change plans, wash hands!

30. März 2020: Als vor zwei Monaten Roger über die steilen Pässe der Sierra Nevada de Santa Marta kletterte, hatte ich oft Angst, er würde mitten durchbrechen. Timm beruhigte mich jedes Mal, erklärte immer wieder Rogers Bauweise, nämlich, dass er sich verdrehen muss, und es ein gutes Zeichen ist, wenn sich Führerhaus und Wohnkoffer in verschiedene Richtungen neigen. „Was flexibel ist, bricht nicht!“ Das gilt für alles Gebaute, scheinbar auch für uns. Bisher sind wir keine Planer gewesen, haben uns treiben lassen, jeden Tag gespannt darauf, wohin uns das führen würde. Die nächsten Wochen in Ecuador allerdings hatten wir ziemlich gut geplant, es gab einfach zu viel, was wir sehen wollten und ein Projekt, dessen Realisation nun in den Sternen steht, zwang uns, ein bisschen strukturierter zu reisen. Wir planen- und das Leben lacht uns aus. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise. Corona macht uns, wie allen anderen auch, einen dicken fetten Strich durch die Reiseplanung. Wir könnten nun heulen, toben, wütend sein. Bringt aber nichts, also denken wir um, was flexibel ist, bricht nicht, wissen wir.

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Noch ist all das, was um uns herum passiert, kaum fassbar. Wir fühlen uns wie in einem Paralleluniversum, Zeit und Raum haben eine andere Bedeutung bekommen und es ist schwer vorstellbar, wie einem eine Welt so plötzlich abhandenkommen kann: Vor ein paar Wochen sind wir noch gereist, haben uns auf all das gefreut, was vor uns liegt und nun sitzen wir fest. Mit dem Entschluss zu bleiben, uns nicht auf die Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes zu setzen, werden wir sehr bald auf uns allein gestellt sein. Rettungsflüge zu einem späteren Zeitpunkt, da ist die deutsche Botschaft sehr deutlich, wird es nicht geben. Jedes Mal, wenn jemand aus unserer Quarantänefamilie in ein Taxi steigt und nach Hause fliegt, wird es in meinem Brustkorb zu eng für all die Gefühle die darin toben.

Obwohl wir alle wussten, was in Europa passierte, haben die meisten von uns die Grenzschließungen, der totale lockdown, die Schließungen der Flughäfen und Sperrungen der Überlandstraßen ziemlich kalt erwischt. Wir stehen ein bisschen unter Schock. Und doch sind wir alle recht gefasst, es herrscht keine Panik, jeder hier findet Wege, mit der Anspannung umzugehen. In einer solchen Situation mit Menschen zusammenzusein, die in den letzten Monaten häufig starke Nerven beweisen mussten, die es gewöhnt sind, umzuplanen und die bei der Aussicht auf Einschränkungen nicht in Panik geraten, ist ein riesen Geschenk. Ich bin unendlich froh, diese gruselige Zeit mit einer Gruppe so positiver Menschen verbringen zu dürfen, bin dankbar, was die Kinder hier an Rollenvorbildern geliefert bekommen. Denn was wir den Kindern vorleben, unser aller Reaktion auf solch eine Situation, hat entscheidenden Einfluss darauf, wie sie in Zukunft Problemen begegnen. Ob sie sie anpacken, ob sie weglaufen oder in Schockstarre verfallen.

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Natürlich machen wir uns Sorgen, glauben aber, dass uns das Leben in den letzten Jahren gut auf eine solche Situation vorbereitet hat: Unsicherheit und Ungewissheit sind für uns eigentlich normale Zustände auf Reisen. Wir sind jeden Tag einigen Gefahren ausgesetzt, ob Unfall, Überfall, Krankheit, wir wissen nie, wo wir die Nacht verbringen werden, wann und wo wir einkaufen können, ob wir einen sicheren Schlafplatz finden. Ungewissheit ist für uns ein Normalzustand. Wir finden uns meistens gut im Chaos zurecht, sehen es oft sogar als Herausforderung an. Wir haben in den letzten Jahren viel gelernt, auf das wir jetzt zurückgreifen können. Sollten wir selbst für unser Essen sorgen müssen, dann können wir das. Mein Projekt „Gemüsegarten“ in Deutschland war erfolgreich, Timm kann ein Schwein schlachten und in appetitliche Häppchen zerlegen. Homeschooling und Enge sind wir gewöhnt, ebenso, uns nicht frei bewegen zu können. Zwar wirkt unsere Reise äußerlich wie die ganz große Freiheit, tatsächlich allerdings ist unser Alltag oft von Bewegungseinschränkung geprägt. Immer wieder  lassen Umfeld oder Zeitvorgaben, Sicherheit oder Tageszeit es nicht zu, dass jeder von uns tun kann, wonach ihm ist. Unsicherheit, Flexibilität, Selbstversorgertum, ohne Luxus auf engem Raum leben, keinen Arzt in Reichweite haben, die Kinder selber unterrichten- das alles haben wir die letzten Jahre trainiert.

Welche Gefahren bedrohen uns hier konkret? Soziale Unruhen, Nahrungsmittelknappheit, Kollabieren des Gesundheitssystems wären die Naheliegendsten. Mit all diesen Gefahren können wir umgehen. Hans Finca liegt abseits in den Hügeln, sollte es zu Unruhen kommen, sind wir nicht im Schussfeld. In diesem Klima wächst das meiste Obst und Gemüse ganzjährig, zumindest was die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln angeht, sind wir hier im grünen Bereich. Sollten sich Engpässe abzeichnen, werden wir ein Schwein und Hühner kaufen, unseren bereits angelegte Garten vergrößern. Afrika hat uns gelehrt, auch in unsicheren Zeiten nicht den Kopf zu verlieren.

Die ersten Wochen hilft es uns allen, ins Tun zu kommen, uns mit der Situation zu arrangieren, uns im „New Normal“ einzurichten. Als Hans‘ Angestellten nicht mehr kommen können, erstellen wir Putzpläne, helfen im Garten und uns gegenseitig bei Reparaturen, spenden einander Trost, wenn einem die Angst und der Frust doch mal über den Kopf wächst. Um unsere Wege und Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren,  bestellen wir Fleisch vom Schlachter, der es dann mit dem Taxi zu uns bringt, weil er selbst kein Salvoconducto (eine Fahrgenehmigung) hat. Milch, Eier und Joghurt, Butter und Käse wird ebenfalls auf Bestellung geliefert, einmal die Woche kommt ein Gemüsehändler vorbei und wir kaufen einen Umzugskarton frischen Obst und Gemüses für 20 $US. Wir sitzen abends zusammen, grillen, machen Lagerfeuer und Stockbrot, wir treffen uns jeden Tag um 15 Uhr, um Neuigkeiten zu besprechen. Unsere Quarantänekameraden werden zum Familienersatz. Und dann, jedes Mal wenn wieder jemand gen Heimat fliegt, tut’s weh. Sowohl der Abschied als auch das Gefühl, zurückzubleiben. Wir wissen nicht wann und wie es weitergeht, ob wir überhaupt irgendwann weiter reisen können. Auch, unter welchen Umständen das sein wird, kann derzeit noch niemand voraussehen. Aber manchmal geht es nicht ums Weiterwissen, sondern einzig ums Weitermachen.

„Der sicherste Ort für ein Schiff ist der Hafen. Dafür aber sind Schiffe nicht gemacht“. Dieses Zitat stammt von Einstein und spiegelt gerade sehr genau unsere Situation wieder. Wir sind keine Hafendümpler. Gibt es überhaupt gerade einen sicheren Ort auf der Welt? Wäre Deutschland eine sinnvolle Alternative? Wir glauben nicht. Aber auch in Ecuador steigen die Infektionszahlen dramatisch. Aus Guayaquil im Süden des Landes erreichen uns Horrormeldungen, die Leichen stapeln sich auf der Straßen, können aufgrund der Ausgangssperre nicht mehr abgeholt werden, Kranke sterben in den Warteschlangen vor den Krankenhäusern. Das Gesundheitssystem Ecuadors ist dieser Pandemie nicht einmal im Ansatz gewachsen, die Menschen werden, wenn es schlimm wird, sterben wie die Fliegen.

Manchmal, wenn die Nachrichten von außerhalb doch zu schwer zu verdauen sind, zwingen wir uns gegenseitig, offline zu gehen, lesen nur noch zweimal am Tag Nachrichten, und niemals bevor wir den ersten Kaffee getrunken haben. In den ersten Tagen betrug die Bildschirmzeit auf meinem Handy erschreckende 8 Stunden. Ich war dauerhaft online. Das tat nicht gut. Facebook, den alten Panikmacher habe ich derzeit komplett aus meinem Leben verbannt. Stattdessen konzentriere ich mich auf die Kinder, freue mich daran, wie wenig ängstlich und verunsichert sie sind.

„Wir haben nicht bei Papas Rücken aufgegeben, da geben wir jetzt auch nicht auf!“, ist ihre Einstellung. Für sie ist das hier momentan noch ein lustiges Zeltlager, sie genießen die Sonderrolle, die sie als einzige Kinder unter all den Erwachsenen hier haben. Mein Jahreshoroskop sagt, dass ich von März bis Mitte Juli das Gefühl haben werde still zu stehen. Ich frage die Kinder, was wäre, wenn wir noch bis Mitte Juli hierbleiben müssten.

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„Kein Problem! Dann ist das halt so. Ist doch cool bei Hans!“

Und auch mein Bauch sagt mir unentwegt, dass es die richtige Entscheidung ist zu bleiben. Dass sich der Mut am Ende auszahlen wird, dass Angst nie ein guter Ratgeber ist. Irgendwo habe ich in letzter Zeit gelesen, dass man sich bei allen wichtigen Entscheidungen fragen soll, welcher Weg am Ende die spannendere Geschichte erzählt. Wenn man unsere Entscheidung unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, dann sind wir wohl richtig abgebogen. Also gilt für die nächsten Tage/Wochen/Monate: Change plans, wash hands!

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Ecuador

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Was ich hier lese finde ich großartig macht Sinn. Eine gute Einstellung die man lernen kann, nur so kann etwas gelingen. Weiter nicht stehen bleiben. Für viele von uns schwer aus zu halten, auf das Wichtige zu besinnen,auf das Notwendige zu reduzieren. Das Hamster Rad anzuhalten aussteigen macht Sinn,dazu braucht es Starke, die eigenen Fähigkeiten zu schulen und nutzen. Eine Schule für das Leben an sich. Nicht in einer Schock Starre bleiben,egal wo man sich auf der Welt befindet. Kann nicht für alle gelingen. Das ist es,was wir unseren Kindern mitgeben können. Auf eurem Weg den ihr eingeschlagen habt. Was für ein Abenteuer. Das Leben an sich ein Abenteuer. Ihr werdet es bestehen, da bin ich mir sicher.

    • Danke für den Zuspruch! wir werden ganz sicher irgendwann zurückblicken und dann war alles gar nicht so schlimm, rückspiegelrosa halt. Aber bis dahin gruseln wir uns noch ein bisschen gemeinsam…Liebe Grüsse

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