dass ich nicht den Tag meiner Geburt und mich feiern muss, sondern die Tatsache, dass ich ein weiteres Jahr die Möglichkeit hatte, auf der Welt zu sein und sie und ihre Wunder zu erleben. Leben in Costa Rica, eine Segeltour in der Karibik, zwei Monate in Kolumbien, Dreharbeiten für eine TV Doku, eine Pandemie und 5 Monate in Ecuador- mein 43. Lebensjahr war bunt und ich bin für jeden einzelnen Tag dankbar. Auch für die Schwierigen. 

Der Vielfältigkeit der durchreisten Landschaften entspricht auch meiner psychische Verfassung: Manchmal fühle ich mich mental auf 4000m, dann wieder tief im dunklen, stickigen, faulig riechenden Dschungel, mal kann ich frei atmen, mein Blick geht Richtung unendlich, dann sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Auch wenn ich weiß, dass die Gefahr sich mit Corona anzustecken bei unserer Art zu reisen relativ gering ist, weil wir vorsichtig sind und Abstand halten, schleicht sich die Angst immer wieder in meine Träume. An manchen Morgenen kostet es mich Kraft, positiv in die Zukunft zu blicken. Corona und die Auswirkungen machen mir, seit wir unterwegs sind, mehr zu schaffen, als ich erwartet habe. Nun sind wir Touristen, die es sich leisten können, während einer Pandemie „Urlaub zu machen“. So jedenfalls sehen uns die Menschen hier. Immer werden wir liebenswürdig begrüßt, manchmal überschlagen sie sich geradezu vor Freundlichkeit. Meistens sind wir die ersten Gäste seit vielen Monaten, fast immer wird ein Bild von uns auf Social Media gepostet versehen mit einem Text, der lautet: „Wir bereiten uns auf Touristen vor, die ersten kommen schon wieder.“ Und jedes Mal sehen wir die Enttäuschung über unsere Abreise, immer versucht man, uns zu halten, strengt sich extra an, damit wir noch nicht gehen. Die Not der Menschen ist schwer zu ertragen. Während wir, die Kamera geschultert durch die Straßen laufen, vorbei an dem Mütterchen, das lächelnd im Regen die spärliche Ernte ihres Zitronenbäumchens versucht in Dollars zu verwandeln, fühle ich mich schuldig. Immer müssen wir wählen. Kaufen wir bei einer Obstverkäuferin Äpfel, ist die Nachbarverkäuferin enttäuscht. Ich habe generell Schwierigkeiten, mich von den Emotionen anderer Menschen abzuschotten, ungefiltert prasseln sie auf mich ein und werden zu meinen eigenen. Das schlägt mir manchmal auf Magen und Stimmung. 

Und doch bin ich dankbar, diese Phase nicht aus der Wohlstandsblase heraus erfahren zu müssen, wie ich es automatisch in Deutschland tun würde. Dass die Kinder sehen, dass es hier um mehr geht, als um die Frage, ob man Masken trägt oder nicht, ob und wann man wieder „Party machen“ kann. Ich habe wenig Verständnis für die Diskussionen in Deutschland. Hier in Ecuador hat Corona eine andere Dimension. Hier sterben die Menschen während sie vor dem Krankenhaus in der Schlange stehen, hier verarmen sie, weil man während des Lockdowns oder unter den Einschränkungen nicht arbeiten kann oder darf. Vor Corona keine Angst haben zu müssen, es sich leisten zu können, die Gefährlichkeit dieses Virus in Frage zu stellen ist, das haben wir hier in Ecuador gelernt, ein Privileg. Ein Privileg, das darauf gründet, in einem Land zu leben, das sich kümmert. Auch wenn viele „Querdenker“ eine andere Meinung vertreten, in Deutschland zu leben ist in solchen Zeiten ein Glück. In Ecuador ist das einzige Sicherheitsnetz, die einzige Möglichkeit den Schaden gering zu halten, sich solidarisch zu verhalten. Staatshilfen, ein Gesundheitssystem, Lohnfortzahlungen, Versicherungen, Arbeitsschutzgesetze, Mitspracherechte- all das existiert hier nicht. Und trotzdem scheint den Ecuadorianern nicht das Herz in die Hose gerutscht zu sein. Ich bin immer wieder erstaunt über die Flexibilität, den Erfindergeist, das Durchhaltevermögen, mit dem man hier der Situation begegnet. Von der Autorin Liz Gilbert stammt die Aufforderung „dance with what life gives you“ und das nehmen die Ecuadorianer wörtlich. Niemand scheint bitter, vorwurfsvoll oder wütend, stattdessen dreht man die Musik auf, tanzt zu Herzschmerzmusik, deren Texte von Worten wie Corazon (Herz), Alma (Seele), Dolor (Schmerz), Amor (Liebe), Sufrimiento (Leiden) triefen. 

Amor und Corazon- nämlich unseren 16. Hochzeitstag- hätten wir in diesem Monat fast vergessen. Statt mit Blumen, Romantik und Essen zu zweit, feiern wir ihn mit einem Strandspaziergang, mit einem Fernsehabend, Popcorn und 12 stinkenden sandigen Füssen in unserem Bett. So schön es ist, als Familie so viel Zeit miteinander zu verbringen, so schwer ist es für Timm und mich, Zeit zu zweit zu finden. Kein Gespräch bleibt von den Kindern ungehört, kein Flüstern ein Geheimnis, kein Streit vor ihnen verborgen. In der Folge streiten wir weniger, reißen uns zusammen oder machen Dinge mit uns aus, gehen auf Abstand zueinander. Ich glaube, das geht nur, weil wir uns so gut kennen und vertrauen, weil wir wissen, dass unsere Beziehung es auch mal vertragen kann sich gegenseitig blöd zu finden. Die Enge im Truck ist für uns gerade eine Herausforderung. Wir alle haben das Bedürfnis nach Platz und Ruhe, haben Sehnsucht, Dinge in unserem eigenen Tempo zu erledigen, sich ohne Störung auf etwas zu konzentrieren. Jeder von uns würde gerne dann ins Bett gehen, wenn er müde ist und nicht dann, wenn im Truck das Licht ausgeht, aufstehen wenn man ausgeschlafen hat und nicht, wenn es der Geräuschpegel im Truck bestimmt. Wir alle sind ein bisschen dünnhäutig und reizbar. Und wie immer hilft in solchen Momenten das Meer. Das Meer relativiert alles, am Meer finden wir Ruhe und Platz, sein Rauschen verschluckt unseren Lärm, beruhigt. 

Ecuador Nach ... Monat auf Reisen Nach 1,2,3..Monaten

6 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wir bewundern euren Mut in dieser Zeit weiter euren Traum zu leben. Hut ab. Umso besser für uns, eure Sicht auf die „deutsche“-Wohlstandslage zu sehen. Das können wir von hier – aus unserem sicheren Wohnzimmer – aber nur bestätigen. Sie wissen gar nicht, wie gut es uns hier in Deutschland geht. Die Sicht auf den Geburtstag finden wir gut, sich selbst zu feiern, ist irgendwie auch eine seltsame Eigenschaft. Anderer Meinung zu sein, ist ja nichts Schlimmes und muss auch nicht in Streit „ausarten“, aber man muss kommunizieren und verstehen bzw. die Ansicht des anderen versuchen nachvollziehen. Da sind wir auch gespannt, ob wir das auf so langen Reisen hinbekommen.

    • Ihr Lieben, danke für Euer Feedback. inzwischen hat sich natürlich auch die Situation in Deutschland völlig geändert und ich würde mir nicht mehr anmaßen, es als ein „Jammern aus der Wohlstandsblase“ zu bezeichnen. Im August war die Situation ja eine andere. Ich glaube so lange man sich ernsthaft bemüht aufeinander zuzugehen und sich auch zugestehen kann, einmal alles und jeden doof zu finden, wird ’s klappen:) Liebe Grüße!

  2. Hallo Michaela und Hallo an die ganze Familie,

    was für ein schöner Bericht – so aufmerksam und einfühlsam. Immer wieder gern lese ich von Euren Eindrücken. Alles Gute und viele Grüße vom kleinen Plöner See, der heute im kalten Sturm mit ordentlich Regen richtig Welle schiebt. Klaus

    PS:Habe kein facebook etc., deshalb kann ich nicht auf der Seite kommentieren

  3. nachträglich herzlichen Geburtstagsgruß – ein besonderer Grüß – Glückwunsch – was für ein super Bericht – Unterschiede in jeglicher Weise und Richtung – Ihr habt diesen Titel von mir als Geschenk den “ Weltmeister – Familie „

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