Von Guatemala nach El Salvador

Bisher haben einige Mitglieder unserer Familie die Meinung vertreten, dass Franzosen ein seltsamer Schlag Menschen sind. Selten sprechen sie andere Sprachen, und wenn, dann ist das kaum erkennbar. Sie denken kompliziert, sind unhöflich und unsozial. Für Franzosen, die wir auf Reisen getroffen haben gilt das nicht, denn allein die Tatsache, dass sie unterwegs sind, widerlegt ja all diese Vorurteile. 100% geheilt werden wir von diesen, als wir im Stau plötzlich einen weißen Expeditionstruck im Rückspiegel erblicken. Wir sind aufgeregt, endlich lernen wir die Schweizer Familie kennen, von denen wir schon so viel gehört haben, deren Ruf uns seit Kanada vorauseilt. Nach einem Blick auf das Nummernschild dann die Ernüchterung: Franzosen. Lotta soll einmal aussteigen und hallo sagen, weigert sich. Timm spricht kein Französisch, hat aber bald kein Bock mehr auf Diskussionen, steigt aus und kommt nach fünf Minuten mit einer Abendverabredung zurück.

Alisson, Thomas, ihre Kinder Saona, Natéo und Énoha haben in Frankreich alles aufgegeben, ihr Haus verkauft, um sich mit ihren Kindern den Traum einer Weltreise zu verwirklichen. Es dauert nicht lange und trotz Sprachbarriere spielen die Kinder zusammen, als wären sie schon jahrelang Freunde.

Für den Lago Atitlan, angeblich den schönsten See der Welt hat Timm keine Zeit und ich habe nicht die Kraft, mich durchzusetzen. So campen wir an der kleineren Version, dem Lago Amatitlán, der allerdings alles andere als der schönste See der Welt ist. Ein Blick auf die braune Brühe verbietet jeden Wasserkontakt. Jedenfalls für uns. Die Einheimischen scheinen immun, oder zumindest nicht abgeschreckt.

Am nächsten Tag regnet es in Strömen, die Guatemalteken allerdings scheinen so viel Sonne im Gemüt zu haben, dass sie das nicht stört. Sie ziehen sich Plastiktüten über die Schuhe, Wahlplakate um die Schultern und ziehen weiter breit lächelnd Ihres Weges. Sie stehen am Fußballfeldrand und feuern ihre, sich im Schlamm wälzende Lokalmannschaft an, unterhalten sich seelenruhig im Bindfadenregen. Als unsere französischen Freunde umdrehen, zurück Richtung Mexiko fahren um von dort nach Kolumbien zu verschiffen, fahren wir weiter Richtung El Salvador.

Lange suchen wir nach einem Übernachtungsplatz, fühlen uns zum ersten Mal seit langem unwohl. Unser favorisiertes Camp, der Parkplatz an einer Badeanstalt mit heißen Quellen, erinnert heute, am Sonntagnachmittag, an Portland. Schnell sind wir umringt von Betrunkenen, die uns versichern, dass es hier sicher ist, uns vor die Reifen kotzen, Bilder mit den Kindern machen wollen. Mein Bauchgefühl drängt sich penetrant immer wieder in den Vordergrund, wird aber immer wieder zurechtgewiesen. Erst als uns ein altes gebeugtes Mütterchen leise zuflüstert, dass dies hier kein guter Ort für eine Familie sei, dass es hier von Dieben wimmele und als Paula und Carl Angst bekommen, ist auch Timm endlich bereit zu fahren. Wahrscheinlich ist es nicht Leichtsinn, sondern einfach der Schmerz im Bein, der ihn bisher daran gehindert hat, weiter zu wollen. Auf dem Weg Richtung Grenze, überholt uns ein Mann auf einem Moped, winkt, fuchtelt, zeigt auf Roger. Eines unserer Fahrräder sei lose, wir sollten so schnell wie möglich anhalten. Die Gelegenheit bietet sich keine 200m später.  An einem kleinen, von Wald umgebenen Parkplatz hält Timm. Ich steige aus, um zu gucken, kann nichts Ungewöhnliches erkennen. Wir brauchen einen Moment, dann dämmert es, sowohl Timm, als auch mir. Während Timm schon anfährt, klettere ich wieder in Roger und wir fahren, so schnell wir können los. Im Rückspiegel sehen wir den Mann mit dem Moped auf den Parkplatz fahren. Wie konnten wir so doof sein, und auf diese Touristenfalle reinfallen? Wir hatten Glück, es hat niemand im Gebüsch gelauert, vielleicht waren sie nicht schnell genug. Vielleicht wollte der Mann auf dem Moped uns nur in sein Restaurant lotsen, vielleicht war alles harmlos. Vielleicht aber, haben auch dieses Mal unsere Reiseengel gute Arbeit geleistet.

Weil wir uns nirgends sicher fühlen, fragen wir die Zollbeamten an der Grenze zu El Salvador, ob wir direkt unter ihren wachsamen Augen campen dürfen. Kein Problem, wir sollen uns nur etwas abseits stellen, und es würde laut werden, da die ganze Nacht LKWs die Grenze passieren. Es riecht nach Urin und Müll, da wir direkt neben den Abfalltonnen stehen, es ist laut und doch fühle ich mich, als hätte ich gerade im Wellnesshotel eingecheckt, als endlich die Anspannung der letzten Stunden von mir abfällt.

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Neben den Toiletten verkauft eine Frau Purpusas, ein Gericht über das jeder hier scheinbar in Verzückung gerät. Die müssen wir unbedingt probieren, sagt ein Grenzbeamte, also stelle ich mich an. Pupusas sind dicke Teigfladen aus Mais oder Weizenmehl, die mit Käse, Bohnen, Gemüse oder Fleisch gefüllt sind. Dazu isst man einen scharfen Krautsalat. 2005 wurde dieses Gericht, das man heute fast überall an kleinen Straßenständen in Zentralamerika kaufen kann, zu San Salvadors Nationalgericht erklärt. Der zweite Sonntag im November ist der „nationale Purpusa Tag“. Wir haben nicht viel Glück, unsere erste Begegnung mit Pupusas verlangt so schnell nicht nach einer Wiederholung.

Jeder Traveller berichtet, gefragt oder ungefragt, über die Schikanen und anstrengenden Prozeduren an den zentralamerikanischen Grenzen. Wir wiederum scheinen Glück zu haben. Da wir direkt an der Grenze campen, sind wir am Morgen sehr früh startbereit, nach 1,5 Stunden in Guatemala aus- und in El Salvador eingestempelt. Weder wird unser Auto durchsucht, noch müssen wir sonst Unangenehmes über uns ergehen lassen. So darf es gerne weitergehen. Tut es natürlich nicht.

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El Salvador ist einer der Schurkenstaaten Zentralamerikas, wird aufgrund der Kriminalitätssstatistik  von den meisten Overlandern gemieden. Wir wählen den Weg, weil es der direkteste ist, weil Honduras, wo wir sonst länger bleiben müssten, gerade ebenfalls instabil erscheint, und in den letzten Wochen das ganze Land immer wieder mittels Straßenblockaden lahmgelegt wurde, es gewalttätige Ausschreitungen gegeben hat.

El Salvador ist in etwa so groß wie Hessen, das kleinste Land in Zentralamerika, dennoch das am dichtesten besiedelte. Anders als in anderen mittelamerikanischen Staaten, ist die Bevölkerung hier eine ziemlich homogene, besteht zu 90% aus Mestizen, den Nachfahren von Europäern und indigenen Völkern. Nach Uruguay ist es das zweite Land, in dem keine indigenen Sprachen mehr gesprochen werden, seit 1932 während eines Aufstandes der Landarbeiter gegen die herrschenden Großgrundbesitzer fast jeder indigene Mann über 12 und viele Frauen und Kinder ermordet wurden. Die „Matanza“, die „Schlächterei“, gilt als einer der größten Völkermorde der jüngeren Geschichte.

Und auch heute ist es eines der Länder mit der weltweit höchsten Mordrate. Von 1980 bis 1991 tobte hier ein blutiger Bürgerkrieg und infolge des Friedensvertrags waren viele der Rebellen plötzlich arbeitslos, weiterhin 100.000 Waffen im Umlauf. Heute wird das Land von zwei Jugendbanden, den rivalisierenden Mara Salvatrucha (auch MS-13) und den M-18 terrorisiert. Diese Jugendbanden beherrschen ganze Stadtviertel. Um bei ihnen aufgenommen zu werden, muss man töten. Drogenkonsum und -handel, Schutzgelderpressung, (Kinder-)Prostitution, Menschenhandel- das gesamte Arsenal menschenverachtender Scheußlichkeit gehört hier zum Alltag vieler Menschen. 48 % der Bevölkerung El Salvadors leben unterhalb der Armutsgrenze, jeder 4. El Salvadorianer möchte auswandern. Von allen lateinamerikanischen Ländern hat El Salvador die niedrigste Geburtenrate zu verzeichnen. Man wird nicht unbeschwert schwanger, denn aufgrund eines der weltweit schärfsten Abtreibungsgesetze sind Frauen gezwungen selbst lebensunfähige Kinder auszutragen, auch wenn ihr eigenes Leben dadurch in Gefahr gerät. Erleidet eine Frau eine Tot- oder Fehlgeburt, muss sie damit rechnen, des Mordes angeklagt zu werden und unschuldig im Gefängnis zu landen.

Mit gemischten Gefühlen passieren wir die Landesgrenze. Aus dichtem Grün reichen Vulkane bis in tief hängende Regenwolken. Es ist unglaublich heiß und schwül, Timm zuckelt unruhig auf seinem Sitz. Immer wieder mussten wir in den letzten beiden Tagen Pause machen, er stand mit heruntergelassener Hose am Straßenrand und ich cremte mit Voltaren ihm den Ischias und Rücken, mir die Hände taub. Nur 5,5 Stunden bis zur Grenze nach Honduras verspricht uns Google Maps, nach 15 Km und 26 Minuten ist Schluss. Timm kann nicht mehr. Als ich ein Werbeschild für die Thermalquellen von Santa Theresa sehe, beschließen wir, hier die Nacht zu verbringen. Heißes Sulfurwasser, heilende Quellen, vielleicht hilft es. Sicherheitshalber schicke ich ein Stoßgebet in den bewölkten Himmel.

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Antigua, Teil 2

Am nächsten Morgen kann Timm sich nicht mehr bewegen. Bei jedem Schritt durchzuckt sein rechtes Bein ein stechender Schmerz. Sitzen ist unmöglich, selbst Liegen tut weh. Um den für ihn gebuchten Spanischkurs nicht verfallen zu lassen, nehme ich seinen Platz ein und er geht stattdessen zum Arzt.

In Antigua gibt es unzählige Sprachschulen, die damit werben, ihren Schülern in nur 6 Wochen fließend Spanisch beizubringen. Auf Wunsch wird man in lokalen Gastfamilien untergebracht, bekommt Einblicke in das Alltagsleben einer guatemaltekischen Familie. Das Kurssystem ist ein völlig anderes als wir es von zu Hause kennen: Im Innenhof eines kolonialen Stadthauses stehen ca. 20 Zweiertische, an denen sich jeweils ein Schüler und ein Lehrer gegenüber sitzen. Fähnchen verraten die Nationalität des Schülers. Mit Koreanern, Dänen, US Amerikanern bis zu Japanern und Neuseeländern ist die Studentenmischung erstaunlich bunt. Weil wir glauben, dass die Kinder weniger schüchtern sind, wenn sie sich zu zweit einen Lehrer teilen, haben wir eine Lehrerin für die Mädchen, eine für die Jungen und eine für Timm (bzw. jetzt mich) gebucht. Um acht Uhr beginnt der Unterricht, geht bis zwölf Uhr, zwischendurch haben wir 30 Minuten Pause. Schon am zweiten Tag sind die Kinder lange vor Schulbeginn fertig angezogen, scharren mit den Füssen, können es nicht erwarten, endlich loszugehen. Noch nie habe ich sie mit einem solchen Eifer lernen sehen. Die Tische der Kinder stehen nicht weit von meinem entfernt, ich höre die Jungen lachen und singen, die Mädchen gehen mit ihrer Lehrerin auf dem Markt einkaufen, gehen ins Museum, sie zeigt ihnen die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Schon nach drei Tagen können sie selbst ihr Eis und das Essen im Restaurant bestellen. Max und Carl lieben ihre Lehrerin, den ganzen Nachmittag reden sie über sie: „Maritza mag auch am liebsten Schokoeis… diese Hunde mag sie nicht so gerne… in diesem Park spielt sie auch immer mit ihren Kindern…“ Wenn ich möchte, dass Max ohne Murren seine Fingernägel schneiden lässt oder duscht, dann muss ich nur Maritza bitten, ihm zu sagen, dass das nötig ist. Zwar benutzen wir auch Bücher und bekommen Hausaufgaben auf, der Großteil des Unterrichtes allerdings ist „Schauen und darüber reden“. Meine Lehrerin Patricia erzählt mir aus ihrem Alltag, von ihrer Familie, lässt auch mich erzählen. Sie darf absolut keine Tabuthemen haben, hat ein breit gefächertes Interessengebiet. Selbst sexuelle Themen muss sie ansprechen können, sollte der Schüler sich dafür interessieren. Tue ich nicht. Stattdessen reden wir über Politik, über ihre Familie, darüber dass ihr kleiner Enkel zu zierlich ist, dass sich die Mütter hier Schuhcreme oder Chillipulver auf die Brustwarzen schmieren, wenn sie ihre Babies abstillen wollen. Sie erzählt mir von den Osterprozessionen, die das wichtigste Fest der Stadt sind. Dann werden die Kopfsteinpflasterstraßen  mit Mustern aus gefärbtem Sägemehl und Blütenblättern verziert, die Leidensgeschichte Jesu‘ erzählt, indem lebensgroße Puppen, welche die verschiedenen Stationen seines Lebens darstellen, durch die Straßen getragen. Auch erzählt sie mir von einem „lustigen“ Spiel, dass sie während ihrer Kindheit gespielt haben: Eine Ratte wurde gefangen, am Schwanz  kopfüber im Baum aufgehängt und dann von allen Familienmitgliedern so lange mit Steinen beworfen, bis sie sich nicht mehr bewegt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob sie gemerkt hat, dass ich ein bisschen blass um die Nase wurde, dass sie hier eines meiner Tabuthemen angekratzt hat.

Nach dem Einbruch in Roger bin ich ein bisschen erschüttert in meinem Sicherheitsempfinden, traue mich nicht mehr mit meiner Kamera auf die Straße. Am Haus entdecken wir mehrere schlecht reparierte Einbruchsspuren und auf dem Innenhof steht neben der Tüte mit unseren zusammengefegten Glassplittern eine weitere, doppelt so große, vielleicht von unseren Vormietern, welche die Putzfrau noch nicht entsorgt hat. Jedes Mal, bevor wir das Haus verlassen, verstecken wir alle möglichen Wertgegenstände, verbringen dann bei der Heimkehr Ewigkeiten damit, sie wieder zu finden. Wo ist Papas Rechner? Im Backofen! Wo das Objektiv? Im Kühlschrank neben der Milch! Wo sind die Dollars? Im Vorratsschrank im Pappteil der dritten Klorolle links… Das Zentrum des Hauses ist der Innenhof, das heißt. wir müssen immer ins Freie, um eines der Zimmer zu betreten, in der Dunkelheit ist das ein Wettlauf mit den zahlreichen blutrünstigen Moskitos. Nach dem Einbruch in Roger schlafe ich ein bisschen weniger tief, wache bei unbekannten Geräuschen auf. Einmal davon, dass mitten in der Nacht unsere Betten wackeln, sich knarzend über den Fußboden schieben. Ein Erdbeben, das stärkste dass wir bisher erlebt haben. Am nächsten Morgen klemmt die Badezimmertür. Aber nur bis zum nächsten Erdbeben, dann hat sie sich wieder zurechtgeruckelt.

Die Routine in Antigua tut uns gut. Jeden Morgen um acht beginnen wir mit dem Unterricht, gehen dann jede Frühstückspause zum gleichen Bäcker, kaufen uns ein Frühstück. Um 12 Uhr holt Timm uns ab und wir essen in einem der zahlreichen lokalen Restaurants für einen Bruchteil dessen, was Einkaufen kosten würde, zu Mittag. Nach einer kleinen Mittagspause erkunden wir die Stadt, machen unsere Hausaufgaben, spielen Spiele. Der Arzt diagnostiziert Timm einen entzündeten Ischiasnerv, verschreibt ihm stärkere Schmerzmittel, Entzündungshemmer und gibt ihm alle zwei Tage eine hochdosierte Spritze. Er soll versuchen, sich mäßig zu bewegen, und so gehen wir jeden Tag spazieren. Selten funktioniert das schmerzfrei.

Wir gehen auf den Markt, sind, obwohl wir inzwischen an zentralamerikanische Märkte gewöhnt sind, ziemlich erschlagen von dem Angebot. Hier findet man alles von Autobatterien bis zu Pflaumen, Klopapier, Piñatas und Haargel. Die Gänge sind extrem eng und dunkel, ich kann keine Ordnung erkennen, Fisch liegt neben Kleidung, Gemüse neben Koffern,  Plasikwannen neben Haarteilen und Hühnerkäfigen. Manchmal kommen die Gerüche überraschend, sind nicht immer leicht zu ertragen, besonders wenn Fleisch oder Fisch im Spiel sind. Wir kaufen Obst und Klopapier, einen Fahrradschlauch und suchen erfolglos Socken in Größe 44/45 für Timm. Wir scannen jeden Stand genau ab, gucken, ob wir irgendwo unser Navi finden, leider ebenfalls erfolglos.

Die Supermärkte sind ähnlich wuselig wie der Markt, Nudeln kann man im selben Laden gleich mehrmals finden: einmal bei den Kaffeefiltern und beim Wein, dann zwischen Shampoo und Spüli. Alle paar Meter gibt es einen Mikrosupermarkt, der von Windeln über Thunfischdosen bis zu Wasser und Schuhcreme alles Mögliche verkauft. Auch hier ist für mich keine Ordnung oder ein System erkennbar. Gemeinsam haben die Waren vor allem, dass sie sehr ordentlich gestapelt sind, so eng, dass es unmöglich ist, mit der Hand hineinzugreifen, ohne gleich den ganzen Stapel umzureißen. Ich unterhalte mich mit einer Mayafrau, die eine ebenfalls 15 jährige Tochter hat. Sie erzählt mir von den Schwierigkeiten und Diskussionen zu Hause und wir beide lachen, fühlen uns wie Freundinnen, weil wir länderübergreifend dieselben Probleme haben.

Als Timm nach der zweiten Spritze sogar länger als 30 Minuten ohne Schmerzen laufen kann, machen wir einen Ausflug auf ein Kaffee Estate, bekommen Einblicke in die Produktionsprozesse, Anbaumethoden und Qualitätsunterschiede beim Kaffeeanbau. Aufgrund des unebenen Geländes in bis zu 2000m Höhe, ist die Kaffeeernte reine Handarbeit. Jede Bohne wird, wenn sie rot und reif ist, einzeln mit der Hand gepflückt. Auch von Kindern. Diese werden dann von der Schule freigestellt. Bezahlt werden die Arbeiter nach Gewicht der täglichen Ernte. Für 80 kg Bohnen, der durchschnittlichen Tagesernte, sind das $US8. Die Löhne werden regional festgelegt, um dem Konkurrenzkampf der einzelnen Betriebe um die Erntehelfer vorzubeugen. Mitten zwischen den Kaffeefeldern des Estates, das wir besuchen, steht eine mit Kameras und Elektrodraht abgezäunte Villa mit Tennisplatz und Pool. Wem die gehöre, weiß der Mann, der uns das Estate zeigt und hier seit vielen Jahren arbeitet, nicht. Ich war nie ein Freund von Coffee to go, finde wenn man keine Zeit, hat in Ruhe und im Sitzen einen Kaffee zu trinken, lässt man es lieber gleich. Ab jetzt werde ich jede einzelne Tasse zelebrieren, nie mehr einen Kaffee nebenbei trinken!

Antigua ist von den Vulkanen Agua, Acatenago und Fuego umgeben. Am 3. Juni 2018 brach der Fuego das letzte Mal aus, begrub mehrere hundert Menschen unter Lavaströmen und Geröll, über Antigua regnete es Asche, in Guatemala Stadt schien tagelang nicht die Sonne und der Flugverkehr musste eingestellt werden. Am ersten Jahrestag des Vulkanausbruchs fühle ich mich den ganzen Tag beklommen, bin traurig und gucke immer wieder hoch zum Gipfel des Fuegos, dessen Rauchsäule mir heute besonders mächtig und unheilvoll erscheint. Ich hatte Gedenkgottesdienste oder zumindest Fahnen auf halbmast erwartet. Stattdessen geht das Leben hier seinen gewohnten Gang, business as usual. Die Menschen hier sind an Katastrophen gewöhnt, ein Erdbeben ist für sie so normal wie für uns Stau auf der A7, der Fuego spuckt täglich glühende  Lava in den Himmel. Man kann das eindrucksvoll beobachten, wenn man eine Nacht auf dem Nachbarvulkan Acatenango verbringt. Für uns allerdings ist der Aufstieg zu anstrengend und so begnügen wir uns mit Fotos und Geschichten anderer Traveller.

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Die Zahl der Opfer, so erzählt mir Patricia stehe nicht fest. Viele seien erst viel später gefunden worden. Obwohl der Vulkan genau beobachtet wird, war die Wucht dieses Ausbruchs überraschend. Ganze Ortschaften wurden von den glühenden Lavaströmen erfasst, die Menschen die an diesem Sonntag mit der erweiterten Familie beim Mittagessen zusammensaßen, hatten keine Chance zu fliehen. Viele der Toten hatten noch Gegenstände in den Händen, waren mitten aus dem Alltag gerissen worden. Als Patricia mir das erzählt, breche ich an meinem Schultisch in Tränen aus. Mein Nervenkostüm ist etwas fadenscheinig in den letzten Tagen. Ich bin ein bisschen gestresst und müde, kann die Sorgen um Timms Bein nicht wegschieben. Ich habe Angst wie wir weiterkommen sollen, möchte am liebsten noch eine weitere Woche Antigua anhängen. Timm allerdings will weiter, meint, er schaffe es bis Kolumbien, dort könnten wir dann eine längere Pause machen, die Kinder auf eine Schule schicken. Sie, das hat sich jetzt in der Sprachschule herausgestellt, vermissen es, zur Schule zu gehen, möchten gerne einmal wieder länger an einem Ort bleiben und Freunde haben.

Nach zwei Wochen packen wir traurig und mit unseren Spanischzertifikaten in der Tasche unsere Habseligkeiten zurück in den Truck. Timm hat es eilig, möchte auf jeden Fall unsere bereits gebuchte Überfahrt nach Kolumbien Mitte August schaffen. Wir drücken das letzte Mal unsere Bäckerin, unsere Spanischlehrer, den Nachbarn und den Securityguide, verlassen Antigua, das sich nach zwei Wochen erstaunlich „Zuhause“ anfühlt.

Antigua, Teil 1

Antigua haut uns um. Trotz Regen, trotz der Rückenschmerzen, die Timm auf der Fahrt hierher immer wieder mit der höchsten erlaubten Dosis Schmerztabletten, Wärmepflaster und Voltarengel versucht, in den Griff zu bekommen. Mehrere Male mussten wir anhalten, er sich kurz hinlegen. Spätestens jetzt verfluche ich die Tatsache, dass ich das Fahren bisher immer ihm überlassen habe. Timm ist kein guter Beifahrer, wenn er könnte, würde er einer rote Fahne schwenkend vorweglaufen und alle vor mir warnen. Auf kanadischen Loggerstraßen könnte ich fahren, auf den mit Schlaglöchern übersäten Pisten, die sich in engen Kurven das Hochland hoch und wieder runter schlängeln allerdings überfordert das mein Nervenkostüm. Ich bin nicht vertraut mit der Motorbremse, meine Beine sind zu kurz, um vernünftig kuppeln zu können und überhaupt verwechsele ich ständig rechts und links, ziehe instinktiv den Kopf ein, wenn Stromleitungen oder Äste mir zu niedrig erscheinen, werde deshalb ständig von allen verarscht. Ich will nicht fahren, reisen im Übrigen auch nicht mehr- jedenfalls bis wir die ersten Straßenzüge Antiguas erblicken.

Antigua, eigentlich die Kurzform von „La Antigua Guatemala“ war 1543 bis 1773 die Hauptstadt der spanischen Kolonien in Zentralamerika. Mitte des 18 Jahrhunderts lebten hier mehr als 50.000 Menschen, es gab Krankenhäuser, Schulen, eine Druckerei, eine Universität, mehr als 50 Kirchen und Kapellen. Im Laufe der Zeit legten schwere Erdbeben die Stadt mehrmals in Schutt und Asche und man verlegte die Hauptstadt in die Gegend des heutigen Guatemala Citys.

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Ganz aufgeben allerdings wollte niemand das geschichtsträchtige Antigua, immer wieder wurde es, wenn auch mühsam, wieder aufgebaut. Vom letzten sehr schweren Erdbeben 1976 erholte sich die Stadt nur schwer, wird aber, seit sie 1979 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde, liebevoll restauriert. Heute leben hier 35.000 Menschen, die Hauptwirtschaftszweige sind Kaffeeanbau und Tourismus.

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Antigua ist eine der touristischen Hauptattraktionen  Guatemalas. Zu recht! Keine einzige Bausünde stört das koloniale Stadtbild, Neonreklamen und Schilder, selbst Straßenschilder sind streng verboten. Die Vorfahrtsregeln entnimmt man den, an die pastellfarbenen Fassaden angebrachten, handbemalten Fliesen.

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Halb verfallene Kirchen und Stadtmauern konservieren historischen Charme, auf den Plätzen, dem Markt und in den Parks pulsiert das Leben. Farbenfroh gekleidete Mayafrauen verkaufen Kunsthandtwerk und Obst, die bunten Chickenbusse knattern schwarz rauchend durch die engen Gassen. Es riecht wie auf der Landebahn eines Flughafens, dann wieder nach köstlichem Gebäck und gebratenem Fleisch.

Guatemalteken sind unglaublich höflich und zuvorkommend. Die Händler sind niemals aufdringlich, akzeptieren ein „Nein Danke“ sofort, bedrängen uns nie, sind trotzdem offen und interessiert. Wir werden so viel angelächelt, wir lächeln so viel zurück, dass meine Zähne am Abend von all der frischen Luft schmerzen. Die touristische Infrastruktur ist erstaunlich: Hinter schlichten Fassaden verstecken sich Gourmetrestaurants, Boutiquehotels, Edeljuweliere, vegane Cafes, Bäckereien und der schönste McDonalds der Welt.

Da aber weder große Schaufenster, noch übergroße Schilder hierauf aufmerksam machen, wird man von deren Existenz nicht erschlagen, kann sie bequem ausblenden.

Mit letzter Kraft rollt Timm vor die Haustür unseres Air BnB. Leider nur fast. Das Tor ist zu niedrig und wir können mit Roger nicht innerhalb des Komplexes parken. Wir parken die erste Nacht auf der Straße, vor dem Laden eines netten Herren, der verspricht aufzupassen. Wir räumen den Truck aus, beziehen unsere Unterkunft. Wir brauchen dringend eine Reisepause, Timm ein paar Tage fahrfrei, ein richtiges Bett, in das er nicht mühsam klettern muss. Ich freue mich auf eine Dusche, darauf unsere Wäsche zu waschen und wieder ein bisschen Platz zu haben, uns ein wenig aus dem Weg gehen zu können. Die Kinder freuen sich darauf, ihr Lego nicht nach jedem Spielen wegräumen zu müssen, darauf, in die Spanischschule zu gehen.

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Das Haus ist phantastisch, viel schöner als auf den Fotos im Internet. Lotta und Paula heben ein eigenes Zimmer, Timm und ich ebenfalls, die Jungen teilen sich ein riesiges. Wir haben 4 Bäder, jeder kann kacken wann und so lange er will, ohne dass der Rest der Familie sich über den Gestank beschwert. Das Herz des Hauses ist ein kleiner Innenhof mit Springbrunnen, die Küche hat die zehnfache Größe der Küche von Roger. Von der Dachterrasse sehen wir, wie der Fuego Vulcan dunkelgraue Rauchsäulen in den Himmel spuckt. Es ist angenehm kühl und das erste Mal seit Wochen haben wir einen erholsamen Nachtschlaf.

Den 29. Mai feiern die USA  landesweit als „Leg dein Kopfkissen auf den Kühlschrank Tag“. Dieser alte Brauch soll das Glück heraufbeschwören. Haben wir leider nicht  gewußt und so hat uns dieser Tag kein Glück gebracht! Früh am Morgen werden wir aus dem Halbschlaf gerissen, weil jemand ausdauernd an die Holztür des Hauses bollert. Es ist der Sicherheitsbeamte des Wohnkomplexes, in dem sich unser gemietetes Haus befindet. Ein Nachbar hätte ihn verständigt, es gebe ein Problem mit unserem Truck. In Sekunden sind wir angezogen und auf der Straße. Roger steht keine 3 Minuten von uns entfernt. Von Weitem schon sehe ich den Ladenbesitzer, er steht wie ein begossener Pudel neben dem Truck. Noch bevor ich sehen kann, was passiert ist, redet er auf mich ein, es tue ihm so leid, er habe nichts machen können, es sei heute Nacht um 2.00 passiert und als er auf die Straße kam, konnte er niemanden mehr sehen. Mein Herz rutscht bodenwärts und wird, als ich sehe, was passiert ist, nur von ein paar letzten Fasern vorm Aufklatschen abgehalten. Der Bürgersteig ist übersät von Scherben, das Beifahrerfenster ist eingeschlagen, das kleinere hintere Fenster am Sitz der Kinder ebenfalls. Weil Timms Bein zu sehr schmerzt, klettere ich nach oben, um einen Blick in die Fahrerkabine zu werfen und mich trifft fast der Schlag: Sie ist komplett ausgeräumt! Außer dem Lenkrad ist nichts mehr da. Die Diebe haben das gesamte Armaturenbrett inklusive Radio, Navi, Rückfahrkamerabildschirm ausgebaut, aus einem großen Loch hängen die sauber abgeschnittenen Kabel. Das Handschuhfach ist fast leer, Taschenmesser, Ferngläser, Ladekabel, USB Sticks, alles weg. Ich bin sprachlos, kann nicht antworten, als Timm fragt, was alles fehlt. Trotz der Hektik hatte ich gestern zum Glück nicht vergessen, die Zwischentür zum Wohnkoffer abzuschließen, schließe trotzdem mit zitternden Händen und flauem Magen die Tür auf, um zu gucken, ob es hinten genauso aussieht wie hier vorne. Wir haben Glück, mehr Glück, als uns auf den ersten Blick bewusst ist. Im Handschuhfach lag, von den Dieben nicht erkannt, der Ersatzschlüssel für die Zwischentür!

Am Himmel ziehen graue Wolken auf, die Wetterapp sagt, wir hätten noch zwei Stunden Zeit, bis es für zwei Tage regnet.  Das ist nicht viel Zeit, um einen Plan zu machen. Navigieren können wir im Notfall mit unseren Mobiltelefonen, Musik hören auch, auf die Rückfahrkamera können wir verzichten, wenn jemand aussteigt und beim Einweisen hilft. Die Seitenscheibe allerdings muss so schnell wie möglich ersetzt werden, wir brauchen einen bewachten Parkplatz. Während ich mich an den Rechner setze und alle möglichen Autoglaser abtelefoniere, fährt Timm Schrottplätze ab. Frust hat zu wenige Buchstaben für das, was ich fühle, Timms Bein wird stündlich schlimmer, inzwischen schüttet es wie aus Eimern. Auf einen verzweifelten Instagram Aufruf melden sich Follower aus Mexiko und Guatemala, bieten ihre Hilfe bei der Suche an, wollen sogar den Transport organisieren, sollten sie eine passende Scheibe finden. Wir finden keine, weder in Guatemala, noch in Mexiko oder Deutschland. Timm schneidet eine Schablone aus dünnem Sperrholz zurecht, lässt beim Fensterglaser eine Scheibe anfertigen, die er selbst mit Carls Hilfe einbaut. Am späten Nachmittag steht Roger mit neuen Scheiben, mit neu gezimmertem Armaturenbrett und neuen Scheiben auf einem bewachten Parkplatz. Timm allerdings steht nicht mehr, kann nicht mehr stehen, weil ihm am Ende des Tages das rechte Bein den Dienst versagt. Morgen, das verspricht er mir, wird er sich endlich untersuchen lassen.

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