Von Guatemala nach El Salvador

Bisher haben einige Mitglieder unserer Familie die Meinung vertreten, dass Franzosen ein seltsamer Schlag Menschen sind. Selten sprechen sie andere Sprachen, und wenn, dann ist das kaum erkennbar. Sie denken kompliziert, sind unhöflich und unsozial. Für Franzosen, die wir auf Reisen getroffen haben gilt das nicht, denn allein die Tatsache, dass sie unterwegs sind, widerlegt ja all diese Vorurteile. 100% geheilt werden wir von diesen, als wir im Stau plötzlich einen weißen Expeditionstruck im Rückspiegel erblicken. Wir sind aufgeregt, endlich lernen wir die Schweizer Familie kennen, von denen wir schon so viel gehört haben, deren Ruf uns seit Kanada vorauseilt. Nach einem Blick auf das Nummernschild dann die Ernüchterung: Franzosen. Lotta soll einmal aussteigen und hallo sagen, weigert sich. Timm spricht kein Französisch, hat aber bald kein Bock mehr auf Diskussionen, steigt aus und kommt nach fünf Minuten mit einer Abendverabredung zurück.

Alisson, Thomas, ihre Kinder Saona, Natéo und Énoha haben in Frankreich alles aufgegeben, ihr Haus verkauft, um sich mit ihren Kindern den Traum einer Weltreise zu verwirklichen. Es dauert nicht lange und trotz Sprachbarriere spielen die Kinder zusammen, als wären sie schon jahrelang Freunde.

Für den Lago Atitlan, angeblich den schönsten See der Welt hat Timm keine Zeit und ich habe nicht die Kraft, mich durchzusetzen. So campen wir an der kleineren Version, dem Lago Amatitlán, der allerdings alles andere als der schönste See der Welt ist. Ein Blick auf die braune Brühe verbietet jeden Wasserkontakt. Jedenfalls für uns. Die Einheimischen scheinen immun, oder zumindest nicht abgeschreckt.

Am nächsten Tag regnet es in Strömen, die Guatemalteken allerdings scheinen so viel Sonne im Gemüt zu haben, dass sie das nicht stört. Sie ziehen sich Plastiktüten über die Schuhe, Wahlplakate um die Schultern und ziehen weiter breit lächelnd Ihres Weges. Sie stehen am Fußballfeldrand und feuern ihre, sich im Schlamm wälzende Lokalmannschaft an, unterhalten sich seelenruhig im Bindfadenregen. Als unsere französischen Freunde umdrehen, zurück Richtung Mexiko fahren um von dort nach Kolumbien zu verschiffen, fahren wir weiter Richtung El Salvador.

Lange suchen wir nach einem Übernachtungsplatz, fühlen uns zum ersten Mal seit langem unwohl. Unser favorisiertes Camp, der Parkplatz an einer Badeanstalt mit heißen Quellen, erinnert heute, am Sonntagnachmittag, an Portland. Schnell sind wir umringt von Betrunkenen, die uns versichern, dass es hier sicher ist, uns vor die Reifen kotzen, Bilder mit den Kindern machen wollen. Mein Bauchgefühl drängt sich penetrant immer wieder in den Vordergrund, wird aber immer wieder zurechtgewiesen. Erst als uns ein altes gebeugtes Mütterchen leise zuflüstert, dass dies hier kein guter Ort für eine Familie sei, dass es hier von Dieben wimmele und als Paula und Carl Angst bekommen, ist auch Timm endlich bereit zu fahren. Wahrscheinlich ist es nicht Leichtsinn, sondern einfach der Schmerz im Bein, der ihn bisher daran gehindert hat, weiter zu wollen. Auf dem Weg Richtung Grenze, überholt uns ein Mann auf einem Moped, winkt, fuchtelt, zeigt auf Roger. Eines unserer Fahrräder sei lose, wir sollten so schnell wie möglich anhalten. Die Gelegenheit bietet sich keine 200m später.  An einem kleinen, von Wald umgebenen Parkplatz hält Timm. Ich steige aus, um zu gucken, kann nichts Ungewöhnliches erkennen. Wir brauchen einen Moment, dann dämmert es, sowohl Timm, als auch mir. Während Timm schon anfährt, klettere ich wieder in Roger und wir fahren, so schnell wir können los. Im Rückspiegel sehen wir den Mann mit dem Moped auf den Parkplatz fahren. Wie konnten wir so doof sein, und auf diese Touristenfalle reinfallen? Wir hatten Glück, es hat niemand im Gebüsch gelauert, vielleicht waren sie nicht schnell genug. Vielleicht wollte der Mann auf dem Moped uns nur in sein Restaurant lotsen, vielleicht war alles harmlos. Vielleicht aber, haben auch dieses Mal unsere Reiseengel gute Arbeit geleistet.

Weil wir uns nirgends sicher fühlen, fragen wir die Zollbeamten an der Grenze zu El Salvador, ob wir direkt unter ihren wachsamen Augen campen dürfen. Kein Problem, wir sollen uns nur etwas abseits stellen, und es würde laut werden, da die ganze Nacht LKWs die Grenze passieren. Es riecht nach Urin und Müll, da wir direkt neben den Abfalltonnen stehen, es ist laut und doch fühle ich mich, als hätte ich gerade im Wellnesshotel eingecheckt, als endlich die Anspannung der letzten Stunden von mir abfällt.

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Neben den Toiletten verkauft eine Frau Purpusas, ein Gericht über das jeder hier scheinbar in Verzückung gerät. Die müssen wir unbedingt probieren, sagt ein Grenzbeamte, also stelle ich mich an. Pupusas sind dicke Teigfladen aus Mais oder Weizenmehl, die mit Käse, Bohnen, Gemüse oder Fleisch gefüllt sind. Dazu isst man einen scharfen Krautsalat. 2005 wurde dieses Gericht, das man heute fast überall an kleinen Straßenständen in Zentralamerika kaufen kann, zu San Salvadors Nationalgericht erklärt. Der zweite Sonntag im November ist der „nationale Purpusa Tag“. Wir haben nicht viel Glück, unsere erste Begegnung mit Pupusas verlangt so schnell nicht nach einer Wiederholung.

Jeder Traveller berichtet, gefragt oder ungefragt, über die Schikanen und anstrengenden Prozeduren an den zentralamerikanischen Grenzen. Wir wiederum scheinen Glück zu haben. Da wir direkt an der Grenze campen, sind wir am Morgen sehr früh startbereit, nach 1,5 Stunden in Guatemala aus- und in El Salvador eingestempelt. Weder wird unser Auto durchsucht, noch müssen wir sonst Unangenehmes über uns ergehen lassen. So darf es gerne weitergehen. Tut es natürlich nicht.

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El Salvador ist einer der Schurkenstaaten Zentralamerikas, wird aufgrund der Kriminalitätssstatistik  von den meisten Overlandern gemieden. Wir wählen den Weg, weil es der direkteste ist, weil Honduras, wo wir sonst länger bleiben müssten, gerade ebenfalls instabil erscheint, und in den letzten Wochen das ganze Land immer wieder mittels Straßenblockaden lahmgelegt wurde, es gewalttätige Ausschreitungen gegeben hat.

El Salvador ist in etwa so groß wie Hessen, das kleinste Land in Zentralamerika, dennoch das am dichtesten besiedelte. Anders als in anderen mittelamerikanischen Staaten, ist die Bevölkerung hier eine ziemlich homogene, besteht zu 90% aus Mestizen, den Nachfahren von Europäern und indigenen Völkern. Nach Uruguay ist es das zweite Land, in dem keine indigenen Sprachen mehr gesprochen werden, seit 1932 während eines Aufstandes der Landarbeiter gegen die herrschenden Großgrundbesitzer fast jeder indigene Mann über 12 und viele Frauen und Kinder ermordet wurden. Die „Matanza“, die „Schlächterei“, gilt als einer der größten Völkermorde der jüngeren Geschichte.

Und auch heute ist es eines der Länder mit der weltweit höchsten Mordrate. Von 1980 bis 1991 tobte hier ein blutiger Bürgerkrieg und infolge des Friedensvertrags waren viele der Rebellen plötzlich arbeitslos, weiterhin 100.000 Waffen im Umlauf. Heute wird das Land von zwei Jugendbanden, den rivalisierenden Mara Salvatrucha (auch MS-13) und den M-18 terrorisiert. Diese Jugendbanden beherrschen ganze Stadtviertel. Um bei ihnen aufgenommen zu werden, muss man töten. Drogenkonsum und -handel, Schutzgelderpressung, (Kinder-)Prostitution, Menschenhandel- das gesamte Arsenal menschenverachtender Scheußlichkeit gehört hier zum Alltag vieler Menschen. 48 % der Bevölkerung El Salvadors leben unterhalb der Armutsgrenze, jeder 4. El Salvadorianer möchte auswandern. Von allen lateinamerikanischen Ländern hat El Salvador die niedrigste Geburtenrate zu verzeichnen. Man wird nicht unbeschwert schwanger, denn aufgrund eines der weltweit schärfsten Abtreibungsgesetze sind Frauen gezwungen selbst lebensunfähige Kinder auszutragen, auch wenn ihr eigenes Leben dadurch in Gefahr gerät. Erleidet eine Frau eine Tot- oder Fehlgeburt, muss sie damit rechnen, des Mordes angeklagt zu werden und unschuldig im Gefängnis zu landen.

Mit gemischten Gefühlen passieren wir die Landesgrenze. Aus dichtem Grün reichen Vulkane bis in tief hängende Regenwolken. Es ist unglaublich heiß und schwül, Timm zuckelt unruhig auf seinem Sitz. Immer wieder mussten wir in den letzten beiden Tagen Pause machen, er stand mit heruntergelassener Hose am Straßenrand und ich cremte mit Voltaren ihm den Ischias und Rücken, mir die Hände taub. Nur 5,5 Stunden bis zur Grenze nach Honduras verspricht uns Google Maps, nach 15 Km und 26 Minuten ist Schluss. Timm kann nicht mehr. Als ich ein Werbeschild für die Thermalquellen von Santa Theresa sehe, beschließen wir, hier die Nacht zu verbringen. Heißes Sulfurwasser, heilende Quellen, vielleicht hilft es. Sicherheitshalber schicke ich ein Stoßgebet in den bewölkten Himmel.

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3 Gedanken zu „Von Guatemala nach El Salvador

  1. „Sie denken kompliziert, sind unhöflich und unsozial“. Komisch die Erfahrung haben wir eher mit unseren Landsleuten gemacht. Ihr habt wahrscheinlich noch nie in Frankreich Urlaub gemacht.Das Gegenteil ist in allen Punkten der Fall. Nirgendwo haben wir höflichere und rücksichtsvollere Menschen getroffen und wir fahren seit 50 Jahren fast jedes Jahr dahin, so auch dieses Jahr 3 Monate. Die einzigen „Stiesel“ die wir da getroffen haben waren – ihr könnt es euch sicher denken.
    Liebe Grüße Jochen

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