Expedition ins Umland

Neben Aufbruch und Ankunft gibt es für Reisende, welche die Erde in Nord-Südrichtung oder umgekehrt bereisen, ein weiteres wichtiges Etappenziel: die Überquerung des Äquators. Es ist nur eine Linie, manchmal überquert man sie sogar, ohne es zu merken (In Uganda sind wir mehrmals hin und her gefahren, haben auf das Navi gestarrt, uns gefragt, war‘s das jetzt?). In Ecuador allerdings ist die Gefahr, sich plötzlich und unbemerkt auf der anderen Erdhälfte wiederzufinden, gering. „Ecuador“ ist das spanische Wort für „Äquator,“ und der verläuft knapp 50km südlich von Ibarra. An unserem ersten Tag auf „Probereise“ überqueren wir diese Linie, stehen mit einem Fuß auf der Nord-, mit dem anderen Fuß auf der Südhalbkugel, freuen uns darüber, nach den Monaten der Unbeweglichkeit nun so etwas wie ein Etappenziel erreicht zu haben.

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Das Massiv des Cayambe Vulkans, welches direkt auf der Äquatorlinie liegt, war bis 2006 der einzige, dauerhaft von Schnee bedeckte Punkt auf dem Äquator. n Folge des Klimawandels allerdings trägt die Spitze des 5976m, und dritthöchsten Berges Ecuadors  nur noch saisonal eine weiße Mütze.

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Der aktive Vulkan brach das letzte Mal 1786 aus, wird als ruhend eingestuft, auch wenn er zwischen 2003-2005 eine erhöhte seismische Aktivität zeigte. Diesen Vulkan wollen wir uns gern aus der Nähe ansehen, was sich als viel schwieriger gestaltet, als wir erwartet hätten. Wie so häufig liegt sein Gipfel in dichten Wolken und auch nach mehrstündigem Suchen finden wir keine Möglichkeit, uns der Zufahrt des Nationalparks zu nähern. Wie auch an den Flanken des Imbambura Vulkans, dessen Anblick wir 3,5 Monate auf der Finca Sommerwind genießen durften, befinden sich am Fuße des Cayambe Vulkans die Dörfer indigener Gemeinden. Aus Angst vor Corona haben sie ihre Dörfer abgeschottet, die Straßen mit Erdwällen oder Ketten abgesperrt, Gräben gegraben oder Mauern gebaut, lassen niemanden passieren. Sehr freundlich, aber bestimmt erklären sie uns, dass es ihnen leider nicht möglich ist, uns passieren zu lassen, dass sie ihre Dörfer voraussichtlich noch viele Wochen, wenn nicht gar Monate durch diese Maßnahmen schützen werden. Sehr viele alte Menschen lebten hier, viele von ihnen am Existenzminimum, würde der Virus in ihre Dörfer einziehen, hätte dies noch katastrophalere Folgen als ohnehin an den meisten Orten der Welt. Sich abzuschotten, jedes passierende Auto zu desinfizieren, streng zu kontrollieren, wer Zugang in ihre Gemeinschaft bekommt, sei der einzige Weg sich zu schützen. So sehr ich diese Einstellung verstehe, überrollt mich doch ein ungutes Gefühl, dass Gespräche dieser Art in den folgenden Monaten zu unserer neuen Reisenormalität gehören werden.

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Ecuador ist klein, entspricht in etwa der Fläche der alten Bundesländer, plus nochmal Bayern extra. In Kilometern gemessen wirken Distanzen gering. Misst man sie jedoch in Roger-Fahrzeit, expandieren sie wie ein Schaumbad im Whirlpool, aus 50km wird schnell eine Tagesetappe. Bedröppelt treten wir den Rückzug an, fahren durch das Städtchen Cayambe, durch kleine Dörfchen mit windschiefen Holzhüttchen.

Vor den Haustüren sitzen 1000 Jahre alte Mütterchen, sortieren Maiskörner, die auf einer Folie ausgebreitet zu ihren Füssen liegen. Einige tragen Mundschutz, andere nicht einmal Schuhe. Am Straßenrand tragen sie zu einem C gebeugt an schweren Lasten. Es ist die Zeit der Wintersonnenwende, des Festes Inti Raymi, das in der Kultur der indigenen Andenvölker von größter Bedeutung ist. Zu Zeiten der Inkas galt Inti Raymi, das Sonnenfest, als das Fest des Neubeginnes. Auch heute finden am 21. Juli überall im Andenraum bunte Prozessionen, rituelle Waschungen, Opferrituale zum Erntedank und opulente Festessen statt. Dieses Jahr allerdings wurde das Fest verboten, an einigen Orten aber werden die Menschen trotz Verbot singend und tanzend durch die Straßen ziehen.

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Auf der Hacienda Zuleta dürfen wir uns, obwohl das Hotel offiziell noch geschlossen ist, die Überreste der Ruinen der Caranquis ansehen. Die Caranquis waren einst das im Norden Ecuadors ansässige Volk, baute seine Hütten auf mehreren Meter hohen Erdhügeln, die zum Teil nur über Rampen begehbar waren. Heute sind die Formen der 1700 Jahre alten Hügel noch immer gut erkennbar, auch wenn auf ihren von Gras überwucherten  Überresten heute die schwarzbunten Holsteiner Kühe der Finca grasen. Wenig ist von der Lebensweise der Caranquis heute bekannt. Im 14 Jahrhundert wurden sie von den aus Peru nordwärts vordringenden Inka unterworfen, welche wiederum keine 30 Jahre später von den Spaniern bezwungen wurden.

Gegen eine Spende dürfen wir das auf der Farm ansässige Condor Projekt besuchen. Unter der Leitung eines französischen Biologen werden hier verletzte oder in Gefangenschaft aufgezogenen Condore aufgepäppelt und man versucht, den stark bedrohten König der Anden zur Fortpflanzung zu animieren. Nur noch 150 Exemplare der Riesengeier leben in freier Wildbahn in Ecuador. Ein wichtiger Bereich des Projektes ist Aufklärungsarbeit. Viele Andenbauern glauben an die seit Jahrhunderten erzählten Geschichten von entführten Jungfrauen und Kühen und so werden die wenig hübschen Riesenvögel  immer wieder vergiftet oder erschossen; ihr Bestand gilt als stark gefährdet. Der Condor ist ein Aasfresser, anatomisch ist es ihm nicht möglich, ein Beutetier zu packen und fortzutragen, da er keine Greifklauen besitzt. Die Legenden aber halten sich trotz wissenschaftlicher Beleg hartnäckig und so sind die von den Inkas als heilig verehrten Vögel heute  für viele Bauern ein Ärgernis. Die Nacht dürfen wir auf dem Gelände der Hazienda campen, fahren früh am nächsten Morgen, vorbei an den winkenden Melkern nach Otavalo, die Stadt die berühmt ist für den größten Kunsthandwerkermarkt Lateinamerikas.

Auch in Otavalo allerdings hat, wie nicht anders erwartet, Corona das Kommando übernommen. Zwar herrscht auf den Straßen Trubel, die berühmten Märkte allerdings sind geschlossen. Stattdessen verkaufen entlang der Hauptstraßen Kleinhändler alles von Fleecedecken über Fahrradschläuche bis zu bestickten Mundschutzen. Otavalo ist benannt nach dem hier lebenden Volk der Otavaloindianer. Schon zur Zeit der Conquistadoren haben sie sich durch ihre Webkunst einen Namen als „Meisterweber“ gemacht und hatten seit jeher eine Sonderstellung. Mit der Agrarreform und der Abschaffung der Leibeigenschaft, machten sich die Otavaleños dieses Geschick zu Nutze. Wolldecken, Ponchos, Wandteppiche, Tücher, und bestickte Blusen sind beliebte Mitbringsel. Anders als andere indigene Gruppen haben sie wenig Berührungsängste, sind Touristen gegenüber aufgeschlossen. Ihrem kaufmännischen Geschick verdanken sie, dass sie heute die reichste indigene Gruppe Ecuadors sind. In Otavalo besitzen sie Hotels, Apartments, Restaurants und Reisebüros und trotz der Nähe zum Tourismus haben sie sich ihre Kultur und Tradition erhalten. Selbst junge Menschen tragen stolz die Tracht ihres Volkes: Die kleingewachsenen, puppenzarten Frauen tragen mit Blumenmustern bestickte Blusen, einen langen schwarzen, an der Seite geschlitzten Überrock, darunter einen hellen Flanellrock, an den Füssen Stoffschuhe mit einer Sohle aus geflochtenen Pflanzenfasern (Espandrilles). Ihr dickes schwarzes Haar tragen sie zu einem fest geflochtenen, mit bunten Bändern umwickeltem Zopf, den Hals schmücken Ketten aus roten und gelben Glasperlen. Einzig das viereckig zusammengefaltete Wolltuch, dass sich einige Frauen auf den Kopf legen, raubt dem Aufzug Eleganz.

Die Männer tragen ebenfalls langes, zum im Nacken gebundenen Pferdeschwanz oder geflochtenes Haar, dunkle Ponchos, helle Hosen und oft einen dunklen Hut. Ihre Gesichtszüge sind sanft, fast feminin, ihr Gang aufrecht und stolz.

Etwas ziellos wandern wir durch die Straßen, fühlen uns ein wenig unwohl, weil die Maßeinheit für Social distancing hier Zentimeter lautet. Anders als in Ibarra wird hier nicht in jedem Geschäft Fieber gemessen und Ganzkörper desinfiziert. Noch vor wenigen Wochen wäre das für uns ein Grund zur Freude gewesen, nun fühlen wir uns ungeschützt, machen uns nach zwei Stunden wieder auf, fahren zur Laguna San Pablo, unweit von Otavalo.

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Der 1,8 km² große See ist direkt dem Imbambura Vulkan vorgelagert, der, von der Rückseite betrachtet, einen ganz anderen Anblick liefert als den von der Finca Sommerwind gewohnten. Im kleine Ort San Pablo de Lago leben hauptsächlich Otavalenos, die heute, am Sonntag ein Fußballturnier veranstalten. Sie winken uns zu, als wir die Dorfstraße hinunter an die Lagune fahren, laden uns ein, am Fußballplatz die gegrillten Maiskolben und Würstchen zu probieren. Hier trägt niemand einen Mundschutz, es herrscht dichtes Gewimmel und wir entscheiden, lieber ein bisschen Abstand zu halten und in Roger zu essen. Vor Corona hätten wir uns fröhlich ins Gewimmel gestürzt, nun distanzieren wir uns, zum Schutz aller. Ich fühle mich um das Wichtigste unserer Reise beraubt: menschlichen Kontakt. Ein paar Jungs wollen alles über uns wissen, warnen mich, dass ich Abstand von der Lagune halten muss. Alle zwei Tage müsse sie essen, hole sich einen Menschen, dem dann die Algen das Blut aussagen und ihn bleich und weiß wieder freigeben. Auch vor dem Verrückten, der hier nachts durch die Straßen streift, sollen wir uns in acht nehmen, am besten früh schlafen gehen. Zum Schluss bitten sie mich, doch einen Blick in Roger werfen zu dürfen. Ich kann ihnen das nicht abschlagen und sie sind begeistert, besonders von Paula, die ihrer Altersklasse entspricht und der sie sich sehr höflich und förmlich vorstellen, nachdem sie sich vorher bei Timm erkundet haben, ob Paula bereits vergeben sei.

An diesem Abend schlafe ich mit dem unguten Gefühl ein, unvorsichtig gewesen zu sein. War es wirklich notwendig, sich in Otavalo ins Getümmel zu stürzen? Hätte ich den Jungen den Blick in Roger verwehren sollen? Sind wir ihnen zu nahe gekommen, habe ich mich leichtsinnig verhalten? Diese Gedanken ziehen in meinem Kopf Endlosschleifen, besorgte Mutter und kontaktfreudiger Abenteurer bieten sich eine Diskussion, aus der niemand als Gewinner hervorgeht. Reisen mit Corona, das wird mir nach diesen paar Tagen Probereise klar, wird anders werden. Wir werden für uns neue Verhaltensregeln aufstellen müssen, das Bauchgefühl darf nicht mehr höchste Entscheidungsinstanz sein. Ob das ein Verlust das sein wird oder ob wir uns damit arrangieren können, ohne dass uns der Spaß am Reisen vergeht, kann ich noch nicht absehen. Die große Freiheit, das fürchte ich, wird das Reisen in den nächsten Monaten vielleicht nicht sein. Sicher aber bin ich, dass wir Wege finden werden, dass Beste aus der Situation zu machen.

Ecuador

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wieder lese ich euren spannenden Reise Bericht,wie in einem Buch. Ein Reise – Abenteuer – Buch oder vielleicht sogar einen interessanten Film. Unglaublich gut erzählt. Die ausgewählten Photos dazu. Gehe immer mit,Reise mit.

  2. Schön zu lesen…reise ebenfalls mit. Notgedrungen. Ohne Corona wäre wir sehr wahrscheinlich in ähnlicher Weise unterwegs.

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